Als die sieben Tage zu Ende gingen, sahen ihn die Juden aus der Asia im Tempel; und sie brachten das ganze Volk in Aufruhr, ergriffen ihn und schrien: Israeliten, helft uns! Das ist der Mensch, der, wo immer er auftritt, mit dem, was er lehrt, alle Welt aufbringt gegen unser Volk, gegen das Gesetz und gegen diese Stätte. Sogar Griechen hat er in den Tempel geführt und diese heilige Stätte entweiht! Sie hatten vorher nämlich Trophimus, den Epheser, mit ihm zusammen in der Stadt gesehen und meinten nun, Paulus habe ihn in den Tempel mitgenommen. Da geriet die ganze Stadt in Aufregung, und das Volk lief zusammen; man ergriff Paulus und schleppte ihn aus dem Tempel, und gleich darauf wurden die Tore geschlossen. Apg 21,27-30
Fairness gehört untrennbar zum Teilen von Gottes Gegenwart. Wer Gott jeden Moment in allen Dingen erkennt, respektiert nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitmenschen, die Welt, in welcher er lebt, das ganze Universum, in welchem er sich befindet. Deshalb erzählt die Bibel, dass Gott Mose die Zehn Gebote gibt, deshalb erinnert sie immer wieder daran, dass Gott Recht und Gerechtigkeit liebt, deshalb hält sich Jesus an die Goldene Regel und setzt auf das Liebensgebot, und deshalb geht Paulus in die Welt hinaus und ringt um faire Nähe der Heiden mit den Juden. Ist Gott in allen Dingen gegenwärtig, wird das Individuelle gewürdigt, das Einmalige beachtet und die Motivation begründet, dies zu respektieren, wertzuschätzen und fair zu behandeln. Fairness ist kein blosses Accessoire der geteilten Gegenwart Gottes, sondern sie geschieht im Moment, in dem Gottes Gegenwart miteinander geteilt wird, mit innerer Notwendigkeit.
Die Fairness der geteilten Gegenwart Gottes ist damit ein Kontrastprogramm gegenüber dem Anspruch von Mächtigen, aufgrund ihrer Macht zu definieren und einzufordern, was ihnen recht ist. Die Frage, ob das Stärkere aufgrund seiner Stärke das Recht hat, seine Interessen durchzusetzen, haben indes bereits die Sophisten mit Sokrates diskutiert. Der griechische Historiker Thukydides hat dem Thema in seinem grossen Werk über den Peloponnesischen Krieg ein Denkmal gesetzt (5,84–116).[1] Er erzählt ausführlich davon, wie die Bewohner der kleinen Insel Melos gegenüber den übermächtigen Athenern argumentieren, um ihre Freiheit zu behalten. Sie erinnern diese nämlich daran, dass Macht und Stärke vergänglich sind und dass auch für sie der Moment kommen könnte, in welchem sie dankbar sind, wenn das Stärkere ihnen gegenüber Recht und Gerechtigkeit beachtet. Ihre Argumente überzeugen die Athener indes nicht. Sie erobern die Insel mit Gewalt und zerstören das Gemeinwesen. Doch obwohl die Melier eine grausame Niederlage erleiden, gibt ihnen die Geschichte recht. Nur zehn Jahre später, im Jahr 405 v. Chr., wird Athen von Sparta erobert und erlangt nie mehr seine frühere Macht. Die Geschichte spricht für sich, und dennoch hält sich die Illusion eines Rechts des Stärkeren hartnäckig. Nietzsche hat es vor allem in seinen Schriften «Zur Genealogie der Moral», «Jenseits von Gut und Böse» und im «Der Antichrist» mit seinem Bekenntnis zur «Herrenmoral» implizit nochmals auf den Thron gesetzt und argumentiert, dass es gegenüber dem Übermenschen ungerecht sei, wenn dieser nicht sein Recht gegen die «Sklavenmoral» der Schwächeren durchsetzen könne.[2] Heutige Autokraten in Ost und West folgen seiner Argumentation nur allzu gern, um ihre Machtansprüche zu legitimieren. Der Hinweis auf die Geschichte der Athener mag da zwar lästig sein, aber sie könnte sich über kurz oder lang auch als weise Warnung entlarven.
Unser Predigttext erzählt eine kleine Episode aus der grossen Geschichte des Ringens zwischen Fairness auf der einen Seite und dem Durchsetzen eigner Rechtsansprüche durch das Stärkere auf der andern. Was hält uns diese Episode vor Augen?
Sie erzählt von einem Wendepunkt in der Biographie von Paulus. Von hier bis zum Ende der Apostelgeschichte wird Paulus als Gefangener dargestellt, den eine eigenartige Ambivalenz auszeichnet. Er ist zwar seinem übermächtigen Umfeld ausgeliefert und in seiner Handlungsfreiheit massiv eingeschränkt, doch indem Gott in ihm gegenwärtig ist und durch seine stille Präsenz wirkt, behält Paulus trotz allem grosse Souveränität. Zudem steht er auch in dieser Zeit im Kontakt zu seinen christlichen Gemeinden. Die deuteropaulinische Literatur gibt über diese Jahre der Gefangenschaft aus der Sicht von Paulusschülern Auskunft (vgl. Kol 4,7; Eph 6,21).
Die Gefangennahme von Paulus hat ihre Vorgeschichte. Als Paulus mit Jakobus und den Ältesten der Jerusalemer Urgemeinde zusammenkommt, ist diesen sogleich klar, dass es zum Tumult mit der traditionellen, im mosaischen Gesetz verankerte Judenschaft kommen könnte. Sie verlangen von ihm deshalb den Vollzug eines Rituals nach den mosaischen Vorgaben, das seine Gesetzestreue demonstrieren soll. Paulus steigt darauf ohne Zögern ein. Als das Ritual schon fast erfolgreich abgeschlossen ist, tritt das Befürchtete dennoch ein.
Unser Predigttext erzählt, was geschieht. Am siebten und letzten Tag des Rituals geht Paulus in den Tempel, um alles den Weisungen gemäss zu Ende zu führen und damit zu erfüllen (V27). Doch in dem Moment wird er von Juden aus der Asia, also vermutliche der Region Ephesus, erkannt. Sofort lösen sie einen Tumult aus. Sie halten ihn fest und mobilisieren das ganze Volk. Auch wenn dies zweifellos eine Übertreibung ist, so liegt Lukas offensichtlich daran, den vollständigen Bruch mit dem Judentum herauszuheben. Die Auslöser des Tumults schreien und rufen die umstehenden Israeliten um Hilfe (V28). Die Anschuldigungen, die sie erheben, sind massiv. Die erste ist genereller Natur: Sie behaupten, dass Paulus der Mensch sei, der mit seiner Botschaft alle Welt gegen das Gottesvolk und seine heiligen Institutionen, das Gesetz und den Tempel, aufbringe. Die zweite ist unmittelbar gefährlich: Sie beschuldigen ihn, er habe soeben unreine Heiden in den Tempel geführt und damit die Regeln dieses heiligen Ortes missachtet. Heiden dürfen zwar den Tempelplatz besuchen, doch ist ihnen der Zutritt zum inneren Vorhof unter Todesstrafe untersagt. Ihre Behauptung ist also, sie hätten Paulus in flagranti dabei ertappt, wie er das mosaische Gesetz mit Füssen tritt. Lukas stellt sogleich heraus, dass dies ein Missverständnis ist (V29). Sie haben zwar Paulus mit dem ihnen aus Ephesus bekannten Trophimus in der Stadt gesehen (Apg 20,4); doch ihre Behauptung, er habe Trophimus auch in den Tempel mitgenommen, trifft nicht zu. Das Unheil ist indes angerichtet (V30). Die ganze Stadt kommt in Aufregung, und das Volk läuft zusammen. Paulus wird festgehalten und aus dem Tempel geschleppt. Das Ziel ist klar: Er soll gelyncht werden. Der Innenbereich des Tempels darf nach jüdischem Recht nicht durch einen Mord verunreinigt werden, doch indem die levitische Tempelpolizei die Tore schliesst, wird Paulus die Flucht zurück in den Tempel verunmöglicht. Das Schicksal von Paulus scheint also besiegelt. Die Möglichkeit, aus der Position der Stärke zu definieren, was Recht ist, wird ergriffen und mit roher Gewalt durchzusetzen versucht. Die Fortsetzung wird dann berichten, dass die Römer aufmarschieren, Paulus in Ketten legen, in Gewahrsam nehmen, ihm damit aber das Leben retten (VV31-36).
Was lehrt uns diese Geschichte über jene Fairness, die untrennbar zum Teilen von Gottes Gegenwart gehört?
Die Fairness der Gegenwart Gottes ist universeller Natur und bezieht alle Menschen, alle Lebewesen, ja alles, was es gibt, mit ein. Sie schafft bedingungslose Freiheit, Liebe und Weisheit gegenüber allem, was hier und jetzt ist, damit aber auch die Fähigkeit zur Anpassung an situationsbedingte Gegebenheiten. Der Weg in die Gegenwart Gottes motiviert Paulus zu seiner Reise nach Jerusalem. Er lässt sich nicht davon abbringen, dass Juden und Heiden im Teilen dieses Wegs auf faire Weise miteinander verbunden sind. Er ist auch bereit, sich auf die in diesem Moment gebotenen Regeln einzulassen und das geforderte Reinigungsritual zu erfüllen, selbst wenn dies für das bedingungslose Teilen der Gegenwart Gottes unnötig ist. Die Fairness der geteilten Gegenwart Gottes ist an keine Bedingungen gebunden. Die Uno-Deklaration der Menschenrechte von 1948 spiegelt etwas davon. In der Gegenwart Gottes haben alle Menschen ihre Würde und Freiheitsrechte, unabhängig von den äusseren Umständen. Entsprechendes gilt für Gemeinwesen und Nationen, entsprechendes gilt für andere Lebewesen, die Natur, ja alles, was es gibt. Das Teilen der Gegenwart Gottes gilt bedingungslos, aber respektiert die Bedingtheit des Individuellen, Situativen und Kontextabhängigen. Ihre Fairness ist nicht stur und prinzipienhaft, sondern grosszügig, pragmatisch und anpassungsfähig. Sie orientiert sich an der Freude, das Geheimnis des Moments miteinander zu teilen.
Allerdings ist dieses faire Teilen von Gottes Gegenwart so fragil wie der Moment. Ständig ist es davon bedroht, von Interessen übersteuert und korrumpiert zu werden. Wer gerade über die nötige Stärke verfügt, kann diese einsetzen und die Gunst des Augenblicks für eigene Zwecke nutzen. Wie Thukydides den Meliern hat Lukas mit seinen Texten nicht nur Jesus, sondern auch Paulus ein Denkmal gesetzt. Als die Juden aus Ephesus Paulus in Jerusalem erkennen, sehen sie ihren Moment gekommen. Jetzt sind sie die Stärkeren, jetzt können sie vollbringen, was ihnen in Ephesus versagt ist. Sie definieren, was für sie als Recht gilt, und sie zögern nicht, entsprechende Konsequenzen umgehend und ohne fairen Prozess umzusetzen. Eine eindringliche Warnung an jede naive, gut gemeinte, aber realitätsblinde Absicht, Gottes Gegenwart teilen zu wollen, ist damit gesprochen. Wer könnte etwas gegen Pazifismus einwenden? Wer indes Frieden will, muss den Krieg vorbereiten. Was spricht gegen eine freie Gesellschaft? Wer aber Freiheit will, muss sie schützen und mit den nötigen Mitteln verteidigen. Weshalb sollte das faire Teilen von Gottes Gegenwart nicht attraktiv sein? Wer davon überzeugt ist, darf allerdings nicht vergessen, dass genau dies jeden Moment von Rechtsansprüchen derer, die gerade stärker sind, bedroht ist – vielleicht, weil diese in der Mehrzahl sind, vielleicht, weil sie ein Messer oder eine andere Waffe haben, vielleicht, weil sie schlicht und einfach ihr eigenes Ziel verfolgen. Die Fairness von Gottes Gegenwart wirkt aus sich selbst, aber sie geschieht nur dort und dann, wo sie nicht übersteuert wird und geeignete Gegenmassnahmen ergriffen werden, sie ist ein Moment der Gnade, aber sie ereignet sich nur in jenem Hier und Jetzt, in welchem sie dankbar angenommen und für sie gekämpft wird.
Der Weg in die Gegenwart Gottes bleibt deshalb ein riskantes Unternehmen, das sich einerseits der Gnade verdankt, andererseits aber in der Verantwortung dessen liegt, der für diesen Weg einsteht. Paulus ist das Risiko eines Angriffs auf seine Person sehenden Auges eingegangen. Er will seinen Dienst vollenden, sein Leben ist ihm nicht der Rede wert (Apg 20,24). Auch wenn er nun beinahe gelyncht wird und keine faire Behandlung erfährt, so ist er aus lukanischer Sicht gleichwohl nicht Opfer, dessen gute Gesinnung mit Füssen getreten wird, sondern selbstbestimmt und selbstverantwortlich als Zeuge von Gottes Gegenwart auf dem Weg. Dieser Weg sucht Fairness, Recht und Gerechtigkeit. Fehlt dies, wird dieser Weg nicht geteilt. Doch ihr Zeichen ist die Selbstverantwortung. Wer in der Gegenwart Gottes ist, ist sich selbst. Vor dieser ist er für seine Handlungsimpulse und deren Auswirkungen verantwortlich. Bin ich in Gottes Gegenwart, zeigt sich mein Wollen in meinem Tun. Ich identifiziere mich nicht mit einer Gesinnungsethik, sondern transformiere diese in eine Verantwortungsethik. So bleibe ich auch in Leid und Unglück auf dem Weg in Gottes Gegenwart, so hindert mich auch die Erfahrung fehlender Fairness nicht daran, die Fairness der geteilten Gegenwart Gottes zu suchen. Diese Fairness ist mehr als eine zeitlose Absicht, sie ist die Tat im Hier und Jetzt.
Der Weg in die Gegenwart Gottes steht ein für grundlegende Fairness, für Recht und Gerechtigkeit. Doch wer diesen Weg geht, ist nicht blind für die Tatsache, dass das Stärkere sein Recht aufgrund eigener Interessen definieren, durchsetzen und die Fairness mit Füssen treten kann und ergreift in Liebe und Weisheit passende Massnahmen. Er hält sich dazu an seine Selbstverantwortung und freut sich, wenn die Fairness von Gottes Gegenwart im Hier und Jetzt geteilt wird. Beten wir also, dass uns das gelingt und dass wir nicht aufhören, diese Fairness zu suchen und zu verwirklichen. Amen.
[1] Thukydides (1966; Nachdruck 2000): Der Peloponnesische Krieg. Übersetzt und herausgegeben von Helmuth Vretska und Werner Rinner, Stuttgart: Reclam Universal-Bibliothek 1808.
[2] Nietzsche, Friedrich (1980): Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, Giorgio Colli, Mazzino Montinari (Hg.), München / Berlin: Deutscher Taschenbuch Verlag / Walter de Gruyter.
Predigt vom 15. März 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander
