{"id":798,"date":"2005-11-06T18:37:31","date_gmt":"2005-11-06T17:37:31","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch.80-74-139-101.brenda.xelon.ch\/?p=798\/"},"modified":"2017-05-05T15:46:33","modified_gmt":"2017-05-05T13:46:33","slug":"the-word-from-the-cross","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/the-word-from-the-cross\/","title":{"rendered":"The word from the cross"},"content":{"rendered":"<p><em>Denn das Wort vom Kreuz ist zwar denen, die verloren gehen, eine Torheit; uns<\/em><br \/>\n<em>aber, die wir gerettet werden, ist es eine Kraft Gottes. <\/em><br \/>\n<em>1Kor 1,18<\/em><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<br \/>\nDenn das Wort vom Kreuz ist zwar denen, die verloren gehen, eine Torheit; uns<br \/>\naber, die wir gerettet werden, ist es eine Kraft Gottes. Kein leicht verst\u00e4ndlicher Satz<br \/>\nist dieser Gedanke von Paulus. H\u00f6rt man ihn, kann man u\u0308berrascht aufschrecken,<br \/>\nweil man noch gerade gemerkt hat, dass etwas Ungew\u00f6hnliches an einem<br \/>\nvoru\u0308bergegangen ist, aber man nicht hat erfassen k\u00f6nnen, was es war. Denn der<br \/>\nSatz enth\u00e4lt in der Tat eine Kombination von W\u00f6rtern, die fu\u0308r unsere heutigen Ohren<br \/>\nnicht vertraut ist und die man gleichsam Schritt um Schritt aufschlu\u0308sseln muss.<br \/>\nDie Rede ist vom Wort vom Kreuz. Vom Wort vom Kreuz wird gesagt, dass es von<br \/>\nden Menschen unterschiedlich aufgenommen wird. Denn die Menschen lassen sich<br \/>\n\u2013 das ist in diesem Gedanken vorausgesetzt \u2013 in zwei Gruppen aufteilen: die eine<br \/>\nGruppe besteht aus denen, die \u201everloren gehen\u201c und die andere \u2013 zu denen, wie es<br \/>\nheisst, auch \u201ewir\u201c geh\u00f6ren \u2013 aus denen, die gerettet werden. Diese beiden Gruppen<br \/>\nrezipieren das Wort vom Kreuz unterschiedlich. Fu\u0308r diejenigen, die verloren gehen,<br \/>\nist es eine \u201eTorheit\u201c, fu\u0308r diejenigen aber, die gerettet werden, ist es eine \u201eKraft<br \/>\nGottes\u201c. Dieselbe Sache, das Wort vom Kreuz, hat also nicht eine eindeutige und fu\u0308r<br \/>\nsich stehende, gleichsam absolute Bedeutung, sondern sie ist abh\u00e4ngig von den<br \/>\nRezipienten etwas Verschiedenes.<br \/>\nDennoch liegt Paulus an der Eindeutigkeit des Wortes vom Kreuz. Denn fu\u0308r ihn ist es<br \/>\nnicht nur das Zentrum seiner Verku\u0308ndigung, sondern ebenso das Zentrum seiner<br \/>\nBotschaft an die Korinther. Wie er ein paar Verse fru\u0308her deutlich gemacht hat, hat er<br \/>\nvon Chloe und ihren Leuten erfahren, dass die Korinther unter sich uneins sind. Er<br \/>\nhat vernommen, dass sie sich nach ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zu verschiedenen<br \/>\nFu\u0308hrungspers\u00f6nlichkeiten gruppieren und untereinander rivalisieren, wer mehr<br \/>\nWeisheit hat. In diesem Streit u\u0308ber die gr\u00f6sste Weisheit der unterschiedlichen<br \/>\nAutorit\u00e4ten fu\u0308hrt Paulus sein Argument vom Wort vom Kreuz ein. Dieses soll den<br \/>\nKonflikt l\u00f6sen und Einigkeit schaffen, indem es die Streitigkeiten um die Weisheit auf<br \/>\neine v\u00f6llig andere Ebene bringt. N\u00e4mlich indem es nicht eine noch h\u00f6here Weisheit<br \/>\nbehauptet, sondern das Reden von der Weisheit ad absurdum fu\u0308hrt. Denn nicht die<br \/>\nh\u00f6chste Weisheit ist das Zeichen der h\u00f6chsten Autorit\u00e4t, sondern das Wort vom<br \/>\nKreuz. Anstatt Weisheit gegen Weisheit auszuspielen, soll also der Streit gel\u00f6st<br \/>\nwerden, indem der mindestens auf den ersten Blick gegenteilige Standpunkt<br \/>\neingenommen wird: der des Wortes vom Kreuz.<br \/>\n\u00dcberraschend ist das Argument ebenso wie das Vorgehen zweifellos. Doch ist es<br \/>\nauch in der Lage zu l\u00f6sen, was es verspricht ? Wie soll das Wort vom Kreuz, wie soll<br \/>\ndas furchtbare Geschehen, das die Kreuzigung Christi ist, den Streit l\u00f6sen, welches<br \/>\ndie Autorit\u00e4t ist, welche die h\u00f6chste Weisheit hat ? bzw. welches die Autorit\u00e4t ist,<br \/>\nwelche zur erl\u00f6senden Weisheit fu\u0308hrt ? Diese Frage hat offensichtlich nicht nur vor<br \/>\n2000 Jahren die Korinther besch\u00e4ftigt, sondern sie ist bis auf den heutigen Tag die<br \/>\nZentralanfrage an den christlichen Glauben. Wenn muslimische Fundamentalisten<br \/>\nneuerdings die Christen wieder als \u201eKreuzesanbeter\u201c verspotten, dann haben sie<br \/>\noffensichtlich durchaus richtig gespu\u0308rt, was fu\u0308r den christlichen Glauben fundamental<br \/>\nist, ihnen aber als Argument und Vorgehen im Ringen um die h\u00f6chste Weisheit<br \/>\nu\u0308berhaupt nicht einleuchtet. Das Thema ist also bis auf den heutigen Tag<br \/>\nh\u00f6chstaktuell.<br \/>\nDenn das Wort vom Kreuz ist zwar denen, die verloren gehen, eine Torheit; uns<br \/>\naber, die wir gerettet werden, ist es eine Kraft Gottes. Dass das Wort vom Kreuz im<br \/>\nKampf um die h\u00f6chste Weisheit als Torheit empfunden werden kann, ist nicht weiter<br \/>\nverwunderlich. Das Kreuz ist in kaum zu u\u0308berbietender Weise Zeichen von Scheitern<br \/>\nund mehr noch: von Schande. Wer in r\u00f6mischer Zeit gekreuzigt wurde, musste eine<br \/>\nder k\u00f6rperlich und psychisch qualvollsten Todesarten sterben, war sozial verurteilt<br \/>\nund mit einem enormen Mass an Entwu\u0308rdigung und Demu\u0308tigung konfrontiert. Das<br \/>\nWort vom Kreuz, das Wort von der h\u00f6chsten Weisheit, der Weisheit Gottes, im<br \/>\ngekreuzigten Christus, ist deshalb gelinde gesagt sehr verwunderlich. Wenn Paulus<br \/>\nden Gedanken ein paar Verse sp\u00e4ter noch radikalisiert und festh\u00e4lt, dass das Wort<br \/>\nvom Kreuz fu\u0308r Juden, die Zeichen bzw. Machttaten fordern, ein \u00c4rgernis ist, und fu\u0308r<br \/>\nGriechen, die nach Weisheit fragen, eine Torheit, wird man ihm also rasch<br \/>\nbeipflichten und froh daru\u0308ber sein, dass er noch genu\u0308gend Realit\u00e4tsbezug hat und<br \/>\nsich dessen bewusst ist. Dennoch aber h\u00e4lt er ebenso u\u0308berzeugt fest, dass<br \/>\nebendieses Wort vom Kreuz denen, die gerettet werden bzw. ein paar Verse sp\u00e4ter:<br \/>\ndenen die berufen sind, mit einem Wort: denen, die glauben, Kraft Gottes und<br \/>\nWeisheit Gottes sei. Denn \u2013 so argumentiert er in der Fortsetzung \u2013 was die<br \/>\nMenschen auch immer fu\u0308r t\u00f6richt und schwach betrachten, ist, wenn Gott dabei ist,<br \/>\nweiser und st\u00e4rker als alles, was von Menschen kommt.<br \/>\nGewiss wird kaum jemand, der an Gott glaubt, bestreiten, dass all das, was Gott zur<br \/>\nSeite hat, st\u00e4rker ist als das, was Gott nicht zur Seite hat. Unbeantwortet ist deshalb<br \/>\njedoch nach wie vor die Frage, warum gerade das Wort vom Kreuz Kraft Gottes und<br \/>\nWeisheit Gottes sein soll, h\u00e4ngt doch an der Antwort auf diese Frage, das ganze<br \/>\nArgument, ja der ganze christliche Glauben.<br \/>\nDie Antwort, die Paulus auf diese Frage gibt, steht V21 und lautet, dass es 1. die<br \/>\nWelt mithilfe ihrer Weisheit nicht geschafft habe, Gott in seiner Weisheit zu erkennen,<br \/>\ndass 2. Gott sich deshalb in seiner absoluten Souver\u00e4nit\u00e4t dazu entschieden habe,<br \/>\neine Bru\u0308cke zu den Menschen zu schlagen, und dass 3. diese Bru\u0308cke darin bestehe,<br \/>\nan ihn durch die Torheit der Predigt zu glauben.<br \/>\nGenannt wird hier also als Argument fu\u0308r die Legitimit\u00e4t des Wortes vom Kreuz<br \/>\nzuerst die menschliche Unf\u00e4higkeit Gott von sich aus zu erkennen. Weil Gott anders<br \/>\nist als alles, was man sich als Gott vorstellt, wird man mit seinem Ringen um<br \/>\nErkenntnis immer wieder scheitern. Gott l\u00e4sst sich nicht als Gegenstand unserer<br \/>\nErkenntnis vereinnahmen. Was statt dessen n\u00f6tig ist, ist, das Angebot Gottes<br \/>\nanzuerkennen und Gott in der Absurdit\u00e4t zu suchen, in welcher man ihn nicht<br \/>\nerwartet: im Wort vom Kreuz, im Wort vom Elend und Schrecken, im Wort vom<br \/>\nSchmerz und Scheitern, oder noch allgemeiner gesprochen: im Wort von der platten<br \/>\nWeltlichkeit und Gottlosigkeit der Welt bzw. im Wort von der Religionslosigkeit der<br \/>\nWelt und ihrem Atheismus. Hier, in diesem Wort, soll man Gott suchen, anerkennen<br \/>\nund im Glauben zu erkennen beginnen. Erst wenn man Gott hier sucht, erst wenn<br \/>\nman Gott in der atheistischen Weltlichkeit sucht, in welcher man ihn nicht erwartet,<br \/>\nerst dann wird man in die Lage kommen, seine Kraft und Weisheit zu erfahren.<br \/>\nDies wird nicht dazu fu\u0308hren, dass das Wort vom Kreuz aufh\u00f6ren wird, Torheit,<br \/>\nAnstoss und Schw\u00e4che zu sein. Aber es wird das Wort sein, das erm\u00f6glicht, in der<br \/>\nGottlosigkeit der Welt zu glauben, in der Angst zu lieben, in der Verzweiflung zu<br \/>\nhoffen. Genau deswegen stimmt es eben auch, dass diejenigen, die dieses Wort im<br \/>\nAngesicht von atheistischer Weltlichkeit glauben, gerettet werden, diejenigen aber,<br \/>\ndie es ablehnen, verloren gehen. Denn wer in der weltlichen Gottlosigkeit, in der<br \/>\nweltlichen Angst, in der weltlichen Verzweiflung glauben, lieben und hoffen kann, der<br \/>\nerlebt und bezeugt die Kraft und Weisheit Gottes. Jesus hat genau dies mit seinem<br \/>\nKreuzesschrei \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c zum Ausdruck<br \/>\ngebracht (Mk 15,34), und die Kraft und die Weisheit Gottes, die darin verborgen ist,<br \/>\nhat der r\u00f6mische Hauptmann unter dem Kreuz sogleich gespu\u0308rt und in seinem<br \/>\nBekenntnis \u201eDieser Mensch war in Wahrheit Gottes Sohn\u201c (Mk 15,39) bezeugt. Wer<br \/>\njedoch in atheistischer Weltlichkeit, Angst und Verzweiflung nicht mehr glauben,<br \/>\nlieben und hoffen kann, der ist tats\u00e4chlich in seine Tragik verloren.<br \/>\nDenn das Wort vom Kreuz ist zwar denen, die verloren gehen, eine Torheit; uns<br \/>\naber, die wir gerettet werden, ist es eine Kraft Gottes. Die Forderung, die Paulus hier<br \/>\nstellt, ist hoch, gewiss. Es ist nicht leicht, sich von seinen Vorstellungen und<br \/>\nIllusionen von g\u00f6ttlicher Macht und Weisheit zu l\u00f6sen. Wir k\u00f6nnen immer wieder in<br \/>\ndie Kinderrolle zuru\u0308ckfallen und einen allm\u00e4chtigen und allwissenden \u00dcbergott<br \/>\nanhangen. Und es kann von uns ein gutes Stu\u0308ck Arbeit verlangen, diese Wu\u0308nsche<br \/>\nund Sehnsu\u0308chte von Allmacht und Allwissenheit abzubauen und abzulegen und Gott<br \/>\ngenau im Gegenteil zu suchen.<br \/>\nAber umgekehrt hat das Konzept, das Paulus anbietet, eben auch etwas<br \/>\nBestechendes. Es ermutigt uns ebenso wie es damals die Korinther ermutigt hat, aus<br \/>\nder Rivalit\u00e4t konkurrenzierender Weisheits- und Machtanspru\u0308che auszusteigen und<br \/>\nGott nicht in dem zu behaupten, was wir im Format unserer Denkf\u00e4higkeit<br \/>\nreproduzieren k\u00f6nnen, uns statt dessen aber glaubend auf einen Bereich unseres<br \/>\nLebens einzulassen, den wir normalerweise verdr\u00e4ngen, vermeiden oder sogar<br \/>\nverleugnen: auf das Kreuz Jesu Christi, das wir schon tragen.<br \/>\nWir brauchen unser Kreuz gar nicht erst zu erfinden oder herzustellen. Es ist<br \/>\nschon da. Fu\u0308r jeden Menschen in seiner oder ihrer Weise. Hier, in unseren<br \/>\nunterschiedlichen Lebenssituationen mit je unseren Erfahrungen und<br \/>\nVerarbeitungsm\u00f6glichkeiten steckt unser Kreuz drin. Wir brauchen es nur<br \/>\naufzuheben, anzuerkennen, uns darauf einzulassen und darum zu ringen, die Kraft<br \/>\nGottes und die Weisheit Gottes darin zu erkennen. Dies zu tun, wird immer ein<br \/>\nProzess sein, in dem unsere eigenen Wu\u0308nsche und Erwartungen dekonstruiert<br \/>\nwerden, aber auch einer, in welchem wir beginnen, befreit, beglu\u0308ckt und heil zu<br \/>\nwerden. Und wir werden dabei auch dazu gedr\u00e4ngt werden, uns dafu\u0308r einzusetzen,<br \/>\ndass dasselbe auch der Welt widerfahren kann.<br \/>\nBeten wir deshalb darum, dass wir lernen, das fremde und harte, aber<br \/>\nzugleich erl\u00f6sende Wort vom Kreuz anzunehmen und seine Kraft und Weisheit durch<br \/>\nunser Leben in die Welt zu tragen. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 06. November 2005 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2005\/11\/1106__1Kor_1-18_P.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Denn das Wort vom Kreuz ist zwar denen, die verloren gehen, eine Torheit; uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine Kraft Gottes. 1Kor 1,18<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":139,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"page-templates\/no-sidebar.php","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[14,12],"tags":[],"class_list":["post-798","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-mysticism-in-christs-cross-according-to-paul","category-sermons"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/798","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=798"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/798\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/139"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=798"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=798"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=798"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}