Als nun Paulus in die Kaserne hineingeführt werden sollte, sagte er zu dem Oberst: Darf ich etwas zu dir sagen? Der erwiderte: Du sprichst Griechisch? Du bist also nicht der Ägypter, der vor einiger Zeit einen Aufstand angezettelt und die viertausend Sikarier in die Wüste hinausgeführt hat? Paulus sagte: Ich bin ein Jude, aus Tarsus in Kilikien, und Bürger dieser nicht unbedeutenden Stadt. Ich bitte dich, gestatte mir, zum Volk zu sprechen. Nachdem er die Erlaubnis erhalten hatte, stellte sich Paulus auf die Stufen der Treppe, und mit einer Handbewegung gebot er dem Volk zu schweigen. Da wurde es still, und er redete sie in ihrer Sprache an und sagte auf Hebräisch: Apg 21,37-40
Die Osterzeit hat begonnen, und die Erinnerung an den Auferstandenen ist geweckt. Diese Erinnerung ist viel mehr als die Vergegenwärtigung eines historischen Ereignisses. Es ist die Erinnerung an Gottes Gegenwart in unserm nichtdualen Selbst. Die Geschichte von der Auferstehung des Gekreuzigten weist gleichnishaft darauf hin. Gott ist im Auferstandenen anders gegenwärtig als an Weihnachten oder an Karfreitag. Auch Geburt und Tod offenbaren Aspekte von Gottes Gegenwart. Doch Ostern deutet an, dass Gott nicht nur in diesem oder jenem gegenwärtig ist, nicht nur in Freud und Leid, nicht nur im greifbaren Etwas oder im ungreifbaren Nichts, sondern jenseits von allen Gegensätzen als unmittelbare Gegenwart, als Essenz des Hier und Jetzt, oder eben als nichtduales Selbst des Menschen, ja aller Materie. Die Erinnerung an den Blitz dieser Unmittelbarkeit verweist auf das Potential, das Gottes Gegenwart birgt, und sie motiviert dazu, es zu erforschen und auf dieser Welt Wirklichkeit werden zu lassen. Die Erinnerung an Ostern ist viel mehr als ein Blick in die Vergangenheit: Sie ist die Aufforderung, das, was sie andeutet, in Gottes Gegenwart zu suchen und die Antwort auf die Frage, die mit der Ostergeschichte gestellt ist, hier und jetzt selbst zu finden.
Wer sich darauf einlassen will, muss den Fokus von Gottes Gegenwart kennen. Jeder Augenblick bietet eine Fülle von Reizen – in der heutigen Flut von Informationen erst recht. Ohne Fokus bin ich wie ein junger Hund. Meine Aufmerksamkeit ist bald hier und bald dort und irrt ununterbrochen vom einen zum andern. So bin ich zwar im Moment, so werde ich jedoch von jedem neuen Moment mitgerissen, verliere mich in der Zeit und finde keinen Zugang zum Geheimnis des Moments. Was also ist der Fokus, der mich so zentriert, dass ich in der Gegenwart Gottes ankomme? Der Hilfsmittel sind viele. Der zentrale Fokus aber ist die Stille im Herzen. Die Stille im Herzen ist jenseits von Puls und Ruhe, und doch mitten darin. Sie offenbart die unmittelbare Freiheit von Gottes Gegenwart, durchdringt den Körper von Kopf bis Fuss bis in die feinsten Äderchen hinein. In der Stille des Herzens wird der Moment integral und umfassend vernehmbar, wie er ist. Ist diese Stille im Herzen gegenwärtig, nimmt das Herz vorbehaltlos wahr, und es akzeptiert vorbehaltlos, was es wahrnimmt – Nahes und Fernes, Freudiges und Leidvolles, Erlöstes und Verstricktes. Und genau damit wirkt es Wunder. Indem es wahrnimmt und das Wahrgenommene akzeptiert, geschieht Veränderung. Es erkennt, was werden will, ist mit Liebe und Weisheit im Flow, erfasst intuitiv, was es zu tun hat, und ist ruhig und klar bei dem, was es hier und jetzt tut. Ist die Aufmerksamkeit auf die Stille im Herzen fokussiert, geschieht das Teilen von Gottes Gegenwart mit Leichtigkeit, und auf einmal geschieht Überraschendes.
Unser Predigttext erzählt auf exemplarische Weise, was sich ereignen kann, wenn der Fokus auf die Stille im Herzen geklärt ist und Gott gegenwärtig wird.
Ihm geht eine dramatische Szene voraus. Paulus ist auch hier Protagonist. Das Thema seiner grossen Mission – die Verbundenheit von Juden und Heiden in der bedingungslosen Gegenwart Gottes – hat ihn nach Jerusalem geführt. Doch als er beim Herumgehen in der Stadt von Juden aus der Gegend von Ephesus erkannt wird, kommt es zum Tumult. Seine jüdischen Gegner wittern ihre Chance, Paulus endlich aus dem Weg zu räumen. Sie schleppen ihn zum Tempel hinaus und machen sich daran, ihn zu lynchen. Nur das dezidierte Auftreten des römischen Obersten und seiner Soldaten verhindert, dass sie ihr Ziel erreichen. Der Oberst versteht zwar, dass Paulus der Anlass des Tumults ist, doch gelingt ihm im Lärm nicht, den Grund der Aufregung in Erfahrung zu bringen. Er befiehlt deshalb, Paulus in Ketten zu leben und in die Kaserne zu bringen, ihn damit aber auch vor der wütenden Menge zu schützen. Paulus, um den sich alles dreht, ist bei all dem völlig still und tritt als Handelnder nicht in Erscheinung (Apg 21,27-36). Dies ändert sich jedoch in unserem Predigttext.
Als nämlich die Soldaten daran sind, Paulus über die Treppe hinauf zur Kaserne zu bringen, gelingt ihm, den Obersten anzusprechen (V37). Er tut dies in elegantem Griechisch und mit ausgesuchter Höflichkeit. Das Vorgehen bewährt sich. Der Oberst ist überrascht, dass er Griechisch spricht und wird nachdenklich. Er hatte nämlich eine Vermutung, wen er vor sich hat, bekommt nun aber Zweifel, dass sie zutrifft, und sieht sich aufgrund der Art und Weise, wie ihn Paulus anspricht, genötigt, sie zu überprüfen (V38). Er fragt ihn, ob er nicht jener Ägypter sei, der vor einiger Zeit einen Aufstand angezettelt und viertausend Sikarier in die Wüste hinausgeführt habe. Das Ereignis, auf das er Bezug nimmt, wird vom jüdischen Historiker Josephus berichtet (Antiquitates Judaicae XX 169; Bellum Judaicum II 261-263f). Dieser erzählt, dass ein ägyptischer Jude im Lande Anhänger sammelte und diese zuerst in die Wüste und dann auf den Ölberg führte. Dort wollte er die Mauern Jerusalems – wie einst Josua die Mauern Jerichos – einstürzen lassen. Erst das Einschreiten der Römer setzte dem Aufstand ein Ende. Der Ägypter verschwand auf geheimnisvolle Weise, doch die Sikarier (von lateinisch sicarii = Dolchmänner), also die jüdischen Terroristen, blieben. Mit diesen Ereignissen vertraut, vermutet der Oberst zunächst, er habe nun jenen Ägypter vor sich. Doch weil er unterstellt, dass dieser nicht Griechisch spricht, Paulus ihn jedoch in dieser Sprache und auf gepflegte Art anspricht, kommen ihm die Zweifel.
Paulus ergreift die Gelegenheit und erklärt sich (V39). Selbstbewusst, aber ohne jede Überheblichkeit, gibt er ihm zu verstehen, dass er ein Jude und Bürger der nicht unbedeutenden Stadt Tarus sei. Als solcher hat er eine Bitte an den Obersten: Er möchte zu der Menge sprechen. Der Oberst steigt darauf ohne Zögern ein (V40). Er lässt sich von der wütenden Menge nicht beeindrucken, sieht keinen Grund, Paulus möglichst rasch in der Kaserne in Sicherheit zu bringen und glaubt offenbar an die Möglichkeit, dass Paulus in der Lage ist, die Menge zum Zuhören zu bringen. Nachdem ihm der Oberst die Redeerlaubnis erteilt hat, stellt sich Paulus auf die Stufen der Treppe und gebietet dem Volk mit der Geste des Rhetors zu schweigen. Und tatsächlich werden die Leute still, und er spricht sie auf Hebräisch, also in ihrer aramäischen Umgangssprache, an. Historisch mag dieser Erfolg von Paulus zweifelhaft sein. Doch für Lukas gibt es keine Zweifel: Die Stille im Herzen von Paulus wirkt, stärkt die Souveränität des Obersten, beruhigt die Situation und deeskaliert den Tumult. Die Fortsetzung erzählt dann, wie Paulus zu einer längeren Verteidigungsrede anhebt, in welcher er einerseits seine Nähe zur jüdischen Zuhörerschaft heraushebt, diese andererseits aber damit konfrontiert, dass er als Jude vom Gerechten – den Namen «Jesus» vermeidet er – beauftragt wurde, die bedingungslose Gegenwart Gottes auch mit den Heiden zu teilen (Apg 22,1-21).
Die Besinnung auf diesen Predigttext jetzt, in der Osterzeit, lässt uns darüber nachdenken, wie Gottes Gegenwart mit dem geklärten Fokus auf die Stille im Herzen wirkt. Was also gibt er uns zu bedenken?
Zunächst illustriert er, was die Geschichte von der Auferstehung des Gekreuzigten gleichnishaft in Erinnerung ruft: Gott ist im nichtdualen Selbst des Menschen jeden Moment gegenwärtig. Ist der Fokus auf Gottes Stille im Herzen geklärt, kann die Potentialität, die darin steckt, im Hier und Jetzt Wirklichkeit werden. Paulus ist davon seit seinem Damaskuserlebnis geleitet. In seiner Verteidigungsrede, die er gleich an die wütende Menge richten wird, wird er darauf Bezug nehmen (Apg 22,6-11). Erfüllt von Gottes stiller Gegenwart im Herzen hat er seine grosse Mission unternommen, jeden Moment geübt und keine persönlichen Opfer gescheut. So gefestigt in jenem Selbst, das er in Gottes Gegenwart ist, ist er schliesslich sehenden Auges das Risiko eines erneuten Besuchs in Jerusalem eingegangen. Ist der Fokus auf Gottes Stille im Herzen geklärt, ist die Gnade von Gottes bedingungsloser Freiheit in Glück und Pech, Freud und Leid, Erfolg und Misserfolg ständig gegenwärtig. Ob in Bewegung oder Ruhe, beim Musikzieren oder Schreiben, in einer schwierigen Sitzung oder einem privaten Gespräch – mit der entsprechenden Übung kann er in jeder Situation gesetzt werden. Ein solcher Fokus gibt persönliche Souveränität, um das Hier und Jetzt wahrzunehmen und anzuerkennen, wie es ist, ein solcher Fokus verstrickt sich nicht in die Umstände, sondern sucht mit Liebe und Weisheit, was sich im Moment bewähren könnte, und setzt darauf, dass es Wirklichkeit wird. Der geklärte Fokus auf die Stille im Herzen ermöglicht, dass die Erinnerung an das, was die Geschichte von der Auferstehung des Gekreuzigten erzählt, im Hier und Jetzt zur Erfahrung wird.
Die Stille im Herzen hat ihr Momentum. Wer auf sie fokussiert ist, rennt nicht gegen die Wirklichkeit an und versucht nicht zu ändern, was nicht zu ändern ist. Er hat Ruhe, Geduld und Aufmerksamkeit, jenen Moment zu erwischen, in welchem mit geringstem Aufwand die beste Wirkung erzielt wird. Als der Tumult gegen ihn eskaliert, muss Paulus mit seiner Ermordung rechnen und sich dem Lauf der Dinge ergeben. Als jedoch der Oberst mit seinen Soldaten auftritt und ihn in Gewahrsam nimmt, ergreift er seine Chance, um mit ihm in Kontakt zu treten und für sich einzustehen. Die Stille im Herzen gibt ihm Unbefangenheit, Mut und Sensibilität, um den Tumult hinzunehmen, aber auch, um gegenüber dem Obersten den Ton zu treffen und mit ihm den Moment zu teilen. Sein Aufwand ist minimal. Ein geklärter Fokus auf die Stille im Herzen lässt sich vom Lärm, den die Angst vor Misserfolg oder die Sehnsucht nach Erfolg verursachen, nicht verführen. Wer seinen Fokus in der Stille seines Herzens gefunden hat, bleibt vielmehr in der unmittelbaren Freiheit der Gegenwart Gottes, nimmt hin, was nicht zu ändern ist, aber ergreift die Chance, die sich bietet. Die Stille im Herzen erkennt und anerkennt den Moment, und sie motiviert dazu, das Momentum zu nutzen.
Schliesslich schafft ein geklärter Fokus auf die Stille im Herzen Vertrauen. Ist das Momentum gegeben, kann dieses Vertrauen wachsen und sich vom Menschen, von dem es ausgeht, über Raum und Zeit verströmen und einen Boden schaffen, auf welchem sich Konflikte entspannen und kreative Lösungen entstehen. Als der Tumult eskalierte und eine Eigendynamik entwickelte, wurde die Stille im Herzen von Paulus vom Lärm übersteuert und blieb wirkungslos. In der überhitzen und dauererregten Zeit von heute ist dies bestens nachvollziehbar. Doch im Moment, in welchem sich der Oberst auf Paulus einlässt, beginnt dessen Stille im Herzen zu wirken. Sie schafft beim Obersten Vertrauen, und mit ihm im Rücken, lässt sich auch die aufgebrachte Menge auf Paulus ein. Die Aufregung legt sich, und Paulus kann seine Rede halten. Die Geschichte mag eine Legende sein, doch ihre Botschaft ist dennoch realistisch: Ist die Stille im Herzen eines Menschen gut verkörpert, wirkt sie auf alle, die bereit sind, sich auf sie einzulassen. Sie schafft Vertrauen, Verbundenheit und die Chance für einen gemeinsamen nächsten Schritt. Wer auf sie setzt, gewinnt Vertrauen und lässt sich von ihr leiten. Ist der Fokus auf die Stille im Herzen geklärt, wirkt bereits diese Präsenz. Ich lasse mich von dem, was gerade geschieht, nicht verwirren und vertraue, dass mein Moment kommt, in welchem durch mich mit minimalem Aufwand sogar Unwahrscheinliches geschieht und Überraschendes Wirklichkeit wird.
Die Erinnerung an die Auferstehung des Gekreuzigten jetzt, in der Osterzeit, ist eine Ermutigung, den Fokus der Gegenwart Gottes zu klären und in der Stille des eigenen Herzens anzukommen. Auf diese Weise entstehen bedingungslose Freiheit für die Wirklichkeit, wie sie hier und jetzt ist, Wachheit für das Teilen des Moments und Vertrauen in gemeinsame Lösungen. Beten wir also, dass wir wissen, wo wir unsere Aufmerksamkeit sammeln, und dass wir auf die Stille in unserem Herzen fokussiert bleiben. Amen.
Predigt vom 19. April 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander
