Rechenschaft ablegen

Rechenschaft ablegen

Von Milet aus schickte er nach Ephesus und liess die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen. Als sie bei ihm eintrafen, sagte er zu ihnen: Ihr wisst, wie ich mich bei euch verhalten habe die ganze Zeit, vom ersten Tag an, da ich die Provinz Asia betreten habe: Ich habe dem Herrn gedient in aller Demut, unter Tränen und in den Prüfungen, die mir durch die Anschläge von Seiten der Juden widerfahren sind; ihr wisst, dass ich euch nichts vorenthalten habe von dem, was heilsam ist, vielmehr euch alles verkündigt und gelehrt habe, öffentlich und von Haus zu Haus. Vor Juden und Griechen habe ich Zeugnis abgelegt von der Umkehr zu Gott und vom Glauben an Jesus, unseren Herrn. Seht, nun reise ich als ein im Geist Gebundener nach Jerusalem, ohne zu wissen, was mir dort widerfahren wird; nur dass der heilige Geist mir in jeder Stadt bezeugt, dass Fesseln und Drangsale auf mich warten. Doch mein Leben ist mir nicht der Rede wert, wenn ich nur meinen Lauf vollenden und bis zuletzt den Dienst tun kann, den ich vom Herrn Jesus empfangen habe: Zeugnis abzulegen für das Evangelium von der Gnade Gottes. Und nun seht, ich weiss, dass ihr mein Angesicht nicht mehr sehen werdet, ihr alle, zu denen ich gekommen bin, um euch das Reich zu verkündigen. Daher will ich es euch am heutigen Tag gesagt haben, dass ich an niemandes Blut Schuld trage; ich habe es nämlich nicht versäumt, euch den ganzen Ratschluss Gottes mitzuteilen. Apg 20,17-27

Gottes Gegenwart ist unfassbar, doch sie zu teilen, stiftet Gemeinschaft – unter Menschen, mit allen Lebewesen, der unbelebten Materie, ja mit dem ganzen Universum. Was als Geheimnis des Moments ohne Sprache, ohne Worte, ohne jedes Medium unmittelbar verbindet, sucht Sprache, Worte, nonverbale Formen, um kultiviert und geläutert zu werden, seine Wirksamkeit zu entfalten und Gott in allen Dingen entdeckbar zu machen. Der aktuelle Wechsel vom alten ins Jahr ist eine wunderbare Gelegenheit, dies zu tun und sich Rechenschaft darüber zu geben, wie das im eigenen Leben geschieht. Wie kultiviere ich die Gegenwart Gottes? Wie teile ich sie mit anderen?

Solche Fragen haben in dieser postchristlichen Zeit ihre eigene Dringlichkeit. Das traditionelle christliche Narrativ hat seine Deutungshoheit verloren. Das Denken in Prozessen, Perspektiven und Kontexten hat an seiner Stelle die Führung übernommen und das Experiment «Mensch» ins Zentrum gerückt. Das Risiko dieses Entwicklungsschritts ist nicht gering. Das christliche Narrativ, das den Menschen zu einer Überschreitung seiner selbst befreit und zur Überzeugung geführt hat, «maîtres et possesseurs de la nature» zu sein (Descartes), hat seinen Dienst als Steigbügelhalter zwar erfolgreich verrichtet. Doch einmal im Sattel hat der Mensch die Bedingung, die ihm dies ermöglicht hat, rasch vergessen und ist mit seiner Rationalität in wildem Ritt losgestürmt.

Unterdessen hat das entfesselte menschliche Denken eine Eigendynamik entwickelt, die sich immer rascher überbietet. Die neuen KI-Modelle, die es sich geschaffen hat, verdoppeln ihre Fähigkeiten in immer kürzeren Zeiten. Ihre Geschwindigkeit, ihre Lernfähigkeit, ihr Gedächtnis sind für menschliches Denken unerreichbar. Dieses hat sich derlei Werkzeuge fabriziert, damit sie ihm dienen. Doch zu welchem Zweck? Angepriesen werden sie von den Big Tech Konzernen des Silicon Valley als Tools, die Menschen mehr Freizeit und Lebensqualität verschaffen. Zudem gehen sie so verständnisvoll auf menschliche Bedürfnisse ein, dass man sich in sie verlieben kann, dass sie menschliche Partnerschaften ersetzen, ja dass sie zur besseren Hälfte von sich selbst werden. Menschen haben allerdings auch andere Bedürfnisse. KI-Modelle müssen nicht bloss auf Zusammenarbeit, sondern können auch auf Aggression trainiert und für militärische Zweck genutzt werden. Der Kampf KI-unterstützter Waffensysteme ist genauso Realität. Die Annahme, dass mit dem technologischen Fortschritt das alte Ringen der Natur ums Dasein auf neuem Niveau weitergeht und der situationsbezogen Fittere nach wie vor den Überlebensvorteil hat, ist deshalb keineswegs abwegig. Gibt es also, wie der Prediger des Alten Testament behauptet, letztlich doch nichts Neues unter der Sonne (Pred 1,9; 3,15)? Bleibt der Weg in die Gegenwart Gottes als Weg des Menschen zur Befreiung von sich selbst weiterhin seine grosse Sehnsucht?

Unser Predigttext erzählt davon, wie Paulus vor 2000 Jahren in einer ganz anderen Situation Rechenschaft für seine Mission ablegt. Was war ihm in dieser Situation wichtig?

Erzählt wird von einer Episode auf seiner Reise nach Jerusalem. In Ephesus ist Paulus klar geworden, dass seine grosse Mission für den Weg in die Gegenwart Gottes zu Ende gekommen ist und dass er nun nach Jerusalem und weiter nach Rom gehen muss (Apg 19,21). Über Mazedonien, Griechenland und erneut Mazedonien gelangt er per Schiff nach Troas und schliesslich nach Milet (Apg 20,13-16). Milet liegt etwa 60km südlich von Ephesus an einem tief ins Land einschneidenden, heute verlandeten Meerbusen. Die Stadt ist reich an griechischer Tradition. Ihr antikes Theater sowie ihre gewaltigen Stadtmauern zeugen von ihrem ehemaligen Glanz. Hier nun macht Paulus einen Zwischenhalt und zieht Bilanz über seine aktuelle Situation.

In Milet angekommen, schickt er nach Ephesus und lässt die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen (V17). Paulus wird mehrere Tage auf ihre Ankunft warten müssen. Dennoch ist ihm wichtig, mit ihnen und etwas Distanz zu Ephesus eine gemeinsame Retraite durchzuführen. Anders als in von ihm gegründeten Gemeinden liegt die Gemeindeleitung in Ephesus nicht in den Händen von Bischöfen (vgl. Phil 1,1), sondern eines Ältestenrats. Mit diesem ist Paulus nach seinem über zweijährigen Aufenthalt in Ephesus bestens vertraut. Er ist für ihn deshalb das geeignete Gremium, um auf seine Mission zurückzublicken, Abschied zu nehmen und die Zukunft ins Auge zu fassen. Als die Ältesten eintreffen, spricht Paulus zu ihnen (V18a). Die Rede, die Lukas hier wiedergibt, fällt in mehreren Hinsichten auf. Sie ist die einzige Rede in der Apostelgeschichte, in der sich Paulus ausschliesslich an eine christliche Gruppe richtet, zurück- und vorausblickt und sich selbst und sein Wirken zum Thema macht. In ihr spiegelt sich der Übergang von der zweiten zur dritten Generation wider, wie dies auch in den Pastoralbriefen der Fall ist, und damit die Frage, wie das überlieferte Erbe in veränderter Zeit zur Geltung gebracht werden soll. Die Rede dürfte auch von der späteren, lukanischen Perspektive eingefärbt sein.

In der Rede, wie sie Lukas präsentiert, blickt Paulus zunächst auf sein Wirken zurück (VV18b-21). Er erinnert die Ältesten an sein bisheriges Verhalten in und um Ephesus. Im Zentrum stand sein Dienst am Herrn in Demut, unter Tränen und in den Prüfungen, die ihm von Seiten der Juden widerfuhren. Doch nichts enthielt er ihnen vor, was heilsam gewesen wäre. Er gab nichts, das er ihnen verschwieg und hätte gesagt werden müssen. Vielmehr sagte er ständig alles, öffentlich und von Haus zu Haus, und er legte Zeugnis ab vor Juden und Griechen für die Umkehr zu Gott und den Glauben an Jesus, den Herrn des neuen Wegs.

Sodann blickt Paulus voraus in seine Zukunft (VV22-24). Er versteht sich als einer, der im Geist gebunden ist und nun nach Jerusalem reisen muss. Was ihn dort genau erwartet, ist ungewiss, gewiss ist ihm nur, dass ihm durch den Geist immer wieder klar geworden ist, dass Fesseln und Drangsale auf ihn warten. Dennoch ist ihm sein Leben nicht der Rede wert, wenn er bloss den vom Herrn Jesus aufgetragenen Dienst vollenden kann: Zeugnis abzulegen für das Evangelium von der Gnade Gottes, also den Weg in die bedingungslose Gegenwart Gottes. Dies wird er nun allerdings nicht mehr zuerst und vor allem in Worten und Taten tun, sondern mit seinem Leben als Märtyrer, als Zeuge Gottes.

Schliesslich verweist er auf den kommenden Abschied und seine Unschuld (VV25-27). Die Trennung wird definitiv sein. Paulus ist sich gewiss, dass er alle, zu denen er kam, um ihnen den Weg in die Gegenwart Gottes zu verkünden, nicht mehr sehen wird. Nachdrücklich hält er deshalb fest, dass ihm nicht vorgeworfen werden kann, er sei für den Weg in die Gegenwart Gottes nicht eingestanden. Im Gegenteil: Er versäumte nicht, diesen Weg in seiner bedingungslosen Ganzheit mitzuteilen.

Die Fortsetzung wird in der eingeschlagenen Richtung weitgehen. Doch bereits jetzt ist deutlich geworden, dass Paulus in seiner Rede wie sie Lukas rapportiert als Vorbild dargestellt wird, an welchem sich zunächst die Ältesten, aber ebenso alle, die den Weg in die Gegenwart Gottes gehen wollen, orientieren sollen.

Vor Kurzem hat bei uns ein neues Jahr begonnen. Besinnen wir uns heute auf diesen Predigttext, werden wir dazu aufgefordert, Rechenschaft abzulegen über unseren Weg in die Gegenwart Gottes, uns bewusst zu machen, was war, was kommen wird und wo wir nun stehen. Wie soll das geschehen?

Rechenschaft anzulegen über den Weg in die Gegenwart Gottes ist ein persönlicher Prozess in Gemeinschaft. Wer diesen Weg geht, geht ihn auf seine eigene Weise, doch nicht allein und nicht als erster. Lukas verweist darauf mit Nachdruck. Er stellt Paulus als Vorbild dar, der im Rahmen einer Retraite mit den Ältesten von Ephesus sein bisheriges und sein kommendes Wirken reflektiert. Erst recht beschreibt er in seinem Evangelium Jesus als Vorbild, dem eine lange Geschichte vorausgeht und folgt. Daran sollen sich nachfolgende Generationen orientieren. Dieser Ansatz passt zum Weg in die Gegenwart Gottes. Er hat Vorbilder, Wegweiser, doch den Weg muss ich selbst finden und gehen. Nicht die Kopie eines alten Bekenntnisses, einer definierten Ideologie oder festgelegter Verhaltensnorm, die ich für wahr halten und im eigenen Leben imitieren soll, steht im Zentrum, sondern die Reflexion meines Wegs in Gemeinschaft vertrauter Menschen und auf dem Hintergrund von Vorbildern der Geschichte. Eine solche Reflexion soll persönlich und zugleich klar fokussiert sein.

Ihr Fokus soll darauf gerichtet sein, ob tatsächlich der Weg in die bedingungslose Gegenwart Gottes im Zentrum steht oder ob das Gehen dieses Weges durch Bedingungen korrumpiert ist. Der lukanische Paulus betont seine Demut gegenüber der unmittelbaren Gegenwart Gottes, wie er sie durch seinen Herrn Jesus erfahren hat. In Belastungen und Stürmen hat er ihr standgehalten. Nie hat er sie in ein verfügbares Gut aufgebrochen, um sie sich selbst nützlich zu machen. Jeden Moment ist er dafür eingestanden, dass sie aus reiner Gnade geschieht, unmittelbar, bedingungslos, ungeteilt, ganz. Ein Kriterium, das eindeutig überprüfbar ist, ist damit nicht gegeben, wohl aber ein Fokus, auf den selbstkritisch zu achten ist. Will ich Rechenschaft über meinen Weg in die Gegenwart Gottes ablegen, stehe ich vor der Frage: Gehe ich diesen Weg in reiner Gnade, vorbehaltlos und auf nichts als das Geheimnis des Moments ausgerichtet? Oder vermische ich ihn mit eigenen Interessen und stehe mit meinem Tun der Unmittelbarkeit der Gnade im Weg?

Schliesslich aber soll eine noch grundlegendere Frage gestellt werden: Wovon soll mein Leben und Sterben letztlich Zeugnis geben? Sind es meine Taten, meine Gedanken, meine Befindlichkeiten? Für den lukanischen Paulus ist die Antwort klar: Es geht um viel mehr. Im Zentrum soll sein körperliches Dasein als Zeugnis für den Weg in die Gegenwart Gottes stehen. Sein Dasein als Mensch soll nichts als das Geheimnis des Moments in seiner bedingungslosen Unmittelbarkeit bezeugen. Dafür will er leben, dafür will er sterben. Will ich den Weg in die Gegenwart Gottes gehen, stehe auch ich vor der Frage, ob mein körperliches Dasein auf das Zeugnis der bedingungslosen Gegenwart Gottes ausgerichtet ist. KI-Modelle sind dazu nicht in der Lage. Sie können vom Regen reden, aber sie werden nicht nass. Vielleicht funktionieren sie plötzlich nicht mehr, wenn die Hardware, die sie benutzten, nass wird. Doch ihre Realität ist eine immaterielle Simulation, die keinen Bezug zum Geheimnis des Hier und Jetzt hat. Für mich als Mensch aus Fleisch und Blut bleibt dieses Geheimnis des Daseins indes zentral. Die Frage stellt sich deshalb auch mir: Bin ich bereit, dass mein Leben und Sterben letztlich nichts anderes bezeugt als die Freiheit, Liebe, Weisheit der bedingungslosen Gegenwart Gottes?

Sich Rechenschaft über den eigenen Weg in die Gegenwart Gottes zu geben, ist und bleibt eine Herausforderung. Nutzen wir den Jahreswechsel, um sie zu packen! Sie stellt uns vor Fragen, die uns der Gegenwart Gottes näherbringen und uns Klarheit fürs neue Jahr geben. Beten wir also, dass wir den Mut aufbringen und diesen Weg gehen. Amen.

Predigt vom 4. Januar 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander

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