Devotion

Devotion

Die Soldaten übernahmen Paulus, wie ihnen befohlen war, und brachten ihn in der Nacht nach Antipatris. Am andern Tag liessen sie die Reiter mit ihm weiterziehen und kehrten in die Kaserne zurück. Jene aber kamen nach Cäsarea, übergaben dem Statthalter den Brief und führten ihm auch Paulus vor. Der Statthalter las den Brief und fragte Paulus, aus welcher Provinz er stamme. Als er erfuhr, dass er aus Kilikien sei, sagte er zu ihm: Ich werde dich verhören, sobald deine Ankläger eingetroffen sind. Und er gab Befehl, ihn im Prätorium des Herodes gefangen zu halten. Apg 23,31-35

Heute ist Bettag. Heute werden wir an das Geheimnis der Gegenwart Gottes erinnert und zur Hingabe in dieses Geheimnis und zum Handeln aus ihm aufgefordert. Als eidgenössischer Feiertag mag der Bettag ein Relikt aus vergangener Zeit sein. Doch was er ins Bewusstsein ruft, ist seit Anbeginn dieses Universums und solange dieses Universum bestehen bleibt, zentral: die Unmittelbarkeit des Augenblicks, das Informationspotential, das darin steckt, und die Möglichkeit, sich darauf einzulassen und daraus zu agieren. Freuen wir uns also, dass heute Bettag ist!

Will ich dies tun, stellen sich mir je nach Kontext unterschiedliche Fragen. Ein Beispiel: Verfolge ich klare Ziele und suche die Kontrolle, diese Ziele selbstbestimmt zu erreichen, fordert mich die Botschaft des Bettags dazu auf, über die Freiheit in meinem disziplinierten und verantwortungsbewussten Handeln nachzudenken. Gibt es in meinem leistungsorientieren Agieren auch Leichtigkeit und Unbeschwertheit? Kann ich über meine Ernsthaftigkeit lächeln? Orientiere ich mich demgegenüber nicht an Zielen, Ergebnissen oder Leistung, sondern an Werten, Prozessen und Zugehörigkeit im Netzwerk, in dem ich mich bewege, verweist mich die Botschaft von Bettag an die Verantwortung, die ich als Mensch hier und jetzt trage. Habe ich die Disziplin, mich der Unmittelbarkeit des Augenblicks zu stellen? Bin ich bereit, mir Rechenschaft über die Folgen meines Tuns im Kontext meiner Blase zu geben? Unterschiedliche Verhaltensmuster stellen vor unterschiedliche Herausforderungen. Doch auf dem Weg in Gottes Gegenwart steht stets dasselbe im Zentrum: die Hingabe in das Geheimnis des Moments und das unmittelbare Agieren daraus im Kontext, in welchem ich hier und jetzt stehe.

Unser Predigttext führt uns das exemplarisch vor. Versuchen wir zu verstehen, was er zu bedenken gibt!

Paulus steckt in einer heiklen Situation, in welcher seine Fähigkeit zur Hingabe in Gottes Gegenwart gefordert ist. Er befindet sich in Jerusalem in römischem Gewahrsam, doch eine Gruppe von Zeloten setzt alles daran, ihn mit einem Attentat zu eliminieren. Als der zuständige römische Oberst davon erfährt, entscheidet er sich umgehend, seinen Gefangenen mitten in der Nacht zum Statthalter Felix nach Cäsarea bringen zu lassen. In einem persönlichen Brief erläutert er ihm die Umstände (Apg 23,12-30).

Unser Predigttext berichtet, wie die Entscheidung des Obersten umgesetzt wird. Zunächst wird Paulus aus der gefährlichen Zone in und um Jerusalem hinaus gebracht (V31). Lukas berichtet, dass die Soldaten Paulus übernehmen, wie ihnen befohlen ist. Nachts um die dritte Stunde macht sich ein grösseres Aufgebot von Soldaten, Leichtbewaffneten und Reitern auf den Weg und bringt Paulus nach Antipatris. Antipatris liegt etwa 60 km von Jerusalem entfernt an der Küste. Am folgenden Tag lassen die Soldaten die Reiter weiterziehen und kehren in die Kaserne zurück (V32). Ob die römischen Soldaten tatsächlich so grosse Distanzen in so kurzen Zeiten zurückgelegt haben, sei dahingestellt. Doch Lukas will damit offenbar klarstellen, dass Paulus den Schutz des römischen Staatsapparats geniesst und mit grössten Sicherheitsvorkehrungen transportiert wird.

In einem weiteren Tagesritt gelangen die Reiter mit Paulus in das etwa 40 km entfernte, ebenfalls an der Küste gelegene Cäsarea (V33). Hier residiert der römische Statthalter Felix. Die Reiter übergeben diesem den Brief, den ihnen der römische Oberst mitgegeben hat und führen ihm Paulus vor. Felix nimmt sich der Sache sogleich an und verschafft sich ein Bild von der Situation (V34ab). Er liest den Brief und fragt Paulus, aus welcher Provinz er stamme. Ihm geht es offenbar als erstes darum, seine Zuständigkeit zu klären. Normalerweise ist zwar der Statthalter der Provinz zuständig, in welchem das Vergehen stattgefunden hat (forum delicti), doch gibt es auch die Möglichkeit, den Fall an das Gericht der Herkunftsprovinz zu überweisen (forum domicilii). Was Paulus auf die Frage antwortet, wird nicht gesagt.

Festgehalten wird einzig, was der Statthalter Felix versteht und was er daraus folgert (VV34c-35). Ihm wird klar, dass Paulus aus Kilikien stammt, und er gibt ihm zu verstehen, dass er ihn verhören wird, sobald seine jüdischen Ankläger eingetroffen sind. Er entscheidet sich also, den Fall zu übernehmen und nicht zu überweisen, doch will er sich damit erst beschäftigen, wenn die Gegenpartei eingetroffen ist. Er befiehlt deshalb, Paulus bis dann (und nach Apg 24,27 darüber hinaus) im Prätorium des Herodes, dem ehemaligen Palast Herodes des Grossen und aktuellen Amtssitz des römischen Prokurators, in Gewahrsam zu halten. Paulus kommt im ganzen Abschnitt nicht zu Wort. Ihm bleibt im Moment nichts anders zu tun, als sich der Gegenwart Gottes hinzugeben und im Vertrauen auf ihre unmittelbare Wirksamkeit im Moment zu sein. Die Fortsetzung berichtet dann vom Prozess, wie er fünf Tage später zwischen den jüdischen Anklägern und Paulus vor Felix geführt wird.

Die Besinnung auf diesen Predigttext am heutigen Bettag lässt uns über die Hingabe in Gottes Gegenwart und das unmittelbare Agieren daraus nachdenken. Wie also wird dies durch unseren Predigttext präzisiert?

Die Hingabe in Gottes Gegenwart ist zunächst Ausdruck eines geklärten Vertrauens. Wer in der Lage ist, sich unter belastenden Umständen der Gegenwart Gottes hinzugeben, braucht eine gereifte Gewissheit, dass das Vertrauen in deren unmittelbare Wirksamkeit berechtigt ist. In unserem Beispiel zögert Paulus nicht, sich auf den Prozess einzulassen, der mit ihm stattfindet. Das grosse militärische Aufgebot wird ihm klargemacht haben, dass er keine Wahl hat. Doch obwohl er nicht überschaut, was geschieht, obwohl er ohnmächtig ist und keine Kontrolle über die Ereignisse hat, verfällt er nicht in Aufregung oder Selbstmitleid, verweigert sich dem Geschehen nicht und begehrt nicht gegen sein Schicksal auf. Gelingt die Hingabe in die unmittelbare Gegenwart Gottes in unüberschaubaren, ungeklärten Prozessen, gibt dies Halt, Orientierung, Stärke und Souveränität, sich trotz Ohnmacht und Kontrollverlust zurechtzufinden. Doch diese Hingabe ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Frucht disziplinierter Übung und gefestigten Vertrauens in die Unmittelbarkeit von Gottes Gegenwart.

Sodann ist diese Hingabe kein bloss innerer Vorgang, sondern eine Konfrontation mit der konkreten Situation, in der sie stattfindet. Gottes Gegenwart ist in ihrer Unmittelbarkeit unfassbar, aber sie wird genau im Moment hier und jetzt realisiert. Als Paulus in Cäsarea ankommt, wird er vor Felix gestellt, eine römische Autorität, die ihm wohl bloss vom Hörensagen bekannt ist. Ihr ist er auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Was er zu sagen hat, spielt für sie vorerst keine Rolle. Er muss sich ihr unterwerfen und sich darauf einzustellen, die unmittelbare Wirksamkeit von Gottes stiller Gegenwart ihr gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Vertrauensvolle Hingabe in Gottes Gegenwart ist keine Flucht vor den Herausforderungen des Lebens. Ganz im Gegenteil! Sie nimmt diese als Dialogpartner an und stellt sich der Aufgabe, die Gegenwart Gottes in dieser Begegnung unmittelbar zu bezeugen.

Schliesslich hat diese Hingabe Geduld. Sie nimmt die Umstände, wie sie aktuell sind und ist fähig, zu warten bis der Moment zum Dialog gekommen ist, um aus der Unmittelbarkeit von Gottes Gegenwart zu agieren. In unserem Beispiel kann Paulus den Fortgang des Prozesses nicht beeinflussen. Felix bestimmt die nächsten Schritte völlig eigenmächtig. Paulus kennt zwar sein Ziel: Er will Felix im Prozess mit seinen jüdischen Anklägern von seiner Unschuld überzeugen. Doch bis dies so weit ist, bleibt er in der Ungewissheit sitzen, in der es um nicht weniger als um sein Leben und seinen Tod geht. Warten in solcher Ungewissheit ist anspruchsvoll. Es erfordert eine stabile eigenleibliche Wahrnehmung im Hier und Jetzt (Propriozeption), um aber Körper und Geist loszulassen und sich der Unmittelbarkeit des Moments zwischen sich als wahrnehmendem Subjekt und sich als wahrgenommenem Objekt hinzugeben. In dieser Hingabe spielen Raum und Zeit keine Rolle, und es entsteht die Freiheit zur Geduld gegenüber dem, was hier und jetzt geschieht. Genau so wird Warten leicht und jeder Augenblick zu einer Gelegenheit, Gottes stille Gegenwart unmittelbar zu bezeugen.

Der heutige Bettag fordert uns auf, uns auf die Hingabe in Gottes stille Gegenwart zu besinnen. Diese Hingabe appelliert an das Vertrauen, dies gerade bei Kontrollverlust zu tun, deswegen aber nicht aus der Situation zu flüchten, sondern sich mit ihr zu konfrontieren. Sind wir bereit, uns Gottes Gegenwart hinzugeben, werden wir frei zur Geduld. Wir können warten und Ungewissheit ertragen, weil wir wissen, dass wir jeden Augenblick im Dialog mit uns selbst und unserer Welt Gottes stille Gegenwart unmittelbar zum Ausdruck bringen können. Beten wir also, dass wir mit dieser Hingabe vertraut werden und aus ihr zu agieren lernen. Amen.

Predigt vom 20. September 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander

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