Säkulare Mystik

Säkulare Mystik

Und er rief zwei Hauptleute zu sich und sagte: Stellt für die dritte Stunde der Nacht zweihundert Soldaten bereit zum Abmarsch nach Cäsarea, ebenso siebzig Reiter und zweihundert Leichtbewaffnete. Auch Reittiere soll man bereithalten, damit Paulus aufsitzen und man ihn wohlbehalten zum Statthalter Felix bringen kann. Und er schrieb einen Brief folgenden Inhalts: Claudius Lysias an den edlen Statthalter Felix: Sei gegrüsst! Dieser Mann wurde von den Juden in ihre Gewalt gebracht und sollte von ihnen umgebracht werden. Da bin ich mit der Wachmannschaft eingeschritten und habe ihn befreit; ich hatte nämlich vernommen, dass er römischer Bürger ist. Und da ich den Grund für ihre Anschuldigungen erfahren wollte, liess ich ihn vor ihren Hohen Rat führen. Dabei habe ich festgestellt, dass er nur wegen strittiger Fragen, die ihr Gesetz betreffen, angeklagt wird, dass ihm aber nichts vorgeworfen wird, worauf Tod oder Haft steht. Da mir aber angezeigt wurde, auf den Mann sei ein Anschlag geplant, habe ich ihn sogleich zu dir geschickt; auch habe ich die Kläger angewiesen, sie sollten bei dir vorbringen, was sie ihm vorzuwerfen haben. Apg 23,23-30

Gottes Gegenwart ist ein mystisches Ereignis. Sie ist an kein Bekenntnis, keine Moral, keine Religion oder Institution gebunden. In ihrer Unmittelbarkeit ist sie jeden Moment gegenwärtig – seit es dieses Universum gibt, solange es existiert. Sie wirkt in allen Menschen, in allem, was es gibt, einzig und allein durch ihre stille, bedingungslose Präsenz. Das Geheimnis ihrer unmittelbaren Gegenwart ist unergründlich, und doch kann man mit ihm vertraut und von ihm durchdrungen sein. Es transformiert Verbundenheit in Dialog, gibt Freiheit zum Teilen von Information und Mut zum Wahrnehmen und Gestalten der Wirklichkeit, wie sie hier und jetzt ist. Wer sich darauf einlässt, ist im Fluss der Zeit, auf dem Weg in Gottes Gegenwart.

Dieser Ansatz ist in der christlichen Tradition bestens bekannt. Der katholische Theologe Karl Rahner ist ein Beispiel. Von ihm stammt der 1966 formulierte und oft zitierte Satz: «Der Fromme von morgen wird ein ‘Mystiker’ sein, einer, der etwas ‘erfahren’ hat, oder er wird nicht mehr sein.» Diese mystische Erfahrung lässt sich aus seiner Sicht auf verschiedene Weise ausdrücken, doch sie markiert das Herz des christlichen Glaubens. Er spricht deshalb von «anonymen Christen». Die Formulierung kann als Vereinnahmung missverstanden werden. Ihm geht es jedoch nicht darum, Menschen als Christen zu identifizieren, die dies gar nicht sein wollen, sondern darauf hinzuweisen, dass Gott auch gegenwärtig ist, wo kein christliches Bekenntnis vorliegt. Das christliche Bekenntnis hat zwar eine reiche Geschichte und verfügt über grosse Erfahrung, das unsagbare Geheimnis der Gegenwart in unterschiedlichen Situationen zu vermitteln, doch es bleibt dabei stets ein historisch kontingenter Versuch, der nicht die Sache selbst ist. Deshalb wird der Fromme von morgen ein Mystiker sein, einer, der das Geheimnis des Moments erfahren hat, sich zuerst und vor allem daran orientiert und sich frei im christlichen Erbe bewegt.

Was Rahner für den Frommen von morgen prognostiziert, lässt sich als säkulare Mystik beschreiben, die bereits in der biblischen Tradition zu finden ist.[1] Unser Predigttext bietet in der Person eines römischen Offiziers ein Beispiel.

Die Situation, von der er erzählt, ist explosiv. Zeloten haben die jüdische Gesellschaft infiltriert, sehen wieder und wieder die Reinheit des Tempels in Gefahr und stacheln konstant zum Widerstand gegen die römische Besatzung auf. Eine Gruppe von ihnen, mehr als vierzig Männer, legt einen Schwur ab, ein tödliches Attentat auf Paulus zu verüben. Der Neffe von Paulus hört davon, verschafft sich Zutritt zur Kaserne, in welcher Paulus inhaftiert ist, und informiert ihn und den zuständigen römischen Offizier vom Vorhaben. Dieser hat bereits einige Anstrengungen unternommen, in Erfahrung zu bringen, weshalb sein Gefangener den Zorn der Zeloten auf sich zieht. Er ist zum Schluss gekommen, dass es nur um innerjüdische Streitigkeiten geht, dass Paulus aber nichts getan hat, das gegen römisches Recht verstösst, dass er als römischer Bürger vielmehr unter römischem Schutz steht (vgl. Apg 22,30-23,22). Für ihn ist deshalb sofort klar, dass er handeln muss.

Unser Predigttext erzählt, was er tut. Zuerst sorgt er dafür, dass Paulus in Sicherheit gebracht wird (VV23-24). Er ruft zwei Hauptleute zu sich und erteilt ihnen den Befehl, den baldigen Abtransport von Paulus vorzubereiten. In der dritten Stunde der kommenden Nacht sollen zweihundert Soldaten für den Abmarsch in Richtung Cäsarea bereitstehen, dazu siebzig Reiter und zweihundert Leichtbewaffnete. Das Truppenaufgebot ist beachtlich, selbst wenn man unterstellt, dass nur ein kleiner Teil die Begleitung bis ganz nach Cäsarea übernehmen wird und der grössere Teil nach erfolgreicher Bewältigung der gefährlichen, ersten Wegstrecke in der Zone um Jerusalem in die Kaserne zurückkehrt (vgl. V32). Seine Funktion ist indes klar: Es soll zum einen die Bedeutung unterstreichen, die der römische Oberst seinem Gefangenen gibt, zum andern soll es zeigen, dass er die Gefahr, die von den Zeloten ausgeht, ernst nimmt und alles daransetzt, Paulus vor Angriffen zu schützen. Zudem befiehlt er, dass Reittiere bereitgestellt werden, damit Paulus aufsitzen und wohlbehalten beim Statthalter Felix ankommt. Herausgehoben wird also, dass ihm das Wohlergehen von Paulus am Herzen liegt.

Damit für den Empfänger klar ist, was hier geschieht, verfasst er für ihn ein Schreiben (VV25-30). Es ist formal, abgesehen vom fehlenden Schlusswort «Lebe wohl», ein Musterbeispiel eines hellenistisch-römischen Briefs. Zunächst notiert er seinen Namen, Claudius Lysias, und spricht den Adressaten, den edlen Statthalter Felix, an. Der römische Prokurator Antonius bzw. Claudius Felix hat sein Amt ums Jahr 52/53 angetreten und wird im Jahr 58 durch Festus abgelöst. Er ist ein freigelassener Sklave, der seine Stellung seinem Bruder, einem Günstling von Kaiser Claudius, verdankt. Tacitus schreibt über ihn, dass er seine königliche Macht in der Gesinnung eines Sklaven ausübt (Historien V,9). Die von Zeloten geschürten Unruhen bekämpft er mit aller Härte. Claudius Lysias kann also damit rechnen, dass Felix seinen von Zeloten bedrohten Gefangenen wohlwollend in Empfang nimmt.

Das Schreiben von Claudius Lysias an den Prokurator Felix ist klar strukturiert. Zunächst hält es die Situation fest. Der Gefangene – wörtlich: dieser Mann – ist von Juden in ihre Gewalt gebracht worden und sollte umgebracht werden. Sodann beschreibt es, was Claudius Lysias bis jetzt getan hat. Er ist mit der Wachmannschaft eingeschritten und hat ihn befreit. Denn er hat gehört, dass der Gefangene römischer Bürger ist. Um zu erfahren, was der Grund der Anschuldigung ist, hat er ihn dem Hohen Rat gegenübergestellt. Dabei hat er festgestellt, dass er nur wegen strittiger Fragen, die das jüdische Gesetz betreffen, angeklagt wird, dass ihm jedoch nichts vorgeworfen werden kann, worauf Haft oder Tod steht. Schliesslich hält er fest, weshalb er ihn an Felix schickt. Ihm ist nämlich angezeigt worden, dass ein Attentat auf ihn geplant ist. Er hat deshalb sogleich gehandelt und veranlasst, dass er zu ihm gelangt. Zudem hat er die Kläger angewiesen, bei Felix vorzubringen, was sie ihm vorzuwerfen haben. Das Schreiben hält also mit römischer Präzision klar und konzis fest, was aus römischer Sicht Sache ist. Von Gott ist im ganzen Abschnitt nicht die Rede. Doch die Information, die Claudius Lysias in der Gegenwart Gottes mit Paulus teilt, bewegt ihn zum entschlossenen Handeln zugunsten von Paulus.

Die Fortsetzung berichtet dann, wie der Auftrag von Claudius Lysias ausgeführt und Paulus von Felix empfangen wird (VV31ff).

Dieser Bibeltext lässt uns über säkulare Mystik nachdenken, darüber also, wie Gott ohne religiöse Sprache gegenwärtig wird. Wie soll das geschehen (vgl. Lk 1,34)?

Zunächst ist festzuhalten, dass Lukas dieses Thema mit unserem Bibeltext überhaupt zur Diskussion stellt. Mit seiner Geschichte gibt er zu bedenken, dass Gott im römischen Offizier durch seine stille Gegenwart unmittelbar wirkt, obwohl sich dieser nicht ausdrücklich an religiösen oder gar christlichen Kategorien orientiert. Denn er teilt im Geheimnis des Moments mit Paulus die Information über dessen Attentat und zögert keinen Augenblick, die aus seiner Sicht nötigen Schritte zu dessen Schutz zu unternehmen. Er tut ohne Wenn und Aber, was der Moment gebietet, und zeigt so, dass er auf das Geheimnis des Moments hört und sich von ihm leiten lässt. Die Formel von Gottes Gegenwart ist nicht seine Formel; doch was sie andeutet, kommt im Geheimnis seiner Präsenz, aus welchem er handelt, zum Ausdruck, ohne dass er es bekennt. Das nichtduale Geheimnis des Moments wirkt im Menschen, der sich in seinen Dienst stellt, unmittelbar, unabhängig davon, ob und inwiefern er es mit Worten thematisiert und kultiviert.

Sodann zeigt sich das Geheimnis des Moments, indem es Verbundenheit in Dialog transformiert. In unserem Predigttext aktiviert der römische Offizier Claudius Lysias im Moment, in welchem er vom geplanten Attentat erfährt, sein institutionelles Netzwerk, indem er mit dem Statthalter Felix Kontakt aufnimmt und ihm einen Brief schreibt. Ihm ist klar, dass er die Sache nicht allein bewältigen kann, dass er den richtigen Partner für die Weiterbearbeitung braucht und dass er mit diesem in Austausch treten muss. Sein Verhalten reflektiert damit die Wirksamkeit seiner Präsenz im Geheimnis des Moments, ohne dass diese Thema wird. Ist dieses Geheimnis gegenwärtig, manifestiert sich der nächste Schritt unmittelbar. Es macht intuitiv deutlich, zu wem eine Kontaktaufnahme ansteht, wo ein Dialog weiterführt, welche Begegnung Türen öffnet. Entscheidend ist nicht, dass die traditionelle, christliche Terminologie verwendet wird, entscheidend ist, dass die Information, die das Geheimnis des Moments offenbart, vernommen und umgesetzt wird.

Schliesslich wird Gott, ohne dass dies ausdrücklich gesagt werden muss, darin gegenwärtig, dass faire Regeln situationsadäquat angewendet werden. Der Brief des Claudius Lysias macht es deutlich. Er hält sich an römische Konventionen, die er auf die aktuellen Umstände anwendet. Zuerst hält er die Situation fest. Sodann beschreibt er, was er zur Aufklärung des rechtlichen Sachverhalts getan hat und wie er diesen versteht. Schliesslich erklärt er, weshalb er den Gefangenen nun an Felix schickt. Das Vorgehen ist betont sachlich, pragmatisch, zielorientiert und adäquat für diese Situation. Und es bewährt sich. Indem er sofort handelt, mit Felix den Dialog aufnimmt und ihm diesen Brief schreibt, ist er seinen zelotischen Gegnern einen Schritt voraus, und es gelingt ihm, Paulus an ihnen vorbeizuschleusen und in Sicherheit zu bringen. Gottes Gegenwart sucht Recht und Gerechtigkeit mehr als das richtige Bekenntnis (vgl. Mt 7,21-23; 21,28-32). Geschieht dies, ist sie mit ihrer Liebe und Weisheit gegenwärtig und bewährt sich, auch wenn von ihr nicht die Rede ist.

Gottes Gegenwart kann sich also durchaus im Gewand einer säkularen Mystik manifestieren und wirksam werden. Sie bedarf dazu keiner religiösen Terminologie und auch keines christlichen Bekenntnisses. Diese sind deshalb nicht obsolet, sondern bieten Möglichkeiten, das Geheimnis des Moments zu thematisieren und zu bearbeiten, sich mit ihm vertraut zu machen und den Weg in Gottes Gegenwart bewusst zu gehen und zu kultivieren. Das schafft einen klaren Mehrwert, doch entscheidend ist weniger das Bekenntnis als vielmehr die unmittelbare Erfahrung jenes Geheimnisses des Moments, das «Gott» genannt wird. Beten wir also, dass wir mit dieser Erfahrung vertraut werden und dass wir lernen, sie zu leben. Amen.

[1] Vgl. Bernhard Neuenschwander (2007): Säkulare Mystik. In: Sieper, Johanna / Orth, Ilse / Schuch, Waldemar (Hrsg.): Neue Wege Integrativer Therapie. Klinische Wissenschaft, Humantherapie, Kulturarbeit – Polyloge. Festschrift für Hilarion Petzold. Bielefeld: Edition Sirius.

Predigt vom 30. August 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander

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