Sie waren schon dabei, ihn zu töten, als den Oberst der Kohorte die Meldung erreichte, dass ganz Jerusalem in Aufruhr sei. Dieser nahm sofort Soldaten und Hauptleute mit sich und eilte zu ihnen hinab. Als sie den Oberst und die Soldaten sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen. Der Oberst, als er dann da war, liess ihn festnehmen und befahl, ihn mit zwei Ketten zu fesseln; dann erkundigte er sich, wer das sei und was er getan habe. Aus der Menge schrien die einen dies, die anderen das. Da er bei dem Lärm nichts Zuverlässiges in Erfahrung bringen konnte, befahl er, ihn in die Kaserne zu bringen. Als dieser aber an die Freitreppe kam, musste er von den Soldaten getragen werden, denn das Volk wurde gewalttätig. Die Volksmenge lief hinterher und schrie: Weg mit ihm! Apg 21,31-36
Karfreitag ist der Moment der Erinnerung an Gottes stille Gegenwart. An Karfreitag zeigt sich diese Stille in ihrer ganzen, unheimlich unfassbaren Unmittelbarkeit. Der Vorhang im Tempel zerreisst von oben bis unten (Mk 15,38parr). Gott ist unmittelbar gegenwärtig. Doch seine unmittelbare Gegenwart offenbart sich nicht als Dies oder Das, nicht als Gut oder Böse, nicht als Leben oder Tod, sondern als bedingungslose Freiheit, die die Kreuzigung nicht verhindert und den Dingen ihren Lauf lässt. Sie schafft weder Recht und Gerechtigkeit noch sorgt sie dafür, dass ihre Fairness geteilt wird (Mk 15,6-15parr). Die Stille von Gottes Gegenwart an Karfreitag erinnert an beides: an die bedingungslose Freiheit des Augenblicks, und zugleich an Leid und Schmerz, die entstehen, indem genau sie missbraucht und ausgenutzt wird, das Stärkere sein eigenes Recht durchsetzt und die Fairness mit Füssen getreten wird.
Damit aber öffnet sie eine unerschöpfliche und subversive Erkenntnisquelle: Die Stille von Karfreitag bringt in Erinnerung, was vom Lärm der Welt übersteuert, verdrängt und ignoriert wird. Sie tut dies nicht mit lauter Gebärde und aktivistischem Geschrei, sie tut dies einzig und allein mit ihrer stillen Präsenz. Diese stille Präsenz ist die Freiheit, die den Lärm des Alltags und das Rauschen der täglichen Flut von Informationen unterläuft und empfindsam ist für das Klagen des Unerlösten und das Seufzen der Schöpfung (Röm 8,22). In ihr wird das Schreien derer, die unter Gewaltregimen leiden, hörbar. Die stille Präsenz Gottes bringt aktuelles und nahes, aber ebenso vergangenes und entferntes Leiden zu Ohren. Sie lässt den Schmerz der Ungehörten, der in ihrer Freiheit Verstümmelten, der in ihrer Verstrickung Gefangenen ins Herz dringen, und sie weckt die Motivation, dem Gehörten Gehör zu verschaffen und Anerkennung zu geben. Die Freiheit von Gottes stiller Gegenwart kann missbraucht und missachtet werden, doch sie hält die Erinnerung wach, und diese Erinnerung ist Widerstand und das Zeichen ihrer Wirksamkeit hier und jetzt.[1]
Unser Predigttext handelt genau davon, indem er eine Episode aus dem Leben von Paulus in Erinnerung ruft. Was berichtet er?
Die Situation ist dramatisch. Paulus ist mit einer Delegation von Vertretern der von ihm gegründeten Gemeinden nach Jerusalem gereist. Als er mit einem von ihnen, dem Epheser Trophimus, durch die Gassen Jerusalems geht, wird er von Juden, die ihn von Ephesus kennen, erkannt. Sie bringen das ganze Volk in Aufruhr und rufen die Israeliten vor Ort um Hilfe. Ihre Anklage gegen Paulus ist massiv. Die ganze Stadt kommt in Aufregung, Paulus wird ergriffen, aus dem Tempel geschleppt, die Tore werden hinter ihm geschlossen, und ihm wird jede Möglichkeit genommen, in den Tempel zurückzuflüchten. Die Absicht ist klar: Paulus soll an Ort und Stelle gelyncht werden (Apg 21,27-30).
An dieser Stelle setzt unser Predigttext ein. Die Menge ist bereits daran, Paulus zu töten, als der Oberst vernimmt, dass ganz Jerusalem in Aufruhr sei (V31). Die Nordwestecke des Tempelplatzes wird von der Burg Antonia überragt. Sie dient als Kaserne einer etwa 1000 Mann starken römischen Kohorte. Von dort wird die Unruhe auf dem Tempelplatz rasch erkannt. Der Oberst – er ist Tribun und heisst, wie später berichtet wird (Apg 23,26), Claudius Lysias – interveniert unverzüglich (V32). Er nimmt Hauptleute und Soldaten mit sich und eilt zum Tumult hinab. Als die Menge die Römer kommen sieht, hört sie auf, Paulus zu schlagen. Der Oberst behält auch jetzt die Führung (V33). Er lässt Paulus festnehmen und mit zwei Ketten fesseln. Er signalisiert der Menge auf diese Weise, dass er verstanden hat, dass Paulus als Übeltäter betrachtet wird. Zugleich versucht er, Ruhe in das entfesselte Geschehen zu bringen. Er erkundigt sich, wer das sei und was er getan habe. Das jedoch misslingt (V34). Aus der Menge schreien die einen dies und die andern das. Der Lärm ist so gross, dass für ihn unmöglich ist, etwas Zuverlässiges in Erfahrung zu bringen. Er befielt deshalb, Paulus in die Kaserne zu bringen. Anders als Pilatus, der Jesus der entfesselten Menge überlässt (Mk 15,15parr), wird hier Paulus vom Oberst und seine Soldaten gerettet (V35). Die Ankündigung des Agabus erfüllt sich (Apg 21,11), doch dass Paulus gefesselt und den Heiden übergeben wird, ist seine Rettung. Als er schliesslich in die Burg Antonia abgeführt wird, eskaliert der Tumult noch einmal. Das Volk wird gewalttätig, und die Soldaten müssen den gefesselten und geschlagenen Paulus die Treppen hochtragen und vor der Menge schützen. Die Stimmung bleibt geladen (V36). Die Volksmenge läuft hinter den Soldaten her und schreit: Weg mit ihm!
Aus Sicht des Lukas ist dies eine Zäsur in der Geschichte Jerusalems. In Jerusalem hat der Auferstandene seine Verheissung gemacht, dass das Evangelium von hier bis an die Enden der Erde ausgeht (Apg 1,8). In Jerusalem hat das Pfingstwunder dieser Verheissung kurz darauf Flügel gegeben (Apg 2). Nun aber lehnt Jerusalem Paulus, den Zeugen Jesu, ab, und die Geschichte nimmt mit der Intervention der Römer eine unerwartete Wendung. Die Verheissung des Auferstandenen wird damit nicht relativiert. Die Gegenwart Gottes, die alle Menschen, die ganze Welt, ja das ganze Universum miteinander verbindet, bleibt mit ihrer bedingungslosen Freiheit jeden Moment unmittelbar gegenwärtig. Doch Jerusalem erinnert nun nicht mehr nur an diese Freiheit, sondern ebenso an deren Missbrauch. Der Bruch zwischen Jerusalem und der Verheissung Jesu ist damit für Lukas geschehen. Die christliche Gemeinde in Jerusalem hat ihre Bedeutung verloren. Auf sie kommt er nicht mehr zu sprechen. Doch die Erinnerung an die Ablehnung von Paulus durch Jerusalem und die Intervention der Römer macht aus seiner Sicht ebenso deutlich, dass diese Geschichte nicht abgeschlossen, sondern offen ist.
Heute ist Karfreitag. Heute erinnern wir uns an die Stille der Gegenwart Gottes im Moment der Kreuzigung Jesu. Und heute erinnern wir uns an diese Stille Gottes in all den leidvollen Geschichten, die auf dieser Welt geschehen. Was gibt uns unser Predigttext hierzu zu bedenken?
Zuerst erinnert er daran, dass die Stille von Gottes Gegenwart die Freiheit zum Wahrnehmen des Hier und Jetzt ist. Wer mit dieser Stille vertraut ist, ist frei, um klar und aufmerksam wahrzunehmen, was im Moment geschieht. In unserem Predigttext scheint Gott völlig abwesend. Mit keiner Silbe wird er erwähnt, und der Tötungsversuch nimmt seinen Lauf, als ob Gott nicht gegenwärtig wäre. Doch nichts ist verkehrter als dies. Die Dinge geschehen, wie sie geschehen, weil das Momentum der bedingungslosen Freiheit gegeben ist und diejenigen, die Paulus beseitigen wollen, ihre Chance ergreifen. Doch dies geschieht nicht im Verborgenen, sondern in aller Öffentlichkeit. Es wird nicht verdrängt oder verleugnet, sondern wahrgenommen und anerkannt, festgehalten und erzählt. Wer in der Gegenwart von Gottes Stille ist, ist nicht anästhesiert und mutlos, sondern hellwach und dazu befreit, wahrzunehmen und anzuerkennen, was hier und jetzt ist, ohne schon bewerten, interpretieren oder eingreifen zu müssen. Diese bedingungslose Freiheit zur Wahrnehmung des Hier und Jetzt macht stark. Das Kreuz von Karfreitag ist das Zeichen dieser Stärke.
Sodann zeigt sich diese Stärke im Mut zur Erinnerung an den Missbrauch dieser Freiheit. Die Stille von Gottes Gegenwart ist in allem, was es gibt, gegenwärtig, schafft Verbundenheit und zielt auf Fairness, Recht und Gerechtigkeit. Fordern demgegenüber Menschen ihr Recht einzig und allein aufgrund ihrer Stärke, ohne auf Fairness und Gegenseitigkeit zu achten, missbrauchen sie diese Freiheit. Der Mut, dies stets neu in Erinnerung zu rufen, ist die zweite Stärke. Unser Predigttext tut dies, indem er an den unfairen Tötungsversuch der Jerusalemer Juden erinnert. Er markiert damit den Bruch zwischen dem jüdischen und dem christlichen Weg und den Anfang einer leidvollen getrennten und doch gemeinsamen Geschichte. Die Stille von Gottes Gegenwart ruft diese Geschichte in Erinnerung. Und sie schafft eine Erinnerungskultur, die an die unzähligen Geschichten erinnert, in denen das Teilen von Gottes Gegenwart zerbrochen ist und Partikularinteressen die Verbundenheit zwischen Familien und Freunden, Völkern, Kulturen und Religionen zerstören. Diese Erinnerung ist Widerstand gegen das Verdrängen der Verbundenheit, gegen den Verlust der Menschlichkeit, gegen das Vergessen der Freiheit. Deshalb ist die Erinnerung an Karfreitag ein subversives Zeichen von Stärke. Sie erinnert im Angesicht ihres Missbrauchs durch individuelles Verhalten oder repressive autokratische Systeme an die Fairness, die im Teilen von Gottes Gegenwart steckt.
Schliesslich schafft der Mut zur Erinnerung Zuversicht. Die Stille von Gottes Gegenwart ruft die Vergangenheit in Erinnerung und erinnert an den Fluss der Zeit. Alles, was geworden ist, hat seine Zeit, vergeht und bleibt nicht ewig. Unser Predigttext macht dies deutlich. Als die Menge schon dabei ist, Paulus zu töten, nimmt die Situation mit dem energischen Eingreifen des römischen Obersten eine überraschende Wendung. Paulus wird nicht umgebracht. Er wird zwar in Fesseln gelegt, so aber gerettet. Die Stille von Gottes Gegenwart hat auch da nicht eingegriffen, sondern den Dingen den Lauf gelassen. Die Geschichte ist ihren Gesetzmässigkeiten gefolgt und hat sich als Spiel von Wahrscheinlichkeit und Zufall weiterentwickelt. Das Eingreifen des Obersten mag wunderhaft erscheinen. Doch ein Ereignis im Rahmen des Wahrscheinlichkeitsfelds ist stets möglich und kein Hinweis auf Gottes Eingreifen. Die Stille von Gottes Gegenwart erfüllt mit Liebe und Weisheit, weiss um Glück und Pech, Erfolg und Misserfolg und lässt sich darauf ein, dass die Geschichte jeden Moment weitergeht und auch eine positive Wendung nehmen kann. Dies zu wissen, gibt Vertrauen und Zuversicht. Auch diese Stärke steckt in der Erinnerung von Karfreitag.
Die Stille von Gottes Gegenwart an Karfreitag mag zunächst unheimlich sein, Zweifel und Ängste auslösen und mit dem Abgrund von Demut und Verlassenheit konfrontieren. Doch die Erinnerung an sie erinnert an die bedingungslose Freiheit zum Wahrnehmen des Hier und Jetzt, an all das, was unter dem Lärm repressiver Systeme begraben ist und an die Zuversicht, sich dennoch mit Liebe und Weisheit auf den Lauf der Geschichte einzulassen. Sich daran zu erinnern ist die Stärke von Karfreitag, sich daran zu erinnern macht Gottes stille Präsenz stark. Beten wir also, dass wir von der Karfreitagsstille erfasst und gestärkt werden. Amen.
[1] So die eindrückliche Dokumentation zu «Memorial international»: Memorial. Erinnern ist Widerstand (2025): Irina Scherbakowa, Filipp Dzyadko, Elena Zhemkova (Hrsg.), München: C.H.Beck. «Memorial» ist eine aus der ersten breiten gesellschaftlichen Bewegung der späten Sowjetunion 1987/88 hervorgegangen Menschenrechtsbewegung. Ihr Ziel war und ist es, den Opfern des kommunistischen Regimes zu historischer Gerechtigkeit zu verhelfen und die jahrlange Unterdrückung der Wahrheit über die Verbrechen der sowjetischen Führung zu beenden. «Memorial» leistete über gut 30 Jahre wertvolle Arbeit. 2022 wurde «Memorial» zusammen mit Institutionen aus Belarus und der Ukraine mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt. Wenig zuvor, kurz nach der russischen Invasion, verfügte das oberste Gericht der russischen Föderation die Auflösung von «Memorial». Unterdessen ist die Arbeit von «Memorial» extrem schwierig geworden.
Predigt vom 3. April 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander
