Inspiration

Inspiration

Bis hierher hörten sie ihm zu; als er aber dies sagte, erhoben sie ihre Stimme und riefen: Schaff diesen aus der Welt; so einer darf nicht leben! Und sie schrien laut, rissen sich die Kleider vom Leib und wirbelten Staub auf. Da befahl der Oberst, ihn in die Kaserne zu führen, und ordnete an, ihn zu geisseln und ins Verhör zu nehmen. So wollte er herausfinden, weshalb sie seinetwegen ein solches Geschrei erhoben. Als sie ihn aber zur Geisselung vornüberstreckten, sagte Paulus zu dem Hauptmann, der dabeistand: Dürft ihr einen römischen Bürger geisseln, ohne Gerichtsurteil? Als der Hauptmann das hörte, ging er zum Oberst, erstattete Meldung und sagte: Was hast du vor? Dieser Mann ist ein römischer Bürger! Da kam der Oberst und sagte zu ihm: Sag mir, bist du ein römischer Bürger? Er sagte: Ja. Da erwiderte der Oberst: Ich habe dieses Bürgerrecht für eine hohe Summe erworben. Paulus sagte: Ich besitze es durch Geburt. Sogleich liessen die, welche ihn verhören sollten, von ihm ab; der Oberst aber bekam es mit der Angst zu tun, als ihm bewusst wurde, dass er einen römischen Bürger hatte fesseln lassen. Apg 22,22-29

Vor einer Woche hat die Pfingstzeit begonnen, die Erinnerung an das erste Pfingstfest ist geweckt. Die Apostelgeschichte erzählt von einem Brausen, das vom Himmel her wie ein heftiger Sturm daher fegt. Es entsteht eine Atmosphäre, in welcher die Menschen, die von ihr erfasst werden, hellwach im Moment sind. Das ganze Haus ist von ihr erfüllt. Die Atmosphäre ist so sehr verdichtet, dass der Eindruck entsteht, als würden sich Zungen wie Feuer auf die Menschen verteilen, sie in Ekstase versetzen und in fremden Sprachen reden lassen. Doch dies ist bloss ein Bild für das, was geschieht, wenn Menschen das Geheimnis der Gegenwart Gottes miteinander teilen. Im Zentrum steht nicht ein Akt verbaler Kommunikation, sondern das unbefangene Teilen des Moments, nicht die Verständigung mit Worten, sondern das unmittelbare Verstehen von Herz zu Herz. Für die einen ist dies sofort klar. Sie brauchen keine Erklärung und verstehen sogleich in der Sprache ihres Herzens, was geschieht. Für die andern aber entsteht der Eindruck, die Leute seien voll süssen Weins (Apg 2,1-13). Pfingsten lässt sich nur verstehen, wenn man sich mit einem stillen Herzen offen und ehrlich auf den Moment der Gegenwart Gottes einlässt und bereit ist, miteinander zu teilen, was dieser hier und jetzt zu verstehen gibt. Bleibt man in kritischer Distanz, findet man keinen Zugang.

Die Erinnerung an Pfingsten ist damit die Erinnerung an jenes gewaltige, Raum und Zeit transzendierende Potential, das in der Gegenwart Gottes jeden Moment zur Verfügung steht. Zugang dazu entsteht intuitiv, indem man sich darin einloggt. Wer könnte auf einen solchen Moment der Inspiration verzichten? Aber klar: Wer in stabilen Verhältnissen leben will, muss sich diese Schritt für Schritt erarbeiten, sodass sie wiederholbar und gesichert sind. Verlässliche Technik, zuverlässige Maschinen sind ein Erfolgsfaktor. KI macht es überdeutlich. KI errechnet im definierten Wahrscheinlichkeitsfeld die besten Optionen und liefert rational belegte Grundlagen für erfolgsversprechende Entscheidungen. Auf diese Weise kann ich meinen Traumjob suchen, meine finanzielle Anlagestrategie optimieren oder mich bei Partnerschaftsproblemen coachen lassen. Wie sollte ich diese Tools nicht nutzen?

Als Mensch bin ich allerdings keine nicht ganz perfekte Maschine, und es wäre widersinnig, dies zu bedauern oder mich deswegen zu kritisieren. Viel wichtiger ist, mir jenes Potential bewusst zu machen, das mir als Mensch im Unterschied zu einer Maschine zugänglich ist. Und das ist eben das Geheimnis des Moments, das Geheimnis der Freiheit von Gottes Gegenwart. KI kann nur lesen, was in einem Code festgelegt und lesbar ist. Der Glaube, dass diese Welt lesbar ist, mag in unserer westlichen, von Buchreligionen geprägten Kultur gross sein. Doch das Geheimnis der unmittelbaren Gegenwart ist nicht codierbar und KI prinzipiell entzogen. Es kann nur intuitiv erfasst werden, indem ich mich darauf einlasse, nur Quelle von Inspiration werden, indem ich ihr Vertrauen schenke. Genau das macht die Erinnerung an Pfingsten auch heute interessant, genau dies erinnert an jene Ressource, die Menschen zugänglich ist, digitalen Tools jedoch nicht.

Unser Predigttext macht deutlich, was diese Ressource von Inspiration so wertvoll macht. Sehen wir uns doch an, wie sie sich in unserem Beispiel zeigt!

Hauptfigur ist Paulus. Nach einem Tumult mit der jüdischen Bevölkerung in Jerusalem ist er vom Oberst der römischen Besatzungstruppe in Gewahrsam genommen worden. Dieser hat nun angeordnet, dass Paulus in die Kaserne abgeführt, gegeisselt und ins Verhör genommen wird (Apg 22,1-24).

Hier setzt unser Predigttext ein. Der entscheidende Punkt kommt gleich zu Beginn (V25). Die Soldaten haben schon begonnen, Paulus zur Geisselung vornüber zu strecken, als er einen Gedankenblitz hat und den Hauptmann, der dabeisteht, spontan anspricht. Er fragt ihn, ob ihnen erlaubt sei, einen römischen Bürger ohne Gerichtsurteil zu geisseln. Der Hinweis auf sein römisches Bürgerrecht kommt völlig überraschend. Weder hat er den Oberst darauf hingewiesen, noch hat er früher, etwa in Philippi, davon gebraucht gemacht und stattdessen die Geisselung auf sich genommen (Apg 16,22f). Von Gott ist nicht die Rede. Doch er hört auf das Geheimnis des Moments und bringt dieses Argument in Anschlag.

Das römische Strafrecht sieht vor, dass Nichtbürger und Sklaven beim Verhör gefoltert werden. Die Anordnung des Obersten ist also keine besondere Schikane, sondern der nach römischem Verständnis rechtmässige Weg, um herauszufinden, welchen Vergehens sich Paulus schuldig gemacht hat. Anders ist die Rechtslage für römische Bürger. Folter im Verhör und Fesselung ohne gültige Verfügung ist ihnen gegenüber durch zwei römische Gesetze, die Lex Porcia und die Lex Julia, verboten. Sollte sich also bestätigen, dass Paulus das römische Bürgerrecht hat, würde der Oberst gerade gegen römisches Strafrecht verstossen. Als der Hauptmann von Paulus auf diese Rechtslage hingewiesen wird, handelt er sofort (V26). Er eilt zum Oberst und erstattet Meldung, dass Paulus römischer Bürger sei.

Der Oberst nimmt sich der Sache sogleich an (VV27-28). Er kommt zu Paulus und fragt ihn, ob er römischer Bürger sei. Paulus bestätigt dies. Um mehr Gewissheit zu erlangen, will er erfahren, wie Paulus dazu gekommen ist. Er gibt ihm zu verstehen, dass er selbst sein eigenes Bürgerrecht für eine hohe Summer erworben hat. Paulus bleibt unbeeindruckt, ruhig und klar und sagt, dass er es durch Geburt erhalten habe. Für den Oberst ist die Aussage glaubhaft (V29). Die, die Paulus verhören sollen, lassen von ihm ab. Der Oberst aber bekommt Angst, weil ihm bewusst wird, dass er einen römischen Bürger hat fesseln lassen. Die Inspiration, der Paulus vor seiner vorgesehenen Geisselung gefolgt ist, indem er in genau dieser Situation zum ersten Mal auf sein römisches Bürgerrecht hinweist, bewährt sich. Sie setzt in der einwandfrei funktionierenden Mechanik des römischen Machtapparats eine Zäsur und stellt die Weichen neu. Die Fortsetzung erzählt dann, wie der Oberst dafür sorgt, dass die Sache eingehend untersucht wird (Apg 22,30ff).

Besinnen wir uns jetzt, in der Pfingstzeit, auf diesen Predigttext, erinnert er uns an jene Inspiration, die in der stillen Gegenwart Gottes möglich ist. Was ist das für eine Inspiration?

Diese Inspiration setzt auf jenes Informationspotential, das in Gottes stiller Gegenwart jeden Moment gegenwärtig ist. Wer die Stille in seinem Herzen kennt und in dieser Stille klar und authentisch da ist, wird gleichsam automatisch, von selbst, aus purer Gnade eingeloggt und gelangt in einen veränderten Bewusstseinszustand. Die Episode in unserem Predigttext wird als völlig weltliche Geschichte erzählt. Gott wird mit keiner Silbe erwähnt, und Inspiration durch den heiligen Geist ist kein Thema. Doch als solche, völlig säkular präsentierte Geschichte ist sie ein Gleichnis für das Geheimnis des Moments. In ihr zeigt sich Gottes stille Gegenwart, die Inspiration, die beim Einloggen in sie aufwacht, der heilige Geist, der sich als Gedankenblitz manifestiert. Jeden Moment ist das Einloggen in dieses Geheimnis des Moments möglich, jeden Moment ist sein Informationspotential gegenwärtig. Wer dies tut, kennt und nutzt die Daten der Situation, aber transzendiert sie. Wirksam wird stattdessen jene Freiheit, die mit allem verbunden, aber nicht an Raum und Zeit gebunden ist, die das Potential des Hier und Jetzt kennt, aber bedingungslos da ist. Solche Präsenz in Gottes Gegenwart schafft Inspiration aus dem Geheimnis bedingungsloser Freiheit.

So geheimnisvoll ihre Herkunft ist, so treffsicher ist indes ihre Information im Hier und Jetzt. Die Inspiration, die in Gottes Gegenwart durch den heiligen Geist geschieht, mag in religiöser Sprache angedeutet und dank dieser Sprache erinnert, gepflegt und gefördert werden. Sie bleibt damit geheimnisvoll und unfassbar. Ihre Information aber sitzt und bewegt. Als Paulus der Gedanke an sein römisches Bürgerrecht aufblitzt und ihn mit dem Hauptmann teilt, verändert er seine Situation schlagartig. Die vorgesehene Geisselung wird sistiert, der Hauptmann erstattet umgehend dem Oberst Meldung. Inspiration, die sich der Freiheit von Gottes stiller Gegenwart verdankt, mag unkontrolliert, unmittelbar und spontan geschehen, doch sie trifft den richtigen Moment, die richtige Form, die richtige Botschaft und hat Wirkung. Wer auf die Stille von Gottes Gegenwart fokussiert und auf diese Weise hellwach im Moment ist, ist durchlässig für Intuition und Inspiration, die im Hier und Jetzt passen. Man steht sich nicht mit seinem Eigenwillen selbst im Weg, sondern geht frei den Weg in Gottes Gegenwart, wie er sich in diesem Augenblick zeigt.

Solche Inspiration schafft in den Gesetzmässigkeiten des Lebens bzw. im Spiel von Wahrscheinlichkeit und Zufall einen Mehrwert. Was zunächst bloss möglich ist, wird auf einmal Wirklichkeit, was vorerst nur ein Gedankenblitz ist, entpuppt sich plötzlich als Spielmacher. Als Paulus auf sein römisches Bürgerrecht hinweist und der Oberst davon erfährt, nimmt er sich der Sache sogleich an. Er spricht Paulus darauf an und kommt zur Gewissheit, dass er den Hinweis ernst nehmen muss. Die Inspiration, die Paulus geleitet hat, verhindert seine Geisselung und gibt seiner Verhaftung im Rahmen des römischen Machtapparats eine neue Perspektive. Genau diese Offenheit für Inspiration kann heute kaum genug gewürdigt werden. Die Gegenwart Gottes ist eine Quelle von Inspiration, welche alles, was in der Zeit geschieht, jeden Moment kreuzt. Sie weiss um den Zufall, der in der Mechanik von KI im Spiel ist, und sie setzt auf jenes Potential, das ihr im Geheimnis des Moments für das Spiel mit digitalen Tools zur Verfügung steht. Die Inspiration der Gegenwart Gottes spielt mit KI, ohne sich von ihr dominieren zu lassen, sie lässt sich in bedingungsloser Freiheit auf sie ein, ohne zur Maschine zu werden.

Die Pfingstzeit ist die Erinnerung an das Geheimnis der unmittelbaren Gegenwart Gottes. Dieses Geheimnis ist ein unermessliches Informationspotential. Jeden Moment ist es gegenwärtig, jeden Moment ist das Einloggen in dieses Potential möglich. Wer sich darauf einlässt, findet darin Inspiration, die trifft, die im Maschinenraum dieser Welt spielt, ohne sich ins Spiel zu verlieren und die die Menschlichkeit mit Liebe und Weisheit stärkt. Beten wir also, dass wir in der Gegenwart Gottes verankert sind und von ihrer Inspiration geleitet werden. Amen.

Predigt vom 31. Mai 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander

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