{"id":994,"date":"2006-03-26T17:34:08","date_gmt":"2006-03-26T15:34:08","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/?p=994\/"},"modified":"2017-05-04T17:35:02","modified_gmt":"2017-05-04T15:35:02","slug":"belief-and-emotion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/belief-and-emotion\/","title":{"rendered":"Belief and emotion"},"content":{"rendered":"<p><em>Die aber, welche Christus Jesus angeh\u00f6ren, haben ihr Fleisch samt seinen<\/em><br \/>\n<em>Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. <\/em><br \/>\n<em>Gal 5,24<\/em><\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nLiebe Gemeinde<br \/>\nDie aber, welche Christus Jesus angeh\u00f6ren, haben ihr Fleisch samt seinen<br \/>\nLeidenschaften und Begierden gekreuzigt. Entgegen dem ersten Eindruck ist dieser<br \/>\nGedanke von Paulus Anlass zu Heiterkeit und Gelassenheit. Er ist in seinem Kern<br \/>\nweder Vorwurf noch Kritik, weder Ermahnung noch Druck, sondern Ausdruck der<br \/>\nFreiheit, zu der wir, wie Paulus ein paar Verse fru\u0308her (V13) festh\u00e4lt, berufen sind. Vor<br \/>\ndiesem Hintergrund mu\u0308ssen wir ihn also h\u00f6ren und die freie Heiterkeit suchen, die in<br \/>\nihm verborgen liegt.<br \/>\nIch weiss ja schon: in unseren Ohren klingt der Satz, dass das Fleisch samt seinen<br \/>\nLeidenschaften und Begierden gekreuzigt sei, erschreckend oder komisch.<br \/>\nErschreckend, wenn wir in unserem Leben viel lustfeindliche Moral zu h\u00f6ren<br \/>\nbekommen haben; wenn uns von klein auf eingeimpft wurde, dass Lust und<br \/>\nLeidenschaft und Begierden fu\u0308r einen glaubenden und anst\u00e4ndigen Menschen (das<br \/>\nwar dann wohl mehr oder weniger das gleiche) verboten sind und man, wenn man<br \/>\nentsprechende Regungen im eigenen K\u00f6rper spu\u0308rt, automatisch schuldig bzw.<br \/>\nsu\u0308ndig ist. Wer so erzogen wurde, kann beim H\u00f6ren eines solchen Satzes fast nur<br \/>\nerschrocken zusammenfahren und weil er befu\u0308rchten muss, mit eigener Schuld<br \/>\nkonfrontiert zu werden.<br \/>\nAllerdings kann heute ein solcher Satz auch schon komisch wirken. Vor allem<br \/>\nin Ohren von Menschen, die sich von den engen Fesseln der Moral emanzipiert<br \/>\nhaben und l\u00e4ngstens akzeptieren, dass Lust und Leidenschaft zum Menschen<br \/>\ngeh\u00f6ren, und Begierden genauso wie der Hunger im biologischen Code des<br \/>\nMenschen verankert sind, dort eine Funktion im \u00dcberleben unserer Spezies haben<br \/>\nund eine Beseitigung derartiger Bedu\u0308rfnisse nicht nur unm\u00f6glich, sondern vor allem<br \/>\nauch unerwu\u0308nscht ist. Der Satz von der Kreuzigung des Fleisches samt seinen<br \/>\nLeidenschaften und Begierden ist dann ein \u201esch\u00f6nes\u201c Beispiel antiquierter und<br \/>\neinigermassen abstruser Moralit\u00e4t, das zeigt, dass man sich von Paulus in Sachen<br \/>\nMoral mit gutem Gewissen und endgu\u0308ltig verabschieden kann.<br \/>\nEs liegt mir ferne, die paulinischen Formulierungen zu verteidigen. Diese sind heute<br \/>\nso missverst\u00e4ndlich, dass man sie kaum mehr benutzen kann. In der Sache jedoch<br \/>\nsteckt einiges, das der n\u00e4heren Betrachtung lohnt. Gerade auch, weil das Thema<br \/>\naktueller denn je ist. Ich meine das Thema Modellierung von Emotionen.<br \/>\nJe mehr man sich bewusst ist, dass Gefu\u0308hle nicht einfach gegeben sind, sondern<br \/>\nihre Ursachen haben, desto mehr kann man an diesen Ursachen herumzuschrauben<br \/>\nversuchen und danach fragen, was man tun muss, um erwu\u0308nschte Gefu\u0308hle zu<br \/>\ngenerieren und unerwu\u0308nschte zu verhindern. Natu\u0308rlich ist dies eine klassische Frage<br \/>\nder Psychotherapie, aber mit dem enormen Aufschwung der Gehirnforschung in den<br \/>\nletzten paar Jahren wird nicht nur immer deutlicher, wie Gefu\u0308hle im Gehirn entstehen<br \/>\nund ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen, sondern es erheben sich auch die schwierigen<br \/>\nethischen Fragen, nach welchen Massst\u00e4ben Emotionen modelliert werden sollen.<br \/>\nSollen etwa destruktive Gefu\u0308hle beseitigt und nur konstruktive Gefu\u0308hle aufgebaut<br \/>\nwerden ? Was aber sind genau destruktive, und was sind genau konstruktive<br \/>\nGefu\u0308hle ? Und wer hat die Macht dies zu definieren ? Oder h\u00e4ngt die Beantwortung<br \/>\nder Frage einfach davon ab, welche Position ein Mensch in der Gesellschaft hat ? ZB<br \/>\ndass der Herrschende bei Bedarf Zorn und Wut haben k\u00f6nnen soll, um sich leichter<br \/>\ndurchsetzen zu k\u00f6nnen, der Untergebene jedoch nicht und statt dessen vor allem<br \/>\nBescheidenheit und Unterwu\u0308rfigkeit ? Und wer soll u\u0308ber diese M\u00f6glichkeiten der<br \/>\nemotionalen Modellierung verfu\u0308gen k\u00f6nnen ? H\u00e4ngt dies vor allem davon ab, wer<br \/>\ndas Geld dazu hat ? Viele Fragen stellen sich hier, auch wenn ich sie hier nicht zu<br \/>\nreflektieren beabsichtige. Aber sie signalisieren den Kontext, in welchem unser Satz<br \/>\nvon Paulus topaktuell ist.<br \/>\nDie aber, welche Christus Jesus angeh\u00f6ren, haben ihr Fleisch samt seinen<br \/>\nLeidenschaften und Begierden gekreuzigt. Fu\u0308r Paulus ist der Ausgangspunkt des<br \/>\nGedankens, dass das Fleisch gekreuzigt sei, Christus Jesus anzugeh\u00f6ren. Davon<br \/>\nhat er in seinem Brief an die Galater bereits mehrfach gesprochen. Glauben n\u00e4mlich<br \/>\nist fu\u0308r Paulus ein Akt, in welchem man mit Christus mitgekreuzigt wird (Gal 2,19). Es<br \/>\nist dies nicht etwas, das man wollen oder nichtwollen kann, sondern es ist fu\u0308r Paulus<br \/>\neine Tatsache: Wer an Christus glaubt, dessen Ich ist \u2013 wie er im R\u00f6merbrief (6,5)<br \/>\nschreibt \u2013 mit dem Gekreuzigten verwachsen und h\u00f6rt auf, Zentrum bzw.<br \/>\nSteuerungsinstanz des Menschen zu sein. Was statt dessen geschieht, ist, dass der<br \/>\nGlaubende nicht mehr als Ich lebt, sondern dass Christus in ihm lebt (Gal 2,20).<br \/>\nWenn also ein Mensch glaubend in den Gekreuzigten hineinstirbt, beginnt in ihm<br \/>\ndasjenige zu leben, was Christus zu Christus macht, n\u00e4mlich Gott. So wie eine<br \/>\ninnere Sanduhr in unserem K\u00f6rper allm\u00e4hlich leer wird, so leert sich durch das<br \/>\nMitgekreuzigtsein in uns unser Ich, und schafft Raum und Zeit fu\u0308r die Stille Gottes.<br \/>\nEs ist nicht so, dass diese Stille mit etwas aufgefu\u0308llt wird. Es ist vielmehr so, dass<br \/>\nGott im Leerraum gegenw\u00e4rtig ist, in den Lu\u0308cken und Ritzen zwischen den<br \/>\nGedanken, zwischen den Zeiten, zwischen mir und mir&#8230; zwischen mir und Euch.<br \/>\nWo dies geschieht, ist unser Fleisch samt unseren Leidenschaften und Begierden<br \/>\ngekreuzigt. Wir werden still und ruhig. Wir wissen, dass wir nichts tun k\u00f6nnen, das<br \/>\nuns nicht gegeben ist und dass es unsinnig ist, gegen das Schicksal zu k\u00e4mpfen. Es<br \/>\nist ein Akzeptieren der Dinge, wie sie sind, ein In-Frieden-kommen mit der Realit\u00e4t,<br \/>\nein Gefu\u0308hl des Aufgehoben- und Geborgenseins im Universum. Allerdings ist es<br \/>\nnicht ein Gefu\u0308hl wie eines der vielen Gefu\u0308hle, die kommen und gehen. Es ist ein<br \/>\nelementares Wissen, eine innere \u00dcberzeugung, ein unumst\u00f6ssliche Gewissheit, eine<br \/>\nweisse Zentralachse unseres Bewusstseins, die sich gut anfu\u0308hlt und mit Gefu\u0308hlen<br \/>\nwie Liebe, Heiterkeit, Gelassenheit umschrieben werden k\u00f6nnte. Es ist eben das,<br \/>\nwas Paulus mit dem Glauben meint, dass nicht mehr das Ich lebt, sondern dass<br \/>\nChristus im Ich lebt (Gal 2,20) und dass \u2013 so schreibt er ein paar Verse vor unserem<br \/>\nPredigtvers \u2013 als Fru\u0308chte des Geistes Gefu\u0308hle wie Liebe, Freude, Geduld,<br \/>\nEnthaltsamkeit (Gal 6,21f) entstehen und Gefu\u0308hle des Fleisches bzw. der<br \/>\negoistischen Selbstbest\u00e4tigung, wie sie sich in Streit, Neid, Parteiungen (Gal 6,19f)<br \/>\nzeigen, aufgel\u00f6st werden. Wo das Ich des Menschen zu verstummen beginnt und fu\u0308r<br \/>\nGott Raum und Zeit entsteht, da sein zu k\u00f6nnen, da treten die Leidenschaften und<br \/>\nBegierden ganz offensichtlich zuru\u0308ck, und es entfaltet sich eine heitere Z\u00e4rtlichkeit,<br \/>\ndie in Gott verankert ist und sich weder durch angenehme noch durch unangenehme<br \/>\nEmotionen u\u0308berschwemmen l\u00e4sst, sondern den Menschen nach und nach von innen<br \/>\nheraus formt und gestaltet.<br \/>\nDie aber, welche Christus Jesus angeh\u00f6ren, haben ihr Fleisch samt seinen<br \/>\nLeidenschaften und Begierden gekreuzigt. So eigenartig dieser Satz in unseren<br \/>\nOhren klingt, seine grosse Bedeutung steckt in der Einsicht, dass der Glaube, so wie<br \/>\nihn Paulus versteht, sehr bedeutsam fu\u0308r die Modellierung unserer Emotionen ist.<br \/>\nAllerdings \u2013 und dies muss man sehr beachten \u2013 geschieht dies gleichsam<br \/>\nautomatisch. Es ist nicht so, dass sich der Glaubende Mu\u0308he geben soll, die<br \/>\nwu\u0308nschbaren Gefu\u0308hle zu st\u00e4rken und die unerwu\u0308nschten zu verdr\u00e4ngen. Das w\u00e4re<br \/>\nv\u00f6llig an der Logik des Glaubens vorbeigetan. Es ist unn\u00f6tig und sogar<br \/>\nkontraproduktiv, wenn sich der Glaubende mit seinem Ich darum bemu\u0308ht, anderes zu<br \/>\nfu\u0308hlen als das, was er fu\u0308hlt. Die Modellierung der Emotionen ist nicht eine Sache des<br \/>\nIchs, sondern eine Sache des Glaubens. Das Ich muss durch den Glauben gerade<br \/>\nmitgekreuzigt, zerlegt und schliesslich aufgel\u00f6st werden. Es muss aufh\u00f6ren, das<br \/>\nZepter des emotionalen Management zu schwingen und seine Position statt dessen<br \/>\nGott bzw. dem Heiligen Geist u\u0308berlassen. Nur so beginnen die Fru\u0308chte des Geistes<br \/>\nbzw. die Gefu\u0308hle, die diesem eigen sind, zu wachsen und die Werke des Fleisches<br \/>\nbzw. die Gefu\u0308hle, die diese verursachen, zu vergehen. Die Modellierung der<br \/>\nEmotionen, die durch den Geist geschieht, ist fern von allem Zwang zu<br \/>\nKu\u0308nstlichkeiten, geheuchelten Nettigkeiten und Scheinheiligkeiten, aber umso<br \/>\ngeduldiger fu\u0308r das Verwehen von Leidenschaften und Begierden und das Entstehen<br \/>\nfundierter Liebe und heiterer Z\u00e4rtlichkeit.<br \/>\nIst es noch n\u00f6tig, darauf hinzuweisen, dass Emotionen, die auf diese Weise durch<br \/>\nden Glauben modelliert sind, ihre eigene Art von Tun schaffen ? Es wird ein Tun<br \/>\nsein, das von einer heiteren Gelassenheit unterlegt ist, sich in Sorgsamkeit zeigt und<br \/>\ndem Leben mit Z\u00e4rtlichkeit begegnet. Es tut dies nicht blau\u00e4ugig oder blind<br \/>\ngegenu\u0308ber dem Leiden und dem B\u00f6sen. Zu sehr hat es dieses durch das<br \/>\nMitgekreuzigt werden erlebt, in sich aufgenommen und durchlebt, als dass es davon<br \/>\nAbstriche machen k\u00f6nnte oder wollte. Aber es weiss um die Freiheit, die gr\u00f6sser ist<br \/>\nals die Not; es kennt die Gelassenheit, die st\u00e4rker ist als Leidenschaften und<br \/>\nBegierden; und es spu\u0308rt die Heiterkeit, die tiefer ist als die Verzweiflung. Der Glaube<br \/>\nan den Gekreuzigten ist es also, \u2013 und damit will ich meine Predigtreihe zu den<br \/>\npaulinischen Kreuzestexten abschliessen \u2013 der uns die Freiheit gibt, in all den Leiden<br \/>\nund Freuden, die uns das Leben bereit h\u00e4lt, heiter und gelassen zu sein. Beten wir<br \/>\ndeshalb, dass wir im Glauben an den Gekreuzigten gest\u00e4rkt werden, auf dass die<br \/>\nGu\u0308te Gottes in uns wachse und in unser Leben ausstrahle. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 26. M\u00e4rz 2006 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/0326__Gal_5.24_.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die aber, welche Christus Jesus angeh\u00f6ren, haben ihr Fleisch samt seinen Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. 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