Als der Lärm sich gelegt hatte, schickte Paulus nach den Jüngern und sprach ihnen Mut zu. Dann nahm er Abschied und brach auf, um nach Makedonien zu reisen. Auf der Reise durch jene Gebiete ermahnte und stärkte er die Jünger auf vielerlei Weise und kam schliesslich nach Griechenland, wo er drei Monate blieb. Apg 20,1-3a
Der Advent ist vorgerückt, bald ist Weihnachten. Das Fest hat Tradition, und was zu feiern ist, ist wohl bekannt. Ein Kind wird geboren, Gott wird in ihm gegenwärtig. Alte Verheissungen gehen in Erfüllung, neue Wege öffnen sich. Längst ist Weihnachten mit all seinem Drumherum zur Gewohnheit geworden, die mit selbstverständlicher Routiniertheit abgewickelt wird. Was dabei jedoch leicht vergessen geht, ist jenes Geheimnis, das in diesem Fest steckt: das Geheimnis der Gegenwart, der bedingungslosen Freiheit, das Geheimnis, das in jedem Augenblick steckt und im christlichen Glauben «Gott» genannt wird. Ohne Bezug zu diesem Geheimnis wird Weihnachten zur leeren Hülle, die zwar eine Reihe kultureller, wirtschaftlicher und sozialer Funktionen erfüllt, ihre ursprüngliche Intention aber verloren hat und mehr und mehr zum Relikt einer anderen Zeit degeneriert. Soll Weihnachten auch heute innere Kraft haben, muss sie stets so neu und frisch gefeiert werden, als ob sie hier und jetzt zum ersten Mal geschähe.
Gewohnheiten entlasten, Gewohnheiten sind bequem. Ihre Ambivalenz verhindert nicht selten eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen. Weshalb ändern, was Ressourcen schont und vor mühsamen Prozessen bewahrt? Auf den ersten Blick mag dies vernünftig scheinen, der zweite kann aber die Kosten nicht übersehen, die dieses Verhalten verursacht. Gewohnheiten machen blind. Sie ignorieren Abnutzung und schleichende Verschlechterung, zementieren alte Muster, die in veränderten Kontexten nicht mehr passen, und sie verhindern die Updates, die nötig sind. Und wenn es um Weihnachten geht, geht dies richtig zur Sache. Sie übersteuern das Geheimnis der Gegenwart und damit das Zentrum, um das sich Weihnachten jedes Jahr neu dreht. Wie also bleibt eine Gewohnheit frisch und lebendig? Wie bleibt Weihnachten das Fest der Gegenwart Gottes?
Im Fluss der Zeit ist der Moment jene Gabe, die ständig neu empfangen und gestaltet werden will. Jedes Lebewesen hat die Chance, dies auf seine Weise zu tun – spätestens seit vor 3,5 Milliarden Jahren die Cyanobakterien entstanden sind, die in der Lage waren, auf den Wechsel von Tag und Nacht zu reagieren, durch Photosynthese Wasser zu spalten und Sauerstoff freizusetzen, damit sehr erfolgreich waren und nicht nur die Atmosphäre dieses Planeten fundamental veränderten, sondern der Evolution grundlegend neue Möglichkeiten eröffneten. Eine Chemie, die sich an Veränderungen der Umwelt anpasst, ein Erfassen des Moments samt einem entsprechenden Verhalten ist ein gewaltiger Vorteil im Ringen ums Leben und ein bedeutender Selektionsvorteil (Darwin)[1]. Es gibt also gute Gründe, Gewohnheiten nicht nur als Selbstläufer zu verstehen, sondern das Geheimnis der Gegenwart, das in ihnen steckt, zu beachten, sich an ihm ernsthaft zu orientieren und Gewohnheiten mit dieser Präsenz zu kultivieren. Unser Predigttext zeigt dies.
Paulus ist in Ephesus und hat den Plan gefasst, über Makedonien nach Jerusalem und Rom zu reisen. Zwei seiner Mitarbeiter hat er bereits vorausgeschickt (Apg 19,21-22). Dann aber kommt es auf einmal zum Tumult. Die Silberschmiede um Demetrius, die mit der Herstellung von Devotionalien für den ephesischen Artemiskult gutes Geld verdienen, sehen ihr Geschäft sowie ihren Glauben in Gefahr und revoltieren. Zwei Mitarbeiter von Paulus werden in den Konflikt hineingezogen, und Paulus erwägt schon zu intervenieren. Nur dank dem Engagement ihm wohlgesinnter Persönlichkeiten der Lokalpolitik sieht er davon ab. Das Risiko einer Gewalteskalation wäre zu gross. Erst durch das Eingreifen des Stadtschreibers wird der Tumult aufgelöst. Für Paulus sind diese Ereignisse eine anspruchsvolle Übung, die Ruhe im Sturm zu bewahren (Apg 19,23-40).
Hier setzt unser Predigttext ein. Als sich der Lärm gelegt hat, kümmert sich Paulus um die Menschen, die ihm auf dem neuen Weg folgen und von den jüngsten Ereignissen erschüttert sind (V1). Er spricht ihnen Mut zu und bemüht sich, sie zu stabilisieren. Dennoch hält er an seinem Plan fest. Offenbar geht er davon aus, dass sich die Lage genügend beruhigt hat. Er zieht deshalb seinen Aufenthalt in Ephesus nicht in die Länge, sondern verabschiedet sich, um nach Makedonien zu reisen. Im Zentrum dieser Reise steht für ihn, die Gemeinden in der Kraft der Gegenwart Gottes zu unterstützen (V2). Er ermahnt und stärkt die Jünger auf vielerlei Weise. Paulus ist klar, dass es nicht damit getan ist, vom Weg in die Gegenwart Gottes gesprochen zu haben, und er weiss, dass dieser Weg nur ist, was er ist, wenn er jeden Moment von Neuem gegangen wird. Um dies in Erinnerung zu rufen, macht er sich die Mühe, die Gemeinden in Makedonien erneut zu besuchen. Schliesslich gelangt er auch nach Griechenland, vermutlich vor allem nach Korinth, wo er drei Monate bleibt (V3a).
Dieser Besuch dürfte in die Wintermonate 55/56 fallen. Die Gemeinde in Korinth ist seit seinem ersten Aufenthalt von heftigen internen Konflikten erschüttert worden. Vermutlich hat Paulus in Ephesus davon erfahren und der Gemeinde einen von Emotionen aufgewühlten Brief geschrieben (2Kor 10-13). Er versucht ihr verständlich zu machen, dass die Gegenwart Gottes nicht zu esoterischen Kräften befähigt, sondern sich in Schwachheit und Leid bewährt (2Kor 12,1-10). Nach seinem dreimonatigen Aufenthalt in Korinth scheint der Konflikt vollständig gelöst zu sein. Paulus findet in diesen Monaten sogar Zeit, seinen Römerbrief zu verfassen und seine Theologie weiterzuentwickeln.
Die Fortsetzung erzählt dann von der Weiterreise des Paulus (Apg 20,3b-6). Paulus hat eigentlich die Absicht, Korinth im Frühling zu verlassen, mit dem Schiff direkt nach Syrien zu reisen und Jerusalem zu besuchen. Doch als er erfährt, dass ihm von Seiten der Juden, die möglicherweise ans Paschafest in Jerusalem pilgern, ein Anschlag droht, verzichtet er auf die Schiffsreise. Er kehrt stattdessen auf dem Landweg nach Makedonien zurück und feiert das Pascha in Philippi. Doch der Plan, nach Jerusalem zu reisen bleibt intakt. Lukas erzählt zwar nicht, weshalb dies so ist, doch im Römerbrief legt es Paulus offen (Röm 15,25-28): Gemeinsam mit Delegieren aus Gemeinden Griechenlands und Makedoniens, die Paulus missioniert hat, will er den Armen der Gemeinde in Jerusalem eine Kollekte überbringen. Einige dieser Delegierten sind von Korinth bereits nach Troas vorausgereist, um dort auf Paulus zu warten, andere begleiten ihn nach Philippi und gelangen von dort mit ihm nach Troas. Die Überfahrt über die Ägäis ist diesmal anspruchsvoll. Für die erste Überfahrt in entgegengesetzter Richtung braucht Paulus zwei Tage, jetzt sind fünf nötig (vgl. Apg 16,11). Die Gruppe erholt sich nach der stürmischen Überfahrt während sieben Tagen in Troas. Die Widerfahrnisse, die Paulus erlebt, halten ihm ständig vor Augen, dass die Gegenwart Gottes zwar der Segen des Moments ist, aber keine Garantie, von Schwierigkeiten verschont zu bleiben.
Diese Geschichte am heutigen Adventssonntag und kurz vor Weihnachten erinnert uns an die Wichtigkeit, christliche Feste, auch wenn sie längst zur Gewohnheit geworden sind, nicht bloss routiniert abzuwickeln, sondern als Gelegenheiten zu betrachten, in denen die Gegenwart Gottes unmittelbar erfahren werden kann.
Es bedarf zuweilen der Erinnerung, dass dies tatsächlich der Fall ist. Die persönlichen Belastungen im Alltag können gross und die tägliche Informationsflut durch die Newsportale irritierend sein. Wo soll da noch ein Interesse entstehen, in Weihnachten mehr als eine Gewohnheit zu sehen, und wo soll eine Lücke auftauchen, um von der Gegenwart Gottes erfasst zu werden? Nach dem Aufstand der Silberschmiede haben sich das in Ephesus vermutlich auch einige gefragt. Warum nicht einfach den traditionellen Artemiskult pflegen und sich von den vertrauten Gewohnheiten tragen lassen? Gibt dies nicht Stabilität in Unsicherheit und eine Hilfe, die Herausforderungen des Lebens zu meisten? Paulus wird das nicht entgangen sein. Doch er verzichtet auf Konfrontation und Ermahnung, sondern setzt auf Ermutigung. Es braucht Mut, sich der unmittelbaren Gegenwart Gottes auszusetzen. Gewohnheiten können zwar Bestätigung und Vertrautheit vermitteln, doch ihr Trost ist billig und wenig belastbar. Sie haben vernünftiger Kritik wenig entgegenzuhalten, und den Abgründen des Lebens halten sie nicht stand. Die Gegenwart Gottes ist demgegenüber von ganz anderem Holz geschnitzt. Ihre nichtduale Kraft ist mitten in Leben und Tod, Freud und Leid, unmittelbar gegenwärtig, und ihr Trost ist ein Blitz, der alles andere in den Schatten stellt. Die Weihnachtsbotschaft erinnert daran, und sie ermutigt dazu, sich nicht mit weniger zufrieden zu geben.
Weihnachten gibt dies Jahr für Jahr zu bedenken. Dafür verdient sie Dank. Doch sie verdankt sich nicht sich selbst. Weihnachten ruft bloss Gottes Gegenwart in Erinnerung, diese aber geschieht aus purer Gnade. Die Schönheit ihrer bedingungslosen Freiheit zieht an. Sie weckt die Sehnsucht, und ihre Unmittelbarkeit wirkt aus sich selbst. Paulus lässt sich deshalb von den geschehenen Ereignissen nicht verunsichern und sieht keine Veranlassung, seine Reisepläne zu ändern. Er vertraut, dass die Gegenwart Gottes wirkt, dass sie für sich selbst spricht und dass seine Anwesenheit nicht länger erforderlich ist. Deshalb kann er Abschied nehmen, deshalb kann er die Menschen, denen er Mut zugesprochen hat, Gott überlassen. Das Geheimnis des Gekreuzigten zeigt es: Weihnachten ist eine Botschaft, die sich selbst überflüssig machen will. Oder um ein Bild Wittgensteins zu benutzen: Ist Gott gegenwärtig, kann man die Leiter, auf der man zu dieser Erkenntnis gelangt ist, wegwerfen.[2] Jahr für Jahr erinnert die Botschaft von Weihnachten daran. Jahr für Jahr vertraut sie darauf, dass Gott unmittelbar gegenwärtig ist und sie selbst unnötig wird.
Beides ist richtig: dass die Botschaft von Gottes Gegenwart immer wieder neu in Erinnerung gerufen werden muss, und dass sie für all jene überflüssig wird, die von ihr unmittelbar erfasst werden. Ob der Wechsel von ersterem zu letzterem geschieht, zeigt sich in den Herausforderungen des Lebens. Paulus ist mit ihnen ständig konfrontiert. In unserem Beispiel kommt er gerade von einem Tumult, der die ganze Stadt in Aufruhr gebracht hat. Als er in Korinth mit dem Schiff nach Syrien reisen will, droht ihm ein Anschlag. Bei der Überfahrt nach Troas treten Schwierigkeiten auf. Dennoch steht er in Makedonien und Griechenland ungebrochen für den Weg in die Gegenwart Gottes ein. Darin steckt die ganze Weihnachtsbotschaft: Bin ich im Glauben verankert, erkenne ich in allen Herausforderungen des Lebens die bedingungslose Freiheit der Gegenwart Gottes. Diese Freiheit steckt in den Zufällen der Evolution, in den Cyanobakterien, in allen Lebewesen. Sie gibt dem Lebendigen die Zeit, nicht in Gewohnheiten zu verharren, sondern sich an veränderte Umstände anzupassen und bietet ihm damit die Chance zu einem Überlebensvorteil. Ob diese gepackt wird, entscheidet nicht sie. Mit zunehmender Komplexität der Lebewesen werden indes die Wahrscheinlichkeitsfelder für Zufälle, die sich bewähren, grösser. Als Mensch habe ich zudem jeden Moment die Chance, in den Herausforderungen des Lebens die Freiheit Gottes zu suchen. Gewohnheiten werden so wieder frisch und lebendig. Finde ich in ihnen Gottes Freiheit, ist der Moment gekommen, auf deren Weisheit zu hören und in meinem Ringen ums Leben jene Anpassungen vorzunehmen, die sich bewähren.[3]
Der Advent ist eine wunderbare Zeit. Auch wenn er als alte Tradition längstens zur Gewohnheit geworden ist, ruft er uns immer noch in Erinnerung, dass nichts weniger als die bedingungslose Freiheit Gottes in uns gegenwärtig werden will. Als Menschen gehören wir voll und ganz zur Evolution des Lebens auf diesem Planeten. Doch zugleich haben wir in jedem Augenblich die Chance, Gottes Freiheit, seine Liebe und Weisheit, zu erkennen und auf diese Welt zu bringen. Beten wir also, dass wir davon erfasst werden und dass es durch uns Weihnachten wird. Amen.
[1] Darwin, Charles (o.J.): Über die Entstehung der Arten. Die Suche nach dem Ursprung des Lebens. Hrsg. Noah G. Schilling nach der Originalausgabe von 1859, Moers: Independently published.
[2] Wittgenstein, Ludwig (1984): Tractatus logico-philosophicus, Darmstadt, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft: 84.
[3] So auch die Argumentation des Evolutionsbiologen Haszprunar, Gerhard (2020, 2. Aufl.): Evolution und Schöpfung. Versuch einer Synthese. Sankt Ottilien: EOS Verlag.
Predigt vom 21. Dezember 2025 in Wabern
Bernhard Neuenschwander
