{"id":998,"date":"2006-08-06T17:39:04","date_gmt":"2006-08-06T15:39:04","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/?p=998\/"},"modified":"2017-05-04T17:39:56","modified_gmt":"2017-05-04T15:39:56","slug":"make-the-best-of-everything","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/make-the-best-of-everything\/","title":{"rendered":"Make the best of everything!"},"content":{"rendered":"<p><em>Wiederum ist das Reich der Himmel gleich einem Netz, das ins Meer geworfen<\/em><br \/>\n<em>wurde und [Fische] von allerlei Art zusammenbrachte. Und als es voll geworden war,<\/em><br \/>\n<em>zogen sie es ans Gestade, setzten sich und sammelten die guten in Gef\u00e4sse, die<\/em><br \/>\n<em>faulen aber warfen sie weg. So wird es am Ende der Welt sein: Die Engel werden<\/em><br \/>\n<em>ausgehen und die B\u00f6sen mitten aus den Gerechten aussondern und sie in den<\/em><br \/>\n<em>Feuerofen werfen. Dort wird Heulen und Z\u00e4hneknirschen sein. <\/em><br \/>\n<em>Mat 13,47-50<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><!--more-->Liebe Gemeinde<br \/>\nWas heisst es, aus allem das Beste zu machen ? Was bedeutet es, wenn man aus<br \/>\nallem, was man an Guten und Schlechtem bei sich hat, das Beste machen soll ? Ist<br \/>\nein solcher Rat eine Anleitung zum positiven Denken ? Eine Aufforderung, vorw\u00e4rts<br \/>\nund nicht ru\u0308ckw\u00e4rts zu schauen ? Sich nicht in Gru\u0308beleien zu verlieren, sondern<br \/>\npragmatische L\u00f6sungen zu suchen ? Unser Predigttext geht in dieser Richtung.<br \/>\nIch gestehe, dass mir unser Predigttext nicht leichtgefallen ist. Er enth\u00e4lt einiges, das<br \/>\nfu\u0308r mich schwierig ist. Worum geht es ? Die Rede ist von einem Schleppnetz, das<br \/>\nnormalerweise zum Fischen verwendet wird. Schleppnetze am See Gennesaret zu<br \/>\nneutestamentlichen Zeiten sind nach neuerer Forschung zwischen 250-450m lang<br \/>\nund etwa 2m breit. An beiden Enden ist ein Seil befestigt. Die eine L\u00e4ngsseite ist mit<br \/>\nGewichten beschwert, so dass sie sinkt, die andere mit Kork oder leichtem Holz<br \/>\nversehen, so dass sie schwimmt. Schleppnetze dieser Art werden per Boot<br \/>\nausgefahren und sp\u00e4ter wieder an Land gezogen. In unserem Gleichnis ist davon die<br \/>\nRede, dass dieses Schleppnetz ins Wasser geworfen wird, allerlei zusammenbringt<br \/>\nund, als es voll ist, an Land gezogen wird. Am Land wird das Gefischte sortiert, das<br \/>\nGute in Gef\u00e4sse gesammelt und das Faule weggeworfen. Wer es ist, der dies tut,<br \/>\nwird nicht gesagt. Im Zentrum steht der Gedanke, dass das Netz alles, was sich in<br \/>\nihm sammelt, mitnimmt, und dass erst dann, wenn es voll ist, sortiert wird. Soweit ist<br \/>\nder Text fu\u0308r mich noch problemlos nachvollziehbar.<br \/>\nAllerdings wird dieses Gleichnis gleich anschliessend durch eine allegorisierende<br \/>\nErl\u00e4uterung des Matth\u00e4us erkl\u00e4rt. Die Offenheit und Vieldeutigkeit des Gleichnisses<br \/>\nJesu wird auf diese Weise beschr\u00e4nkt und in eine eindeutige Richtung gelenkt: Das<br \/>\nGleichnis soll auf das Ende der Welt hin gedeutet und ethisch gelesen werden. Das<br \/>\nHerausziehen des vollen Netzes ist Bild fu\u0308r das Ende der Welt. Das Sortieren der<br \/>\nfaulen und guten Fische ist Bild dafu\u0308r, dass die Engel die b\u00f6sen und gerechten<br \/>\nMenschen sortieren. Das Wegwerfen der faulen Fische schliesslich ist Bild fu\u0308r die<br \/>\nVernichtung der B\u00f6sen. Und um dieser Erkl\u00e4rung mehr Dringlichkeit zu verschaffen,<br \/>\nfu\u0308gt Matth\u00e4us gleich noch hinzu, wie man sich die Situation der Weggeworfenen<br \/>\nvorzustellen habe: sie werden \u2013 wie er erl\u00e4utert \u2013 in den Feuerofen geworfen, in<br \/>\nwelchem Heulen und Z\u00e4hneknirschen sei. Mit dem Gleichnis Jesu hat dieser Zusatz<br \/>\nnicht mehr viel zu tun. Aber seine Funktion ist klar: Er ist eine Warnung an die<br \/>\nH\u00f6renden, nicht ein b\u00f6ser Mensch zu sein und statt dessen alles dafu\u0308r zu tun, ein<br \/>\ngerechter zu sein.<br \/>\nAus heutiger Perspektive ist die matth\u00e4ische Deutung des Gleichnisses anst\u00f6ssig.<br \/>\nSie hebt einen Aspekt des Gleichnisses heraus, der viel Unheil anrichten kann. Die<br \/>\nDrohung mit der H\u00f6lle kann, wie wir aus der Kirchengeschichte wissen, fundamentale<br \/>\n\u00c4ngste wecken und die Botschaft des Evangelium verdrehen. Ich bestreite nicht,<br \/>\ndass es auch heute wichtig ist, mit Klarheit fu\u0308r das Evangelium einzustehen und<br \/>\nseiner Botschaft Nachachtung zu verschaffen. Aber die Konstruktion eines<br \/>\nfurchterregenden apokalyptischen Szenarios ist dafu\u0308r ein mindestens<br \/>\nmissverst\u00e4ndliches Mittel. Beschr\u00e4nken wir uns besser auf die darin steckende<br \/>\nAbsicht, auf die Absicht n\u00e4mlich, im Blick auf das Letzte anzuerkennen, dass unser<br \/>\nLeben ein Leben im Vorletzten ist und dass es als solches ethisch gefordert ist ! Es<br \/>\nwar Dietrich Bonhoeffer, der diese Unterscheidung von Letztem und Vorletztem in<br \/>\nseiner theologischen Ethik thematisiert und reflektiert hat. Sie scheint mir fu\u0308r das<br \/>\nVerst\u00e4ndnis unseres Predigttextes hilfreich. Was bedeutet dies fu\u0308r unser Gleichnis ?<br \/>\nEs bedeutet, dass wir das Gleichnis einfach als Gleichnis nehmen und die Frage<br \/>\nstellen sollen, was die ethischen Impulse sind, die es gibt. Natu\u0308rlich steckt darin ein<br \/>\nkleiner Widerspruch. Denn das Gleichnis gibt ja zun\u00e4chst keine Auskunft daru\u0308ber,<br \/>\nwas man tun soll, sondern es erz\u00e4hlt bloss, dass zuerst gesammelt und dann sortiert<br \/>\nwird. Aber es h\u00e4lt fest, dass das Himmelreich gleich ist wie ein Netz, mit dem etwas<br \/>\nBestimmtes geschieht. Und weil nach dem Ansatz, nach welchem ich hier die<br \/>\nGleichnisse deute, das Himmelreich nicht neben oder ausserhalb des Gleichnisses<br \/>\nzu finden ist, sondern in ihm wie in einem Kunstwerk, heisst dies: Wo ein Netz in der<br \/>\nWeise des Gleichnisses am Werk ist, dort leuchtet das Himmelreich auf. Das<br \/>\nHimmelreich ist sichtbar, wer es in einem solchen Netz sieht. Wo aber passiert das ?<br \/>\nDie Antwort auf diese Frage muss den ethischen Impuls aufdecken, den das<br \/>\nGleichnis geben will.<br \/>\nDer Ort, an dem das Netz im Sinne des Gleichnisses am Werk ist und das<br \/>\nHimmelreich aufleuchtet, befindet sich dort, wo jemand das Beste aus allem macht,<br \/>\nwas er an Guten und Schlechtem bei sich hat. Das Gleichnis vom Netz fordert uns<br \/>\ndazu auf, uns selbst in dem Schleppnetz zu sehen, in welchem unser ganzes Leben<br \/>\nmit allem Guten und Schlechten gesammelt ist, dieses aber nicht zu sortieren und zu<br \/>\nbeurteilen, sondern aus diesem das Beste zu machen und das Sortieren und Urteilen<br \/>\nGott zu u\u0308berlassen, und es verheisst uns, dass dort, wo dies geschieht, das<br \/>\nHimmelreich aufleuchtet. Versteht man das Gleichnis auf diese Weise, versucht es<br \/>\nnicht Angst zu machen und mit Strafe zu drohen, sondern es ist eine Ermutigung,<br \/>\ndas kommende Sortieren von Gut und B\u00f6se nicht vorwegzunehmen, sondern<br \/>\nvertrauensvoll Gott zu u\u0308berlassen, statt dessen aber aus allem, was man im Laufe<br \/>\ndes Lebens angesammelt hat, das Beste zu machen und genau darin das<br \/>\nHimmelreich zu sehen.<br \/>\nFu\u0308r die meisten von uns, die wir mit der Fischerei kaum etwas zu tun haben, wird<br \/>\ndieses Bild nicht gerade naheliegend sein, um zu erl\u00e4utern, was es heisst, aus allem<br \/>\ndas Beste zu machen. Die Vorstellung, dass wir uns in einem Schleppnetz von<br \/>\nGutem und Faulem sehen k\u00f6nnten, ist uns mindestens auf Anhieb fremd. Dennoch<br \/>\nlohnt sich der Aufwand, sich fu\u0308r einen Moment in dieses Bild hineinzudenken und<br \/>\nvon ihm zu lernen, was es heisst, aus allem das Beste zu machen.<br \/>\nDieses Bild macht uns n\u00e4mlich spu\u0308rbar, dass wir vom Letzten wie in einem Fischnetz<br \/>\nmit allem, was wir heute haben, gezogen werden. Wir brauchen das Letzte nicht mit<br \/>\nunserem Urteilen vorwegzunehmen, wir sind bereits im Zug des Letzten. Dieser Zug<br \/>\nist eine Kraft, die uns in Bewegung versetzt, die uns \u201emotiviert\u201c, die uns aber auch<br \/>\neine Richtung und Orientierung gibt. In dieser Kraft bleiben wir aufrecht in<br \/>\nBewegung, aufgerichtet im Prozess, aufrichtig im Fluss; denn wir haben die Klarheit,<br \/>\nnicht urteilen und richten zu mu\u0308ssen, sondern uns darauf beschr\u00e4nken zu k\u00f6nnen,<br \/>\nden Willen Gottes zu tun. Gezogen von der Anziehung des Letzten vernehmen wir<br \/>\nhier und jetzt seine Forderung und k\u00f6nnen uns darauf beschr\u00e4nken, das Rechte zu<br \/>\ntun. Im Schleppnetz des Himmelreichs haben wir den Schwung, nicht unter Zwang<br \/>\nvon innerem oder \u00e4usserem Druck, sondern durch die Attraktivit\u00e4t des Letzten das<br \/>\nBeste zu tun.<br \/>\nDas Bild vom Netz zeigt uns nicht nur, dass wir im Zug des Letzten stehen, sondern<br \/>\nauch, was wir darin tun zu haben: Es macht uns deutlich, dass wir darin unsere<br \/>\nRessourcen realistisch einsch\u00e4tzen sollen. Im Netz, in welchem wir gezogen sind,<br \/>\ngibt es Gutes und Faules, Hilfreiches und Sch\u00e4dliches. Beides geht kunterbunt<br \/>\ndurcheinander wie es dies in unserem Leben auch tut. Das Eine k\u00f6nnen wir vom<br \/>\nAndern nicht trennen. Aber wir k\u00f6nnen Weisheit entwickeln und beides<br \/>\nunterscheiden. Wir k\u00f6nnen Weisheit entwickeln und unterscheiden, was uns<br \/>\nangenehm und was uns unangenehm ist. Wir k\u00f6nnen Weisheit entwickeln und<br \/>\nunterscheiden, was in unserem Leben gut und erfolgreich und was schlecht und<br \/>\nschmerzhaft war. Wir k\u00f6nnen Weisheit entwickeln und unterscheiden, was mit all<br \/>\ndiesen Ressourcen in Zukunft m\u00f6glich und realistisch und was mit ihnen<br \/>\nunerreichbar und illusorisch ist. Auf diese Weise lassen wir ein Vertrauen in das<br \/>\nM\u00f6gliche entstehen, ohne im Blick auf die Schwierigkeiten zu resignieren, aber<br \/>\nbleiben realistisch, ohne im Blick auf das M\u00f6gliche abzuheben. Im Netz des<br \/>\nHimmelreichs sind wir uns klar u\u0308ber die faulen Fische in und um uns und beziehen<br \/>\nsie in unser Planen und Handeln mit ein, aber wir halten uns an die guten und<br \/>\nversuchen, aus allem das Beste zu machen. Das Himmelreich leuchtet deshalb in<br \/>\ndiesem Netz als die Weisheit auf, die in jeder Situation den Weg zeigt, was das<br \/>\nBeste ist, das zu tun ist.<br \/>\nDas Bild vom Netz kann uns nach wie vor fremd sein. Ich sehe in ihm aber ein<br \/>\nkraftvolles Pl\u00e4doyer fu\u0308r eine weise Ethik, eine Ethik also, die sich im Wissen um das<br \/>\nLetzte vor letzten Urteilen zuru\u0308ckh\u00e4lt, dafu\u0308r aber gerade und aufrecht bleibt, und so<br \/>\ndie Freiheit und Unbefangenheit beh\u00e4lt, zwischen Gutem und B\u00f6sem zu<br \/>\nunterscheiden, das B\u00f6se also nicht zu u\u0308bersehen und statt dessen das Gute zu tun.<br \/>\nEin solche Ethik sucht das Beste und begnu\u0308gt sich mit dem M\u00f6glichen; denn sie<br \/>\nweiss, neben dem Guten bleibt das Faule, aber neben dem Faulen bleibt auch das<br \/>\nGute. Beten wir deshalb, dass uns Gott die Weisheit dieser Ethik gibt, damit wir<br \/>\nrealistisch, aber hoffnungsvoll im Zug seines Netzes bleiben und darin sein Reich<br \/>\nerblicken. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 06. August 2006 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/0806__Mat_13.47-50_.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wiederum ist das Reich der Himmel gleich einem Netz, das ins Meer geworfen wurde und [Fische] von allerlei Art zusammenbrachte. Und als es voll geworden war, zogen sie es ans Gestade, setzten sich und sammelten die guten in Gef\u00e4sse, die faulen aber warfen sie weg. 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