Silence

Silence

Am nächsten Tag brachen wir auf, kamen nach Cäsarea, gingen in das Haus des Evangelisten Philippus, der zu den Sieben gehörte, und blieben bei ihm. Dieser hatte vier Töchter, prophetisch begabte Jungfrauen. Wir waren schon mehrere Tage dort, als von Judäa ein Prophet mit Namen Agabus zu uns herabkam. Der kam auf uns zu, nahm den Gürtel des Paulus, band sich Hände und Füsse damit und sagte: So spricht der heilige Geist: Den Mann, dem dieser Gürtel gehört, werden die Juden in Jerusalem auf eben diese Weise fesseln und in die Hände der Heiden geben. Als wir das hörten, baten wir ihn, unterstützt von den Jüngern, die dort wohnten, nicht nach Jerusalem hinaufzuziehen. Da entgegnete Paulus: Was soll es, dass ihr klagt und mir das Herz schwer macht? Ich bin bereit, mich in Jerusalem nicht nur fesseln zu lassen, sondern auch zu sterben für den Namen des Herrn Jesus. Da er sich nicht umstimmen liess, wurden wir ruhig und sagten: Des Herrn Wille geschehe! Apg 21,8-14

Der Weg in die Gegenwart Gottes ist Trost und Zumutung – beides. Gewiss ist er zunächst eine Ressource, die wohltut, eine Oase schafft, das Herz weit und Körper und Geist frei und froh macht. Die menschliche Resonanz darauf ist das Gotteslob, wie es etwa im Psalter immer wieder begegnet. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere ist die Konfrontation mit der Wirklichkeit, wie sie hier und jetzt ist. Wer den Weg in die Gegenwart Gottes geht, wird ausgenüchtert, geläutert, desillusioniert. Er spürt die eigene Fragilität und Endlichkeit, nimmt Verstrickung und Scheitern, Schuld und Angst, Krankheit und Ungerechtigkeit wahr und beginnt zu verstehen, dass das menschliche Denken, Tun und Erleben kaum mehr ist als heisse Luft. «Hauch der Hauche, alles – Hauch», so bringt es der Weise des Alten Testaments auf den Punkt (Pred 1,2). Gottes Gegenwart schafft Freude am Leben auf dieser Welt, und sie konfrontiert mit den moralischen und ontologischen Abgründen des menschlichen Daseins. Dieses und jenes aber sind letztlich nur zwei Seiten desselben. Die Stille Gottes macht es erfahrbar.

Was ist die Stille von Gottes Gegenwart? Sie ist jene nichtduale Unmittelbarkeit, die jedem menschlichen Zugriff entzogen und dennoch jeden Moment gegenwärtig ist. Zugänglich wird sie, wenn der Lärm des menschlichen Tuns verklungen ist und deutlich wird, dass sie, auch wenn sie übersteuert wird, ständig da ist. Vielleicht zeigt sie sich in einer meditativen Praxis, vielleicht im Umgang mit Tieren, Pflanzen, Steinen, vielleicht in einer künstlerischen Tätigkeit. All dies vermag sie freilich nicht zu erschaffen. Sie ist ganz von selbst da. Die Stille Gottes ist bedingungslose Freiheit, jenseits von Gut und Böse, unbefangen von Dies und Das, unabhängig von Wenn und Aber. Dennoch ist sie genau darin mit ihrer Liebe und Weisheit unmittelbar gegenwärtig, schafft Raum und Zeit für Freud und Leid, Anpassung und Widerstand und bleibt auf diese Weise der unhörbare Klang in allem Tun und Lassen. Sie durchdringt Körper und Geist und offenbart den Menschen, ja alle Materie, als Klangkörper Gottes. Die Stille Gottes ist nicht von dieser Welt und lässt sich mit Worten nicht erfassen, aber sie macht diese Welt zu ihrem Zeugnis.

Das Hören auf diesen unhörbaren Klang der Stille verändert das menschliche Tun. Unser Predigttext illustriert, wie es sich auswirken kann.

Er erzählt von einer Episode auf der Reise von Paulus nach Jerusalem. Nach seiner Retraite mit den Ältesten in Milet (Apg 20,17-38) folgt er per Schiff zusammen mit den Delegaten seiner neugegründeten Gemeinden der kleinasiatischen Küste, um über Rhodos nach Tyrus und schliesslich nach Ptolemais zu gelangen (Apg 21,1-9). Hier beendet die Gruppe die Schiffreise und begibt sich zu Fuss nach Cäsarea. Im Haus von Philippus werden sie gastlich aufgenommen. Philippus gehört dem Kreis der Sieben an, einem Kreis von sieben Männern, die in der Urkirche Jerusalems im Ruf standen, von Geist und Weisheit erfüllt zu sein und gewählt wurden, um die Apostel in ihrer Leitungsaufgabe zu entlasten (Apg 6,1-6). Philippus trat zunächst als Wandermissionar in Samaria in Erscheinung und konnte Simon Magus (Apg 8,5-13) und den äthiopischen Hofbeamten (Apg 8,26-40) von der Taufe und dem Glauben überzeugen. Unterdessen hat er sich in Cäsarea niedergelassen und wird als Evangelist bezeichnet (Apg 21,8). Offenbar hat er nun eine gewisse Leitungsrolle inne (vgl. 2Tim 4,5). Zudem hat er vier Töchter, die wie ihr Vater von Geist und Weisheit erfüllt sind und als prophetisch begabe Jungfrauen beschrieben werden (Apg 21,9).

Hier setzt unser Predigttext ein. Er berichtet, dass sich die Gruppe bereits mehrere Tage im Haus des Philippus aufhält, als auf einmal von Judäa ein Prophet mit Namen Agabus zu ihnen nach Cäsarea herabkommt (V10). Für die Reisegruppe ist Agabus ein Unbekannter. Paulus wird sind hingegen an ihn erinnern. Bereits in Antiochia, noch vor seiner grossen Mission für den Weg in Gottes Gegenwart, kam er von Jerusalem herunter und kündete eine grosse Hungersnot an (Apg 11,27f). Zwar erfüllte sich seine Weissagung nicht wortwörtlich, wohl aber sinngemäss. Ähnliches geschieht auch jetzt. Doch Paulus bleibt ruhig und still.

Ganz im Stil alttestamentlicher Propheten (1Kön 11,29ff; Jes 8,1-4; Jer 19,1ff u.a.) vollzieht Agabus eine kraftvolle Zeichenhandlung (V11). Er ergreift den Gürtel des Paulus. Gemeint ist nicht ein Ledergurt, sondern ein langes Tuch, das mehrfach um den Leib gewickelt als Gürtel dient. Dieses Tuch nimmt sich Agabus und bindet sich damit Hände und Füsse zusammen. Dazu macht er eine Aussage, die er mit «So spricht der heilige Geist» einleitet. Er erinnert damit an die alttestamentliche Botenformel «So spricht Jahwe». Mit diesem Autoritätsanspruch verkündet er nun, dass die Juden in Jerusalem den Mann, dem dieser Gürtel gehört, auf eben diese Weise fesseln und in die Hände der Heiden geben werden. Erfüllen wird sich auch diese Weissagung nicht wortwörtlich, aber sinngemäss. Die Juden werden Paulus weder fesseln noch an die Römer ausliefern (Apg 21,30.33). Doch sie werden mit ihrem Verhalten massgeblich dazu beitragen, dass Paulus von den Römern gefesselt und gefangen genommen wird. Zudem erinnert die Weissagung des Agabus an die dritte Leidensankündigung Jesu, die voraussagt, dass der Menschensohn den Heiden ausgeliefert werden wird (Mk 10,33; Lk 18,31f; Mt 20,18f). Paulus bleibt bei all dem ruhig und still im Hintergrund.

Aktiv werden hingegen seine Begleiter (V12). Als sie dies hören, bitten sie Paulus, unterstützt von den Glaubenden, die dort wohnen, nicht nach Jerusalem hinaufzuziehen. Sie missverstehen den Auftritt von Agabus offenbar als Warnung, um im letzten Moment das drohende Unheil zu vermeiden. Für Paulus ist die Sache hingegen längstens klar (Apg 20,23), und was Agabus kommunizieren will, hat er bestens verstanden. Ruhig und klar wendet er sich deshalb an die Anwesenden (V13). Weshalb klagt ihr nun und macht mir das Herz schwer? Ich bin bereit, mich in Jerusalem nicht nur fesseln zu lassen, sondern auch für den Namen des Herrn Jesus zu sterben. Natürlich empfindet er den Schmerz, der damit verbunden ist; doch er ist in der Gegenwart Gottes still geworden und hat seinen Weg akzeptiert. Die Stille der Gegenwart Gottes hat sein ganzes Dasein erfasst und ihn dazu geführt, die Einsicht anzuerkennen, dass dies sein Weg ist. Diese unaufgeregte, stille Klarheit, die alles innere Kämpfen hinter sich gelassen hat, wirkt (V14). Was für die Anwesenden zunächst eine Versuchung ist, löst sich auf. Da sie merken, dass er sich nicht umstimmen lässt, werden auch sie ruhig. Sie haben ihren Getsemani-Moment durchlebt und wie Jesus damals (Lk 22,42) sagen sie: Des Herrn Wille geschehe! Die Stille der Gegenwart Gottes gibt ihnen nicht nur Trost, sondern auch den Mut, die Zumutung des Hier und Jetzt anzunehmen. Das Thema ist damit abgeschlossen. Die Fortsetzung wird dann von der Ankunft der Reisegruppe in Jerusalem erzählen.

Das Nachdenken über diesen Predigttext fordert uns dazu auf, über jene Stille Gottes nachzudenken, in welcher Trost und Zumutung untrennbar verbunden sind, durch ihre unmittelbare Gegenwart aber zu einem bedingungslosen Annehmen und Gestalten des Hier und Jetzt führt.

Die Rede von der Stille Gottes ist zunächst eine menschliche Beschreibung der unfassbaren Gegenwart Gottes, wie sie unmittelbar, einzig und allein durch ihre Präsenz und ohne etwas zu tun wirkt. Was diese Stille ist, kann mit Worten nicht vermittelt werden. Insofern ist alles Reden über sie vorläufig und nicht mehr als eine Andeutung. Doch ihre Gegenwart wirkt, indem sie einen Zeitraum eröffnet, in welchem sich die Situation nach ihren eigenen Gesetzen entwickelt, ohne dass sie selbst eingreift und agiert. In unserem Predigttext ist Gott völlig still und doch völlig gegenwärtig. Seine stille Gegenwart ist kein explizites Thema und keine Macht, welche bestimmt, was geschieht. Alle Beteiligten agieren in ihren weltlichen Kontexten, bestimmt von deren Gesetzmässigkeiten und selbst verantwortlich für ihr Tun und Lassen. Die Botschaft ist klar: Die stille Gegenwart Gottes ist jeden Moment bedingungslose Freiheit, um hier und jetzt den eigenen Weg zu gehen. Die Impulse für dieses oder jenes Tun aber bleiben stets weltlicher Natur und können nicht einem göttlichen Grund zugeschreiben werden. Die Stille Gottes bestimmt nicht den Weg, den ich zu gehen habe, aber ihre Gegenwart ist die Freiheit, in der ich selbst meinen Weg unmittelbar erkenne und gehe.

So in der Stille Gottes verankert zu sein, schafft Klarheit und löscht Zweifel. Wer in Gott still wird, hat innere und äussere Auseinandersetzungen beendet und akzeptiert, was geschehen will – samt allem Leid und Freud, das dazugehört. Als Agabus auftritt, Paulus den Gürtel nimmt, seine Zeichenhandlung vornimmt und Paulus Unheil ankündigt, bleibt dieser völlig ruhig und klar. Er äussert keinen Widerspruch, keinen Zweifel, keine Fluchtbedürfnisse. Agabus ist für ihn keine Versuchung, der er zu widerstehen hat. Er hat längstens akzeptiert, was kommen muss, und selbstverantwortlich entschieden, diesen seinen Weg unaufgeregt zu gehen. Mit diesem Verhalten ist er als Mensch aus Fleisch und Blut Zeuge der Gnade Gottes. Wird Gottes Stille gegenwärtig, verschwindet meine Aufgeregtheit und beruhigen sich meine Gefühle. Ich verstehe den Prozess, in dem ich stehe, die Eigendynamik, die er hat, die Rolle, die ich ihn ihm spiele, und ich bin bereit, diese Rolle mit allem freud- und leidvollen, das sie bereithält, zu übernehmen und zu gestalten. Die Stille Gottes kommt mir im Abgrund meiner Demut entgegen, und sie lässt mein wahres, nichtduales Selbst erwachen, das im Bild des Auferstandenen angedeutet ist. Genau so aber schafft sie Freude im Leid, Lebendigkeit im Angesicht des Todes, einen sinnerfüllten Moment in der Nichtigkeit des Daseins.

Die Stille der Gegenwart Gottes kann geteilt werden und in einer Gemeinschaft befreiende Wirkung entfalten. Ist ihre Präsenz genügend kraftvoll, verweht die Aufregung, entsteht ein heilsamer Moment und wirkt ihre unmittelbare Freiheit. Nach dem Auftritt von Agabus herrscht zunächst Aufregung unter den Glaubenden. Ihr erster Impuls ist, das drohende Unheil abwenden zu müssen. Doch als sie die Stille der Gegenwart Gottes in der Klarheit von Paulus spüren, diesen Weg zu gehen, werden auch sie ruhig und klar. Sie anerkennen sogar als Wille Gottes, was weltliche Eigendynamik bzw. Spiel von Wahrscheinlichkeit und Zufall ist, und sie sind bereit, Gott zuzuschreiben, was Menschen zu verantworten haben. Die Einsicht, die darin steckt, ist eindeutig und heute nicht anders. Autoritäten, die sie verkörpern, machen sie offensichtlich, doch bereits eine öffentliche Schweigeminute nach einem Unglück macht sie spürbar: Das Teilen der Stille Gottes befreit von Angst und Unsicherheit und gibt die Freiheit, ohne Wenn und Aber «ja» zum Weg zu sagen, der hier und jetzt zu gehen ansteht. Wird die Stille Gottes miteinander geteilt, wirkt dies unmittelbar. Es ermöglicht ein Einverständnis, das Worte nicht vermitteln können, und einen Frieden im Unfrieden, den nur das unmittelbare Teilen des Moments zu schaffen vermag.

Viele Worte – nicht mehr als ein Hauch! Doch auch in dieser Zeit werden wir uns kaum genügend auf jene Stille besinnen können, die in Gottes Gegenwart steckt. Sie entsteht auch heute nicht, wenn die Rede von Gott verstummt, aber der Lärm des menschlichen Tuns lauter wird, und sie breitet sich auch heute nicht aus, wenn dieser Lärm blockiert und Menschen mit Gewalt zum Verstummen gebracht werden. Die Stille Gottes ist in allem Lärm unmittelbar gegenwärtig, ganz natürlich, ganz aus Gnade. Hören wir also auf sie, und lassen wir sie durch uns wirken! Beten wir deshalb, dass wir in Gott still werden und mit Freude und Mut den Weg beschreiten, den wir zu gehen haben. Amen.

Predigt vom 15. Februar 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander

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