Nach einigen Tagen erschien Felix zusammen mit seiner Frau Drusilla, einer Jüdin; er liess Paulus kommen und hörte ihm zu, wie er vom Glauben an Jesus, den Gesalbten, sprach. Als er aber auf Gerechtigkeit und Selbstbeherrschung und das künftige Gericht zu sprechen kam, wurde es Felix angst und bang, und er entgegnete: Für diesmal kannst du gehen; wenn ich Zeit finde, werde ich dich wieder rufen lassen. Dabei hoffte er, von Paulus Geld zu erhalten; deshalb liess er ihn auch öfter kommen und unterhielt sich mit ihm. Nach zwei Jahren aber wurde Felix durch Porcius Festus ersetzt; und weil Felix den Juden einen Gefallen tun wollte, liess er Paulus als Gefangenen zurück. Apg 24,24-27
Jeder Augenblick hat seinen eigenen Zauber. Es sind nicht die Umstände, nicht die Menschen, nicht ihre Bewegungen und Worte, die ihn schaffen. All dies kann ihn zum Ausdruck bringen, nichts indes von dem vermag ihn zu erschaffen. Der Zauber liegt im Geheiminis des Moments selbst. Wer sich auf den Augenblick einlässt, wird entrückt, wer ganz im Hier und Jetzt ist, erkennt mehr als Raum und Zeit. Denn auf einmal ist man von jenem Geheimnis erfasst, das zwar ständig da ist, sich aber dennoch nicht fassen lässt, auf einmal blitzt jene Unmittelbarkeit auf, durch die alles ist, wie es ist, dem menschlichen Zugriff jedoch entzogen ist. Was sich darin zeigt, ist da, seit es dieses Universum gibt, und es wird da sein, solange dieses Universum besteht. Doch in diesem Geheimnis funkelt eine Zukunft, die nicht auf kommende Tage, Jahre oder Jahrhunderte verweist, sondern ständig am Kommen ist, und die in der christlichen Tradition ein grosses Thema ist: die Fülle der Gegenwart Gottes.
Was mit diesen Worten angezeigt wird, ist anderes als alles, was mit den Sinnen wahrgenommen werden kann. Es ist nicht ein Dies oder Das, kein etwas, von dem sich ein anderes unterscheiden liesse. Jede Dualität, die eine Differenz vom einen zum andern markiert, ist überschritten, ja selbst jede Dualität von Differenz und Indifferenz ist unterlaufen. In der Stille des Moments ist es unmittelbar da. Die Wucht seiner Präsenz beschreibt die Bibel als Erscheinung der Herrlichkeit Gottes, die ist wie «verzehrendes Feuer» (Ex 24,17; Hebr 12,27-29). Wie könnte am Leben bleiben, wer von diesem Feuer erfasst wird? Seine Nähe entlarvt jedes stabile, von Raum und Zeit unabhängige Ich als Illusion. Eine solche Mystik der Nichtdualität ist bedingungslose Freiheit mitten in den Verstrickungen des Alltags. Sie gibt Klarheit im Nichtwissen, Freude in der Verzweiflung und Liebe und Weisheit in Schmerz und Leid. Solche Blitze der kommenden Fülle Gottes mögen nur kurz aufleuchten und rasch verglühen. Doch wo sie einschlagen, sind ihre Veränderungen irreversibel: Sie zeigen, was möglich ist, sie schaffen Zuversicht, und sie wecken die Sehnsucht nach der Fülle Gottes.
Unser Predigttext erzählt auf seine, ihm eigene Weise von diesen Funken der Zukunft Gottes. Versuchen wir, seine Erzählung zu verstehen!
Im Zentrum steht Paulus. Er sitzt in Cäsarea, dem Sitz des römischen Statthalters für Palästina und Israel, in Gefangenschaft. Gebracht wurde er dorthin, weil jüdische Zeloten ein Attentat auf ihn planten und die römische Behörde zwar für seinen Schutz einstehen, jedoch das Verhältnis zu den Juden nicht strapazieren wollte (Apg 23,12-35). In Cäsarea kam es zum Gerichtsprozess. Die jüdische Seite brachte ihre Anklage vor, und Paulus verteidigte sich. Der römische Statthalter Felix, der als Richter fungierte, gab der Anklage zwar nicht statt, liess Paulus aus Rücksicht gegenüber den jüdischen Anklägern jedoch auch nicht frei (Apg 24,1-23). Unser Predigttext erzählt, was in der Folge geschieht.
Der Auftritt von Paulus im Gerichtsprozess hat das Interesse von Felix geweckt (V24). Bereits einige Tage später wendet er sich zusammen mit seiner jüdischen Frau Drusilla dem Gefangenen zu. Er lässt Paulus kommen und hört ihm zu, wie er vom Glauben an Jesus, den Gesalbten, spricht. Sein Interesse erscheint zunächst aufrichtig und wohlwollend. Unbehaglich wird ihm indes, als Paulus auf die Funken der kommenden Fülle von Gottes Gegenwart zu sprechen kommt (V25). Inhaltlich wird dies mit den Stichworten Gerechtigkeit, Selbstbeherrschung und künftiges Gericht markiert. Die Metaphorik vom künftigen Gericht verweist auf die nichtduale Fülle von Gottes Gegenwart. Ist Gott gegenwärtig, geschieht jene Unmittelbarkeit, die nicht in den Kampf zwischen Gut und Böse verstrickt ist, gerade so aber für Gerechtigkeit sorgt. Wer davon erfasst wird, folgt nichts als ihrer bedingungslosen Freiheit. Paulus nennt dies Selbstbeherrschung. In ihr leuchten die Funken von Gottes Zukunft. Was gemeint ist, ist klar: Es geht um die Verantwortung vor der nichtdualen Gegenwart Gottes für das eigene Leben. Doch dem Statthalter Felix wird angst und bang, als er davon hört. Er beendet das Gespräch und lässt Paulus gehen. Unverbindlich deutet er bloss an, dass er ihn wieder rufen lasse, wenn er Zeit habe. Worin das Unwohlsein von Felix begründet ist, führt der Text nicht aus; doch er macht eine Andeutung (V26). Er weist nämlich darauf hin, dass Felix erhofft, von Paulus Lösegeld für seine Freilassung zu erhalten, ihn deshalb öfters kommen lässt und sich mit ihm unterhält. Felix mag zwar ein gewisses Interesse an der Botschaft von Paulus haben, doch er scheut deren Konsequenzen. Ihm ist wichtiger, seine Gier nach Geld zu befriedigen, als die kommende Fülle von Gottes Gegenwart zum Funkeln zu bringen. Die Ankündigung eines kommenden Gerichts ist da verstörend.
An dieser Situation ändert sich vorderhand nichts (V27). Nach zwei Jahren wird Felix durch Porcius Festus ersetzt. Paulus bleibt während dieser Zeit in Haft. Auch lässt Felix die bei einem Statthalterwechsel oft geübte Praxis, einen Gefangenen freizugeben, ungenutzt verstreichen, weil er gegenüber den Juden unfrei ist. Der Grund ist – das berichtet der jüdische Historiker Josephus – politischer Natur. Felix verdankt sein Amt seinem Bruder Pallas, einem Günstling von Kaiser Claudius. Bei dessen Nachfolger, dem Kaiser Nero, fällt er in Ungnade, worauf auch der Niedergang von Felix einsetzt. Zudem wird Felix von den Juden wegen schlechter Amtsführung in Rom verklagt. Felix wird also sein Verhältnis zu ihnen nicht weiter belasten wollen. Die Funken der kommenden Gegenwart Gottes, auf die Paulus Felix hingewiesen hat, mögen einen Augenblick durchgeschimmert haben; nun aber werden sie von seinen Eigeninteressen wieder übersteuert.
Dieser Predigttext lässt uns über die Funken der kommenden Fülle von Gottes Gegenwart nachdenken. Was gibt er uns zu diesen Funken zu verstehen?
Zunächst verweist er darauf, dass die nichtduale Fülle von Gottes Gegenwart jeden Augenblick am Kommen ist. Dieses Kommen eröffnet mitten in der Zeit unseres Lebens, unseres Planeten, unseres ganzen Universums eine andere Zukunft. Unser Predigttext beschreibt sie in der Metaphorik vom künftigen Gericht, das mit seiner Gerechtigkeit entgegenkommt. Gott wird damit im Bild vom Richter gedacht, der unbefangen zwischen Gut und Böse richtet und mit seiner unmittelbaren Gegenwart Gerechtigkeit schafft. Die Botschaft ist klar: Ich kann Angst vor der Zukunft haben. Klima, Kriege, Krankheiten, Leiden und Schmerzen können mich belasten. Doch mitten in all dem, was mir die Zukunft bringen kann, mitten im Lärm der Zeit, kommt mir die Fülle von Gottes stiller Gegenwart entgegen, unmittelbar, ohne Geschrei, bedingungslos, aus lauter Gnade. Sie schafft jene nichtduale Gerechtigkeit, die frei von jeder ideologisch definierten Selbstgerechtigkeit ist und die alle Zweifel über Gut und Böse hinter sich lässt. Denn ihre unmittelbare Gegenwart schafft Freiheit, Weite, Klarheit und überzeugt mit ihrer Schönheit. Sie ist im Angesicht von Sorgen und Zukunftsängsten eine unerschöpfliche Ressource von Trost und Zuversicht.
Nun ist diese nichtduale Fülle von Gottes Gegenwart aber nicht nur am Kommen, sondern in ihren Anfängen bereits gegenwärtig. Ihre Funken zeugen von ihrer Zukunft, die mitten in der Zukunft dieser Zeit aufleuchtet. Paulus deutet sie mit dem Begriff «Selbstbeherrschung» an. Wer die Fülle von Gottes Gegenwart sucht, muss sich von ihr bestimmen lassen. Das Paradox der bedingungslosen Freiheit löst sich in ihrer nichtdualen Unmittelbarkeit auf, doch formulieren lässt es sich nur als Widerspruch. Will ich in dieser Freiheit sein, muss ich ihr ohne Wenn und Aber gehorchen. Bin ich bereit, mich an sie zu binden, bin ich frei. Selbstbeherrschung, wie sie hier gemeint ist, ist nicht ein moralistisches Konzept, das ich getreu umzusetzen habe, sondern meine Bereitschaft, mich immer wieder neu dem Geheimnis des Moments auszusetzen und mich von seiner Unmittelbarkeit bestimmen zu lassen. Ich kann dies durchaus üben und kultivieren – durch Tanz, Musik, Meditation oder indem ich mich der Frage stelle, wie das Geheimnis des Moments in genau dem Dialog aufblitzt, in den ich gerade verwickelt bin. Gottes Gegenwart ist attraktiv, sie will wachsen und erstarken, und sie will ihre Funken leuchtender und dauerhafter werden lassen. Jeder Augenblick bleibt indes ein Augenblick der Selbstbeherrschung, hier und jetzt genau dafür einzustehen.
Dies allerdings ist keine Selbstverständlichkeit. Die Selbstbeherrschung geht leicht verloren, und die Funken der kommenden Gegenwart Gottes sind rasch übersteuert. Unser Predigttext zeigt es. Felix dürfte sehr wohl ahnen, was ihm Paulus zu verstehen geben will. Doch er ist nicht in der Lage, seine Eigeninteressen zur Ruhe kommen und das Geheimnis des Moments funkeln zu lassen. Seine Geschäftigkeit, seine Gier nach Geld, sein Taktieren und seine Karrierepläne nehmen ihn gefangen. Verstrickt in seine Vergangenheit und seine Zukunft verpasst er das Geheimnis des Augenblicks. Dies zu realisieren, ist verstörend. Doch wie könnte ich ihn deswegen kritisieren? Ist nicht all dies heute gar nicht so anders? Es bedarf in dieser postchristlichen Zeit echter Selbstbeherrschung, sich nicht vom täglichen Lärm und Oberflächengetriebe mitreissen zu lassen, stattdessen die Stille von Gottes Gegenwart zu vernehmen und ihre Funken leuchten zu lassen. Doch genau dies miteinander zu teilen, macht den Augenblick sinnerfüllt und das Herz glücklich.
Vielleicht verstehen wir Zukunft zuerst und vor allem im horizontalen, zeitlichen Sinn und denken an all das, was in den nächsten Tagen oder Jahren auf uns zukommen könnte. Vielleicht können wir uns aber auch vorstellen, dass darin noch eine ganz andere Zukunft geborgen liegt: die kommende Fülle der Gegenwart Gottes. Diese vertikale Zukunft ist ständig am Kommen. Sie bringt den Augenblick mit ihrer Unmittelbarkeit zum Funkeln, schafft Präsenz und gibt jene bedingungslose Freiheit, die der Zukunft dieser Welt mit Zuversicht, Liebe und Weisheit entgegengeht. Beten wir also, dass wir von dieser Zukunft erfasst werden und die Freude an ihren Funken miteinander teilen. Amen.
Predigt vom 1. November 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander
