Es geschah aber, als ich nach Jerusalem zurückgekehrt war und im Tempel betete, dass ich in Ekstase geriet und ihn sah, wie er zu mir sprach: Beeile dich, geh sofort weg aus Jerusalem! Denn sie werden dein Zeugnis für mich nicht annehmen. Und ich sagte: Herr, sie wissen doch, dass ich die, die an dich glauben, ins Gefängnis bringen und prügeln liess in den Synagogen. Und als das Blut des Stephanus, deines Zeugen, vergossen wurde, da stand ich selbst dabei, hiess alles gut und bewachte die Kleider derer, die ihn töteten. Doch er sagte zu mir: Brich auf, ich will dich in die Ferne zu den anderen Völkern schicken. Apg 22,17-21
Heute ist Auffahrt. Gottes Gegenwart offenbart sich als Geheimnis, das voll von Information ist. Wer mit diesem Geheimnis vertraut ist, entdeckt ein Potential, das mit allem, was es gibt, verbunden ist, ohne dass Raum und Zeit eine Rolle spielen. Doch dieses Potential offenbart sich im Hier und Jetzt. Es bleibt unbegrenzt, unfassbar und unverfügbar, aber es manifestiert sich als Information des Moments. Die Geschichte von Auffahrt illustriert es (Apg 1,9-11). Der Auferstandene wird in den Himmel emporgehoben und geht in eine Wolke ein. Er, der Gottes nichtduale Gegenwart, das Zusammenfallen der Gegensätze von Geburt und Tod, repräsentiert, entschwindet dem menschlichen Blick. Aber sein Eingehen in die Wolke deutet an, dass das Geheimnis, das sich in der Gestalt der Wolke zeigt, jene Information von Nichtdualität ist, die bereits der Auferstandene offenbarte. Diese Information bleibt als Geheimnis der Wolke verborgen. Doch die beiden Engel machen deutlich, dass es sich unmittelbar offenbart. Ihre Botschaft interpretiert es. Wie der Auferstandene in den Himmel aufgenommen wurde, wird er zurückkehren. Die Information des Geheimnisses bleibt nicht verborgen, sondern sie wird im konkreten Hier und Jetzt offenbar. Dieses mystische Ineinander vom Geheimnis der stillen Gegenwart Gottes und der Offenbarung seiner Information im Moment ist die Pointe, die es zu verstehen gilt.
Offenbar steckt im Geheimnis der Gegenwart Gottes ein Potential, dessen Information sich nicht so leicht ergründen lässt. Diese Information zeigt sich zwar ohne Wenn und Aber, unmittelbar, aus purer Gnade. Doch um mit ihr vertraut zu werden, muss der innere Fokus geklärt sein. Bin ich in der Stille meines Herzens verankert, lösen sich Verstrickungen auf, und ich finde zu jener Authentizität, die entsteht, wenn ich nicht verkrampft versuche, mich selbst zu bestätigen, sondern unbefangen, frei und klar bin, wer ich hier und jetzt bin. Diese Präsenz ist der Kanal für Intuition, spontane Erkenntnis, unmittelbare Gewissheit. Sie schöpft aus jenem Potential, das Gottes stille Präsenz von Liebe und Weisheit in allem, was es gibt, kennt, um Verschränkungen weiss, um das zeitgleiche Teilen von Informationen, um deren gleichzeitige Wirkung unabhängig von Raum und Zeit. Was sich davon offenbart, bleibt ein Geschenk. Doch um dieses Geschenk empfangen, auspacken und im eigenen Leben verarbeiten zu können, muss man mit dem Geheimnis von Gottes Gegenwart vertraut sein, sich auf dessen bedingungslose Freiheit einlassen und dessen Information vorbehaltlos wahrnehmen und akzeptieren.
Unser Predigttext erzählt anschaulich und konkret von einem solchen Moment wacher Intuition. Versuchen wir an seinem Beispiel zu verstehen, wie sich das Geheimnis von Gottes stiller Gegenwart offenbart!
Paulus spricht von ihm im Rahmen seiner Rede, die er in Jerusalem vor einer ihm feindlichen gesinnten jüdischen Zuhörerschaft zu seiner Verteidigung hält. Nur knapp ist er ihrem Versuch, ihn zu lynchen, entgangen. Zu verdanken hat er seine Rettung der Intervention des römischen Obersten, der ihn zwar in Ketten legen lässt, ihm damit aber auch das Leben rettet und ihm sogar die Erlaubnis gibt, seine Apologie zu halten. Paulus ergreift die Gelegenheit, um seine tiefe Verankerung im Judentum darzulegen. Als Jude wurde er erzogen, als Jude studierte er unter Rabbi Gamaliel, als Jude verfolgte er den neuen Weg der Christen. Als Jude erschien ihm allerdings auch der Auferstandene Jesus von Nazaret. Ein gewisser Ananias, der sich treu ans Gesetz hielt und von allen respektiert wurde, deutete ihm dieses Ereignis. So begriff er, dass dieses Ereignis seine Erleuchtung und Berufung ist, um als Zeuge für diesen Weg in Gottes bedingungslose Gegenwart einzutreten. Seine jüdische Zuhörerschaft kann sein authentisches Zeugnis bis hierhin ohne aufzubegehren gelten lassen.
Mit unserem Predigttext kommt Paulus indes auf ein weiteres Ereignis zu sprechen, das geschah, als er nach seinem Damaskuserlebnis nach Jerusalem zurückkehrte. Im Bericht, den Lukas von den damaligen Ereignissen gab, wird dieses Ereignis nicht erwähnt. Er erzählte bloss, dass Paulus den jüdischen Tötungsabsichten mit seiner raschen Flucht und der Unterstützung von Leuten aus der Gemeinde vereitelt (Apg 9,29f). Jetzt, in der Verteidigungsrede, die er Paulus in den Mund legt, nimmt er es jedoch pointiert auf. Er erzählt nämlich, dass Paulus beim Beten im Tempel in eine Ekstase geriet (V17). Das Ereignis als solches bestätigt zwar zunächst dessen tiefe Verankerung im Judentum. Doch ihr Inhalt hat es in sich.
Die Ekstase bringt Paulus zu einer Einsicht (V18a). Er sieht ihn, wie er zu ihm spricht. Der Name von Jesus wird hier genauso wenig erwähnt wie zuvor im Bericht zur Deutung seiner Erleuchtung. Für Paulus besteht jedoch kein Zweifel, dass es um jenen Jesus von Nazaret geht, der ihm in seiner Erleuchtung erschien und den er bis zu diesem Ereignis mit aller Kraft bekämpfte. Nun aber gibt er ihm zu verstehen, was hier und jetzt geschehen muss (V18b). Paulus soll sich beeilen und Jerusalem sofort verlassen. Denn seine jüdischen Gegner nehmen sein Zeugnis für die Botschaft des auferstandenen Jesus nicht an. Die Folge ist so klar, dass sie gar nicht explizit erwähnt werden muss: Sie werden versuchen, Paulus umzubringen. Die Begegnung mit dem Auferstandenen sorgt also dafür, dass die Information zwischen seinen Gegnern und Paulus geteilt, Paulus gewarnt und zur Flucht aufgefordert wird.
Diese unmittelbare Intuition erregt in Paulus zunächst Widerstand (VV19f). Er bringt in Anschlag, wovon er bisher ausgegangen ist. Er weist den Auferstandenen darauf hin, dass seine Gegner doch wissen, dass er auf ihrer Seite stand. Wer an ihn glaubte, den liess er ins Gefängnis bringen und in den Synagogen verprügeln, und als das Blut von Stephanus vergossen wurde, dem Zeugen, der mit dem eigenen Blut bezahlte, war er dabei, hiess alles gut und bewachte die Kleider derer, die ihn töteten. Paulus rekapituliert also, was für ihn stets gegolten hat, was er jetzt zu seiner Verteidigung nochmals festhalten will und was für alle Zukunft in Erinnerung bleiben soll: Er ist Jude und mit der jüdischen Perspektive bestens vertraut, auch wenn diese nun für den neuen Weg in die bedingungslose Gegenwart Gottes geöffnet ist.
Die Reaktion, die er vom Auferstandenen erhält, übergeht seinen Einwand und wiederholt die bereits erhobene Forderung (V21). Paulus soll aufbrechen und Jerusalem verlassen, und er gibt ihm zu verstehen, dass er ihn in die Ferne zu den anderen Völkern schickt. Indem Paulus diese Botschaft zu seiner Verteidigung aufgreift, begründet er zunächst sein Engagement für die Heiden. Zugleich hält er fest, dass derjenige, der ihm in seiner Ekstase beim Beten im Tempel begegnet ist, die Öffnung des jüdischen Glaubens für den neuen Weg angeordnet hat. Bekämpfen seine Zuhörer diesen Weg, bekämpfen sie also die bedingungslose Gegenwart Gottes. Doch weshalb konfrontiert er sie jetzt mit dieser Botschaft? Indem er dies tut, fällt er in sein altes Muster zurück und verstrickt sich erneut in den Widerspruch, den er schon damals gegenüber dem Auferstandenen erhoben hat.
Die Fortsetzung erzählt, dass die Zuhörer die Spitze seiner Aussage ganz genau verstanden haben (VV22ff). Sie sind nicht länger bereit, Paulus zuzuhören, erheben ihre Stimme und fordern so heftig seinen Tod, dass der Oberst befiehlt, Paulus in die Kaserne abzuführen, zu geisseln und ins Verhör zu nehmen.
Besinnen wir uns heute, an Auffahrt, auf diesen Bibeltext, werden wir an jene Intuition erinnert, die im Geheimnis von Gottes Gegenwart erwacht. Was ist das für eine Intuition?
Es ist eine Intuition, die unmittelbare Gewissheit schafft. Sie verdankt sich keiner Argumentation oder logischen Begründung und lässt sich aus den Umständen nicht ableiten. Solche Intuition weiss mehr als der Verstand. Sie schlägt als Option unmittelbar ein. In unserem Predigttext ist Paulus im Tempel am Beten. Er gerät in eine Ekstase, die ihn in das Geheimnis von Gottes Gegenwart entrückt. Dessen Information zeigt sich ihm in derjenigen Gestalt, die ihm in seiner Erleuchtung begegnet ist, die er als Autorität akzeptiert und die ihm die empfangene Information beglaubigt. Er ist in die Information vom Geheimnis von Gottes Gegenwart eingeloggt, in welcher alles mit allem verbunden ist, sich ihm aber im Hier und Jetzt mit unmittelbarer Gewissheit offenbart. Wer eine solche Information intuitiv empfängt, ist von ihr überwältigt. Sie ist zwar zunächst die zufällige Einsicht in das Wahrscheinlichkeitsfeld des Moments. Insofern ist eine intuitive Erkenntnis nicht mehr als eine Option, die in ihrer Tauglichkeit für die konkrete Situation kritisch überprüft und validiert werden muss. Ist die Intuition indes im Geheimnis der Gegenwart Gottes erwacht, ist ihre Information unabhängig von Ort und Zeit bereits Wirklichkeit. Geist und Materie, geistige Einsicht und materielle Fassbarkeit fallen in eins. Denken und Tun sind nicht getrennt, sondern zwei Seiten desselben. Die Gewissheit dieser Intuition ist unmittelbare Wirklichkeit.
Dennoch irritiert ihre Unmittelbarkeit. Die Intuition, die im Geheimnis der Gegenwart Gottes erwacht, ist zwar bereits Wirklichkeit, und ihre Gewissheit wirkt. Was indes als Intuition bereits offensichtlich ist, kann derart irritierend sein, dass es bekämpft und übersteuert, verdrängt und verleugnet wird. Paulus tut sich mit seiner intuitiven Erkenntnis schwer. Auch wenn sie für ihn weder irrational noch unmöglich ist, so widerspricht sie doch seiner Vorstellung der Situation. Er ist als Eiferer für das jüdische Gesetz und als engagierter Kämpfer gegen den neuen Weg bestens bekannt, und deshalb sollte allen klar sein, dass er für den jüdischen Weg einsteht und nicht leichtfertig den neuen Weg begeht. Entsprechend argumentiert er gegen die Gewissheit seiner Intuition. Sein Widerstand ist nachvollziehbar. Wenn die Intuition im Geheimnis von Gottes Gegenwart mit ihrer Information erwacht, ist dies zunächst eine Konfrontation der gewohnten Bahnen von Denken, Fühlen und Handeln. Wie sollen Geist und Materie oder Denken und Tun dasselbe sein? Doch sie wirkt, auch wenn sie übergangen wird, und sie fordert Beachtung, bis sie ehrlich und authentisch anerkannt worden ist.
Schliesslich bewährt sich, die Intuition, die in Gottes Gegenwart erwacht, ernst zu nehmen und zu beachten. Sie hat eine Information, die über den Verstand hinausgeht, und sie kennt jene Wirklichkeit, die schon ist, bevor sie intellektuell nachvollzogen und verarbeitet ist. Paulus hat es seinerzeit erlebt. Weil er auf die Information gehört hat, die in ihm intuitiv erwacht ist, und deshalb sogleich aus Jerusalem geflohen ist, hat er sich dem jüdischen Tötungsversuch entziehen können. Ebenso hat er verwirklicht, was er damals intuitiv begriffen hat: Er ist in die Ferne zu den anderen Völkern gezogen und hat seine grosse Mission für den Weg in die bedingungslose Gegenwart Gottes erfolgreich durchgeführt. Demgegenüber übergeht er jetzt, in seiner Verteidigungsrede, seine Intuition und nimmt das Risiko auf sich, seine jüdische Zuhörerschaft mit der Beglaubigung, die seine Mission trägt, zu konfrontieren. Dies ist nicht erfolgreich und führt erneut zum Widerstand gegen ihn. Die Intuition, die sich am Geheimnis von Gottes Gegenwart orientiert, ist erfüllt von Liebe und Weisheit. Auf sie zu hören, bewährt sich, auf sie nicht zu hören bewährt sich nicht. Es gibt deshalb allen Grund, dieser Intuition zu vertrauen und sich von ihr leiten zu lassen.
Heute ist Auffahrt. Heute erinnern wir uns an jene Information, die in der geheimnisvollen Wolke von Gottes Gegenwart geborgen ist. Diese Erinnerung motiviert dazu, uns für jene Intuition zu öffnen, die im Geheimnis des Moments steckt. Diese Intuition offenbart, was bereits Wirklichkeit ist, sie mag zwar irritieren, doch auf sie zu hören, bewährt sich. Beten wir also, dass wir mit dieser Intuition vertraut werden und den Weg in Gottes Gegenwart gehen, den sie uns weist. Amen.
Predigt vom 14. Mai 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander
