Am folgenden Tag ging Paulus mit uns zu Jakobus; auch alle Ältesten fanden sich ein. Nachdem er sie begrüsst hatte, schilderte er ihnen in allen Einzelheiten, was Gott unter den Völkern durch seinen Dienst getan hatte. Als sie das hörten, priesen sie Gott und sagten zu ihm: Du siehst, Bruder, dass Tausende und Abertausende unter den Juden zum Glauben gekommen sind, und alle sind voller Eifer für das Gesetz. Über dich aber hat man ihnen berichtet, du lehrest alle Juden, die unter den Heiden wohnen, den Abfall von Mose, indem du sie aufforderst, ihre Kinder nicht zu beschneiden und nicht nach ihren Bräuchen zu leben. Was ist jetzt? Man wird auf jeden Fall hören, dass du gekommen bist. Tu nun, was wir dir sagen: Bei uns sind vier Männer, die ein Gelübde getan haben. Nimm sie mit, lass dich mit ihnen heiligen und trage die Kosten für sie, damit sie sich das Haupt scheren lassen können, und alle werden erkennen, dass nichts ist an dem, was man über dich erzählt hat, sondern dass auch du einer bist, der im Einklang mit dem Gesetz lebt. Was aber die Heiden betrifft, die zum Glauben gekommen sind, so haben wir ja beschlossen und ihnen mitteilen lassen, sie sollten sich hüten vor Opferfleisch, Blut und Ersticktem und vor Unzucht. Da nahm Paulus am folgenden Tag die Männer mit, liess sich mit ihnen heiligen und ging in den Tempel hinein und kündigte das Ende der Weihetage an, die erfüllt sind, wenn für einen jeden von ihnen das Opfer dargebracht wird. Apg 21,18-26
In Gottes Gegenwart ist alles mit allem verbunden. Ihre Stille ist im ganzen Universum, in dieser Erde, in jedem Atemzug des Lebens gegenwärtig. Nichts ist von ihr getrennt. Alles, was es gibt, wird und vergeht in diesem Geheimnis des Augenblicks. Es transzendiert jede Unterscheidung von Dies und Das und ist doch unmittelbar zwischen allem Dies und Das da. Gottes Gegenwart ist nichts – keine etwas, das ist und nicht sein könnte, nichts, das so ist und anders sein könnte. Dabei verdankt sie sich weder einem Agens, das sie bedingt und steuert, noch ist sie selbst ein Agens, das Bedingungen setzt und determiniert. Sie wirkt stattdessen aus sich selbst, allein mit ihrer stillen Präsenz. Gottes Gegenwart ist bedingungslose Freiheit, Information von Liebe und Weisheit, unfassbar und jeden Moment offenbar. In ihr geschieht das kosmische Spiel von Wahrscheinlichkeit und Zufall, in ihr nimmt die Welt ihren Lauf, aber sie greift in dieses Spiel nicht ein, hat keine Ursache und verfolgt kein Ziel. Sie ist das Geheimnis der Nichtdualität, dessen Information wie eine Wahrscheinlichkeitswelle nirgends bzw. überall, nie bzw. immer, doch zugleich in jedem körperhaften Etwas hier und jetzt gegenwärtig ist.[1]
Wer mit dieser stillen, nichtdualen Gegenwart Gottes vertraut ist, wird von ihr angezogen. Er erkennt, was in im Spiel von Wahrscheinlichkeit und Zufall an Verbundenheit möglich ist, und er ringt darum, diese hier und jetzt zu verwirklichen. Bin ich still in der Gegenwart Gottes, suche ich das Verlorene und Ausgeschlossene, das Zerstrittene und Verstrickte. Ich tue dies nicht, weil mich eine Autorität zwingt oder ein moralisches Gebot dazu anhält. Es geschieht vielmehr mit göttlicher Natürlichkeit. Gott sucht das Verlorene (Pred 3,15), und der lukanische Jesus führt es exemplarisch vor (Lk 15,1-2.3-7.8-10.11-32; 19,1-10). Ist Gottes Stille gegenwärtig, wirkt sie nur durch ihr Präsenz. Doch diese motiviert dazu, die Integration von allem mit allem zu suchen und im Hier und Jetzt miteinander zu versöhnen, was in ihr bloss eine Möglichkeit ist. Höre ich, was in der Stille Gottes miteinander klingen könnte, suche ich danach, es im Hier und Jetzt leibhaftig zum Klingen zu bringen. Der Erfolg ist nie garantiert, es kann immer auch anders kommen. Doch die stille Präsenz Gottes wirkt heilend, befreiend, erlösend, integrierend, und sie motiviert dazu, dies hier und jetzt erfahrbar zu machen.
Was diese Worte in abstrakter Sprache andeuten, illustriert unser Predigttext in einer konkreten Geschichte. Versuchen wir, sie als Ausdruck der Stille von Gottes Gegenwart zu verstehen!
Sie erzählt von einem Herzensanliegen des Paulus: die Einheit von Juden und Heiden in Gottes Gegenwart. Mit viel Effort hat er auf seiner Mission in Mazedonien und Griechenland Geld für die Urgemeinde Jerusalems gesammelt. Gemeinsam mit Delegierten dieser Gemeinden will er die Kollekte nun den Repräsentanten der Jerusalemer Gemeinde überbringen. Sein Ziel ist, den Erweis zu erbringen, dass sich die von ihm gegründeten, heidenchristlich geprägten Gemeinden mit der traditionell judenchristlichen Urgemeinde solidarisieren, und damit zu zeigen, dass sie in der Gegenwart Gottes miteinander verbunden sind und eine einzige Kirche bilden. Allerdings hat Paulus bereits vor seiner Abreise nach Jerusalen Befürchtungen, dass die Jerusalemer Gemeinde seine Kollekte nicht annehmen könnte (Röm 15,30f), und Lukas lässt das Thema ganz beiseite, weil er vom Tumult weiss, der von jüdischer Seite gegen Paulus ausgelöst wird und zu dessen Verhaftung durch die Römer führt (Apg 21,27ff). Es ist deshalb anzunehmen, dass Paulus mit seinem Anliegen, die Kollekte zu übergeben und dieses Zeichen der Einheit zu setzen, gescheitert ist. Umso deutlich hebt Lukas deshalb heraus, dass sich Paulus als Mensch in seinem ganzen Verhalten in den Dienst um die Einheit in Gottes stiller Gegenwart stellt. Die Episode, die unser Predigttext erzählt, will dies aufzeigen.
Ihr geht eine kurze Notiz zur Reise von Cäsarea nach Jerusalem voraus (Apg 21,15-17). Die Reisegruppe um Paulus wird von Christen aus Cäsarea begleitet, macht einen Zwischenhalt im Haus des Mnason, einem Jünger der ersten Stunde, trifft in Jerusalem ein und wird von Leuten der dortigen Gemeinde freundlich empfangen. Lukas hält zunächst fest, dass Paulus durchaus auch Wohlwollen erfährt.
Hier setzt unser Predigttext ein und erzählt, was sich am folgenden Tag ereignet (V18). Es kommt nämlich zu einer offiziellen Zusammenkunft von Paulus und seinen Begleitern auf der einen Seite sowie Jakobus und allen Ältesten der Urgemeinde auf der andern. Nach der Begrüssung hat zunächst Paulus das Wort (V19). Er schildert in allen Einzelheiten, was Gott unter den Völkern durch seinen Dienst getan hat. Gottes Gegenwart steht an erster Stelle. Doch indem er sich in ihren Dienst gestellt hat, hat er sie mit allen Menschen, die sich auf sie eingelassen haben, geteilt.
Nach diesem Bericht wird die Reaktion der Ältesten um Jakobus berichtet (VV20-25). Zunächst preisen sie Gott und geben Paulus damit ihre Anerkennung für sein Werk (V20a). Doch sogleich konfrontieren sie ihn mit den Herausforderungen, die seine Anwesenheit in Jerusalem schafft (V20b). Sie geben ihm zu verstehen, dass in Jerusalem und seiner Umgebung Zehntausende von Juden zum christlichen Glauben gekommen sind, dass aber alle voll Eifer für das jüdische Gesetz sind. Die Zahl mag übertrieben sein, doch ihre Botschaft ist dennoch klar: Die Jerusalemer Gemeinde ist stark gewachsen, und sie ist traditionell judenchristlich geprägt. Zudem hat man ihr erzählt, dass Paulus den Juden, die christlich geworden sind, lehre, dass sie das Gesetz des Mose nicht mehr zu beachten hätten (V21).
Im Selbstverständnis der Jerusalemer Gemeinde gilt das mosaische Gesetz auch für Judenchristen. Nach dem Regierungsantritt des römischen Kaisers Nero im Jahre 54 und unter Einfluss der Zeloten nimmt der jüdische Nationalismus in Judäa zu und führt im Jahr 66 in die Katastrophe des jüdischen Kriegs. Die judenchristliche Gemeinde Jerusalems ist deshalb gefordert, den Konflikt mit der traditionellen, jüdischen Mehrheit in ihrem Umfeld nicht eskalieren zu lassen. Demgegenüber hat Paulus die Judenchristen in seinen hellenistisch geprägten Missionsgebieten zwar nicht zur Preisgabe des Gesetzes aufgefordert, ihnen jedoch die Freiheit gegeben, für sich zu entscheiden, ob sie es weiterhin befolgen wollen oder nicht. Für Jakobus und die Ältesten ist deshalb absehbar, dass die Anwesenheit von Paulus öffentlich werden und dass es zu Konflikten mit der im mosaischen Gesetz verankerten Gemeinde kommen wird (V22). Sie schlagen deshalb ein Vorgehen vor, das den Konflikt präventiv entschärfen soll (V23f). Paulus soll sich nämlich mit jenen vier Männern der Gemeinde zusammenschliessen, die ein Gelübde abgelegt haben. Bei diesem Gelübde dürfte es sich um das Nasiräatsgelübde handeln. Wer dieses Gelübde ablegt, verpflichtet sich, die Haare mindestens 30 Tage nicht zu scheren, sie dann von einem Priester im Tempel schneiden zu lassen und ein Tempelopfer zu bezahlen, in dessen Feuer die Haare geworfen werden. An diesem Reinigungsritual soll Paulus teilnehmen und zudem für die vier Männer die Opferkosten übernehmen. Auf diese Weise sollen alle erkennen, dass nichts an dem ist, was über ihn berichtet wird und dass auch er im Einklang mit dem mosaischen Gesetz lebt.
Abschliessend halten die Ältesten um Jakobus fest, dass demgegenüber der Umgang von Paulus mit den Heidenchristen unproblematisch sein dürfte (V25). Da gibt es den Beschuss, der seinerzeit in Jerusalem getroffen und im Aposteldekret festgehalten worden ist, und den auch Paulus mitträgt (Apg 15,1-35).
Lukas erzählt sodann, dass Paulus dem Vorschlag der Ältesten um Jakobus ohne Wenn und Aber Folge leistet (V26). Paulus stellt sich zu den vier Männern und vollzieht das Ritual, wie es nach jüdischem Gesetz gefordert ist. Er, der frei ist gegenüber allen, wird den Juden ein Jude, um möglichst viele von ihnen zu überzeugen (1Kor 9,19f). Die Fortsetzung berichtet indes, dass das Vorgehen trotz guter Absicht nicht erfolgreich ist (VV27ff). Für Lukas ist der Fall klar: Die Zeit der Mission mit Projekten für die Einheit in der Gegenwart Gottes ist für Paulus vorüber, und begonnen hat die Zeit, in der er diese Einheit in der Stille von Gottes Gegenwart erfährt und sie als Mensch in seinem Verhalten bezeugt (vgl. Apg 19,21).
Die Geschichte, die hier erzählt wird, fordert uns dazu auf, über das Handeln aus der Nichtdualität der Gegenwart Gottes nachzudenken, in welcher alles miteinander verbunden ist. Wie verhalte ich mich, wenn ich mit jener Stille vertraut bin, die sich öffnet, wenn Gott gegenwärtig wird?
Vertrautheit mit dieser Stille, stellt den Menschen, der den Weg in die Gegenwart Gottes geht, in den Abgrund seines Daseins. Sie läutert von Unwesentlichen, und sie legt frei, was wesentlich ist: dass das eigene Verhalten nichts als die Nichtdualität von Gottes Gegenwart bezeugt. Im Zentrum steht nicht das Erreichen grosser Ziele, nicht das Tun und Lassen wichtiger Projekte, sondern das schlichte Zeugnis vom Geheimnis des Moments im Alltag. Lukas hat dies begriffen und zieht in unserem Predigttext daraus die Konsequenzen. Er übergeht das grosse Kollektenprojekt, das Paulus so sehr am Herzen liegt, und begrenzt seinen Bericht darauf, das Verhalten von Paulus als Mensch zu erzählen. Für ihn, den Theologen der Gnade, ist es klar: Stellt sich Paulus in den Dienst von Gottes Gegenwart, ist in ihr die Einheit von allem mit allem und damit auch von Juden und Heiden gegenwärtig. Diese Einsicht ist auch heute eine grosse Befreiung. Sie relativiert Erfolg und Misserfolg, Glück und Pech, Haben und Nichthaben, und sie stärkt die bedingungslose Freiheit von Gottes Gegenwart. Die Vertrautheit mit dieser Stille schafft Würde ohne Wenn und Aber, Sinnerfülltheit ohne Begründung, und sie beglückt ohne eigenes Zutun. Was mehr könnte ich wollen, als für sie jeden Moment Zeugnis abzulegen?
Im Grunde ist dies genug. Die Nichtdualität von Gottes Gegenwart ist nicht verfügbar, sie kann nicht erzwungen werden, und sie wirkt durch ihre reine Präsenz. Sie ist wie eine Wahrscheinlichkeitswelle, deren Information Möglichkeiten bietet, aber ergebnisoffen bleibt. Paulus erlebt dies hautnah. Er leidet unter der Trennung von Juden und Heiden, und er ringt mit Herzblut um deren Einheit. Die Freude am Teilen der Gegenwart Gottes motiviert seine grosse Mission. Sie ist so stark, dass er unzählige Strapazen und Entbehrungen über sich ergehen lässt. Schliesslich nimmt er das Risiko der Kollekte und deren persönlicher Übergabe in der Jerusalemer Urgemeinde auf sich. Sie soll das Zeichen der Einheit sein. Wie verständlich sein Anliegen doch ist! Wer mit der Stille von Gottes Gegenwart vertraut ist, sucht Wege, diese zu teilen. Er ringt darum, hier Versöhnung im Konflikt, dort Heilung im Leiden, hier Befreiung in einer Verstrickung, dort Integration einer Störung zu schaffen. Ob dies im grossen Spiel von Wahrscheinlichkeit und Zufall gelingt, ist stets offen. Doch die stille, nichtduale Gegenwart Gottes gibt den Mut, es zu versuchen, und zugleich die Freiheit, das Ergebnis kommen zu lassen. Bin ich still in Gott, freue ich mich, die Unmittelbarkeit des Moments auf konkrete Weise hier und jetzt zu teilen, aber ich vergesse nicht, dass sie ein Geschenk bleibt.
Schliesslich zeigt sich die Vertrautheit mit der Stille der nichtdualen Gegenwart Gottes im unaufgeregten und unkomplizierten Tun und Lassen dessen, was hier und jetzt ansteht. Wer in Gott still ist, fügt sich mühelos ins Spiel von Wahrscheinlichkeit und Zufall, spielt pragmatisch seinen Part und macht aus jedem Moment das Beste. Als Paulus mit dem Vorschlag von Jakobus und den Ältesten konfrontiert wird, sich mit den vier Männern zusammenzuschliessen, die das Nasiräatsgelübde abgelegt haben, und die Kosten für deren Herauslösung zu übernehmen, zögert er keinen Moment. Er erfüllt vielmehr geschmeidig das Erwartete und lässt alles sein, was nicht dazugehört. Ist das Tun und Lassen eines Menschen in Gottes Stille verankert, ist es nicht in Zweifel oder Konflikte verstrickt und steht nicht sich selbst im Weg. Es ist stattdessen frei, sich auf das einzulassen, was im Moment gefordert ist und mit Freude in dem zu sein, was hier und jetzt nottut. Genauso aber bezeugt es Gottes Gegenwart, genauso wird ein Mensch zum Zeugen Gottes.
Ein Tun und Lassen, das um jene Verbundenheit weiss, die in der Nichtdualität von Gottes Gegenwart steckt, ist ein Kontrastprogramm für die Welt von heute, die sich als globalisiert versteht und dennoch alles andere ist als ein befreites und versöhntes Ganzes. Umso wichtiger ist deshalb, mit der Stille von Gottes Gegenwart vertraut zu sein und von ihr in seinem Verhalten als Mensch wie von Sauerteig durchsäuert zu werden (vgl. Mt 13,33). Beten wir also, dass wir in Gott still werden und dass wir in unserem Verhalten diese Stille bezeugen. Amen.
[1] Nach der vierwertigen Logik der Nichtdualität gibt es (1) «A», (2) «Nicht-A», also Welle und deren Negation als Teilchen, (3) sowohl «A» als auch «Nicht-A», also Welle und zugleich Teilchen, (4) weder «A» noch «Nicht-A», also Welle und Teilchen als Metaphern; es ist noch ganz anders. Interpretiert man im Sinn der Quantenphysik, stellt man fest, dass die Wahrscheinlichkeitswelle kollabiert, wenn sie durch die Umgebung, etwa durch eine Messung, gestört wird, und sich als Teilchen manifestiert. Ohne Störung wird sie wieder zur Wahrscheinlichkeitswelle (vgl. Neyer, Andreas [2025]: Wissenschaft und Glaube. Quantenphysik und Nahtod-Erfahrungen. Amerang, rotona: 30-50).
Predigt vom 8. März 2026 in Wabern
Bernhard Neuenschwander
