Giving account – part 2

Giving account – part 2

Gebt acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der heilige Geist als fürsorgliche Hirten eingesetzt hat, zu weiden die Kirche Gottes, die er sich erworben hat durch sein eigenes Blut. Ich weiss, dass nach meinem Weggang reissende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen werden. Und aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die in ihren Reden alles verdrehen, um die Jünger hinter sich zu scharen. Darum: Seid wachsam und erinnert euch stets daran, dass ich drei Jahre lang, Tag und Nacht, nicht aufgehört habe, einen jeden von euch unter Tränen zu ermahnen. Und nun vertraue ich euch Gott an und dem Wort seiner Gnade, das die Kraft hat, aufzubauen und das Erbe auszuteilen an alle, die geheiligt worden sind. Silber oder Gold oder Kleidung habe ich von niemandem begehrt. Ihr wisst selbst, dass ich mit diesen meinen Händen für meinen Unterhalt und den meiner Begleiter aufgekommen bin. In allem habe ich euch gezeigt, dass man sich mit solcher Arbeit der Schwachen annehmen und dabei der Worte des Herrn Jesus eingedenk sein soll. Er hat ja selbst gesagt: Geben ist seliger als nehmen. Apg 20,28-35

Gottes Gegenwart ist Erwachen – Erwachen aus dem Schlaf von Unaufmerksamkeit, Verlorenheit, Unfreiheit. Ist Gott gegenwärtig, werden die Sinne geweckt und die Wahrnehmung geschärft. Gefühle werden erkennbar und der Bezug zum eigenen Körper ruhig und klar. Selbsterkenntnis und Welterkenntnis gehen Hand in Hand. Ein dichtes Netz von Verbindungen und Austausch zwischen sich und anderen, sich und den Kontexten, in denen man sich bewegt, wird erkennbar. Das Ich verliert seine Verstricktheit und wird frei von sich selbst. In Gottes Gegenwart, erwacht das Selbst, jenes nichtduale Selbst, das nicht im Dies und Das gefangen ist, nicht das Eigene sucht und nicht vom Ich beherrscht wird. Es vergegenwärtigt Gott im Menschen, befreit ihn von seiner Ichbezogenheit, aber bringt ihn gerade so zu dem, was er hier und jetzt ist. Das Erwachen in Gottes Gegenwart ist die grosse Befreiung, die Gnade von Gottes Liebe und Weisheit, der Segen in Leben und Sterben.

Dieses Erwachen geschieht aus sich selbst, völlig natürlich, aus reiner Gnade, ohne jede menschliche Einwirkung. Es kann in keiner Weise vereinnahmt, manipuliert oder verfügbar gemacht werden. Seine Gegenwart ist ein nichtduales, mystisches Ereignis mitten in der Dualität des raumzeitlichen Daseins. Wer dafür einstehen will, ist deshalb gefordert. Er soll mit seinem Dasein und auf seine persönliche Weise für etwas zeugen, das nicht in seiner Kontrolle steht, seinem Zugriff entzogen ist, aber unmittelbar durch ihn geschieht. Engagierte Kulturarbeit soll sich in müheloser Natürlichkeit zeigen, und ein anspruchsvoller und komplexer Lernprozess soll hier und jetzt in vollendeter Einfachheit körperlich werden. Doch genau darum geht, wenn Gottes Gegenwart zum Erwachen kommen soll.

Der Weg zum Erwachen in Gottes Gegenwart ist ein Weg in Gemeinschaft. Alle stehen jeden Moment am Anfang dieses Wegs, alle bedürfen zuweilen der Unterstützung, alle können die Gegenwart Gottes mit andern teilen und ihren Beitrag leisten. Wer eine leitende Funktion einnimmt und über institutionelle Macht verfügt, steht indes in besonderer Verantwortung. Auf einmal können sich persönliche Interessen und institutionelle Aufgaben vermischen und der Weg in die Gegenwart Gottes vergessen gehen, auf einmal kann die Verwaltung des Bestehenden die Oberhand gewinnen und das Management der Organisation das mystische Erwachen in der Gemeinschaft zum Ersticken bringen. Bereits ein kurzer Blick in die Geschichte der Kirchen oder in die aktuelle Politik der verschiedenen Kirchen dieser Welt zeigt, dass Leitungsverantwortung zwar wichtig, aber riskant ist, dass sie grosse Integrität verlangt und von Machtmissbrauch nie gefeit ist. Umso wichtiger ist deshalb, das Erwachen im Kontext institutioneller Macht zu reflektieren und sich darüber Rechenschaft zu geben, was hier gefordert ist. Unser Predigttext wendet sich genau dieser Frage zu.

Er ist der zweite Teil jener Rechenschaft, die Paulus aus Sicht des Lukas in Milet ablegt. Auf seiner Reise nach Jerusalem hat er in der traditionsreichen, griechischen Hafenstadt Halt gemacht und die Ältesten der christlichen Gemeinde von Ephesus zu sich gerufen. In einer gemeinsamen Retraite bilanziert Paulus sein bisheriges und sein kommendes Wirken und nimmt Abschied. Die Leitungsverantwortung geht nun von der zweiten auf die dritte Generation über. Lukas nimmt dies zum Anlass, über das paulinische Erbe zu reflektieren und festzuhalten, was dazu aus seiner Sicht von Bedeutung ist. Im ersten Teil der Rede hat er zunächst auf den Dienst von Paulus in Demut hingewiesen. Nichts hat Paulus vom Weg in die Gegenwart Gottes verschwiegen (VV18b-21). Weiter hat er das Leiden angekündigt, das Paulus in Jerusalem erwartet. Doch diesem liegt einzig und allein daran, Zeugnis abzulegen vom Evangelium der Gnade (VV22-25). Und schliesslich hat er festgehalten, dass Paulus nicht vorgeworfen werden kann, dass er für den Weg in die Gegenwart Gottes ungenügend eingestanden wäre. Er hat im Gegenteil nichts versäumt, um diesen Weg mitzuteilen (VV25-27)

Hier setzt unser Predigttext ein und macht deutlich, was die Ältesten nun an Verantwortung zu tragen haben (VV28-31). Sie sollen achtgeben auf sich selbst und auf die ganze Herde, in welcher sie vom heiligen Geist als fürsorgliche Hirten eingesetzt worden sind (V28). Das hier benutzte Wort ἐπίσκοπος, von dem sich das deutsche «Bischof» ableitet, wird ganz vom alttestamentlichen Hirtenbild bestimmt (Sach 11,16; Ez 34,11; Ps 23): Sind die Ältesten dank dem heiligen Geist wie Hirten in ihre Leitungsfunktion eingesetzt, dann sollen sie so in der Gegenwart Gottes verankert sein, dass sie in ihr wie Hirten auf die Schafe achtgeben. Gottes Gegenwart soll ihr Amt jeden Moment erfüllen. Denn die Herde ist die Kirche Gottes, die Gemeinschaft derer, welche die Gegenwart von Gott, dem Hirten, verbunden im Kreuz Jesu, miteinander teilen. Gefahren lauern allerdings von zwei Seiten: Von aussen werden reissende Wölfe in die Herde eindringen und die Gemeinde gewaltsam verfolgen (V29) und von innen werden Männer aufstehen, die mit ihren Reden alles verdrehen und bloss darauf aus sind, eine Jüngerschaft um sich zu scharen (V30). Die Verantwortung der Ältesten ist deshalb klar (V31): Sie sollen zuerst und vor allem wach in der Gegenwart Gottes sein. Zudem sollen sie sich daran erinnern, dass genau dies auch Paulus drei Jahre Tag und Nacht gewesen ist und nicht aufgehört hat, einen jeden von ihnen unter Tränen zu ermahnen. Die Wachheit in der bedingungslosen Gegenwart Gottes, zu der bereits Jesus gerufen hat (Mk 13,33-37parr) und zu der Paulus ermahnt (1Kor 8,9), soll auch zukünftig in der Kirche Gottes zentral bleiben (vgl. 1Tim 4,16; 2Petr 3,17; Hebr 3,12; 2Joh 1,8).

Hierauf nimmt Paulus die Zukunft der Ältesten in Blick (VV32-35). Die direkte Begleitung durch ihn geht zu Ende, doch er vertraut sie Gott und dem Wort seiner Gnade an (V32). Dieses hat Kraft, aufzubauen und das Erbe mit allen zu teilen, die in Gottes Gegenwart geheiligt worden sind. Es ist das Kriterium, an welchem sich das Evangelium jeden Moment zu messen hat (V33-34). Deshalb ruft der lukanische Paulus in Erinnerung, dass er Silber, Gold oder Kleidung von niemandem begehrt hat. Für den Unterhalt von sich und sogar von seinen Begleitern ist er selbst aufgekommen. Historisch ist dies zwar kaum zutreffend. Um Missverständnisse zu vermeiden, hat Paulus durchaus auf Unterhalt verzichtet (1Kor 9,15), sonst aber das Recht auf Unterhalt in Anspruch genommen (1Kor 9,3-15). Zudem hat er finanzielle Unterstützung aus Philippi akzeptiert (Phil 4,10-20). Die Botschaft, die Lukas vermitteln will, wird dennoch klar: Jede Bindung der Gegenwart Gottes an Bedingungen korrumpiert ihre Bedingungslosigkeit und entlarvt, dass nicht sie, sondern menschlicher Eigenwille im Zentrum steht. Demgegenüber zeigt Paulus als Vorbild, dass der Nutzen der Arbeit beachtet werden soll (V35). Sie ermöglicht, die Schwachen zu unterstützen und damit der Worte Jesu eingedenk zu sein: Geben ist seliger als nehmen. Dass Geben angenehmer als Nehmen ist, ist ein griechisches Sprichwort, das bereits beim griechischen Historiker Thukydides zu finden ist. Lukas dürfte es als Jesuswort missverstanden, im Kontext der Seligpreisungen gelesen (Lk 6,20ff; Mt 5,3ff) und durch Einfügen von «selig» christianisiert haben. Ihm liegt am Herzen, das grosszügige Geben am Vorbild Jesus leuchten zu lassen.

Die Fortsetzung erzählt dann in herzergreifender Weise vom Abschied (VV36-38). Nachdem Paulus all dies gesagt hat, kniet er nieder und betet mit den Ältesten. Der Abschied bewegt die Gemüter und emotionalisiert sie stark. Sie alle wissen, dass sie sich nicht mehr sehen werden. Schliesslich aber begleiten die Ältesten Paulus zum Schiff.

Was gibt uns dieser Predigttext nun über den Weg zum Erwachen in Gottes Gegenwart zu bedenken? Worüber muss Rechenschaft ablegen, wer institutionelle Leitungsverantwortung trägt?

Im Zentrum christlicher Verantwortungsträger steht, dass sie jeden Moment in der Gegenwart Gottes erwachen und mit dieser Präsenz das Hier und Jetzt wahrnehmen und gestalten. Davon soll ihre institutionelle Funktion erfüllt sein, daran misst sie sich, damit soll ihr ganzes Tun eingefärbt sein. Unser Predigttext illustriert dies mit dem Bild vom Hirten, der auf sich selbst und die Herde achtgibt. An erster Stelle steht das eigene Erwachen in der Gegenwart Gottes. Dieses schafft Selbsterkenntnis und damit – so lehrt die alte, israelitische Weisheit – das Achtgeben auf Herz, Mund, Augen und Füsse (Spr 4,20-27). Die Frucht der Selbsterkenntnis aber ist die Erkenntnis des Kontextes, in welchem man hier und jetzt steht. Sie ermöglicht, sich nicht mit sich selbst im Weg zu stehen, die Gegenwart Gottes mit anderen Menschen zu teilen und so auf die Herde achtzugeben. Das Kreuz Jesu erinnert jeden Moment an die Dringlichkeit, mit der dies geschehen soll. Verantwortungsträger sollen zuerst und vor allem dafür Rechenschaft ablegen. Im Blick steht nicht ihre hierarchische Position, nicht ihre institutionelle Karriere, nicht ihre Führung der Herde, nicht ihre Überwachung von Glaubensbekenntnissen oder moralischem Tun, sondern ihr Erwachen in und ihr Teilen von Gottes Gegenwart. Damit wird einer Mystik das Wort geredet, die von christlichen Verantwortungsträgern bis heute nur allzu leicht übergangen wird und daher kaum klar genug in Erinnerung gerufen werden kann.

Das Erwachen in Gottes Gegenwart verdankt sich nichts als der reinen Gnade Gottes. Wer sich daran orientiert, gibt deshalb acht auf dessen Bedingungslosigkeit. Doch genau diese steht ständig in Gefahr, von menschlichen Machtansprüchen vereinnahmt und übersteuert zu werden. Unser Predigttext warnt die christlichen Verantwortungsträger vor äusseren und inneren Bedrohungen. Heute manifestieren sich erstere etwa als religiöser oder ideologischer Fundamentalismus, als Wille zur Selbstoptimierung oder technologischen Machbarkeit. Setze ich auf Kontrolle, erscheint mir die Idee einer bedingungslosen Gegenwart als Illusion, die ich vielleicht gleichgültig ignoriere, vielleicht ablehne und vielleicht gar bekämpfe. Letztere aber zeigen sich in all jenen Kirchenverantwortlichen, die ihren Bezug zum Erwachen in der Gegenwart Gottes vergessen. Gebe ich als solcher darauf nicht acht, helfe ich bald mit, den Verwaltungsapparat aufzublähen, mich in Strukturreformen zu verlieren, mich den aktuellen Trends anzubiedern und in all dem meinen eigenen Vorteil zu suchen. Wer in einer christlichen Gemeinschaft Verantwortung trägt – ob in einer Leitungsfunktion oder nicht –, ist ständig gefordert, darauf achtzugeben, dass der Weg zum Erwachen in Gottes Gegenwart frei von Eigenwillen und frei in göttlicher Natürlichkeit und Einfachheit geschieht. Das ist seine Verantwortung, das ist das Thema, für das er Rechenschaft ablegen muss.

Schliesslich sind christliche Verantwortungsträger aufgerufen, nicht nur ihre professionelle, sondern ebenso ihre persönliche Lebensgestaltung im Weg des Erwachens in Gottes Gegenwart zu fundieren. Sie sollen diesen Weg mündig und selbstverantwortlich gehen und von ihm in all ihrem Tun und Lassen durchdrungen sein. Paulus entlässt die Ältesten deshalb aus seiner unterstützenden Begleitung und vertraut sie Gott und dem Wort seiner Gnade an. Die bedingungslose Gegenwart Gottes soll ihnen mit ihrer Freiheit, ihrer Liebe, ihrer Weisheit Orientierung sein, für ihre Lebensgestaltung sind sie indes selbst verantwortlich. Das Vorbild von Paulus zeigt ihnen die Richtung. Klar ist nur dies: Halten sie sich an Gottes Gegenwart, agieren sie wie Paulus aus der Fülle und nicht aus einem Defizit. Sie sind nicht vom Hunger nach materiellem oder immateriellem Applaus und Gewinn getrieben, sondern stehen für ihre Lebensgestaltung ein und freuen sich am Geben. Der Weg des Erwachens in Gottes Gegenwart setzt nicht auf Gebote und Verbote, sondern vertraut auf die befreiende Kraft der Grosszügigkeit, die ihm eigen ist. Dessen eingedenk zu sein, befreit christliche Verantwortungsträger von der eigenen Bedürfnisbefriedigung und macht sie frei für ihre Aufgabe.

Der Weg des Erwachens in Gottes Gegenwart wird heute in vielfacher Weise infrage gestellt. Sich darüber miteinander Rechenschaft zu geben, ist deshalb für das gemeinsame Gehen dieses Wegs hilfreich, ja notwendig. Es appelliert an die Selbstkritik, stärkt die Selbstverantwortung und offenbart auf diese Weise jenes Potential, das in der Gegenwart Gottes steckt. Beten wir also, dass wir darüber Klarheit gewinnen und wach auf diesem Weg bleiben. Amen.

Predigt vom 18. Januar 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander

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