Nach fünf Tagen kam der Hohe Priester Ananias mit einigen Ältesten und dem Anwalt Tertullus; sie reichten beim Statthalter ihre Klage gegen Paulus ein. Nachdem man diesen hatte rufen lassen, begann Tertullus mit seiner Anklage und sagte: Frieden haben wir allerorten durch dich, und zum Besseren gewendet hat sich vieles für dieses Volk dank deiner Fürsorge, edler Felix. Allezeit und allenthalben anerkennen wir dies mit grosser Dankbarkeit. Um dich nun nicht über Gebühr zu beanspruchen, bitte ich dich, uns in deiner Güte kurz anzuhören. Wir haben nämlich festgestellt, dass dieser Mann hier eine wahre Pest ist, Unruhe schürt bei allen Juden auf der ganzen Welt und als Anführer der Sekte der Nazarener auftritt. Er hat sogar versucht, den Tempel zu entweihen. Wir haben ihn festgenommen, und wenn du ihn in dieser Sache verhörst, wirst du selber in Erfahrung bringen können, warum wir ihn anklagen. Die Juden bestätigten die Anklage und beteuerten, dass es sich so verhalte. Apg 24,1-9
Das Phänomen ist sonderbar, die Erfahrung eindeutig: Der Weg in die Gegenwart Gottes kann noch so lange beschritten sein, jeder Moment markiert dennoch einen neuen Anfang. Die Erinnerung an frühere Schritte mögen helfen, eingeübte Verhaltensweisen mögen rascher auf den Weg bringen. Doch die gleichen Fragen stellen sich immer wieder neu: Was ist der Dialog, der hier und jetzt geführt werden muss? Und wie artikuliert sich die Unmittelbarkeit von Gottes stiller Gegenwart darin? Die Herausforderung ist programmiert und die kritische Auseinandersetzung mit dem andern, das nun gerade das Gegenüber ist, eingeplant. Nur so freilich kann der Weg in Gottes Gegenwart gegangen werden, nur so hinterlässt er seine Spuren, nur so schafft er Heilung und Befreiung – um doch jeden Moment am Anfang zu beginnen.
Was im Grundsatz leicht klingt, ist in der Praxis zuweilen schwer und anspruchsvoll. Ist das Gegenüber feindlich gesinnt und seine Kritik vernichtend, ist die Hingabe in Gottes Gegenwart und das Stehvermögen im aktuellen Konflikt gefordert. Doch auch hier gilt, was Kleist in seinem Marionettentheater in der berühmten Anekdote vom fechtenden Bären so wunderbar erzählt.[1] Der Erzähler spricht hier mit Herrn C., einem Tänzer, der die Bewegungen von Marionetten bewundert. Sodann geht es um einen schönen Jüngling, der zunächst mit seiner Anmut überzeugt, diese aber in dem Moment verliert, in welchem er sich im Spiegel betrachtet und sich im Bewusstsein seiner selbst zu bewegen versucht. Zum Schluss berichtet Herr C., er habe einen Bären kennengelernt, der erstaunlich gut fechte. Der Bär schaue dem Angreifer mit erhobener Pranke ins Auge, pariere jeden Angriff mit dem Degen und lasse sich von keiner Finte täuschen. Er handle natürlich aus der Unmittelbarkeit des Moments und sei so seinen Angreifern überlegen. Für Kleist ist der Bär nicht bloss eine Kuriosität, sondern er zeigt, worum es ihm geht: Das Selbstbewusstsein im Dialog mit dem andern gehört zur Situation des Menschen. Doch damit dies nicht zu Verstrickung und Verlust der Grazie führt, braucht es – Marionette, Jüngling, Bär zeigen es – natürliche Unmittelbarkeit. Die Beispiele und insbesondere die Anekdote vom Bären illustrieren damit, was der Weg in Gottes Gegenwart für den Umgang mit Kritik ins Zentrum stellt: in der Unmittelbarkeit des Moments parat zu sein für die Auseinandersetzung, in welcher man sich gerade zu bewähren hat. So markiert man, dass man tatsächlich am Start steht, so ist man bereit für Kritik und Gefecht.
Unser Predigttext erzählt eine Episode im Leben von Paulus, in welcher er massiver Kritik ausgesetzt ist und genau dies von ihm gefordert ist. Worum geht es?
Paulus ist gerade unter römischem Begleitschutz aus der gefährlichen Zone in und um Jerusalem nach Cäsarea, dem Sitz des römischen Statthalters, überführt worden. Die Bedrohung durch die Zeloten ist damit weiter weggerückt und der Schutz des römischen Staatsapparats spürbarer geworden. Unser Predigttext macht indes klar, dass er auch hier vor jüdischen Angriffen nicht sicher ist. Diese finden nun allerdings auf dem Boden römischer Rechtsstaatlichkeit vor einem römischen Gericht statt und geben Paulus die Gewissheit, dass die Kritik, der er ausgesetzt ist, und seine Möglichkeiten, auf sie zu reagieren, im Rahmen des römischen Rechts geschehen werden. Dies also sind die Bedingungen, unter denen er die Kritik zu erwarten hat.
Unser Predigttext macht sogleich klar, dass die Behörden Jerusalems in Paulus eine ernsthafte Bedrohung sehen (V1). Nach nur fünf Tagen findet sich eine Delegation von ihnen in Cäsarea ein. Angeführt wird sie von keinem Geringeren als dem Hohe Priester Ananias. Begleitet wird er von einigen Ältesten sowie dem Anwalt Tertullus. Tertullus dürfte ebenso mit jüdischem wie römischem Recht vertraut sein. Seine Aufgabe besteht darin, die jüdische Anklage so vorzubringen, dass deutlich wird, wie römisches Recht verletzt worden ist. Sofort reicht die Delegation ihre Klage beim Statthalter Felix ein, und ordnungsgemäss kümmert sich dieser sogleich darum (V2a). Man lässt ihn rufen und organisiert ein Verhör, in welchem Tertullus als Repräsentant der jüdischen Seite und Paulus einander gegenübergestellt werden.
Sobald Felix vor Ort ist, beginnt Tertullus mit der Anklage. Ganz im Stil eines klassischen Rhetors leitet er sie mit einer ausschweifenden captatio benevolentiae ein, in welcher er dem Statthalter mit handfesten Übertreibungen schmeichelt (VV2b-4). So lobt er den edlen Felix für den Frieden, den er allerorten geschaffen habe, und für das Wohlergehen, das er dem Volk dank seiner Fürsorge gebracht habe. Allezeit und allenthalben werde dies mit grosser Dankbarkeit von jüdischer Seite anerkannt. Sich selbst schliesst er dabei, um der Aussage Gewicht zu geben, ausdrücklich mit ein. Allerdings ist an diesen Schmeicheleien zwar richtig, dass Felix durch sein massives Vorgehen gegen die Zeloten für Ruhe gesorgt hat; doch im Volk ist er weithin unbeliebt. Paulus wird also rasch klar sein, dass er es hier mit einem gewieften Gegner zu tun hat, der mit allen Wassern gewaschen ist.
Elegant leitet Tertullus zum Kern seiner Anklage über (V4). Der Statthalter Felix soll selbstverständlich nicht über Gebühr beansprucht werden, doch bittet er ihn, uns in seiner Güte kurz anzuhören. Auch hier schliesst er sich ausdrücklich mit ein. Die Anklage umfasst drei Punkte (VV5-8).
- stifte Paulus unter den Juden auf der ganze Welt Unruhe. Er sei wie die Pest, die ein ganzes Staatswesen infiziere und krank mache. Angeklagt wird Paulus damit der Verleitung zum Aufruhr (seditio) gegen die staatliche Gewalt. Was also bereits Jesus zum Vorwurf gemacht wird (Lk 23,2), gelte ebenso für Paulus.
- sei er der Rädelsführer der Sekte der Nazarener. Sektenbildung ist zwar kein Straftatbestand. Die christliche Sekte wäre neben derjenigen der Pharisäer und Sadduzäer durchaus legal. Doch weil bereits ihr Gründer Jesus, der Nazarener, staatsfeindlich eingestellt gewesen sein soll, müsse es auch die ganze Sekte sein (vgl. Apg 17,7).
- schliesslich habe Paulus versucht, den Tempel Jerusalems zu entweihen. Das war bereits der Vorwurf der Juden aus Asien, der zur Festnahme von Paulus geführt hat (Apg 21,28f). Da der Tempel unter römischem Schutz steht, läge damit eine Straftat vor, die römisches Recht verletzen würde. Tertullus stellt fest, dass Paulus aus diesem Grund festgenommen worden ist.
Abschliessend gibt er dem Statthalter Felix rhetorisch geschickt zu bedenken, dass er, sobald er Paulus in dieser Sache verhört habe, verstehe, weshalb er von jüdischer Seite angeklagt werde. Aus seiner Sicht ist also alles klar. Sein Plädoyer wird von den anwesenden Juden geteilt (V9). Sie bestätigen die Anklage und beteuern, dass es sich so verhalte.
Die Fortsetzung erzählt dann, wie Paulus Punkt für Punkt der Anklage widerlegt (VV10-21) und wie Felix darauf reagiert (VV22f).
Das Nachdenken über diesen Predigttext stellt uns vor die Frage, wie wir in Gottes Gegenwart Kritik entgegennehmen. Noch geht es nicht um die mögliche Reaktion auf sie. Im Zentrum steht vorerst nur der Moment, in welchem wir mit ihr konfrontiert sind.
Innezuhalten, nicht gleich zu reagieren und sich diese Frage überhaupt zu stellen, schafft die Möglichkeit, dass Gott gegenwärtig sein kann. Es öffnet einen Moment, der zwar die kommende Kritik erwartet, aber in sie nicht verstrickt ist. Der Bär in Kleists Marionettentheater nimmt in diesem Augenblick sein Gegenüber mit erhobener Pranke fest in Blick. Es ist der Moment, das Hier und Jetzt aufmerksam wahrzunehmen, das Kommende still zu antizipieren und die nötigen körperlichen und mentalen Vorbereitungen zu treffen. In unserem Beispiel wird Paulus Tertullus und die jüdische Behörde genau in Blick genommen haben. Er wird sich aber auch bewusst gemacht haben, dass das Verhör im Rahmen römischer Rechtsstaatlichkeit geschieht und Felix nicht sein Gegner ist. Ist das Wissen um Gottes Gegenwart genügend tief verankert, entfaltet sie ihre Wirkung, und ich nutze den Moment, um mich für das Kommende parat zu machen: Mit wem steht in welchem Kontext welche Art von Dialog an? Wie agiere ich aus Gottes Gegenwart darin? Gelingt es, innezuhalten und Klarheit in diesen Fragen zu gewinnen, ist man am Start und bereit, sich der Kritik zu stellen.
Diese Klarheit ist ein unmittelbares Filtern. Sie teilt den Moment mit dem Gegenüber und erfasst augenblicklich, was wichtig und was nebensächlich ist. Der Bär in Kleists Anekdote lässt sich von Finten nicht täuschen, sondern verharrt völlig regungslos. In unserem Predigttext inszeniert Tertullus mit seiner ausführlichen und äusserst schmeichelhaften captatio benevolentiae viel heisse Luft, die den Statthalter einnehmen sowie Paulus verunsichern soll. Bleibe ich in Kritik in Gottes Gegenwart, verschwende ich für Nebensächlichkeiten keine Energie, lasse mich nicht verwirren und starte nicht vorschnell für Unnötiges auf. Ich behalte stattdessen den Durchblick, bleibe ruhig auf das Wichtige fokussiert und filtere Unwesentliches weg. Diese Klarheit bewährt sich nicht nur ökonomisch, indem knappe Ressourcen zielführend eingesetzt werden, sondern macht auch Freude. Denn sie schafft Souveränität und Zuversicht, sich nicht zu verstricken, sondern den Moment zu erfassen und das Momentum zu nutzen.
Schliesslich befähigt sie dazu, dank der Hingabe in die Gegenwart Gottes und dem Teilen des Moments mit dem Gegenüber unmittelbar zu agieren. Kleists Bär pariert jede Attacke blitzschnell und ohne jedes Zögern. Er agiert aus der Unmittelbarkeit des mit dem Gegenüber geteilten Augenblicks. Paulus wird Tertullus ebenfalls genau zugehört und die drei Anklagepunkte, die dieser erhebt, zu sich genommen haben. Er wird sie aber unmittelbar durchblickt und augenblicklich verstanden haben, was er dazu zu sagen hat. Ist Gott gegenwärtig, nehme ich den Dialog, in welchem ich gerade bin, in mich auf, verstricke mich aber nicht in ihn, sondern überlasse mich dem Geheimnis des Moments und folge der Freiheit seines unmittelbaren Impulses. Solche Freiheit ist nicht Willkür, sondern Gehorsam, sie ist nicht Eigenwille, sondern nichtduales Ereignis, sie ist aber auch nicht verantwortungslos, sondern stellt in die Verantwortung für das eigene Tun. Hingabe in Gottes Gegenwart ist keine Flucht vor der Wirklichkeit, sondern unmittelbares und zugleich selbstverantwortliches Tun.
Kritik kann freundlich und konstruktiv, Kritik kann feindlich und destruktiv sein. Wer den Weg in Gottes Gegenwart geht, hält bei Kritik inne und nimmt sie aufmerksam wahr, erfasst den Dialog, in welchem er gerade steht, und sucht im Geheimnis des Moments diejenige Aktion, die mitten darin zu geschehen hat. Dieser Ansatz macht Kritik jeden Moment zu einem neuen Anfang. Aber er zeigt den Weg, den man hier und jetzt zu gehen hat, um für sie parat zu sein, und er zeigt, was man zu tun hat, um sie zu parieren. Beten wir deshalb, dass wir in all den Auseinandersetzungen, in den wir stehen, in Gottes stille Gegenwart finden und dass wir unmittelbar aus ihr agieren. Amen.
[1] Kleist, Heinrich von (1980): Über das Marionettentheater. Aufsätze und Anekdoten, Frankfurt a.M.: Insel Verlag: 14f.
Predigt vom 11. Oktober 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander
