Wider die Realitätsverweigerung

Wider die Realitätsverweigerung

Als es Tag wurde, taten sich die Juden heimlich zusammen und schworen sich, weder zu essen noch zu trinken, bis sie Paulus getötet hätten. Es waren mehr als vierzig Männer an dieser Verschwörung beteiligt. Sie gingen zu den Hohen Priestern und Ältesten und sagten: Wir wollen verflucht sein, wenn wir Speise zu uns nehmen, bevor wir Paulus getötet haben. Ihr aber sollt jetzt mit dem Hohen Rat zusammen beim Oberst vorstellig werden mit der Bitte, ihn zu euch hinunterzuführen, weil ihr seinen Fall genauer untersuchen möchtet. Wir aber halten uns bereit, ihn zu töten, bevor er sich dem Ort nähert. Apg 23,12-15

Die Gegenwart Gottes ist die Kraft zur Wirklichkeit, wie sie hier und jetzt ist. Wer im Geheimnis des Moments da ist, nimmt wahr und akzeptiert, was gerade der Fall ist. Er tut dies mit offenen Sinnen, der Bereitschaft zu Resonanz und Dialog und der Freude, den Moment miteinander zu teilen. Dazu gehört der wache Austausch mit sich selbst und seinem Umfeld, andern Menschen, andern Lebewesen, Gesellschaft und Kultur sowie mit Technik und der Materie dieser Welt und dieses Universums. Das Bedürfnis in eine Scheinwelt zu flüchten, ist verflogen, Ideologien sowie moralistische Wunschvorstellungen haben ihre Attraktivität verloren. Glauben ist nicht mehr das unkritische Für-wahr-Halten unüberprüfbarer Glaubenssätze, sondern das Erwachen in Gottes Gegenwart hier und jetzt, die bedingungslose Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, wie sie sich in diesem Moment präsentiert, und das faire Teilen des Moments im Dialog miteinander.

So verstandener Glaube ist weder naiv noch verklärt er die Wirklichkeit. Er weiss um Konflikte und Auseinandersetzungen, und er kennt den struggle for life (Darwin), das Ringen, das zum Leben gehört. Bin ich in einem solchen Glauben, ist mir bewusst, dass ich Gegner habe, die andere Bedürfnisse und Interessen haben und andere Ziele verfolgen. Doch ich betrachte sie nicht als Feinde, die ich auf Leben und Tod bekämpfen und notfalls mit Gewalt vernichten muss. Ich bin konfliktbereit, freue mich an Kontakt und Auseinandersetzung, aber respektiere die Andersheit des anderen. Gibt es keine Lösung, suche ich den Konsens über den Dissens und die Dankbarkeit für die Verbundenheit im Verschiedenen. Ein solcher Glaube schätzt die freiheitliche Gesellschaft, Pluralismus und Demokratie, und er motiviert dazu, auf diesem Weg zu bleiben und ständig nach besseren Lösungen zu suchen. Er verschliesst sich aber auch nicht der Tatsache, dass dies weder selbstverständlich ist noch bedingungslos von allen geteilt wird. Die biblische Weisung, seine Feinde zu lieben (Mt 5,43-48), weiss darum. Sie ermutigt zwar dazu, Feinde in Gegner umzuwandeln, aber sie verkennt nicht, dass es Feindschaft gibt – Krieg, Terrorismus, Hass, im Politischen wie im Privaten – und dass Feinde trotz allen Bemühungen Feinde bleiben können.

Unser Predigttext konfrontiert uns mit diesem Thema, indem er von einer Episode aus dem Leben von Paulus erzählt, in der es genau darum geht. Was hat er uns zu berichten?

Paulus ist aufgrund eines Konflikts mit der jüdischen Behörde Jerusalems in römischen Gewahrsam genommen worden. Für den Oberst, der den römischen Machtapparat repräsentiert, ist allerdings nicht klar, was der Grund des Konflikts ist. Er veranlasst zwar eine Gegenüberstellung der Kontrahenten, doch artet diese in einen Tumult aus. Paulus ist es gelungen, den Konflikt gegen ihn in einen Konflikt der Fraktionen innerhalb der jüdischen Behörde zu überführen. Für ihn ist das ein Erfolg; denn der Oberst gelangt zur Überzeugung, dass es sich nur um einen innerjüdischen Konflikt handelt, nicht aber um einen Verstoss gegen römisches Recht. Da Paulus römischer Bürger ist, bleibt er deshalb weiterhin unter römischem Schutz. Auf jüdischer Seite löst dies freilich einen Tumult aus, der den Oberst veranlasst, eine Wachtabteilung kommen und Paulus zurück in die Kaserne bringen zu lassen. Die Situation ist also angespannt. Lukas berichtet deshalb, dass Gott Paulus mit seiner Gegenwart tröstet. Er erzählt, dass er ihm in der Nacht darauf erscheint, ihm Mut zuspricht und ihm vergewissert, dass er so, wie er in Jerusalem sein Zeuge war, auch in Rom sein Zeuge sein wird (Apg 22,30-23,11).

Unser Predigttext erzählt nun, wie der Konflikt auf jüdischer Seite eskaliert. Am folgenden Tag tut sich nämlich eine Gruppe von Juden zusammen (VV12f). Man wird hier an Mitglieder der zelotischen Freiheitsbewegung zu denken haben. Es sind «Dolchmänner» (sicarii), die Attentate auf Leute ausüben, die aus ihrer Sicht gegen die Reinheit Israels verstossen haben. Ihr Vorbild ist Pinhas, der in grosser Not unter Umgehung des ordentlichen Rechtswegs einen offenkundigen Gesetzesübertreter mit einer Lanze tötete (Num 25,7ff). Sie fühlen sich also zu Femejustiz berufen, wenn die offizielle Strafverfolgung aus ihrer Sicht versagt. Genau dies aber droht nun, da Paulus unter römischem Schutz steht, zu geschehen. Einige dieser Sikarier schliessen sich deshalb zusammen und verpflichten sich, zur Tat zu schreiten. Sie schwören, weder zu essen noch zu trinken, bis sie Paulus getötet haben, und bei Übertretung des Schwurs verflucht zu sein. Ihr Fanatismus ist also bereits weit fortgeschritten. An der Verschwörung sollen mehr als vierzig Männer beteiligt sein.

Ihren Plan legen sie nun den Hohen Priestern und Ältesten vor (VV14f). Der jüdischen Behörde werden sie kaum sehr nahestehen. Sie dürften diese als zu römerfreundlich einstufen. In ihrer Ablehnung von Paulus werden sie indes übereinstimmen. Zunächst bestätigen sie gegenüber den Hohen Priestern und Ältesten ihre Entschlossenheit. Sie bekennen, dass sie verflucht sein wollen, wenn sie Speise zu sich nehmen, bevor sie Paulus getötet haben. Die Hohen Priester und Ältesten aber sollen zusammen mit dem Hohen Rat beim Oberst vorstellig werden und ihn bitten, Paulus zu einer offiziellen Zusammenkunft des Hohen Rats von der Kaserne zu ihnen hinunterzubringen, um die Sache genauer zu untersuchen. Sie werden sich bereithalten und unterwegs ein Gedränge um die römischen Soldaten mit Paulus in ihrer Mitte verursachen. In diesem Gedränge soll einer von ihnen Paulus mit einem tödlichen Dolchstoss niederstrecken. Das Ganze soll so ausgeführt werden, dass sowohl der Täter in der Menge untertauchen kann als auch der Hohe Rat frei von jedem Verdacht bleibt.

Die Fortsetzung erzählt, dass der Neffe von Paulus vom Plan erfährt, Paulus informiert und den Oberst warnt, sodass dieser dafür sorgen kann, dass der Plan vereitelt wird. Die Bedrohung indes, der Paulus ausgesetzt ist, bleibt weiterhin gross.

Dieser Bibeltext ist auch heute eine klare Warnung – eine Warnung, sich in Gottes Gegenwart der Wirklichkeit, so wie sie ist, nicht zu verweigern, sondern klar und nüchtern wahrzunehmen und anzuerkennen, was ist. Was gibt er zu bedenken?

Als erstes macht er deutlich, dass es Feindschaft wider Willen gibt. In Gottes Gegenwart steht das Teilen des Moments im Zentrum. Persönliche Merkmale sind nicht entscheidend. Feinde sollen in Gegner transformiert und Konflikte auf konstruktive Weise gelöst werden. Unser Predigttext macht indes deutlich, dass dies auch Paulus nicht immer gelungen ist. Für die Sikarier ist die Meinung über ihn gemacht. All seine Versuche, mit dem Weg in Gottes Gegenwart zu überzeugen, sind gescheitert. Sie sind entschlossen, Paulus mit einem Attentat aus dem Weg zu räumen. Heute steht der Weg in Gottes Gegenwart anders, aber nicht weniger unter Druck. Westlichen Gesellschaften werden zunehmend polarisierter, aufgeregter, lauter, verlieren sich im Kulturkampf und übersteuern die Stille von Gottes Gegenwart. Umso mehr Mut ist deshalb gefragt, sich nicht in diesen Kampf zu verstricken, sondern seinen Fokus in der Stille seines Herzens zu behalten. Gottes Gegenwart will nicht aufgrund persönlicher oder politischer Merkmale geteilt und bloss in der eigenen Bubble gefeiert werden, sondern bedingungslos mit allen.

Sodann kann diese Feindschaft mit heiligem Ernst und der Illusion, einzig und allein für das Gute zu kämpfen, ausagiert werden. Die Sikarier übergehen die offizielle Rechtsordnung, haben aber dennoch keine Zweifel an der Rechtmässigkeit ihres Vorgehens. Sie schwören und wollen verflucht sein, wenn sie ihren Schwur nicht erfüllen. In ihrem Eifer fühlen sie sich so sicher, dass sie selbst den Hohen Rat und die Ältesten in ihre Pläne einweihen und ihre Unterstützung erwarten. Religiös oder ideologisch aufgeladene Feindschaft, die mit abgründiger Härte gegen ihre Feinde vorgeht, gibt es bis zum heuten Tag. Autokratische Regimes pflegen sie mit zynischem Kalkül, um ihre Machtposition auf Kosten des eigenen Volkes zu festigen. Terroristische Gruppierung verfolgen sie mit blindem Eifer, getrieben von der Überzeugung, einem höheren Gut zu dienen. Gottes Gegenwart ist demgegenüber kein verfügbares Gut. Sie bleibt in kritischer Distanz zum politischen Kampf, aber stets offen für das Teilen des Moments. Sie hält sich an Fairness und bietet fanatisierter Feindschaft Widerstand. Mit Bedingungslosigkeit ist sie vertraut. Aber ihre Stärke ist das Teilen der bedingungslosen Freiheit, die jeden Moment gegenwärtig ist und von keinem Fanatismus beseitigt werden kann.

Schliesslich schafft das Wissen um eine Wirklichkeit, in der Feindschaft nicht bloss als Angstmacherei abgetan, sondern als real existent zur Kenntnis genommen wird, Dankbarkeit für funktionierende Institutionen, die Fairness durchsetzen und für Schutz und Sicherheit sorgen. Die Sicht von Paulus wird in unserem Predigttext mit keiner Silbe erwähnt. Seit er deutlich gemacht hat, dass er römischer Bürger ist, übernimmt der römische Machtapparat seine Obhut und schützt ihn vor jüdischen Übergriffen. Für ihn ist es ein Glück, selbstverständlich ist es nicht. Die Gegenwart Gottes ist keine Garantie für weltlichen Schutz. Jesus hat dies erlebt, unzählige Menschen, die den Weg in Gottes Gegenwart unter heiklen politischen Bedingungen gegangen sind, haben dies seither erfahren. Wer ein Leben in Gottes Gegenwart sucht, wird deshalb Institutionen, die ein faires Zusammenleben fördern, mit Dankbarkeit in Anspruch nehmen und tatkräftig unterstützen. Gottes Gegenwart schafft nicht nur kritische Distanz zu dieser Welt, sondern ebenso solidarische und engagierte Nähe.

Es mag zunächst irritieren, aus der Perspektive des Glaubens über Feindschaft nachzudenken. Gewiss, die Gegenwart Gottes will geteilt werden und Feinde in Gegner verwandeln. Doch sie sucht nicht den Zauber einer Scheinwelt, sondern nimmt wahr und akzeptiert, was in hier und heute geschieht. Sie ignoriert deshalb nicht die Tatsache, dass es Feindschaft, ja fanatisierte Feindschaft gibt, und sie motiviert deshalb dazu, Institutionen zu stärken, die auf faire Weise funktionieren und das gemeinsame Leben auf dieser Welt verbessern. Beten wir also, dass wir den Mut aufbringen, unsere Illusionen abzulegen und uns in Gottes Gegenwart auf die Wirklichkeit einzulassen, wie sie ist. Amen.

Predigt vom 2. August 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander

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