Comfort

Comfort

Als sich dies erfüllt hatte, nahm sich Paulus vor, über Makedonien und die Achaia nach Jerusalem zu reisen. Er sagte: Wenn ich dort gewesen bin, muss ich auch Rom sehen. Und er schickte zwei seiner Helfer, Timotheus und Erastus, nach Makedonien voraus; er selbst blieb noch eine Zeit lang in der Provinz Asia. Apg 19,21-22

Die Gegenwart Gottes ist ein Trost, der mit nichts zu vergleichen ist. Eine schwere Diagnose belastet. Der Verlust eines geliebten Menschen schmerzt. Die politischen Verwerfungen, die täglich auf dieser Welt geschehen, sind unerträglich. Doch in all dem ist die Gegenwart Gottes die Quelle von Freiheit, Liebe und Weisheit, die jeden Moment erfüllt und im Fluss der Zeit nie vergeht. Sie greift nicht in das Spiel dieses Universums ein. Sie respektiert dessen Gesetzmässigkeiten, determiniert es nicht und lässt das Ergebnis kommen. Das Spiel der Wahrscheinlichkeiten geht ständig weiter und fegt jede Sicherheit weg. Der Zufall gehört immer dazu. Doch die Gegenwart Gottes ist darin diejenige Ressource, die im täglichen Daseinskampf einen signifikanten Überlebensvorteil bringt, derjenige Trost, der aus der Ewigkeit jeden Moment geboren wird und Heilung schafft. Sich heute, am Ewigkeitssonntag, darauf zu besinnen, tut gut.

Wer mit seiner Fragilität konfrontiert wird und die eigene Vergänglichkeit zu spüren bekommt, hat eine grosse Chance: die Chance, gewohnten Bahnen auf die Seite zu stellen, sich zu lassen und die Stille des Augenblicks zu suchen. Diese Stille ist jeden Augenblick da. Sie muss nicht für wahr gehalten und mit Willenskraft geschaffen werden. Es genügt, ruhig und klar im Moment anzukommen und sich von der unmittelbaren Gegenwart erfassen zu lassen. So da zu sein, ist eine Wohltat, so das Hier und Jetzt zu erfahren, eine Befreiung – wie auch immer die Umstände sind, in denen dies geschieht.

Der christliche Glaube interpretiert einen solchen Moment als Moment der Gegenwart Gottes. Er bietet mit dieser Interpretation eine Hilfe, Momenten der unmittelbaren Gegenwärtigkeit Aufmerksamkeit zu geben, sie zu suchen, ihre heilende Wirkung zu erfahren und sie mit anderen Menschen zu teilen. Die Sprache, die er zur Verfügung stellt, will dem Unsagbaren Worte leihen, mit ihm vertraut machen und Gemeinschaft schaffen. Doch verfügbar macht er das Geheimnis des Moments nicht. Entscheidend sind nicht die Worte, entscheidend ist, jene Gegenwärtigkeit zu erfahren, von der er spricht, und von jener Schönheit angezogen zu werden, die sich im Geheimnis der Gegenwart offenbart.

Eine solche Erfahrung durchdringt das Leid und bringt Heilung. Sie markiert eine Zäsur, führt zu Ende und schafft Neues. Unser Predigttext erzählt von genau einer solchen Zäsur. Sie zu verstehen, könnte gerade heute eine Inspiration sein.

Im Mittelpunkt steht Paulus. Noch befindet er sich in Ephesus, noch verfolgt er seine grosse Mission für den Weg in die Gegenwart Gottes. Doch unser Predigttext erzählt, dass sich Paulus klar darüber wird, dass in seinem Leben eine Veränderung ansteht (V21). Als Auslöser wird bloss angegeben, dass sich all das erfüllt hat. Wie sich seine erste grosse Reise in Antiochia erfüllt hat (Apg 14,26), ist nun seine zweite in Ephesus voll geworden. Der Blick wird also zunächst auf sein erfolgreiches Wirken gelegt. Nun aber versteht Paulus, dass eine andere Reise ansteht: die Reise über Makedonien und die Achaia, also vermutliche vor allem Korinth, nach Jerusalem, und dann vor allem hin in den Westen nach Rom. Was das Motiv zu dieser Entscheidung ist, sagt Lukas nicht. Das Konzept seiner Apostelgeschichte gibt indes eine Antwort und zeigt, wie gross die Zäsur ist, die diese Entscheidung markiert.

Eine ähnlich bedeutsame Markierung findet sich zu Beginn der Apostelgeschichte. Lukas schreibt da, dass der Auferstandene seinen Jüngern den heiligen Geist verheisst, dass sie zu seinen Zeugen werden, in Jerusalem, Judäa, Samaria und bis an die Enden der Erde (Apg 1,8). Von Jerusalem aus soll sich die Botschaft vom Reich Gottes ausbreiten, nicht nur unter den Juden, sondern ebenso unter den Heiden, und zwar bis in die hintersten Winkel dieser Erde. Lukas versteht diese Aussage als Programm seiner Apostelgeschichte. Er illustriert es, indem er von Reisen erzählt. Den bisherigen Höhepunkt findet es in den Reisen, die Paulus für die Mission vom Weg in die Gegenwart Gottes unternimmt und ihn nach Ephesus bringt. Doch mit der Entscheidung, die Paulus nun fällt, wird das ursprüngliche Programm neu justiert.

Mit dieser Entscheidung beginnt der Schlussteil der Apostelgeschichte. Dieser Teil verändert nicht nur den erzählerischen Rhythmus, indem er längere Erzähleinheiten bietet, sondern blickt auch anders auf Paulus. Sein Wirken im Rahmen seiner Mission tritt in den Hintergrund, umso mehr kommt er nun als Mensch auf dem Weg in die Gegenwart Gottes in Blick. Lukas schafft damit eine Parallele zur Geschichte, die er in seinem Evangelium von Jesus erzählt. Als Jesus seine Wirksamkeit in Galiläa erfüllt hat, beschliesst er, nach Jerusalem zu reisen (Lk 9,51). Er schickt Boten voraus (Lk 9,52). Genau dies tut auch Paulus. Auch er wird nach Jerusalem ziehen und Boten vorausschicken. Auch er wird dort wie Jesus mit Feindschaft konfrontiert werden (Apg 20,22f; 21,10f). Trotz diesen Parallelen zu Jesus wird sich die Geschichte indes nicht wiederholen. Paulus wird nicht in Jerusalem enden. Denn er muss Rom sehen, das ist sein Ziel. Und tatsächlich wird er Rom erreichen, als Gefangener zwar, doch er wird die Botschaft vom Reich Gottes im Zentrum des römischen Imperiums gegenwärtig machen. Dort wird er sie wie der Auferstandene den Emmausjüngern (Lk 24,27) Vertretern der Synagoge darlegen (Apg 28,23). Mit der Verkündigung des Reichs Gottes zu den Völkern in aller Offenheit (Apg 28,28-31) wird die Apostelgeschichte zum Abschluss kommen. Paulus wird zwar in Rom sterben. Doch der Weg in die Gegenwart Gottes wird damit nicht aufhören, sondern jeden Moment, solange dieses Universum in Raum und Zeit geschieht, weitergehen. Mit der Entscheidung, die Paulus nun fällt, kommt also jene existentielle Reise in Blick, die der Weg in die Gegenwart Gottes auch für ihn ist. Sie wird sich als Reise von Jerusalem nach Rom präsentieren. Doch in dieser Reise wird vieles verdichtet sein, das erst allmählich verständlich werden wird.

Die Entscheidung, die Paulus hier trifft, markiert eine Zäsur, die tief greift. Sie berührt unterschiedliche Schichten und hat Folgen, die nicht absehbar sind. Dennoch ist für ihn zweifelsfrei gegeben, dass sie so geschehen muss. Kaum entschieden, beginnt er mit der Umsetzung (V22). Er schickt zwei Mitarbeiter nach Makedonien, seinem bisherigen Missionsgebiet, voraus: Timotheus, sein treuer Begleiter (Apg 16,1; 20,4), und Erastos, der möglicherweise ein Bekannter aus Korinth ist (vgl. Röm 16,23; 2Tim 4,20). Er selbst bleibt vorerst in Ephesus. Die Fortsetzung wird berichten, was hier vor seiner Abreise geschieht (Apg 19,23-40).

Diese Geschichte kann am heutigen Ewigkeitssonntag Trost geben. Sie markiert eine Zäsur, wie sie viele Menschen erleben, die einen geliebten Menschen haben verabschieden müssen. Was also ist der Trost, den diese Geschichte gibt?

Sie zeigt, dass es Momente gibt, in denen die Zeit reif ist und der Apfel fällt. Solche Momente sind weder planbar noch können sie forciert werden. Doch wenn sie gekommen sind, sind die Nebel aufgelöst und liegt der Weg, den man zu gehen hat, sonnenklar vor Augen. Sie markieren eine eindeutige Zäsur und schaffen ein Vorher und ein Nachher. Paulus erlebt in Ephesus einen solchen Moment, ohne dass Lukas genau erklären kann, wie es dazu kommt. Im Leben kann es immer wieder zu solchen Momenten kommen. Bin ich stabil in der Gegenwart Gottes, ist jeder Moment eine Gabe Gottes. Alles bleibt in Veränderung. Der Fluss der Zeit hört nicht auf. Jeder Moment birgt seine Freiheit. Selbst in Leid und Schmerz. Nichts bleibt, wie es ist. Eine belastende Situation klärt sich. Ein Abschied wird zum neuen Anfang. Genau dies ist Trost. Er gründet in der Gegenwart Gottes und dem Segen der Vergänglichkeit. Bin ich damit vertraut, finde ich den nächsten Schritt, und wenn die Zeit reif ist, eine neue Perspektive.

Wer sich darauf einlässt, realisiert auf einmal, wie nahe der Weg in die Gegenwart Gottes ist. Die biblischen Geschichten erzählen zwar von ihm, und man mag sich durchaus bewusst sein, dass man derjenige ist, der man in diesem Moment ist. Doch wie rasch kann man doch mit seinem Bewusstsein aus dem Geheimnis der Gegenwart flüchten! Auf einmal ist man irgendwo, nur nicht dort, wo man hier und jetzt ist. Dem Moment standzuhalten, geht nahe. Paulus wird dies auf seiner letzten Reise nach Rom hautnah erfahren. Es wird genau um seinen eigenen, ganz persönlichen Weg in die Gegenwart Gottes gehen. Seine bisherige Mission wird damit nicht aufhören, doch sie wird sein existentielles Zeugnis werden. Dabei zeigt sich: Die Gegenwart Gottes ist mir näher als ich mir selbst. Sie ist nicht bloss ein Thema, über das ich sprechen kann, sondern mein Selbst. Der Trost, der sie mir gibt, ist durch nichts vermittelt, sondern geschieht völlig unmittelbar. Er durchdringt mich, löst mich auf, bringt mich zu mir selbst. Indem ich mich in ihn verliere, bin ich getröstet, indem ich mich lasse, bin ich, wo ich bin. Ohne Angst, ohne Zweifel; mitten in Leid und Not im Frieden der Gegenwart Gottes. Dies zu realisieren, ist ein Weg. Gehe ich ihn, sackt die Gegenwart Gottes Schicht für Schicht ab. Ihre Nähe ist so unmittelbar, dass ich sie nur in Portionen verarbeiten kann.

Doch bereits eine erste Prise schafft die Motivation, das Begonnene zu einem guten Abschluss zu bringen und den neuen Weg zu beschreiten. Erhellt der Blitz der Gegenwart Gottes den Moment, verpufft die Macht der Zweifel und erwacht die Freude, zu tun, was zu tun ist. Als sich Paulus darüber klar wird, was vor ihm liegt, zögert er nicht, seinen Entschluss umzusetzen. Er schickt zwei Gefährten voraus, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen, während er selbst noch vor Ort bleibt. Der Trost, der in der Gegenwart Gottes steckt, schafft eine Perspektive und gibt die Kraft zum nächsten Schritt. Doch er stellt die aktuelle Situation nicht in den Schatten des neuen Ziels, sondern bleibt unaufgeregt bei dem, was hier und jetzt noch ansteht. Gewiss, die Gegenwart Gottes schafft eine Zäsur, doch ihr Trost ist kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern der Abschluss dessen, was zu Ende gekommen ist, und der Anfang eines neuen Weges, der nun gegangen werden will. Gottes Trost ist sanft und doch entschieden, friedlich und doch kraftvoll.

Es tut Körper und Seele gerade auch heute, am Ewigkeitssonntag, gut, sich auf diesen Trost zu besinnen, der in der Gegenwart Gottes steckt. Er macht mir den Segen der Vergänglichkeit spürbar, seine Nähe, wie mir nichts anderes nahe sein kann, aber auch seine sanfte Kraft, die Vergangenheit abzuschliessen und mich für eine neue Zukunft zu motivieren. Beten wir also, dass wir diesen Trost erfahren und immer tiefer in Gottes Gegenwart kommen. Amen.

Predigt vom 23. November 2025 in Wabern
Bernhard Neuenschwander

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