Zu jener Zeit nun kam es wegen des neuen Weges zu heftigen Unruhen. Da war nämlich ein gewisser Demetrius, ein Silberschmied, der Artemistempel aus Silber herstellte und damit den Kunsthandwerkern beträchtliche Einkünfte verschaffte. Die rief er zusammen und mit ihnen die Arbeiter, die sie beschäftigten. Apg 19,23-25
Es ist Advent. Die Erwartung auf das unfassbare Ereignis ist gross. Gottes Gegenwart will sich materialisieren. Schon vor 13,8 Milliarden Jahren ist dies geschehen. Auf einmal kommt es zu einem Anfang. Auf einmal materialisiert sich ein winziges Etwas, und es entstehen Raum und Zeit. In einem gewaltigen kosmologischen Prozess entwickelt sich aus diesem Etwas ein Universum. Und irgendwo am Rande einer der unzähligen Galaxien bildet sich ein Planet, auf dem sich Leben entwickelt, Einzeller, Pflanzen, Tiere, Menschen – Menschen, die sich ihre eigene Geschichte erschaffen. Gott ist in diesem gigantischen Prozess als Geheimnis der Gegenwart ständig im Spiel, materialisiert sich darin immer weiter, aber hört doch nicht auf, dessen Geheimnis zu bleiben. Jeden Moment war, ist und bleibt er am Kommen, jeden Moment ist er gegenwärtig, und jeden Moment bleibt er völlig unfassbar und anders als jedes Dies und Das, was geschieht. Weihnachten zeigt es exemplarisch: Aus dem nichtdualen Geheimnis materialisiert sich im Dies und Das ein Etwas: Ein Mensch wird geboren. In diesem Menschen ist Gott gegenwärtig, in ihm wird Gott Fleisch, in ihm zeigt sich Gottes Gegenwart in der Geschichte dieser Welt. Deshalb weckt der Advent Erwartungen, deshalb motiviert er dazu, sich auf dieses unfassbare Ereignis der Gegenwart Gottes einzustimmen und sich mit ihm vertraut zu machen.
So einfach, so naheliegend, so offensichtlich das Geheimnis des Moments in diesem Universum ist, so herausfordernd ist es indes für Menschen, es mit dem eigenen Tun nicht zu übersteuern und aus dem Blick zu verlieren. Ich bin nur da, weil das Geheimnis der Gegenwart da ist. Dieses ist der Grund meines Daseins, nicht bin ich der Grund für dieses Geheimnis. Ihm gegenüber bin ich ein Nichts. Doch Menschen unternehmen offensichtlich vieles, um diese Erfahrung zu vermeiden und das Geheimnis des Moments zu übersteuern.
Unser Predigttext führt genau das beispielshaft vor. Paulus steht am Ende seiner grossen Mission für die Gegenwart Gottes und hat sich entschieden, Ephesus zu verlassen, nach Jerusalem zu gehen und von dort nach Rom zu reisen (Apg 19,21f). Unser Predigttext erzählt, was in der verbleibenden Zeit bis zu seiner Abreise in Ephesus geschieht.
Es kommt wegen des neuen Weges, also dem Weg in die Gegenwart Gottes, zu heftigen Unruhen (V23). Auslöser ist ein Mann namens Demetrius (V24). Demetrius ist Silberschmied, der aus Silber Devotionalien für den ephesischen Artemiskult herstellt. Die ephesische Artemis hat mit der jungfräulichen Jagdgöttin der Griechen ursprünglich nichts zu tun, sondern ist ein orientalische Muttergottheit, die mit der Kybele verwandt ist. Der Name Artemis wird erst mit ihrer Hellenisierung auf sie übertragen. Ihr Kultbild im Artemision von Ephesus sowie unzählige plastische Nachbildungen zeigen die Gestalt der Grossen Mutter. Ihr Tempel hat – das zeigen archäologische Funde – beeindruckende Ausmasse: Ein Rechteck von 120 zu 70m wird von 128 Säulen umgeben und hat eine Höhe von 19m. Es spiegelt die enorme religiöse Bedeutung, die der Kultbetrieb hat. Er strahlt weit über Ephesus hinaus aus, zieht Pilger an und stellt für die Stadt einen substanziellen Wirtschaftsfaktor dar. Demetrius repräsentiert einen Gewerbezweig, der sich ganz in Dienst dieses Kultbetriebs stellt und ihm sowie all den andern Kunsthandwerkern beträchtliche Einkünfte verschafft. Nicht ohne Grund betrachtet er den Weg in die Gegenwart Gottes, den Paulus verkündet, als ernsthafte Gefahr für sein Gewerbe. Er beschliesst deshalb, etwas dagegen zu unternehmen (V25). Er ruft die Meister seines Handwerks samt ihren Mitarbeitern zusammen, um geeignete Massnahmen zu ergreifen.
Die Fortsetzung erzählt detailliert und mit viel Lokalkolorit ausgeschmückt, was nun geschieht. Zunächst konfrontiert er die Angehörigen seiner Zunft mit dem, was in der Stadt aktuell vor sich geht (VV26-28). Er macht ihnen klar, dass dieser Paulus viele Leute mit der Behauptung aufhetze, dass das, was von Menschenhand geschaffen werde, keine Götter seien. Das bringe nicht nur ihr Gewerbe in Verruf, sondern schmälere auch die Bedeutung der grossen Göttin Artemis.
Damit kommen die Handwerker und mit ihnen die ganze Stadt in Aufregung (VV29-34). Alle stürmen in das grosse Theater von Ephesus. Gaius und Aristarchus, zwei Reisegefährten von Paulus, werden aufgespürt und mitgeschleppt. Paulus erwägt, ebenfalls hinzugehen, wird aber von Persönlichkeiten der Lokalpolitik, die ihm wohlgesinnt sind, davon abgehalten. Der Tumult nimmt gewaltige Züge an, und alle schreien durcheinander. Alexander, der Vorsitzende der Synagoge, wird vorgeschickt und soll der Menge klar machen, dass die Judenschaft mit Paulus nichts zu tun habe. Doch er wird sogleich niedergeschrien. Wer sich nicht für die grosse Artemis ausspricht, wird als Gegner betrachtet.
Erst der Stadtschreiber, ein hoher Beamter der Stadtregierung, vermag Ruhe in den Tumult zu bringen (VV35-40). Er stellt zunächst fest, dass die grosse Bedeutung der Artemis nicht in Frage stehe und deshalb die Aufregung unbegründet sei. Weiter hätten die Angeklagten weder Heiligtümer ausgeraubt noch der Göttin gelästert. Zudem gäbe es funktionierende Gerichte und Statthalter. Wenn also Demetrius und seine Handwerker etwas vorzubringen hätten, sollen sie den regulären Rechtsweg beschreiten. Andernfalls laufe die Stadt die Gefahr, dass sie selbst angeklagt würde, einen Aufstand verursacht zu haben. Und es gäbe ja nichts, was den aktuellen Volksauflauf rechtfertigen würde. Die Anklage des Demetrius ist damit öffentlich abgewiesen. Allerdings ist dessen Befürchtung, dass der Weg in die Gegenwart Gottes, den Paulus verkündet, die Verehrung menschengemachter Götter als nichtig betrachte (vgl. V26), nicht beseitigt; doch aus Sicht des Stadtschreibers ist sie strafrechtlich irrelevant. Nach diesen Worten löst sich die Versammlung auf. Paulus muss keinen Finger rühren. Das Problem verweht im Rahmen, in welchem es entstanden ist, gleichsam von selbst.
Besinnen wir uns heute, zu Beginn des Advents, auf diese Geschichte verweist sie uns auf jene Ruhe, die mitten in den Stürmen des Lebens ständig da ist und Gottes Gegenwart spürbar macht. Was gibt uns diese Geschichte über die Ruhe im Sturm zu bedenken?
Auch wenn der Weg in die Gegenwart Gottes in einem Menschen tief verankert und zur Gewissheit geworden ist, können sich die Umweltfaktoren auf einmal ändern und sich zu einem veritablen Sturm hochschaukeln. Paulus ist seit Jahren auf dem Weg in die Gegenwart Gottes. Er hat diesen Weg trotz immer wieder aufbrechenden Widerständen standhaft vertreten. Nun ist er bereits entschieden, dass er Ephesus verlassen will und dass es nur doch darum geht, einen guten Abschluss zu finden. Man könnte also denken, dass niemand mehr Interesse hat, gegen ihn anzukämpfen. Dennoch wird er selbst in dieser Situation mit dem Aufstand der Silberschmiede konfrontiert. Der Weg in die Gegenwart ist offensichtlich kein Selbstläufer, der nur Zustimmung findet. Im Gegenteil! Widerstand kann sich auch in noch so unerwarteten Momenten zusammenbrauen. Auf einmal taucht ein Kobold auf und verbreitet Angst und Aufregung, auf einmal triggert ein kleiner Wicht Neid und Eitelkeit von Menschen und löst eine Lawine von Aktivismus aus. Der Weg in die Gegenwart Gottes ist ein Weg in die Freiheit und Selbstverantwortung des Moments, um die Ruhe im Sturm zu behalten. Doch dieser Weg ist stets fragil und immer erst am Anfang. Die Adventszeit ruft dazu auf, diesen Weg zu schützen – wie ein Kind, für ihn einzustehen und ihn mit Liebe und Weisheit zu kultivieren.
Dies für sich selbst zu tun und sich mit diesem Weg vertraut zu machen, ist das eine. Das andere ist, sich darüber Rechenschaft zu geben, was ihn übersteuern und verdrängen kann. Dies zu wissen, ermöglicht geeignete Vorbereitungen. Es gibt vielerlei Stürme, die die Kraft der Ruhe und Souveränität übersteuern können. Unser Beispiel ist indes nicht untypisch: Es handelt von der Sorge um die eigene Arbeit, um deren finanzieller Erfolg sowie um die darunter liegenden Werte, welche durch die grosse Göttin Artemis legitimiert sind. Diese Sorge ist nachvollziehbar. Der Weg in die Gegenwart Gottes entzaubert tatsächlich die Welt, säkularisiert Werte und Normen, nimmt der menschlichen Arbeit jeden Heiligenschein und setzt sie dem Gesetz von Angebot und Nachfrage aus. Gott wird zwar jeden Moment gegenwärtig, doch beseitigt seine Gegenwart jede Vermischung von Gott und Welt und lässt Gott Schöpfer und die Welt Schöpfung sein. Genau diese Differenzierung ist eine Herausforderung. Holen mich meine Sorgen ein, übersteuern sie die Ruhe im Sturm. Sie legitimieren sich mit dem Schein gottgewollter Dringlichkeit, inszenieren einen Wirbel, versetzen mich in Stress und Not und reissen mich und anderen in den Sturm hinein. Hilfreich ist dies nicht, hilfreich ist hingegen, die Mechanik zu durchschauen. Der Weg in die Gegenwart Gottes ist nichts als der Weg in die Unmittelbarkeit des Augenblicks. Der Rest ist menschgemachte Wirbelei. Bleibe ich in der Ruhe der Gegenwart Gottes, weiss ich, dass es sich hier um eine Falle handelt, in die ich nicht zu tappen brauche.
Die Ruhe im Sturm ist zwar mit Gottes Gegenwart ständig am Kommen. Ihr jedoch standzuhalten und sich nicht in die Stürme hineinziehen zu lassen, ist zuweilen eine Herausforderung. Gefragt ist Entschiedenheit, sich immer wieder neu auf die Gabe des Moments einzulassen. Gefragt sind aber auch nahestehende Menschen, die mit ihrer ganzen Autorität daran erinnern und mit ihrer Klarheit Unterstützung geben. Als die Hexenjagd losgeht und seine beiden Mitarbeiter abgeführt werden, ist auch Paulus drauf und dran, seine Ruhe zu verlieren und sich in den Tumult zu begeben. Weise wäre das nicht gewesen. Das Risiko einer Eskalation des Konflikts und eines unkontrollierten Gewaltausbruchs wäre hoch gewesen. Doch dank der Unterstützung ihm wohlgesinnter Persönlichkeiten hat er die Ruhe im Sturm nicht verloren und verstanden, dass er im Moment nichts unternehmen kann und muss. Auch wenn ich den Weg in die Gegenwart Gottes mit aller Entschiedenheit gehen will, brauche ich zuweilen gute Freunde und Freundinnen, die mir in Krisenmomenten die richtige Unterstützung geben. Niemand ist davor gefeit, im Sturm die Ruhe zu verlieren. Vielleicht braucht es bloss ein kleines Wort, und vielleicht genügt, wenn ich im andern Menschen trotz dem Sturm die Ruhe spüren kann. Die Ruhe im Sturm ist eine Gabe der Gegenwart Gottes, doch sie miteinander zu teilen, eine Hilfe, die hin und wieder nötig ist, um das Vertrauen in ihre Wirksamkeit zu behalten.
Die aktuelle Adventszeit gibt nicht nur die Gelegenheit, sich daran zu erinnern, dass sich Gottes Gegenwart immer wieder neu materialisiert, sondern dass es auch Stürme gibt, die diesen Prozess übersteuern und mit menschgemachten Wirbeleien verdrängen. Umso wichtiger ist deshalb die gegenseitige Unterstützung. Wir Menschen können einander viel geben, um dem Weg in Gottes Gegenwart treu zu bleiben und bald mit Freude Weihnachten zu feiern. Beten wir also, dass wir diesen Weg gehen und dass wir uns dabei gegenseitig unterstützen. Amen.
Predigt vom 7. Dezember 2025 in Wabern
Bernhard Neuenschwander
