{"id":992,"date":"2006-03-12T12:46:25","date_gmt":"2006-03-12T11:46:25","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/?p=992\/"},"modified":"2017-05-07T17:17:40","modified_gmt":"2017-05-07T15:17:40","slug":"the-magic-and-gods-care","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/the-magic-and-gods-care\/","title":{"rendered":"The magic and God&#8217;s care"},"content":{"rendered":"<p><em>O ihr unverst\u00e4ndigen Galater, wer hat euch bezaubert, denen [doch] Jesus Christus<\/em><br \/>\n<em>als Gekreuzigter vor Augen gemalt worden ist ? <\/em><br \/>\n<em>Gal 3,1<\/em><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<br \/>\nWer hat euch bezaubert, denen [doch] Jesus Christus als Gekreuzigter vor Augen<br \/>\ngemalt worden ist ? Dieses harte Wort von Paulus ist eine rhetorische Frage.<br \/>\nGesprochen ist es mit Zorn und Verzweiflung gegenu\u0308ber der Gemeinde in Galatien,<br \/>\nund es l\u00e4sst keinen Zweifel, dass Paulus u\u0308ber diese sehr entt\u00e4uscht ist. Es ist ein<br \/>\nkonfrontierendes Wort, das zum klaren Sehen aufru\u0308tteln und zum Durchschauen von<br \/>\nVerirrungen dr\u00e4ngen will. Wenn wir uns jetzt diesem Wort aussetzen, werden wir uns<br \/>\ndarauf einstellen mu\u0308ssen, uns etwas Kritisches sagen zu lassen.<\/p>\n<p>Worum geht es ? Um den Ru\u0308ckfall ins alte Muster. Paulus hatte die frohe Botschaft<br \/>\nin Galatien fru\u0308her erfolgreich verku\u0308ndet. Er fand Menschen, die er davon u\u0308berzeugen<br \/>\nkonnte, dass man sich die Gnade Gottes nicht durch frommes Tun erarbeiten oder<br \/>\ndurch guten Taten plausibel machen kann, sondern dass man sie nur erf\u00e4hrt, wenn<br \/>\nman sich von ihr tragen l\u00e4sst. Die Menschen der Gemeinde in Galatien hatten<br \/>\nverstanden, dass man sich ebenso, wie man erst merkt, dass der Fluss das Boot<br \/>\ntr\u00e4gt, in dem man sitzt, wenn man sich mit ihm aufs Wasser wagt, auch im Glauben<br \/>\nvon der Gnade Gottes tragen lassen muss, um zu merken, dass sie tr\u00e4gt. Aber<br \/>\nanstatt diesem Glauben treu zu bleiben und darum zu ringen, ihn immer tiefer zu<br \/>\nverstehen, wendeten sich die Galater vom Glauben ab, fielen ins alte Muster zuru\u0308ck<br \/>\nund begannen erneut damit, sich auf das Tun von frommen Werken zu verlassen.<br \/>\nDas ist das, was Paulus u\u0308ber die Galater dermassen emp\u00f6rt und zur verzweifelten<br \/>\nFrage veranlasst, was sie so bezaubert habe.<\/p>\n<p>Bezaubert ist ein starker Ausdruck. Paulus unterstellt den Galatern mit diesem Wort,<br \/>\ndass sie den realistischen Kontakt zur Wirklichkeit, den sie doch einmal hatten,<br \/>\nwieder verloren haben und jetzt statt dessen in einer \u201emagischen Zauberwelt\u201c leben,<br \/>\ndurch welche die Wirklichkeit verzerrt und manipuliert erscheint. Es ist aber auch ein<br \/>\nWort, das deutlich macht, dass sich Paulus genau daran st\u00f6sst. Er protestiert nicht<br \/>\ndagegen, dass die Galater seiner Botschaft untreu geworden sind. Er wirft ihnen<br \/>\nweder Ungehorsam noch fehlende Ergebenheit vor. Es ist nicht so, dass er sich<br \/>\ndaran st\u00f6sst, dass sie, die sie ihm einmal zugetan waren, sich von ihm emanzipiert<br \/>\nhaben und eine eigene Meinung und Selbst\u00e4ndigkeit beanspruchen. Das ist alles<br \/>\nnicht der Punkt. Es geht Paulus nicht um die pers\u00f6nliche Kr\u00e4nkung, dass die Galater<br \/>\nvon seiner Botschaft abgefallen sind. Sein Zorn besteht vielmehr darin, dass sie,<br \/>\nderen klarer Blick fu\u0308r die Wirklichkeit einmal erwacht war, sich diesen wieder tru\u0308ben<br \/>\nund verwirren liessen. Es ist der gest\u00f6rte Bezug zur Wirklichkeit, der Paulus an den<br \/>\nGalatern kritisiert. Nichts weniger als das. Deshalb kommt er dazu, ihnen<br \/>\nvorzuwerfen, dass sie sich bezaubern liessen.<\/p>\n<p>Wer hat euch bezaubert, denen [doch] Jesus Christus als Gekreuzigter vor Augen<br \/>\ngemalt worden ist ? Das Kriterium, das Paulus zu seiner Kritik motiviert, ist, dass die<br \/>\nGalater Jesus Christus als Gekreuzigten vor Augen gemalt bekommen und \u2013 wird<br \/>\nman schliessen k\u00f6nnen \u2013 als solchen \u201egesehen\u201c haben. Das Bild des Gekreuzigten<br \/>\nist es also, das, wenn es einmal gesehen und erkannt worden ist, fu\u0308r Paulus den<br \/>\nklaren Blick fu\u0308r die Wirklichkeit zum Erwachen bringt. Entsprechend kann er deshalb<br \/>\nsagen, dass derjenige bezaubert ist, dessen Blick fu\u0308r dieses Bild getru\u0308bt oder gar<br \/>\nverloren ist. Der Blick fu\u0308r das Bild des Gekreuzigten ist gleichsam das Mass, an dem<br \/>\ndie Realit\u00e4tsbezogenheit der Glaubenden gemessen wird, die Richtschnur, die<br \/>\ndaru\u0308ber entscheidet, ob man in der Wirklichkeit lebt, wie sie ist, oder ob man<br \/>\nbezaubert ist und in einer Zauberwelt lebt.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens jetzt sind wir vor die Frage gestellt, ob wir Paulus in dieser Behauptung<br \/>\nfolgen wollen oder nicht. Immerhin ist sein Anspruch, ein Kriterium zum Messen der<br \/>\nRealit\u00e4tsbezogenheit der Glaubenden geben zu k\u00f6nnen, nicht gerade bescheiden.<br \/>\nUnd wir heute, die wir fu\u0308r die katastrophalen Auswirkungen sensibilisiert sind, die<br \/>\nfundamentalistische Anspru\u0308che haben k\u00f6nnen, werden Paulus hier ohne Z\u00f6gern<br \/>\nfolgen wollen. Wie also steht es um den Blick fu\u0308r das Bild des Gekreuzigten als<br \/>\nKriterium, an dem sich unsere Realit\u00e4tsbezogenheit messen l\u00e4sst ?<\/p>\n<p>Man muss einen exklusiven und einen inklusiven Blick unterscheiden. Der exklusive<br \/>\nBlick richtet sich ausschliesslich auf den Gekreuzigten und geht davon aus, dass nur<br \/>\nder, der diesen sieht, die Realit\u00e4t sieht wie sie ist. Es ist dies der Blick, der auf das<br \/>\nBild des Gekreuzigten fixiert ist, dieses als exklusiven Zugang zu Gott versteht und<br \/>\ndavon ausgeht, dass das Bild des Gekreuzigten das Mass aller Dinge ist. Ein solcher<br \/>\nBlick ist fundamentalistisch und entspricht nicht der paulinischen Botschaft, dass die<br \/>\nGnade Gottes ohne jede Bedingung, also auch ohne unser Festhalten des<br \/>\nGekreuzigten, gegenw\u00e4rtig ist.<\/p>\n<p>Der inklusive Blick sieht demgegenu\u0308ber im Bild des Gekreuzigten die Gnade<br \/>\nGottes wie sie in der ganzen Sch\u00f6pfung und in der ganzen Geschichte am Werk ist.<br \/>\nEr sieht, dass der Gekreuzigte ein Zeichen fu\u0308r etwas Universales ist, eine<br \/>\nOffenbarung, die immer und immer wieder geschah, geschieht und geschehen wird,<br \/>\nein Ereignis also, das etwas von der Wahrheit zeigt, durch welche die Wirklichkeit<br \/>\ndas wird, was sie ist. Wenn man das Bild des Gekreuzigten so sieht, dann beginnt<br \/>\nman zu sehen, dass die ganze Welt in der Gnade Gottes geborgen ist bzw.<br \/>\numgekehrt, dass die Gnade Gottes in der ganzen Welt zu sehen ist. Ein solcher Blick<br \/>\nauf den Gekreuzigten ist in keiner Weise fundamentalistisch, sondern selber<br \/>\nAusdruck der g\u00f6ttlichen Gnade.<\/p>\n<p>Wer hat euch bezaubert, denen [doch] Jesus Christus als Gekreuzigter vor Augen<br \/>\ngemalt worden ist ? Es ist nicht so einfach, im Blick auf den Gekreuzigten die<br \/>\nuniversale Gegenwart der Gnade Gottes zu sehen. Zu schmerzvoll ist dieses Bild, zu<br \/>\nungerecht, zu h\u00e4sslich. Wir neigen rasch dazu, im Angesichts des Leides, das es<br \/>\nzum Ausdruck bringt, alles andere als die Gnade Gottes zu sehen und den Blick vom<br \/>\nGekreuzigten abzuwenden. Und genauso rasch, wie wir diesen Blick abwenden,<br \/>\nlassen wir uns von all dem Sch\u00f6nem bezaubern, das uns das Leiden angenehmer zu<br \/>\nmachen verspricht. Das ist menschlich und noch so gut verst\u00e4ndlich. Ich will dies gar<br \/>\nnicht bestreiten. Und doch tut man gut daran, die strenge Kritik, die Paulus diesem<br \/>\nVerhalten gegenu\u0308ber erhebt, nicht leichtfertig in den Wind zu schlagen. Nicht aus<br \/>\nAngst vor Strafe, sondern um der Gnade und ihrer Sch\u00f6nheit willen.<\/p>\n<p>Die Universalit\u00e4t der Gnade ist keine Illusion. Ich sage dies gerade auch im Blick auf<br \/>\nden Gekreuzigten und die Vielen, die wie dieser gelitten haben und leiden ! Die<br \/>\nUniversalit\u00e4t der Gnade ist die Erfahrung, trotz allem, was geschieht, durch die<br \/>\nunbedingte Sorge Gottes wie von einem grossen Vater beschu\u0308tzt und in einer<br \/>\ngrossen Mutter gehalten zu werden. Gott ist mehr als V\u00e4terlichkeit und Mu\u0308tterlichkeit.<br \/>\nGott ist die Sorge, die sich uns v\u00e4terlich und mu\u0308tterlich zuwendet und konkret wird,<br \/>\nwenn wir sie in unserem Umgang mit andern Menschen, unserer Umwelt und uns<br \/>\nselber sorgsam praktizieren. Im sorgsamen Tun wird die Universalit\u00e4t der Gnade<br \/>\nGottes st\u00e4ndig, hier und jetzt, geu\u0308bt, erlebt und erlebbar gemacht, ohne dass<br \/>\nWunder geschehen mu\u0308ssen oder die Wirklichkeit bezaubert wird. Es ist die kleine<br \/>\n\u00dcbung des Glaubens, die als solche Wunder genug ist und die Wirklichkeit mit dem<br \/>\nZauber ihrer Sch\u00f6nheit erleuchtet. Wo die Gnade Gottes im sorgsamen Tun von<br \/>\nMenschen konkret wird, werden Freude und Liebe selbst im Leiden spu\u0308rbar.<\/p>\n<p>Paulus war mit seinem kritischen Wort sehr streng mit den Galatern, und auch uns<br \/>\nmag es streng vorkommen, wenn wir uns mit der Forderung konfrontiert sehen, uns<br \/>\nvon all dem, was uns so wunderbar bezaubert, trennen zu sollen. Wie gerne h\u00e4lt sich<br \/>\ndoch die Sehnsucht an der Bezauberung fest ! Und doch ist diese Strenge nichts als<br \/>\nGnade. Denn sie fu\u0308hrt uns u\u0308ber unsere kleine Zauberwelt hinaus und leitet uns in die<br \/>\nSch\u00f6nheit der universalen Gnade, die wir in jedem Moment, hier und jetzt, in<br \/>\nunserem sorgsamen Handeln erleben und gestalten k\u00f6nnen. Beten wir deshalb, dass<br \/>\nGott uns die Augen fu\u0308r den Gekreuzigten \u00f6ffnet und wir lernen, seine sorgende<br \/>\nGnade in unserer Sorgsamkeit zur Geltung zu bringen. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 12. M\u00e4rz 2006 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/0312__Gal_3.1_.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>O ihr unverst\u00e4ndigen Galater, wer hat euch bezaubert, denen [doch] Jesus Christus als Gekreuzigter vor Augen gemalt worden ist ? 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