Courage

Courage

Da er aber genau in Erfahrung bringen wollte, weshalb dieser von den Juden angeklagt wurde, liess er ihm anderntags die Fesseln lösen und befahl den Hohen Priestern und dem ganzen Hohen Rat, sich zu versammeln. Und er liess Paulus hinunterführen und vor sie treten. Paulus schaute sie an und sagte zum Hohen Rat: Brüder, mit reinem Gewissen habe ich mein Leben vor Gott geführt bis auf den heutigen Tag. Da befahl der Hohe Priester Ananias denen, die bei ihm standen, ihn auf den Mund zu schlagen. Darauf sagte Paulus zu ihm: Dich wird Gott schlagen, du getünchte Wand! Du sitzt hier, um über mich zu richten nach dem Gesetz, und wider das Gesetz befiehlst du, mich zu schlagen? Die Umstehenden sagten: Du willst den Hohen Priester Gottes schmähen? Paulus erwiderte: Ich wusste nicht, Brüder, dass er Hoher Priester ist; es steht ja geschrieben: Einem Fürsten deines Volkes sollst du nicht fluchen. Apg 22,30-23,5

Die Gegenwart Gottes gibt Mut. Wer sich nicht in seine Welt verliert, wer sich nicht in das verstrickt, was es ausserhalb und innerhalb von sich selbst gibt, wer stattdessen in der Unmittelbarkeit des Augenblicks stabilisiert ist, gewinnt Mut – Mut, um ernst zu nehmen, was sich ihm intuitiv zeigt, Mut, um seiner Inspiration zu folgen und Dinge zu tun, die sitzen. Solcher Mut ist kein Akt des eigenen Willens, sondern der unmittelbaren Gegenwart. Er sucht nicht das Seine, sondern nimmt die ganze Situation in Blick, er verfügt über keine Macht, aber verändert das Spiel. Das Ergebnis von solchem Mut bleibt stets offen, doch in ihm blitzt die Wirksamkeit von Gottes stiller Gegenwart auf. Er offenbart die bedingungslose Freiheit des Moments, und er zeigt, dass die Geschichte jeden Augenblick indeterminiert und offen ist.

In dieser unsicheren, von Angst geprägten Zeit ist solcher Mut gefragt. Das Tempo der Veränderungen nimmt rasant zu. Der Kampf um Aufmerksamkeit beschleunigt die mediale Überreizung. Kriege decken Schwachstellen in den Lieferketten auf, sorgen für Versorgungsengpässe und intensivieren die politisch motivierte Propaganda. Wie schafft in all dem Gottes Gegenwart Mut? Offensichtlich sorgt sie nicht für eine Gegenwelt, die tröstet, indem man sie für wahr hält, und sie richtet keine religiöse Sonderwelt auf, die stärkt, indem sie ein politisches Programm propagiert. Sie ist kein fundamentalistisches Konzept, an das man glauben, und keine ideologische Konstruktion, die man sich zurechtlegen kann. Ihr Mut ist frei von Fanatismus, frei von missionarischem Eifer, frei von menschlicher Verfügbarkeit. Gleichwohl ist das Potential solchen Muts jeden Moment gegenwärtig, bedingungslos, aus reiner Gnade. Ist Gott gegenwärtig, wird es spürbar. Offenbart sich das Geheimnis des Moments, wird es wirksam.

Unser Predigttext führt dies exemplarisch vor und macht deutlich, wie sich solcher Mut in der Praxis zeigt. Worauf weist er uns hin?

Er erzählt eine weitere Episode des heissgewordenen Konflikts, in welchem sich Paulus seit seinem Besuch in Jerusalem befindet. Unterdessen hat ihn der römische Oberst in der Burg Antonia in Gewahrsam genommen. Von jüdischer Seite hat er bisher nichts Zuverlässiges zum Konflikt erfahren (Apg 21,34), aber auch die Sicht von Paulus ist für ihn unklar. Als er Paulus ins Verhör nehmen will, beruft sich dieser auf sein römisches Bürgerrecht. Was für ihn als Römer gegenüber Nichtrömern und Sklaven Standard ist, ist ihm damit gegenüber Paulus verwehrt: Er darf aus ihm nicht unter Folter ein Geständnis herauspressen (Apg 22,25-29). Der Grund des Konflikts zwischen Paulus und den Juden Jerusalems ist für ihn damit weiterhin ungeklärt.

Unser Predigttext setzt hier ein. Die Initiative geht vom Obersten aus (V30). Er möchte endlich in Erfahrung bringen, weshalb Paulus von den Juden angeklagt wird. Zu diesem Zweck lässt er Paulus die Fesseln lösen und befiehlt den Hohen Priestern und dem ganzen Hohen Rat sich zu versammeln. Ihm geht es nicht um eine formale Sitzung des Hohen Rats. Ihre Einberufung ist nicht in seiner Kompetenz. Der Oberst will bloss die Kontrahenten einander gegenüberstellen, um den Grund ihres Konflikts zu verstehen. Er lässt deshalb Paulus von seinem Verliess in der Burg Antonia herunterführen und vor sie treten. Dabei beobachtet er genau, was nun geschieht.

In der Erzählung des Lukas übernimmt Paulus sogleich die Führung (V1). Er schaut seinen Gegnern ins Gesicht und spricht sie an. Seine Anrede mit «Brüder» ist mutig, aber sie macht deutlich, dass er nicht die Konfrontation sucht. Wie bereits in seiner Apologie (Apg 22,1-21) steht im Zentrum, dass er sich als Jude unter Juden sieht. Und er fügt an, dass er mit reinem Gewissen sein Leben vor Gott geführt hat bis zum heutigen Tag. Aus seiner Sicht könnte das Teilen von Gottes Gegenwart als Verbindung zwischen ihnen verstanden werden. Doch der Hohe Priester Ananias versteht die Aussage als Provokation (V2). Wie der jüdische Historiker Josephus berichtet, ist Ananias seit etwa 47/48 im Amt und wird 59 vom römischen Prokurator Felix abgesetzt. Als der jüdische Krieg ausbricht, wird er von Zeloten als Römerfreund umgebracht. In der Situation vor dem Obersten inszeniert er sich als Autorität: Er befiehlt denen, die bei ihm stehen, Paulus auf den Mund zu schlagen. Offensichtlich sucht er nicht die Annäherung, sondern die Verurteilung von Paulus.

Doch Paulus hält ihm auf Augenhöhe entgegen (V3). Wie er gerade schlagen lässt, soll er von Gott geschlagen werden. Der Gedanke erinnert an jüdische Weisheit, dass auf den Verursacher zurückfällt, was er an Unrecht getan hat (vgl. Ps 7,16; 57,7; 141,10; Spr 26,27). Selbstbewusst bezeichnet er den Hohen Priester als getünchte Wand. Auch damit erinnert er an ein Weisheitswort, das davon spricht, dass eine Wand, die bloss mit Tünche verputzt ist, bei Regen rasch einbricht (Ez 13,15). Hier belegt er seine Aussage damit, dass der Hohe Priester vorgibt, nach dem Gesetz über Paulus zu richten, jedoch wider das Gesetz befiehlt, ihn zu schlagen. Der Hohe Priester mag mit Amt und Würde auftreten. Doch diese übertünchen bloss seine Gesetzlosigkeit. Paulus setzt also auf Konfrontation.

Diese provoziert nun allerdings einen weiteren Wortwechsel (VV4-5). Die Umstehenden verteidigen den Hohen Priester und werfen Paulus vor, diesen zu schmähen. Sogleich macht Paulus einen Rückzieher. Erneut spricht er sie mit «Brüder» an und behauptet, nicht gewusst zu haben, dass er Hoher Priester sei, und erneut präsentiert er sich als Jude, der sich bewusst ist, dass im Gesetz geschrieben steht, dass man einem Fürsten seines Volkes nicht fluchen soll (vgl. Ex 22,27). Paulus setzt also auf eine mutige Strategie. Als Gefangener des römischen Machtapparats und als Einzelperson, die der jüdischen Behörde gegenübersteht, ist er klar in der schwächeren Position. Doch er tritt seinen Kontrahenten auf Augenhöhe entgegen und argumentiert mit ihren Gemeinsamkeiten: das Teilen von Gottes Gegenwart und das Halten des Gesetzes. Aus seiner Sicht ist der Konflikt unnötig und könnte sogleich beigelegt werden. Der Oberst ist damit der Antwort auf seine Frage, was der Grund des Konflikts ist, keinen Schritt nähergekommen.

Die Besinnung heute auf diesen Predigttext lässt uns über jenen Mut nachdenken, der sich in demjenigen kristallisiert, der den Weg in Gottes Gegenwart geht. Was ist das für ein Mut, und was für ein Konfliktverhalten ermöglicht er?

Es ist ein Mut, der sich der Autorität von Gottes Gegenwart verdankt und jede weltliche Autorität entzaubert. Sie sucht das Teilen des Moments auf Augenhöhe und unterläuft jedes Machtspiel, das sich an Äusserlichkeiten und Propaganda orientiert. Obwohl Paulus in unserem Predigttext formal in der unterlegenen Position ist, lässt er sich vom Auftritt der jüdischen Amtsträger nicht einschüchtern. Er ergreift vielmehr sogleich das Wort und präsentiert sich ihnen gegenüber so wie er sich sieht: als einer, der sein Leben mit reinem Gewissen vor Gott lebt, bis zum heuten Tag. Die mutige Initiative wird zwar als Provokation verstanden und entsprechend quittiert. Doch sie demonstriert sofort die Stärke, in welcher Paulus spricht. Das Unterlaufen institutioneller Machtverhältnisse ist stets riskant. Die Gegenwart Gottes schafft einen Mut, der dafür nicht blind ist, vor ihrem Zauber aber keine Angst hat (vgl. Apg 5,29).

Solcher Mut ist nicht konfliktscheu, sondern bewährt sich in der Hitze des Gefechts. Verankert in der Stärke von Gottes Gegenwart und frei von Angst vor Eskalation, nutzt er den Angriff des Kontrahenten sogleich zum Gegenangriff. Die Schläge auf den Mund sind für Paulus der Impuls, dem Hohen Priester auf entsprechende Weise zu antworten. Er kritisiert ihn als getünchte Wand und argumentiert genau mit dem Gesetz, auf das dieser seine Macht gründet. Der Mut, der in Gottes Gegenwart entsteht, nimmt wahr, was ihm entgegenkommt. Doch dies verleitet ihn nicht zur Flucht, sondern zu einer Aktion, die widersteht, indem sie ihre Möglichkeiten nutzt und ohne falsche Scheu selbst angreift. Solcher Mut trägt Konflikte aus, ist dabei jedoch hellwach, kontrolliert und im Kontakt mit dem, was hier und jetzt passiert. Seine Orientierung bleibt in jedem Moment die Gegenwart Gottes.

Auf diese Weise ist solcher Mut situationsadäquat und frei von Eigendynamik. Der Mut der Gegenwart Gottes ist kein Selbstläufer, der nur sein Ziel verfolgt, aber den Weg aus dem Blick verliert. Als Paulus damit konfrontiert wird, dass er den Hohen Priester schmäht, passt er sich sogleich an und betont erneut die gemeinsame Grundlage. Für ihn ist klar, dass der Konflikt noch nicht gelöst ist und dass er parat für die Fortsetzung sein muss. Solches Konfliktverhalten bewährt sich auch heute in diplomatischen und kriegerischen Auseinandersetzungen – etwa für die Ukraine im russischen Angriffskrieg, indem sie weit besser als Russland agil, kreativ und anpassungsfähig bleibt. Mut in Gottes Gegenwart ist nicht stur und engstirnig, sondern weiss um das Potential des Augenblicks. Er vergisst nicht, dass die Lösung des Konflikts nicht vorliegt, solange der Moment unter den Kontrahenten nicht geteilt wird, und er sucht deshalb jenen Weg, der diesen Moment näherbringt. Solcher Mut kämpft, aber er erkennt den andern, und er kennt sich selbst.

Unsere Welt, wie sie sich gegenwärtig zeigt, mag Unsicherheiten und Ängste wecken. Doch die Gegenwart Gottes gibt jeden Moment Mut – Mut, um Autoritäten ohne falsche Scheu entgegenzutreten, Mut, um Konflikte auszutragen, Mut, um situationsadäquat zu bleiben und den Weg nicht aus dem Blick zu verlieren. Beten wir also, dass wir solchen Mut gewinnen und mit ihm den Weg in Gottes Gegenwart gehen. Amen.

Predigt vom 21. Juni 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander

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