Der Sohn der Schwester des Paulus aber hörte von dem geplanten Anschlag; er kam, verschaffte sich Zutritt zur Kaserne und berichtete Paulus davon. Paulus liess einen der Hauptleute zu sich rufen und sagte zu ihm: Führe diesen jungen Mann zum Oberst, denn er hat ihm etwas mitzuteilen. Der nahm ihn mit, führte ihn zum Oberst und sagte: Der Gefangene Paulus hat mich zu sich rufen lassen und mich gebeten, diesen jungen Mann zu dir zu führen, er habe dir etwas zu sagen. Der Oberst nahm ihn bei der Hand, trat mit ihm zur Seite und erkundigte sich: Was hast du mir mitzuteilen? Der sagte: Die Juden sind übereingekommen, dich zu bitten, Paulus morgen zum Hohen Rat hinunterführen zu lassen, man wolle dort Genaueres über ihn erfahren. Du aber traue ihnen nicht! Denn unter ihnen sind mehr als vierzig Männer, die ihm auflauern; sie haben sich geschworen, weder zu essen noch zu trinken, bis sie ihn getötet haben. Sie stehen jetzt bereit und warten auf die Zusage von deiner Seite. Da entliess der Oberst den jungen Mann und schärfte ihm ein: Sag niemandem, dass du mir dies hinterbracht hast. Apg 23,16-22
Wie könnte Gottes Gegenwart im Hier und Jetzt nicht Grund zum Jubeln sein! Ist Gott in mir, in jeden Menschen, in allem, was es gibt, gegenwärtig, manifestiert sich die Ewigkeit in der Zeit. Jenes unfassbare Informationspotential, in welchem alles miteinander verbunden ist und das wie eine hochkomplexe Wahrscheinlichkeitswelle das ganze Universum durchdringt, kristallisiert sich auf einmal als konkretes Etwas, wird dinghaft und fassbar. Das Geheimnis dieses Informationspotentials hört damit nicht auf, Geheimnis zu bleiben. Doch in seiner stillen Präsenz entfaltet es im Hier und Jetzt Wirkung, bringt Getrenntes in Kontakt und Unverbundenes in Dialog. Wird Gott gegenwärtig, ist das Bedingungslose im Bedingten, Geist und Materie sind nicht getrennt, und was bloss möglich scheint, wird auf einmal Wirklichkeit. Genau das macht Gottes Gegenwart zu einer indeterminierten Wundertüte. Jeden Moment enthüllt sie mehr, jeden Moment bringt sie Neues zum Vorschein.
Was damit angedeutet ist, mag zunächst irritieren und unverständlich scheinen. Halte ich mich an meine alltägliche Erfahrung, weiss ich, dass ich mir mit meinem Verstand manches ausdenken kann, das mit meiner materiellen Wirklichkeit nichts zu tun hat. Täglich erfahre ich, dass Denken, Sprechen, Empfinden und Tun keineswegs immer übereinstimmen. So kann ich mir ein von einem grossen Geist beseeltes Universum vorstellen. Orientiere ich mich an diesem platonischen, panpsychistischen bzw. pantheistischen Denken, ist Materie für mich bloss ein Epiphänomen des Geistes, gleichsam dessen äusserste Kruste. Ich kann mich umgekehrt indes an die Materie halten und mein Bewusstsein als Produkt meines Gehirns interpretieren. In einem solchen materialistischen Denken mag sich das Geistige als eigene Seinsweise manifestieren, bleibt jedoch ein biochemisches Emergenzphänomen der Evolution.[1]
Gehe ich den Weg in Gottes Gegenwart, halte ich mich weder an Geist noch an Materie, sondern orientiere mich an ihrem Gegensatz und suche den nichtdualen Weg dazwischen. Auf diesem Weg der Nichtdualität ist die Bedingungslosigkeit Gottes ständig in der Bedingtheit dieses Universums gegenwärtig. Gott und Welt, Unbedingtes und Bedingtes sind wie Welle und Teilchen fundamental verschieden, aber können voneinander nicht getrennt werden. Bin ich im Geheimnis des Moments, überlagert sich beides und fällt in eins. Mein rationaler Verstand kann das eine zwar nur nach dem anderen in Blick nehmen, doch ist beides unmittelbar da. Ist Gott gegenwärtig, ist das Geheimnis des Universums im Hier und Jetzt.
Unser Predigttext berichtet am Beispiel einer Episode im Leben von Paulus, wie sich dies konkret manifestieren kann. Tauchen wir also ein in diese Geschichte, die uns Lukas über die Gegenwart Gottes erzählt!
Nach einer heftigen Kontroverse zwischen Paulus auf der einen Seite und den Hohen Priestern und dem ganzen Hohen Rat auf der andern vor dem Vertreter der römischen Besatzungsmacht (Apg 22,30-23-10), eskaliert der Konflikt weiter. Eine Gruppe von vierzig Männern aus dem zelotischen Milieu verschwört sich gegen Paulus und plant in Absprache mit den Hohen Priestern und den Ältesten einen Anschlag mit dem Ziel, Paulus zu töten. Alles ist so eingefädelt, dass der Attentäter unentdeckt bleibt und kein Verdacht auf die jüdische Behörde fällt (Apg 23,12-15).
Unser Predigttext erzählt nun, wie Paulus davon erfährt (V16). Der Sohn seiner Schwester hört nämlich vom geplanten Anschlag und setzt alles daran, seinen Onkel umgehend zu informieren. Was ihn dazu genau motiviert, wird nicht gesagt. Er geht zur Burg Antonia, verschafft sich Zutritt zur Kaserne und berichtet Paulus, was er gehört hat. Dieser befindet sich offenbar in leichtet Haft und kann problemlos Besuch empfangen. Für Paulus ist sogleich klar, was er zu tun hat (V17). Er lässt einen der Hauptleute zu sich rufen und gibt ihm die Anweisung, den jungen Mann zum Oberst zu führen. Er habe ihm etwas mitzuteilen. Der Hauptmann zögert nicht, die Anweisung zu befolgen (V18). Er nimmt den jungen Mann mit, führt ihn zum Oberst und informiert diesen völlig korrekt, was geschehen ist. Die Erzählung des Lukas vermittelt den Eindruck, dass der junge Mann, Paulus sowie der Hauptmann Hand in Hand arbeiten und die Informationsübertragung zum Oberst perfekt und störungsfrei von statten geht.
Dieser Eindruck wiederholt sich, als der junge Mann vor dem Oberst steht (VV19-22). Dem Oberst ist sogleich klar, dass er in heikler Mission handelt. Ohne Zögern lässt er sich auf den jungen Mann ein, nimmt ihn bei der Hand, tritt mit ihm zur Seite und erkundigt sich, was er zu sagen habe. Dieser informiert den Oberst, dass ihn die Juden bitten wollen, Paulus morgen zum Hohen Rat führen zu lassen, um über ihn Genaueres zu erfahren. Doch der Oberst soll ihnen nicht trauen. Denn es werden ihm mehr als vierzig Männer auflauern. Sie haben geschworen, weder zu essen noch zu trinken, bis sie ihn getötet haben. Parat sind sie bereits, sie warten bloss darauf, dass der Oberst seine Zusage gibt und Paulus zu ihnen bringen lässt.
Die ausführlich rapportierte Rede des jungen Mannes enthält keine neuen Informationen. Ihre Absicht in der Erzählung ist dennoch klar: Sie will deutlich machen, dass er ohne Umschweife, unbefangen, klar und korrekt genau das übermittelt, was er weiss. Beim Oberst kommt die Botschaft genau so an, wie sie gemeint ist. Er entlässt den jungen Mann und schärft ihm ein, niemandem zu sagen, dass er ihm diese Nachricht hinterbracht hat. Ihm liegt daran, dass sich der junge Mann nicht unnötig in Gefahr bringt, während er in Bezug auf Paulus in aller Diskretion die nötigen Vorkehrungen treffen kann. Die Fortsetzung erzählt dann, wie er Paulus in der folgenden Nacht nach Cäsarea zum Statthalter Felix bringen lässt und so das geplante Attentat vereitelt (VV 23ff).
Dieser Predigttext motiviert uns dazu, über das Teilen von Information in Gottes Gegenwart nachzudenken. Wird der Moment geteilt, entsteht unmittelbares Verstehen zwischen den Beteiligten. Was heisst das?
Machen wir uns zunächst dies bewusst: Das Teilen von Gottes Gegenwart, ist das Teilen von Information. Wer im Geheimnis des Moments miteinander verbunden ist, teilt eine Einsicht, die ohne jedes eigene Zutun aufblitzt und nur im miteinander geteilten Geheimnis des Augenblicks entsteht. In unserem Predigttext zeigt sich dies am Beispiel der Informationsübertragung vom jungen Mann zu Paulus und über den Hauptmann zum Oberst. Sie geschieht anschaulich und nachvollziehbar, aber so reibungslos und ohne jeden Verlust, als ob Raum und Zeit unwesentlich wären und sie in einem einzigen, miteinander geteilten Moment geschähe. Das Teilen der Information in Gottes Gegenwart ist ein Zusammenspiel von Wahrscheinlichkeit und Zufall, Spielregeln bzw. Einschränkungen (constraints) und Freiheit.[2] Es lässt sich in seinen einzelnen Schritten erklären, aber überrascht mit seiner Unmittelbarkeit. Eingeloggt in das Geheimnis des Moments verstehen wir intuitiv, fraglos, ohne Zögern, wir staunen, wie die Information im Kontext passt, und wir wissen, was wir zu tun haben.
Eine solche Information wird in Gottes Gegenwart ermöglicht, geht jedoch aus der Situation, auf die sie bezogen ist, hervor, und bekommt in dieser ihre Bedeutung. Die Gegenwart Gottes ist gleichsam ihr Katalysator. Sie entsteht nicht ohne sie, aber bleibt unvermischt mit ihr. Die Information, um die es in unserem Beispiel geht, ist die Entscheidung der vierzig Männer, Paulus zu töten. Sie ist das Ergebnis ihres Willens, die auf ihren Moment wartet, um wirksam zu werden. Von Gott ist im ganzen Abschnitt nicht die Rede. Zur Information des Moments wird sie indes, indem sie vom jungen Mann zum Oberst gelangt und für diesen zur Warnung wird. Alles andere ist unwichtig. Heute werden wir von einer Fülle von Informationen geflutet. Teilen wir all diese Daten in Gottes Gegenwart, trennen wir die Spreu vom Weizen. Uns wird klar, was wir beiseitelegen und sein lassen können, und wir verstehen, was das, was übrigbleibt, für uns bedeutet. Die Information, die wir in Gottes Gegenwart miteinander teilen, ist das Ergebnis einer Läuterung, die Reduktion aufs Wesentliche, die Essenz dessen, was hier und jetzt unmittelbar Sache ist.
Schliesslich ist die in Gottes Gegenwart geteilte Information eine dialogische Information. Sie geschieht, wo im Geheimnis des Moments durch Dialog potenziell vorhandene Verbundenheit konkret realisiert wird. Dabei kann grundsätzlich alles mit allem in Dialog treten. In unserem Predigttext sind es ein junger jüdischer Mann und ein römischer Offizier, welche die Information des Moments miteinander teilen und ohne Zögern entsprechend handeln. Doch in der Gegenwart Gottes ist alles mit allem verbunden, kann in Dialog miteinander treten und die Information des Moments teilen. In Augenblicken wacher Intuition blitzt dies auf und offenbart, was möglich ist, wenn wir im Geheimnis des Moments eingeloggt sind. Doch wir können in Gottes Gegenwart ständig in Dialog treten – als Körper mit uns selbst, als Individuum mit unserer Umwelt, als Mensch mit dem ganzen Universum. Wir können die Information verstehen, die sich uns in diesem Moment offenbart und die uns klar macht, was wir zu tun haben. Eine kritische Überprüfung dessen, was wir verstanden haben, wird damit nicht obsolet. Doch die Richtung ist gesetzt. Die Information, die sich uns auf diese Weise zeigt, hat stets gute Chancen, sich zu bewähren.
Das Geheimnis des Moments ist eine Wundertüte, die viel mehr zu bieten hat, als wir uns vorstellen können. Fern von jeder Wirklichkeitsverweigerung offenbart es uns, was hier und jetzt Sache ist. Lassen wir uns darauf ein, teilen wir die Information, die es uns offenbart und uns klar macht, was wir zu tun haben. Wie könnten wir also Gottes Gegenwart nicht dankbar sein, und wie könnten wir uns nicht darüber freuen, ihre Information miteinander zu teilen! Beten wir deshalb, dass wir das Geheimnis des Moments verstehen und begreifen, was unser nächster Schritt ist. Amen.
[1] So beispielsweise der Evolutionsbiologe Haszprunar, Gerhard (2020, 2. Aufl.): Evolution und Schöpfung. Versuch einer Synthese, Sankt Ottilien: EOS Verlag, 125ff. Gott ist dabei nach seinem Verständnis Person, die ausserhalb der Evolution und zugleich in dieser gegenwärtig ist (137ff).
[2] Anstatt von Naturgesetzen zu sprechen, die gleichsam ewig bzw. zeitlos gelten sollen, ist die Rede von Constraints offener und bedenkt, dass diese allenfalls evolutionär bedingt sind (ebd., 114ff.).
Predigt vom 16. August 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander
