{"id":843,"date":"2006-01-08T14:17:19","date_gmt":"2006-01-08T13:17:19","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch.80-74-139-101.brenda.xelon.ch\/?p=843\/"},"modified":"2017-05-05T15:53:07","modified_gmt":"2017-05-05T13:53:07","slug":"the-freedom-of-the-heart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/the-freedom-of-the-heart\/","title":{"rendered":"The freedom of the heart"},"content":{"rendered":"<p><em>Von mir aber sei es ferne, mich zu ru\u0308hmen, als nur des Kreuzes unsres Herrn Jesus<\/em><br \/>\n<em>Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. <\/em><br \/>\n<em>Gal 6,14<\/em><\/p>\n<p><!--more-->Liebe Gemeinde<br \/>\nVon mir aber sei es ferne, mich zu ru\u0308hmen, als nur des Kreuzes unsres Herrn Jesus<br \/>\nChristus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Formuliert ist mit<br \/>\ndiesem Satz, was fu\u0308r Paulus dasjenige ist, das ihn im Innersten seines Herzens<br \/>\nbewegt. Er zeigt, was sein Herzensanliegen ist, er bringt zum Ausdruck, wofu\u0308r sein<br \/>\nHerz schl\u00e4gt und wovon sein Herz reden will. Uns stellt er damit vor die Frage, was<br \/>\ndasjenige ist, wovon unser Herz voll ist, ob wir dasselbe wie Paulus bezeugen<br \/>\nm\u00f6chten oder ob uns ganz anderes viel n\u00e4her liegt. Der Beginn eines neuen Jahres<br \/>\nkann eine gute Gelegenheit sein, sich daru\u0308ber Rechenschaft zu geben; denn es zeigt<br \/>\nuns die Richtung, in die unsere Herz gehen m\u00f6chte, es zeigt uns den Weg, den wir<br \/>\ndieses Jahr von Herzen beschreiten m\u00f6chten.<br \/>\nIm Herzen eines Menschen wohnen viele Gefu\u0308hle und Erinnerungen. Viele<br \/>\nGeschichten tragen wir in unserem Herzen: Geschichten von Liebe und Trauer.<br \/>\nGeschichten von Freuden und Leiden. Geschichten von glu\u0308cklichen Momenten und<br \/>\nschrecklichen Entt\u00e4uschungen. Wir k\u00f6nnen im Herzen Frieden mit den Menschen<br \/>\nschliessen, die wir in unserem Leben angenehm oder unangenehm erlebt haben,<br \/>\nund wir k\u00f6nnen aus unserem Herzen auch eine M\u00f6rdergrube machen. Entsprechend<br \/>\nkann unser Herzen hell, ruhig und froh, aber auch finster, unruhig und bitter sein.<br \/>\nUnd m\u00f6glicherweise ist es gar nicht so eindeutig das eine oder das andere. Wir<br \/>\nk\u00f6nnen mit vielem vers\u00f6hnt sein und zugleich immer noch dunkle Winkel haben. Wir<br \/>\nk\u00f6nnen mit vielem im Frieden sein und zugleich immer noch mit gewissen Dingen<br \/>\nhadern.<br \/>\nEs tut gut, sich mit seinem eigenen Herzen vertraut zu machen. Es beginnt dies<br \/>\nbereits auf der k\u00f6rperlichen Ebene. Wir leben nur, weil und solange unser Herz<br \/>\nschl\u00e4gt. Wenn wir unser Herz durch Stress zu sehr belasten oder wenn wir es durch<br \/>\neinen bewegungsarmen Alltag zu sehr vernachl\u00e4ssigen, k\u00f6nnen wir Herz- und<br \/>\nKreislaufprobleme bekommen. Sich mit seinem Herzen vertraut machen, heisst<br \/>\njedoch auch, seine Stimme h\u00f6ren zu lernen; zu vernehmen, was es uns zu sagen<br \/>\nhat; wahrzunehmen, was es uns in unseren Leben r\u00e4t; ernst zu nehmen, was fu\u0308r<br \/>\nFragen es uns stellt, was fu\u0308r Einsichten es uns gibt, vor was fu\u0308r Risiken es uns warnt,<br \/>\nzu was fu\u0308r Taten es uns ermutigt. <em>\u201eLe coeur a ses raisons que la raison no conna\u00eet<\/em><br \/>\n<em>point\u201c<\/em> \/ \u201eDas Herz hat seine Gru\u0308nde, welche die Vernunft nicht kennt\u201c, hatte der<br \/>\nfranz\u00f6sische Philosoph Blaise Pascal feststellt. Wahr gesprochen. Sehr wahr.<br \/>\nSuchen wir also danach, was uns zuinnerst im Herzen bewegt !<br \/>\nVon mir aber sei es ferne, mich zu ru\u0308hmen, als nur des Kreuzes unsres Herrn Jesus<br \/>\nChristus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Fu\u0308r Paulus ist es das<br \/>\nKreuz Jesu Christi, das er im Innersten seines Herzens tr\u00e4gt; denn dessen allein will<br \/>\ner sich ru\u0308hmen. Er bestreitet nicht, dass man im Herzen viele Dinge tragen kann,<br \/>\nderen man stolz sein k\u00f6nnte. M\u00f6gen dies nun grosse Erfolge sein, die soziale<br \/>\nAnerkennung und Prestige eingetragen haben oder kleine Selbstbest\u00e4tigungen in<br \/>\nallt\u00e4glichen Auseinandersetzungen, die der eigenen Eitelkeit schmeicheln und so<br \/>\nmanche Kr\u00e4nkung kompensieren. Im Herzen wissen wir, woran wir uns halten und<br \/>\nwas unseren Stolz begru\u0308ndet. Paulus h\u00e4lt nun aber fest, dass fu\u0308r ihn all diese Dinge<br \/>\nkeine Bedeutung haben, dass er sich ihretwegen nichts einbildet, dass er ihretwegen<br \/>\nnicht stolz ist. Sein einziger Stolz im Herzen ist der Gekreuzigte.<br \/>\nOffensichtlich hat er mit dem Gekreuzigten einen Fund gemacht, der ihn durch und<br \/>\ndurch u\u0308berzeugt. Es ist der Fund, diejenige Autorit\u00e4t gefunden zu haben, die in<br \/>\nkeiner Weise u\u0308berboten werden kann: Die Autorit\u00e4t in der Gebrochenheit des<br \/>\nLebens. Die Autorit\u00e4t also, die sich nicht dadurch auszeichnet, dass sie gr\u00f6sser als<br \/>\nandere Autorit\u00e4ten ist oder sich durch Kampf gegen andere Autorit\u00e4ten durchgesetzt<br \/>\nhat oder mehr von dem hat, was andere auch haben, sondern dadurch, dass sie die<br \/>\nSouver\u00e4nit\u00e4t hat, nicht mit andern Autorit\u00e4ten zu rivalisieren, dass sie die St\u00e4rke hat,<br \/>\nin Machtfeldern zwischen den Fronten sich selbst zu bleiben, dass sie die Kraft hat,<br \/>\nunabh\u00e4ngig von den Andern, in der Verlassenheit, in der Gebrochenheit, in der<br \/>\nEinsamkeit standhaft zu bleiben. Diese Autorit\u00e4t der Freiheit in den K\u00e4mpfen des<br \/>\nLebens, diese Autorit\u00e4t Gottes im Gekreuzigten, diese Autorit\u00e4t hat Paulus<br \/>\noffensichtlich in seinem Herzen gefunden. Nicht als Autorit\u00e4t neben andern<br \/>\nAutorit\u00e4ten. Sondern als Autorit\u00e4t der Freiheit in der Gebrochenheit des Herzens; als<br \/>\nAutorit\u00e4t, die ihm innerlicher ist als er sich selbst; als Autorit\u00e4t, bei der er im Herzen<br \/>\nRuhe und Frieden findet. Sie ist ihm deshalb das Einzige, dessen er sich ru\u0308hmen will.<br \/>\nVon mir aber sei es ferne, mich zu ru\u0308hmen, als nur des Kreuzes unsres Herrn Jesus<br \/>\nChristus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Mit der Autorit\u00e4t des<br \/>\nGekreuzigten im Herzen ver\u00e4ndert sich fu\u0308r Paulus der Umgang mit der Welt; denn<br \/>\ndiese Autorit\u00e4t steht gleichsam zwischen ihm und der Welt. So wie sie in der<br \/>\nGebrochenheit seines Herzens zwischen ihm und ihm steht, so manifestiert sie sich<br \/>\nauch gegenu\u0308ber der Welt. Die Autorit\u00e4t des Gekreuzigten im Herzen unterbricht sein<br \/>\nbisheriges Verh\u00e4ltnis zur Welt. Auf der einen Seite ist ihm die Welt gekreuzigt, ist sie<br \/>\nihm keine u\u0308ber ihm herrschende Definitionsmacht mehr. So wichtig ihm fru\u0308her die<br \/>\nErfu\u0308llung des Gesetzes war, so sehr kann er dies nun als abgetan betrachten; denn<br \/>\nfu\u0308r ihn gelten nicht mehr die Massst\u00e4be der Welt. Auf der andern Seite ist er aber<br \/>\nauch der Welt gekreuzigt. Er erhebt keine Machtanspru\u0308che mehr gegenu\u0308ber der<br \/>\nWelt, will sie nicht mehr nach eigenen Vorstellungen ver\u00e4ndern und verfolgt nicht<br \/>\nmehr das Ziel, sich ihr gegenu\u0308ber durchzusetzen. Die unmittelbare Kommunikation<br \/>\nzwischen ihm und der Welt ist offensichtlich unterbrochen; er startet bei<br \/>\nentsprechenden Impulsen der Welt nicht mehr auf und l\u00e4sst sich durch Angebote der<br \/>\nWelt nicht mehr verfu\u0308hren. Was also die Autorit\u00e4t der Gekreuzigten zwischen ihm<br \/>\nund der Welt zun\u00e4chst bewirkt, ist die Befreiung von der mechanischen Abh\u00e4ngigkeit<br \/>\nvon Reiz und Reaktion, ist die Befreiung des Herzens fu\u0308r die Freiheit Gottes.<br \/>\nDass dadurch nichts weniger als eine Neusch\u00f6pfung geschieht, stellt Paulus im<br \/>\nnachfolgenden Vers ausdru\u0308cklich fest; denn er schreibt da, dass weder<br \/>\nBeschneidung noch Vorhaut etwas gelte, dass also weder die Gesetzeserfu\u0308llung,<br \/>\nnoch die Gesetzesu\u0308bertretung etwas gelte, sondern nur eine Neusch\u00f6pfung: Wer<br \/>\nbefreit ist vom mechanischen Reagieren auf Reize, wird ein neuer Mensch. Er<br \/>\nbeginnt die Weite in seinem Herzen wahrzunehmen, die nicht sein durfte; das<br \/>\nBersten der Fesseln zu erleben, die es zusammenschnu\u0308rte; den Fluss fliessen zu<br \/>\nspu\u0308ren, der versteinert und blockiert war. Wo das Herz in dieser Weise aufzuwachen<br \/>\nbeginnt, bleibt es in der Gebrochenheit, in der Verlassenheit, im Schmerz des<br \/>\nGekreuzigten; aber es realisiert genau darin, wie alles neu wird, wie sich die<br \/>\nPerspektive ver\u00e4ndert, wie es die Welt mit den Augen Gottes betrachtet, wie dadurch<br \/>\neine neue Welt geschaffen wird.<br \/>\nDie Autorit\u00e4t des Gekreuzigten, die Paulus zu dieser Befreiung fu\u0308hrt, ist die Autorit\u00e4t<br \/>\nder Wahrheit. Weil er den Gekreuzigten in seinem Herzen tr\u00e4gt, ist er nicht nur von<br \/>\ngegenseitigen Machtanspru\u0308chen gegenu\u0308ber der Welt befreit, sondern auch zu einem<br \/>\nwahrhaften Umgang mit diesen erm\u00e4chtigt. Befreit zur Wahrheit nimmt er<br \/>\nMachtanspru\u0308che wahr, erfu\u0308llt sie manchmal und entzieht sich ihnen manchmal,<br \/>\nverst\u00e4rkt sie manchmal und widersteht ihnen manchmal. Er tut dies nicht willku\u0308rlich<br \/>\nund nach Belieben, sondern er tut dies im freien Gehorsam gegenu\u0308ber der Wahrheit<br \/>\nder Beteiligten der jeweiligen Situation. Mit der Autorit\u00e4t des Gekreuzigten im Herzen<br \/>\nkann er nicht anders als erfu\u0308llen, was diese ihm gebietet. Nicht um damit<br \/>\nKu\u0308nstlichkeiten und Eitelkeiten zu zelebrieren, sondern um die Realit\u00e4t das werden<br \/>\nzu lassen, was sie in Wahrheit ist; denn das Herz, das zum Dienst an der Wahrheit<br \/>\nbefreit ist, schafft mit seinem Tun einen Herzraum, in welchem auch andere<br \/>\nMenschen ihr Herz \u00f6ffnen, in welchem auch andere Menschen an Herz, K\u00f6rper und<br \/>\nGeist heil- und gesund werden k\u00f6nnen. Und dies ist offensichtlich der Sinn, den das<br \/>\nTragen der Autorit\u00e4t des Gekreuzigten im Herzen hat: dass durch dieses Tun andern<br \/>\nMenschen und letztlich der ganzen Welt das Herz aufgeht und mit Gott im Herzen<br \/>\neine herzliche Gemeinschaft unter den Menschen und mit der ganzen Sch\u00f6pfung<br \/>\nentsteht.<br \/>\nVon mir aber sei es ferne, mich zu ru\u0308hmen, als nur des Kreuzes unsres Herrn Jesus<br \/>\nChristus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Der Gekreuzigte ist<br \/>\nfu\u0308r Paulus die Autorit\u00e4t im Herzen, derer allein er sich ru\u0308hmt. Als Glaubende sind<br \/>\nauch wir dazu aufgerufen, den Kreuzweg zu beschreiten und den Gekreuzigten als<br \/>\ndie Autorit\u00e4t in unsere Herzen zu lassen, derer allein wir uns ru\u0308hmen. Unser Herz ist<br \/>\nein Ort des Lichts und der Tapferkeit. Was auch immer wir an Sch\u00f6nem und<br \/>\nH\u00e4sslichem, an Freudigem und Schmerzvollem erleben, unser Herz schl\u00e4gt fu\u0308r uns,<br \/>\nsolange wir leben. Wenn wir ihm treu sind, strahlt das Licht Gottes in ihm auf und<br \/>\nerm\u00e4chtigt uns, im Kampf gegen und um die Welt tapfer zu bleiben; denn es schafft<br \/>\ndie Herzensw\u00e4rme, die Gu\u0308te, die Barmherzigkeit, in welcher wir und andere<br \/>\ndiejenigen werden k\u00f6nnen, die wir und sie in Wahrheit sind. Und das ist das, was das<br \/>\nHerz offensichtlich begehrt; denn unruhig ist unser Herz nicht nur \u2013 wie Augustinus<br \/>\nmeinte \u2013 bis es in Gott ruht, sondern auch bis die vielen verlorenen Herzen Ruhe in<br \/>\nGott gefunden haben. Beten wir deshalb, dass Gott uns mit seinem Licht erleuchte<br \/>\nund wir tapfer den guten Kampf des Glaubens k\u00e4mpfen, auf dass alle Menschen und<br \/>\ndie ganze Sch\u00f6pfung in ihrem Herzen froh werden. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 08. Januar 2006 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/0108_Gal_6-14_P.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von mir aber sei es ferne, mich zu ru\u0308hmen, als nur des Kreuzes unsres Herrn Jesus Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. 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