Peace as power

Peace as power

Am ersten Tag der Woche, als wir uns versammelt hatten, um das Brot zu brechen, sprach Paulus zu ihnen, und da er am nächsten Tag aufbrechen wollte, zog sich seine Rede bis Mitternacht hin. Es brannten viele Lampen in dem Obergemach, wo wir beisammen waren. Ein junger Mann mit Namen Eutychus sass im offenen Fenster und sank, während Paulus immer weiter redete, in tiefen Schlaf und stürzte im Schlaf vom dritten Stock hinunter. Als man ihn aufhob, war er tot. Paulus aber ging hinunter, legte sich auf ihn, umfasste ihn und sagte: Lasst das Geschrei! Er lebt! Und er stieg wieder hinauf, brach das Brot und ass; und noch lange redete er mit ihnen, bis der Morgen anbrach; dann ging er fort. Den jungen Mann aber holte man wieder herein; er lebte, und das erfüllte sie mit Zuversicht. Apg 20,7-12 

Es ist Heiligabend. Das Kommen Gottes und der menschliche Weg in die Gegenwart vereinigen sich in diesem heiligen Moment. Es ist still. Kerzen leuchten, und das Herz ist weit. Das Kind in der Krippe ist das Zeichen. In ihm erfüllt sich die grosse Sehnsucht. Der Retter ist geboren, der Gesalbte, der Herr, der Frieden bringt. Die himmlischen Heerscharen verkünden seine Geburt und verzaubern den Moment. Ist es also tatsächlich wahr geworden? Nimmt das Leiden ein Ende und gibt es nun endlich Frieden auf Erden? Die Botschaft ist eindeutig, die Entschiedenheit, mit der sie verkündet wird, lässt keine Zweifel. Die Gegenwart Gottes ist wie ein Blitz, der alles in den Schatten stellt und Frieden schafft. Ihre Stärke überwältigt. Nichts kann sich ihrer Wirkung entziehen.

Doch wie genau ist diese Stärke zu verstehen? Seit mehr als 2000 Jahren wird die Weihnachtsbotschaft verkündet. Gewalt und Krieg, Krankheit und Schmerz, sind seither nicht verschwunden. Man kann beim besten Willen nicht behaupten, dass sich die Botschaft der Engel als Allerheilmedikament bewährt hätte und jegliches Leid beseitigt wäre. Die Stärke, die sie verkünden, ist kein Wundermittel, das sich in jeder Situation durchsetzt. Zudem ist eine solche Stärke in der ganzen Evolution weit und breit nicht zu finden. Vier Hufe sind für Steinböcke in bergiger Landschaft eine Stärke, die ihnen einen Überlebensvorteil bringt. Doch im Wasser sind sie es nicht. Hier sind vier Flossen die weit grössere Stärke. Darwins Formel vom survival of the fittest kommt dem, was in der Natur geschieht, zweifellos sehr nahe. Doch sie spricht eben gerade nicht von einer bestimmten Stärke, die alles dominiert, sondern von jener Stärke, die an die jeweilige Situation am besten angepasst ist. Die Katze scheint aufgrund ihrer Grösse zwar stärker als die Maus, doch dank ihrer Kleinheit kann die Maus durch Löcher schlüpfen, die für die Katze unzugänglich sind. Stärke und Schwäche sind situativ. Was als Stärke aussieht, kann plötzlich zum Nachteil werden, und eine Schwäche kann auf einmal ein Vorteil sein. Gewissheit über den Ausgang dessen, was Darwin struggle for life, Ringen um Leben, nennt, gibt es keine. Die Wahrscheinlichkeit mag für dieses oder jenes Ergebnis sprechen, doch es kann auch immer anders kommen.

Darüber kann man lange nachdenken. Doch jetzt, an Heiligabend, bekommt diese Beobachtung aus der Natur eine besondere Brisanz. Denn jetzt besinnen wir uns auf die Gegenwart Gottes, jetzt vernehmen wir durch die Engel die Botschaft von deren Stärke. Was also ist diese Stärke? Unser Predigttext kann als Kommentar zu genau dieser Frage interpretiert werden. Versuchen wir, ihn zu verstehen!

Paulus befindet sich Troas, einer Kleinstadt auf der kleinasiatischen Seite der Agäis, und will nach Milet, einer traditionsreichen, griechischen Stadt südlich von Troas, weiterreisen. Unser Predigttext berichtet von einer Einzelepisode, die sich auf dieser Reise in Troas ereignet. Zuerst wird die Situation beschrieben (VV7-8). Es ist der erste Tag der Woche, also Sonntag, der Tag der Auferstehung (Lk 24,1; Joh 20,19.26). Am Abend versammelt sich die Gemeinde. Sie will im Gottesdienst die Gegenwart Gottes feiern, sich im Abendmahl auf das Sterben und Auferstehen Jesu besinnen und miteinander Abendessen. Paulus ist dabei und leitet den Gottesdienst. Da er am nächsten Tag weiterreisen will, zieht sich seine Rede bis Mitternacht hin. Es brennen zahlreiche Öllampen, die den Raum zwar gut erhellen, aber auch erhitzen und den vorhandenen Sauerstoff verbrauchen. Die Situation ist sofort verständlich und unspektakulär.

Doch auf einmal geschieht ein Unglück (V9). Ein junger Mann mit Namen Eutychus sitzt am offenen Fenster, wo er zwar bessere Luft hat. Doch weil Paulus in seinem Redefluss keinen Schlusspunkt findet, überwältigt ihn seine Müdigkeit. Er fällt in tiefen Schlaf und stürzt vom dritten Stock hinunter. Als man nach ihm schaut und ihn aufhebt, findet man ihn tot. Das Unglück wird knapp und sachlich beschrieben.

Und was geschieht nun (VV10-12)? Paulus unterbricht seine Rede und geht hinunter. Er bleibt völlig unaufgeregt und souverän, aber zeigt vollen Körpereinsatz. Aufmerksam legt sich auf den jungen Mann, umfasst ihn und sagt: Lasst das Geschrei! Er lebt! Seine Geste erinnert an die Totenerweckungen durch Elia und Elischa, mit der sich die beiden Propheten auf ähnlich körperliche Weise dem Verstorbenen zuwenden (1Kön 17,21; 2Kön 4,34f). Ob Eutychus indes tatsächlich tot ist oder ob Paulus bloss feststellt, dass dies gar nicht der Fall ist, lässt die Geschichte offen. Die Option, dass er nur scheintot ist, wird nicht thematisiert, das Wunderhafte aber auch nicht herausgehoben. Vielmehr steigt Paulus unbeeindruckt wieder hinauf und setzt den Gottesdienst fort, als wäre nichts geschehen. Er feiert das Abendmahl und isst. Bis der Morgen anbricht, spricht er mit den Anwesenden, dann aber macht er sich wie vorgesehen auf seine Reise. Der junge Mann aber wird wieder hereingeholt; er lebt und erfüllt alle mit Zuversicht. Was zunächst wie ein schreckliches Unglück aussieht, erweist sich als unbedeutender Zwischenfall.

Was gibt uns diese Geschichte jetzt, an Heiligabend, zu bedenken? Wie kommentiert sie jene Stärke der Gegenwart Gottes, die von den Engeln verkündet wird?

Die Engel verkünden es, und unsere Geschichte macht es anschaulich: Gottes Gegenwart ist zwar eine Ressource, die bedingungslos, aus purer Gnade, da ist. Doch ihre Stärke erweist sich erst dort und dann, wo sie konkret erschlossen und genutzt wird. Sie ist – um mit einem biblischen Bild zu sprechen – ein Schatz im Acker (Mt 13,44), der jeden Moment völlig selbstverständlich in der Erde, ja im ganzen Universum, vorhanden ist, sein Potential aber erst entfaltet, wenn er gehoben und eingesetzt wird. Das Leben und Sterben jenes Kindes, das in der Krippe liegt, wird die Stärke von Gottes Gegenwart illustrieren. Paulus verkündet sie mit Engagement und Ausdauer, und er manifestiert sie in seinem Handeln. Doch Gottes Gegenwart bleibt dabei völlig unverfügbar. Sie entspringt jenseits der Dualität von Stärke und Schwäche, und zugleich ist sie als nichtduale, mystische Unmittelbarkeit jeden Augenblick da. Jetzt, an Heiligabend, feiern wir diese Gegenwart. Auch wenn wir sie nicht angemessen erfassen können, so kann das Geheimnis des Moments doch zur unmittelbaren Erfahrung werden.

Diese geheimnisvolle Ressource des Moments ist jene Freiheit, die Emergenzen ermöglicht. Wo das Geheimnis des Moments genutzt wird, kann Neues und Grosses entstehen: dieses unfassbar gewaltige Universum, die Evolution von Leben auf dieser Erde. Bei Lebewesen zeigt sich die Stärke von Gottes Gegenwart in der Freiheit, die eigenen Merkmale so an ihre Umwelt anzupassen, dass sich die Anpassung bewährt. Gott greift in dieses Ringen der Natur ums Leben nicht ein. Doch seine Gegenwart gibt der Natur Raum und Zeit für Spielmöglichkeiten, um Lösungen zu suchen und zu finden. Unser Predigttext macht es anschaulich: Paulus nutzt seine Möglichkeiten, um auf den Fenstersturz von Eutychus situationsadäquat zu reagieren. Das Vorgehen bewährt sich. Ob es ein Wunder ist oder nicht, ist irrelevant. Die Gegenwart Gottes schafft Freiheit und Souveränität im Umgang mit der konkreten Situation, und in dieser Unaufgeregtheit steckt eine Liebe und eine Weisheit, auf die zu achten sich bewährt. Bin ich unbefangen da, bin ich im Frieden, habe ein Wohlwollen zu allem, was mich umgibt, und ich bin in der Lage, mich mit meinen Merkmalen bestmöglichst an die Situation anzupassen. So zu handeln, ist Weisheit. Dabei erweist sich die Stärke von Gottes Gegenwart hier als Mut zu neuen Schritten, dort als Standhalten einer Krankheit, hier als Kraft zum Widerstand, dort als Freude an dem, was gerade ist. Doch genau in all dem zeigt sich jener Friede, den die Engel verheissen und der jenseits von Freud und Leid, Erfolg und Scheitern, im Ringen der Natur ums Leben jeden Augenblick gegenwärtig ist.

Weihnachten will genau diesen Frieden nahebringen. Er ist keine Zuckerglasur, der Leid und Schmerz verdeckt, und er verklärt nicht die Grausamkeit, die im Ringen der Natur ums Leben in der Evolution steckt und die auch im Verhalten von Menschen keineswegs fehlt. Es ist vielmehr jener Friede, den das Bild von der Auferstehung andeutet: das Erwachen der unmittelbaren Gegenwart Gottes mitten in Freud und Leid, die Geburt des nichtdualen Selbst im Alltag eines Menschen. Die Geschichte von Weihnachten deutet diese Geburt an. Auch wir sollen wie jenes Kind hier und jetzt in der Gegenwart Gottes geboren werden. Und unser Predigttext kommentiert: Auch wir sollen Unglück und Not nicht als letzte Realität betrachten, sondern zu jenem Frieden erwachen, der in der Gegenwart Gottes unmittelbar gegenwärtig ist und uns in allem Schwierigen, das auf dieser Welt geschieht, ruhig und frei macht. Dieser Friede der Gegenwart Gottes ist ein Geheimnis. Er bleibt so geheimnisvoll wie ein Mensch, den wir lieben und den wir bestens kennen, immer ein Geheimnis bleibt – das Geheimnis seiner Freiheit. Doch mit ihm können wir uns vertraut machen, seine Stille kann uns zur Ruhe bringen, in ihm können wir zentriert und geborgen sein – ohne Sprache, ohne Worte, mit unhörbarer Stimme, ganz im Moment (vgl. Ps 19,3f). Er ist die Stärke in der Fragilität und Verletzlichkeit unseres Daseins und die Kraft in jedem Augenblick. In ihm können wir leben und sterben, in ihm kommen wir zu unserem Selbst, in ihm sind wir, wer wir in der Gegenwart Gottes sind.

Heiligabend! Die Engel verkünden den grossen Frieden der Gegenwart Gottes. Dieser Friede ist keine zeitlose Macht, die alles dominiert und ihrer Herrschaft unterstellt. Seine Stärke ist vielmehr die Ressource, die uns jeden Moment erschliessbar ist und uns jeden Augenblick in die Freiheit ruft. Sie gibt uns Raum und Zeit, uns in unserem Ringen um Leben mit Liebe und Weisheit situationsadäquat anzupassen, wie es sich bewährt. Die Stärke des Friedens von Gottes Gegenwart ist ihre geheimnisvolle Unmittelbarkeit in jedem Moment. Beten wir also, dass dieser Friede in uns stark wird und dass er durch uns zur Welt kommt. Amen.

Predigt vom 24. Dezember 2025 in Wabern
Bernhard Neuenschwander

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