Erfolg

Erfolg

Weil Paulus aber in den Sinn kam, dass der eine Teil zu den Sadduzäern, der andere zu den Pharisäern gehörte, rief er in den Hohen Rat hinein: Brüder, ich bin Pharisäer, ein Sohn von Pharisäern. Wegen der Hoffnung und wegen der Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht! Kaum hatte er das gesagt, gab es Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern, und die Versammlung spaltete sich in zwei Lager. Die Sadduzäer sagen nämlich, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch einen Geist, die Pharisäer dagegen bejahen dies alles. Es gab ein lautes Geschrei, und einige Schriftgelehrte von der Partei der Pharisäer erhoben sich, legten sich ins Zeug und sagten: Wir können an diesem Menschen nichts Böses finden. Wenn nun doch ein Geist oder ein Engel zu ihm gesprochen hat? Als der Streit heftiger wurde, fürchtete der Oberst, Paulus könnte von ihnen in Stücke gerissen werden, und befahl der Wachabteilung, herunterzukommen, ihn aus ihrer Mitte herauszuholen und in die Kaserne zu bringen. In der folgenden Nacht aber trat der Herr zu ihm und sprach: Fasse Mut! Wie du in Jerusalem für mich Zeugnis abgelegt hast, so sollst du auch in Rom mein Zeuge sein. Apg 23,6-11

Der Hunger nach Erfolg ist tief in die Natur des Menschen eingraviert. Was dabei unter Erfolg zu verstehen ist, weiss die Biologie genau. Menschen sind wie alle Lebewesen darauf aus, ihre Gene weiterzugeben und ihre Art zu erhalten. Um dieses Ziel als Individuum zu erreichen, muss es Nahrung beschaffen und seinen Hunger stillen. Erfolg ist also, wie Qohelet treffsicher beobachtet, zunächst das, was für den Mund bzw. den Bauch erfolgreich ist. Allerdings hat Qohelet auch beobachtet, dass dieses Verlangen nie gestillt ist. Menschen wollen immer noch mehr. Was also hat der Weise dem Toren voraus? Oder der Arme, der zu leben versteht? Wollen nicht beide einfach einen gestillten Bauch? Qohelet schliesst daraus, dass es darum geht, zuerst und vor allem den Moment zu geniessen, statt die Augen schweifen zu lassen. Denn mehr zu wollen als das, was der Moment hergibt, ist Hauch, הֶבֶל (hæbæl), und Greifen nach Wind (Pred 6,7-9)

Qohelet findet also zu einer ernüchterten Weisheit – zu einer Weisheit, die von der Gegenwart Gottes geläutert, auf die Stille des Herzens fokussiert und glücklich über die Freude am Moment ist. Diese Weisheit bewährt sich. Denn sie ist, wie Paulus weiss, in beides eingeweiht: satt zu werden und Hunger zu leiden, Überfluss zu haben und Mangel zu leiden (Phil 4,12). Sie schöpft ihre Kraft aus der nichtdualen Unmittelbarkeit von Gottes Gegenwart. Diese Kraft ist jeden Moment da. Sie ist der mystische Ursprung des Glaubens, jene Quelle, aus welcher der Glaube in jedem Augenblick seinen Anfang nimmt. Doch der Weg zu diesem Ursprung kann lang und mühsam sein. Generationen von Menschen und ihre Religionen vermitteln ihn, auch das christliche Erbe tut es, und unzählige Geschichten erzählen von ihm. Der historische Anfang indes, der von religiösen Traditionen vermittelt wird, ersetzt nicht den mystischen Anfang der Unmittelbarkeit, wie er jeden Moment gegenwärtig ist. Dieser Anfang im Hier und Jetzt mag zwar in jenem weit zurückliegenden Anfang bereits da, und er mag zuweilen oder gar über lange Strecken verschüttet sein. Er wartet jedoch mit der Geduld, die keine Zeit kennt, bis sein Moment kommt, die Unmittelbarkeit des Moments die Tradition an ihren Platz stellt und sich mit der bedingungslosen Freiheit von Gottes Gegenwart und ihrer Weisheit auf jenes Spiel von Erfolg und Misserfolg einlässt, das gerade gespielt wird.

Von genau einem solchen Moment erzählt unser Predigttext. Paulus ist in römischer Gefangenschaft. Der Oberst, der ihn in Gewahrsam genommen hat, hat zwar begriffen, dass er von jüdischer Seite angeklagt wird, doch den Grund hat er bisher nicht in Erfahrung bringen können. Um seinem Ziel näherzukommen, stellt er die beiden Kontrahenten einander gegenüber. Er ordnet an, dass sich die jüdische Behörde bei ihm einfindet, und er lässt Paulus vor sie treten. Dabei beobachtet er aufmerksam, was geschieht. Paulus lässt sich sogleich auf die Konfrontation ein, ergreift mutig die Initiative und sucht seinen Erfolg. Dabei präsentiert er sich als frommer Jude, der das Gesetz nicht nur kennt, sondern auch hält. Aus seiner Sicht besteht kein Grund für die Anklage. Weshalb sie seine Kontrahenten erheben, bleibt für den Oberst weiterhin unklar (Apg 22,30-23,5)

An dieser Stelle setzt unser Predigttext ein und berichtet vom nächsten Spielzug des Paulus. Er hat offensichtlich nicht das Ziel, den Konflikt gemeinsam zu analysieren und einen Vergleich zu finden. Ein solches Vorgehen ist aus seiner Sicht nicht zielführend. Er beansprucht zwar, das jüdische Erbe fortzusetzen, doch der Bruch mit den Vertretern der jüdischen Tradition ist vollzogen. Er setzt deshalb darauf, die Glaubwürdigkeit der jüdischen Repräsentanten gegenüber dem Oberst zu schwächen. Zu diesem Zweck greift er zu einer List, die dazu führen soll, dass seine Kontrahenten nicht ihn, sondern sich gegenseitig bekämpfen.

Ihm kommt nämlich in den Sinn, dass der Hohe Rat gespalten ist (V6). Er besteht aus den Fraktionen der Sadduzäer und der Pharisäer. Paulus spricht beide als «Brüder» an, doch macht er deutlich, dass er Pharisäer und Sohn von Pharisäern ist und dass er nun bloss deshalb vor Gericht steht, weil er deren Hoffnung auf die Auferstehung der Toten teilt. Er unterstellt also, dass sein Glaube an den Auferstandenen in der Tradition der Pharisäer verständlich sein müsste. Diese Interpretation der Situation wird von seinen Kontrahenten nicht nur nicht infrage gestellt, sondern sogleich unkritisch übernommen. Damit hat seine List Erfolg. Der Konflikt der jüdischen Behörde, den diese mit ihm hat, wird mit einem Schlag zu ihrem innerjüdischen Konflikt. Dass sich der Hohe Rat dermassen leicht überlisten lässt, mag historisch zweifelhaft sein. Lukas kann auf diese Weise jedoch von einem Erfolg berichten, den Paulus in der römischen Gefangenschaft erzielt.

Um diesen Erfolg gebührend zu würdigen, erzählt Lukas, wie der Konflikt innerhalb der jüdischen Behörde eskaliert (V7-10). Kaum hat Paulus seinen Einwurf gemacht, entsteht Streit zwischen den beiden Fraktionen, und die Versammlung spaltet sich in zwei Lager. Erklärend führt Lukas an, dass die Sadduzäer sagen, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch einen Geist, während die Pharisäer all dies behaupten. Gründe für deren Überzeugungen gibt er keine an. Er will bloss verständlich machen, weshalb sie in Konflikt miteinander geraten und die List von Paulus erfolgreich ist. Er führt deshalb aus, dass sich ein lautes Geschrei erhebt, dass einige der Pharisäer sogar für Paulus Partei ergreifen und seine Unschuld in Erwägung ziehen. Schliesslich eskaliert der Streit so sehr, dass der Oberst fürchtet, Paulus könnte zwischen den Fronten in Stücke gerissen werden. Er befiehlt deshalb einer Wachabteilung herunterzukommen, Paulus aus ihrer Mitte herauszuholen und in die Kaserne zu bringen. Später wird er festhalten, dass Paulus offenbar nur wegen strittiger Fragen, die das jüdische Gesetz betreffen angeklagt wird, dass ihm aber nichts vorgeworfen werden kann, worauf Tod oder Haft steht (Apg 23,29). Die List, die Paulus angewandt hat, hat sich also in diesem Moment bewährt. Für den Oberst ist klar, dass die jüdische Anklage nichts ist, was römisches Strafrecht verletzt. Der Konflikt ist damit für Paulus jedoch noch keineswegs ausgestanden oder gar gelöst.

In dieser Unsicherheit ist Lukas eine kurze theologische Einordnung der aktuellen Ereignisse wichtig (V11). Er erzählt nämlich, dass Gott in der folgenden Nacht zu Paulus tritt und ihm Mut macht. Zudem gibt er ihm zu verstehen, dass er so, wie er in Jerusalem für ihn Zeugnis abgelegt hat, auch in Rom sein Zeuge sein muss. Das Zeichen, das Lukas setzen will, ist klar: Entscheidend sind nicht die Erfolge oder Widrigkeiten, die Paulus gerade erlebt, entscheidend ist, dass er nach wie vor seinen Weg in Gottes Gegenwart geht, der ihn über Jerusalem hinaus nach Rom, vom Herz des Judentums ins Herz der Völkerwelt, ja des ganzen Universums, hinführt.

Die Besinnung auf diesen Predigttext lässt uns über Erfolg nachdenken. Der Weg in Gottes Gegenwart setzt einen Rahmen, in dem Erfolg und Misserfolg Gegenstand von Interpretationen werden können. Wie also wirkt dieser Interpretationsrahmen?

Zunächst nimmt er das Bedürfnis nach Erfolg und die Vermeidung von Misserfolg wahr und anerkennt deren natürliche Verankerung in der Biologie des Menschen. Wer den Weg in Gottes Gegenwart geht, übersteuert nicht auf moralistische Weise das natürliche Empfinden von Erfolg und Misserfolg, sondern sucht das Geheimnis der Unmittelbarkeit mitten darin. In unserem Predigttext zögert Paulus nicht, seine Chance zu ergreifen und sich mit List einen Vorteil im Konflikt mit der jüdischen Behörde zu verschaffen. Dabei ist er weder bösartig noch intrigant, sondern bleibt freundlich zugewandt und transparent. Aber er hat die Freiheit, sich in die Tradition der Pharisäer zu stellen, sich auf diese Weise aus dem Schussfeld zu nehmen und den Konflikt seinen Kontrahenten zurückzuspielen. Bin ich mit dem Geheimnis von Gottes Gegenwart vertraut, weiss ich, dass Erfolg und Misserfolg zwei Seiten derselben Unmittelbarkeit sind, in welcher jede Bewertung überschritten und bedeutungslos ist. Aber ich weiss auch, dass das Ringen um Erfolg und die Vermeidung von Misserfolg – um mit Darwin zu reden – zum struggle for life gehören und dass ich stets um meinen Erfolg spiele.

Sehr anders präsentiert sich die Situation, wenn dieser Interpretationsrahmen fehlt. Sind Erfolg und Misserfolg nicht nur Optionen im natürlichen Ringen ums Leben, sondern mit ausreichend metaphysischem Ballast beladen, kippen sie rasch in verbissene Auseinandersetzung. Der Streit zwischen den Sadduzäern und den Pharisäern führt es in unserem Predigttext exemplarisch vor. Beide tragen das ihnen vermittelte religiöse Erbe weiter, beide sind überzeugt, dieses getreu verwalten zu müssen. Gegenüber Paulus, der aus der unmittelbaren Gegenwart Gottes agiert, sind sie jedoch unfähig, auf Augenhöhe zu reagieren, bleiben in ihren religiösen Traditionen verhaftet und suchen jenen Erfolg, der sie darin bestätigt. Die Problematik solcher metaphysisch aufgeladener Konflikte wiederholt sich – so zeigen es gerade auch die aktuellen Kriege im Nahen Osten samt ihren Auswirkungen auf die westliche Welt – bis zum heutigen Tag. Religiöse Erbverwaltung, Ideologien, fundamentalistische, gegen jede Kritik resistente persönliche oder kollektive Glaubenskonstruktionen haben einen Hang zu Fanatismus, Respektlosigkeit und Gewalt. Gehe ich hingegen den Weg in Gottes Gegenwart, bleibt deren Unmittelbarkeit unverfügbar. Ich verzichte auf metaphysische Überbauten und halte mich an die nichtduale Freiheit Gottes im Getriebe dieser Welt.

Schliesslich kann das Getriebe dieser Welt so vereinnahmend und belastend sein, dass die Bestätigung von Gottes Gegenwart als Referenz der Interpretation von Erfolg und Misserfolg willkommener Trost ist. Lukas weiss darum, und er setzt darauf, dass Gott ebenso am Anfang in Jerusalem wie auch am Ende in Rom in Paulus als seinem Zeugen gegenwärtig ist, dass Paulus im Spiel von Erfolg und Misserfolg aber gerade gebeutelt wird, und dass deshalb auch er die Erfahrung von Gottes unmittelbaren Gegenwart braucht, um stabil zu sein und Gewissheit zu haben. Das Spiel von Wahrscheinlichkeit und Zufall bleibt stets ergebnisoffen. Ist indes Gott gegenwärtig, weiss ich, dass er dies am Anfang, am Ende und in jedem Moment meines Wegs ist. Mein Erfolg ist deshalb der Trost vom Geheimnis seiner unmittelbaren Gegenwart. So verstandener Erfolg befreit zum Spiel von Erfolg und Misserfolg und stärkt die Zuversicht.

Erfolg im Interpretationsrahmen der nichtdualen Gegenwart Gottes hat verschiedene Aspekte. So verstandener Erfolg ist zunächst körperlich begründet, handfest fassbar und Gegenpol zum Misserfolg. Doch Erfolg und Misserfolg bleiben ununterscheidbar, bis sie im Moment der Betrachtung im Kontext als dies oder das bewertet werden. Die unmittelbare Einsicht in diese Indifferenz befreit zum Spiel von Gewinnen und Verlieren. Ohne diese Einsicht in die Freiheit des Moments ist der Kampf um Erfolg heftig und bitter, bleibt sie indes da, ist sie Trost und Zuversicht im Spiel. Beten wir also, dass wir Gottes Gegenwart nicht vergessen und unser Bedürfnis nach Erfolg von ihr bestimmen lassen. Amen.

Predigt vom 28. Juni 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander

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