Als der Statthalter dem Paulus ein Zeichen gab, dass er jetzt reden könne, antwortete dieser: Da ich weiss, dass du seit vielen Jahren diesem Volk Recht sprichst, bin ich zuversichtlich, wenn ich mich jetzt in eigener Sache verteidige. Du kannst dich davon überzeugen, dass es keine zwölf Tage her ist, seit ich nach Jerusalem hinaufgezogen bin, um dort zu beten. Weder im Tempel noch in den Synagogen noch sonst wo in der Stadt haben sie mich angetroffen, wie ich mit jemandem ein Streitgespräch geführt oder einen Volksauflauf verursacht hätte. Sie können dir auch nicht beweisen, was sie jetzt gegen mich vorbringen. Dies allerdings bekenne ich vor dir, dass ich dem Gott meiner Väter nach dem neuen Weg – den sie eine Sekte nennen – diene, indem ich in allem auf das vertraue, was im Gesetz und in den Propheten geschrieben steht, und die gleiche Hoffnung, die auch diese hier teilen, auf Gott setze: dass es nämlich zu einer Auferstehung für Gerechte und Ungerechte kommen wird. Darum übe auch ich mich darin, allezeit ein unangefochtenes Gewissen zu haben vor Gott und den Menschen. Nach mehreren Jahren bin ich nun wieder zu meinem Volk gekommen, um Spenden zu überbringen und um zu opfern. Dabei haben sie mich im Tempel angetroffen, wie ich mich hatte heiligen lassen: Kein Volk war da, und Tumult gab es keinen. Nur einige Juden aus der Provinz Asia waren da. Die müssten vor dir erscheinen und Anklage erheben, wenn sie etwas gegen mich vorzubringen hätten. Andernfalls sollen diese hier selber sagen, was für ein Unrecht sie festgestellt haben, als ich vor dem Hohen Rat stand, es sei denn, man werfe mir diesen einen Satz vor, den ich, in ihrer Mitte stehend, ihnen zugerufen habe: Wegen der Auferstehung der Toten stehe ich heute bei euch vor Gericht! Apg 24,10-21
Wie könnte Gottes Gegenwart nicht Standfestigkeit und Handlungsfähigkeit in Unsicherheit und Bedrohung geben! Wer im Geheimnis des Moments verankert ist, lässt sich nicht von diffusen Ängsten überschwemmen und durcheinanderbringen, sondern sucht Klarheit in den Auseinandersetzungen und Herausforderungen, in denen er steht. Er nimmt sein Gegenüber in Blick, setzt alles daran, dieses und dessen Potential wahrzunehmen und zugleich sich selbst zu erkennen. Damit aber nicht genug: Er sucht den Durchblick im aktuellen Dialog, die Unmittelbarkeit darin, die Aktion, die im geteilten Augenblick zu ergehen hat. Wer in der Gegenwart Gottes ist, erfasst die Situation und erkennt das Potential möglicher Verstrickungen; doch er sucht darin die nichtduale Unmittelbarkeit des Moments, die Freiheit zum Handeln, die Liebe und Weisheit, die sich hier und jetzt bewährt.
Was damit gemeint ist, wird heute ständig auf die Probe gestellt. Von Tag zu Tag wächst in dieser beschleunigten Zeit die Unsicherheit. Das Tempo der Selbstoptimierung künstlicher Intelligenz übertrifft selbst die gewagtesten Prognosen. Wer kann diese Revolution noch überblicken, wer kann garantieren, dass sie nicht missbraucht wird oder sich gar gegen ihre Erschaffer richtet? Wer vermag Kriege zu begrenzen, die mit ihrer Hilfe geführt werden und ausser Kontrolle geraten sind? Wer ist in der Lage, verantwortungsvoll voranzugehen, statt getrieben zu werden von Ereignissen, die längstens eine Eigendynamik gewonnen haben? Narzisstische Allmachtsphantasien helfen da ebenso wenig wie gekränkter Rückzug in die eigene kleine Blase. Auch der Glaube an Gottes Gegenwart löst keine Probleme und beseitigt keine Herausforderung. Aber er stärkt die menschliche Würde, die menschliche Freiheit und Verantwortung, er erinnert an die Wirksamkeit, die im stillen Geheimnis des Augenblicks steckt, und er verbindet mit jenem Potential, in welchem jenseits von Raum und Zeit alles mit allem verbunden ist und in welchem hier und jetzt schöpferische Impulse der Unmittelbarkeit geboren werden.
Unser Predigttext gibt uns ein Beispiel für dieses Vorgehen mitten in einer heftigen Auseinandersetzung. Was gibt er uns zu bedenken?
Paulus steht in Cäsarea, dem Sitz des römischen Statthalters, vor Gericht. Es findet im Rahmen römischen Rechts vor dem Statthalter Felix statt. Soeben hat Tertullus, der Anwalt der jüdischen Delegation, seine Anklage vorgebracht. Paulus hat sie zur Kenntnis genommen, in ihr die Klarheit von Gottes Gegenwart gesucht und sich auf den Moment seiner Replik vorbereitet (Apg 24,1-9).
Unser Predigttext beginnt damit, dass Felix Paulus ein Zeichen gibt, dass er jetzt reden könne (V10a). Paulus zögert nicht und beginnt seine Verteidigung. Sie ist parallel zur Anklage aufgebaut. Auch Paulus startet mit einer captatio benevolentiae, doch ist diese im Vergleich zu derjenigen von Tertullus bedeutend knapper (V10b). Paulus beschränkt sich darauf, festzuhalten, dass er weiss, dass Felix seit vielen Jahren diesem Volk Recht spricht und dass er deshalb zuversichtlich ist, wenn er sich nun in eigener Sache verteidigt. Er verzichtet also auf handfeste Schmeicheleien und bringt stattdessen sein Vertrauen zum Ausdruck, dass seine Sache in diesem Rechtskontext für sich spricht.
Gleich kommt er sodann auf den ersten Anklagepunkt zu sprechen (VV11-13). Er verweist zunächst darauf, dass sich Felix rasch davon überzeugen kann, dass er erst vor zwölf Tagen nach Jerusalem hinaufgezogen ist, um zu beten. Der Vorwurf, er stifte zum Aufruhr an, lässt sich deshalb leicht widerlegen. Weder im Tempel noch in den Synagogen noch sonst wo in der Stadt hat man feststellen können, dass er mit jemandem ein Streitgespräch geführt oder einen Volksauflauf verursacht hat. Den Vorwurf von Tertullus, er stifte weltweit zum Aufruhr an, übergeht er. Paulus will den Ball flach halten und konzentriert sich auf das, wofür Felix zuständig ist. Für die paar Tage, die er nun in Jerusalem verbracht hat, kann die Anklage keinerlei Beweise vorbringen.
Den zweiten Anklagepunkt, er sei Anführer der Sekte der Nazarener, kann und will er nicht widerlegen, aber zurechtrücken (VV14-16). Tatsächlich bekennt sich Paulus dazu, dem Gott seiner Väter zu dienen, doch führt er keine Sekte, sondern geht einen Weg: den Weg in die Gegenwart Gottes. Er geht diesen Weg, indem er in allem auf das vertraut, was im Gesetz und in den Propheten geschrieben steht. Am Bekenntnis zum jüdischen Erbe macht er also keine Abstriche. Im Gegenteil: Er teilt mit seinen Anklägern sogar die Hoffnung auf die Auferstehung für Gerechte und Ungerechte. Dass die jüdische Seite in diesem Punkt zerstritten ist (vgl. Apg 23,6-10), übergeht er, da dies im aktuellen Kontext bedeutungslos ist. Sein Anliegen ist stattdessen, den Weg, der er vertritt, als jüdischen Weg zu erweisen. Und weil ihm der Glaube an Auferstehung und Gericht wichtig sind, übt er sich darin, jeden Moment ein unangefochtenes Gewissen zu haben vor Gott und den Menschen. Felix kann deshalb mit guten Gründen davon ausgehen, dass sich Paulus an geltendes Recht hält und keine staatsfeindlichen Agitationen im Blick hat.
Schliesslich kann auch keine Rede davon sein, dass er, wie die Anklage behauptet, versucht hat, den Tempel zu entweihen (VV17-21). Nach mehreren Jahren in der Ferne ist er vielmehr zurückgekommen, um seinem Volk – gemeint ist die christliche Gemeinde in Jerusalem – die Kollekte zu überbringen und zu opfern. Für Lukas ist es kein Tabu, gegenüber Felix die Übergabe der Kollekte als Motiv für die Reise nach Jerusalem zu erwähnen. Bisher, und insbesondere bei der Ankunft von Paulus in Jerusalem (Apg,15-26), hat er das Thema konsequent übergangen; denn es berührt eine schmerzliche Wunde: Paulus hat trotz Warnungen an diesem Vorhaben festgehalten, ist dabei indes gescheitert und konnte die Kollekte nicht übergeben, muss nun stattdessen als Folge seines eigenwilligen Verhaltens jüdische Angriffe und römische Gefangenschaft ertragen. An dieser Stelle dient der Hinweis nur dazu, gegenüber Felix zu erklären, weshalb Paulus im Tempel Jerusalems angetroffen wurde. Sogleich geht es aber wieder zur Sache: Es gab keinen Volksauflauf und keinen Tumult. Nur einige Juden, die ihn von der Asia, also der Gegend um Ephesus, kennen, sind vor Ort gewesen. Falls diese etwas vorzubringen haben, sollen sie es tun. Aber sie sind von der Anklage gar nicht erst aufgeboten worden. Wenn also auch dieser Vorwurf in sich zusammenfällt, sollen wenigstens die anwesenden Ankläger vorbringen, was sie an Unrechtsmässigem an ihm gefunden haben, als er ihnen in Jerusalem gegenübergestellt wurde (Apg 22,30-23,10). Aus Sicht des Paulus gibt es deshalb keinen Grund für die Anklage – es sei denn sein Bekenntnis zur Auferstehung der Toten. Dies aber ist eine innerjüdische Angelegenheit und keine Straftat gegen römisches Recht.
Die Fortsetzung beschreibt knapp die Reaktion des Statthalters (Apg 24,22-23). Felix gibt der Anklage nicht statt, da er über den Weg, von dem Paulus spricht, recht gut informiert ist und weiss, dass er die öffentliche Ordnung nicht gefährdet und keinen Verstoss gegen römisches Recht darstellt. Dennoch lässt er Paulus auch nicht frei, sondern vertagt – wohl aus Rücksicht gegenüber der jüdischen Anklage – die Verhandlung, bis er mit dem Oberst Claudius Lysias gesprochen hat, der ihm Paulus überstellt hat (Apg 23,23-30). Felix befiehlt, Paulus derweil in leichter Haft gefangen zu halten und niemanden von den Seinen, also wohl der christlichen Gemeinde Cäsareas (Apg, 21,8-14), daran zu hindern, sich um ihn zu kümmern.
Mit dem heutigen Predigttext werden wir dazu aufgefordert über unser eigenes Verhalten in Konflikten und Herausforderungen nachzudenken. An seinem Beispiel können wir verstehen, wie in der Gegenwart Gottes der Umgang mit Kritik funktioniert. Was will er uns nahebringen?
Zunächst fordert er dazu auf, sich nicht in die Angst vor einer Auseinandersetzung – sei es eine private oder sei sie eine öffentliche – zu verstricken, die Angst aber wahrzunehmen und anzuerkennen, durch sie hindurchzugehen und die Situation in der Klarheit von Gottes Gegenwart zu durchblicken. In der Gemengelage der Herausforderung soll die stille Gegenwart Gottes gleichsam Oase ruhiger Präsenz sein, die den Durchblick sucht und Klarheit schafft. In unserem Predigttext beschränkt sich Paulus auf eine nüchterne und ehrliche Würdigung der Rolle von Felix. Er verzichtet auf Schmeicheleien und setzt auf die unmittelbare Kraft der Fakten. Das Verhalten von Paulus ist vorbildlich. In Zeiten künstlicher Intelligenz und alternativer Fakten ist die Gemengelage von Informationen unüberschaubar und der Durchblick in die Gegenwart Gottes eine enorme Herausforderung. Wie soll man davon nicht geblendet, überreizt und verwirrt werden? Wie sich nicht in die Fülle von Information verstricken? Der Weg in die Gegenwart Gottes nimmt die Fülle wahr und anerkennt die eigene Resonanz darauf, aber geht durch die Verstrickung hindurch. Er hält sich an die Kraft der Unmittelbarkeit und freut sich an der Klarheit des Augenblicks. Die Herausforderung, die die Fülle an Information bildet, verschwindet damit nicht, aber es zeigt sich klar und deutlich der nächste Schritt.
Weiterhin zeigt sich eine eigenartige Stärke: Wer den Weg in die Gegenwart Gottes geht, ist bereit, den Moment mit seinem Gegner, ja mit seinem Feind zu teilen. Er durchblickt dessen Absichten, Stärken und Schwächen und macht sich diese zu eigen. Die Antwort von Paulus in unserem Predigttext zeigt, dass er seinem Gegenüber aufmerksam zugehört hat. Für seine Replik setzt er genau bei den drei Anklagepunkten an und nutzt deren Schwachstellen. Er weist auf fehlende Beweise hin (1), zeigt Gemeinsamkeiten, wo diese übergangen werden (2), und löst Vorwürfe in heisse Luft auf, wo sie einer kritischen Prüfung nicht standhalten (3). Die bedingungslose Bereitschaft, die Gegenwart Gottes weder Menschen noch Maschinen wie KI noch irgendetwas anderem zu verweigern und stattdessen mit jedem Gegenüber zu teilen, ist ein Angebot zur Kooperation; doch wo diese ausgeschlagen wird, deckt sie Eigenwillen auf, konfrontiert mit Verstrickungen und markiert blinde Flecken. Falls nötig, scheut sie sich nicht vor gezielten Angriffen noch zögert sie, Schwächen auszunutzen. Das Ergebnis ist damit nicht determiniert, doch das Teilen der Gegenwart Gottes schafft Erkenntnisse, die sich in herausfordernden Situationen unmittelbar bewähren.
Schliesslich stärkt die Gegenwart Gottes in Konflikten die Würde dessen, der sich auf sie bezieht. Wer in ihr ist, erkennt nicht nur das Gegenüber, das seine Kritik vorbringt, sondern ebenso die eigene Position und ist in der Lage, diese unter Einbezug der Kritik souverän zu vertreten. Als Paulus das Zeichen zum Sprechen erhält, zögert er nicht. Er nutzt vielmehr die Erkenntnisse des geteilten Moments und sagt mit der Kraft der Unmittelbarkeit frei und klar, was er zu sagen hat. So widerlegt er die Vorwürfe (1 und 3) und rückt zurecht, wie sich die Sache aus seiner Sicht verhält (2). Über die Kollekte redet er, wie ihm dies in diesem Moment nützlich scheint, und verstrickt sich nicht in die Wunde, die sie hinterlassen hat. Wer in Gottes Gegenwart den Moment teilt, kennt sich selbst samt der Gekränktheit, die ein effizientes Gegenüber wie KI auslösen kann. Doch er verstrickt sich nicht darin, sondern hält sich an seine Würde und Freiheit und nutzt die Erkenntnis des Moments, um für seine Sicht einzustehen und diejenige des Gegenübers zu entkräften. Vielleicht führt dies zu Gewinnern und Verlierern, vielleicht zu Respekt auf Augenhöhe und Kooperation, und vielleicht wird das Ergebnis von den Umständen übersteuert. In unserem Predigttext bleibt der Ausgang offen. Auch der Ausgang der Auseinandersetzung zwischen Menschen und Maschinen wie KI ist offen.
Wer den Weg in Gottes Gegenwart geht, sucht im Teilen des Moments die Kooperation. Doch er scheut sich nicht vor Konflikten und öffentlicher Kritik. Er vertraut vielmehr darauf, in der Gemengelage des Gefechts den Durchblick zu gewinnen, im geteilten Moment sein Gegenüber und sich selbst zu erkennen, Stärken und Schwächen zu nutzen und seine Sache zu vertreten. Seine Stärke ist die Hingabe in die nichtduale Unmittelbarkeit des Moments, die mit ihrer Liebe und Weisheit ständig gegenwärtig ist. Beten wir also, dass wir diese Unmittelbarkeit in kritischen Momenten finden und unseren Weg in Gottes Gegenwart gehen. Amen.
Predigt vom 25. Oktober 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander
