{"id":794,"date":"2005-10-09T18:34:48","date_gmt":"2005-10-09T16:34:48","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch.80-74-139-101.brenda.xelon.ch\/?p=794\/"},"modified":"2017-04-30T18:36:53","modified_gmt":"2017-04-30T16:36:53","slug":"strength-in-weakness","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/strength-in-weakness\/","title":{"rendered":"Strength in weakness"},"content":{"rendered":"<p><em>Er wurde gekreuzigt aus Schwachheit, aber er lebt verm\u00f6ge der Macht Gottes; denn<\/em><br \/>\n<em>auch wir sind schwach in ihm, aber wir werden mit ihm leben verm\u00f6ge der Macht<\/em><br \/>\n<em>Gottes gegen euch. 2Kor 13,4<\/em><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<br \/>\nGekreuzigt aus Schwachheit, leben aus der Macht Gottes. Das Zusammenspiel von<br \/>\nSchwachheit und Macht, von der Paulus hier in bezug auf den gekreuzigten Christus,<br \/>\naber dann auch in bezug auf uns Glaubende spricht, ist keineswegs so einfach, wie<br \/>\nes auf den ersten Blick den Anschein machen kann. Es geht ihm nicht darum, wie<br \/>\ndies in der Kirchengeschichte schon allzu oft getan wurde, den Menschen in seiner<br \/>\nMenschlichkeit fu\u0308r nichtig und Gott in seiner G\u00f6ttlichkeit fu\u0308r allm\u00e4chtig zu erkl\u00e4ren.<br \/>\nPaulus verteilt Schwachheit und Macht nicht in dieser simplen Weise auf Menschen<br \/>\nund Gott. Dies k\u00f6nnte fu\u0308r seine Adressaten als allzu leichtfertige Rechtfertigung<br \/>\nseiner Schw\u00e4che aufgefasst werden.<br \/>\nPaulus schreibt n\u00e4mlich von Schwachheit und Macht in Zusammenhang einer<br \/>\nAnku\u0308ndigung seines Besuchs in Korinth. Von ihm, dem Apostel Christi, erwarten die<br \/>\nKorinther, dass er sich durch machtvolle Worte und Taten beweise; dass er sich<br \/>\nbesonderer F\u00e4higkeiten und Kenntnisse zu ru\u0308hmen habe und plausibel machen<br \/>\nk\u00f6nne, dass man ihn zu recht als Apostel Christi akzeptiere. Gefordert von den<br \/>\nkorinthischen Anspru\u0308chen muss er erl\u00e4utern, wie Schwachheit und Macht nach<br \/>\nseinem Verst\u00e4ndnis zusammengeh\u00f6ren. Ein feiger Ru\u0308ckzug auf die eigene<br \/>\nSchw\u00e4che liegt dabei ebenso wenig drin wie ein trotzig-arrogantes Demonstrieren<br \/>\neigener St\u00e4rke. Er muss statt dessen zeigen, wie Schwachheit und Macht ineinander<br \/>\nverwoben sind, ohne der Verschmelzung beider das Wort zu reden.<br \/>\nEs w\u00e4re ein Leichtes, genau in diese Falle zu tappen. Wie oft sind es gerade die<br \/>\nSchwachen, die Kranken, die Opfer, die auf ihre Umwelt die gr\u00f6sste Macht ausu\u0308ben!<br \/>\nIndem sie u\u0308berdimensionierte Hilfe erwarten; indem sie es verstehen, ihrer<br \/>\nUmgebung permanent ein schlechtes Gewissen zu vermitteln; indem sie in<br \/>\nuners\u00e4ttlicher Weise die Hilfsbereitschaft und Barmherzigkeit Anderer ausnutzen&#8230;<br \/>\nWo immer dies geschieht, entwickelt die Schwachheit eine Macht, die unter dem<br \/>\nMantel ihrer Hilflosigkeit manchmal gar nicht leicht zu fassen ist, deswegen aber<br \/>\numso schamloser um sich greift. Freilich ist dies nicht die Macht, die Paulus im<br \/>\nZusammenhang der Schwachheit meint. Ihm geht es nicht um die Macht der<br \/>\nSchwachheit.<br \/>\nGekreuzigt aus Schwachheit, leben aus der Macht Gottes. Paulus rollt das Thema<br \/>\nvom gekreuzigten Christus her auf. Er setzt nicht bei einer allt\u00e4glichen Erfahrung an,<br \/>\nsondern bei seiner Erfahrung von Christus: Gekreuzigt wurde Christus aufgrund<br \/>\nseiner Schwachheit. Schwachheit meint hier weit mehr und anderes als den Mangel<br \/>\nan F\u00e4higkeiten. Christus ist nicht schwach, weil ihm diese oder jene Fertigkeit oder<br \/>\nKenntnis fehlt. Schwach ist er einzig und allein, weil er ein verg\u00e4ngliches Wesen ist.<br \/>\nAls Mensch ist Christus ein K\u00f6rperwesen, das von seiner Biologie, seiner<br \/>\nPsychologie, seiner Gesellschaft und Kultur gepr\u00e4gt ist, das durch die Bedingungen<br \/>\nseiner Zeit begrenzt ist und das nichts an Absolutheit und Unverg\u00e4nglichkeit an sich<br \/>\nhat. Paulus ist sich dessen gut bewusst, dass Christus wie jedes Ph\u00e4nomen dieser<br \/>\nWelt ohne absoluten Boden, ohne letzten Grund, ohne substantielle Tiefe seine Zeit<br \/>\nhat und wieder vergeht. Diese elementare Tatsache bezeichnet er als Schwachheit.<br \/>\nSchwachheit ist fu\u0308r Paulus das unhintergehbare Zeichen von Weltlichkeit, einer<br \/>\nWeltlichkeit, der Christus \u2013 das Kreuz ist hierfu\u0308r der radikalste Ausdruck \u2013 voll und<br \/>\nganz unterworfen ist. Von dieser Schwachheit Christi kommt Paulus her.<br \/>\nAllerdings interessiert sich Paulus fu\u0308r diese Schwachheit des Gekreuzigten, weil sich<br \/>\nin ihr die Macht Gottes erweist. Nicht als Gegenmacht, die die Schwachheit beseitigt;<br \/>\nnicht als triumphale Demonstration, die jeden Widerstand platt w\u00e4lzt; und auch nicht<br \/>\nals Behauptung, die man als Glaubender fu\u0308r wahr halten muss. Sondern als Macht,<br \/>\ndie durch die Tu\u0308r der Schwachheit scheint; als Fels, der standhaft bleibt, wenn sich<br \/>\nder Gekreuzigte nicht mehr selber tragen kann; als seine innere Gradheit und<br \/>\nAufgerichtetheit, wenn er verspottet, verletzt und gekreuzigt wird. Es ist die Macht der<br \/>\nAuferstehung im Gekreuzigten, die Macht, die man weder begru\u0308nden noch erkl\u00e4ren<br \/>\nkann, die Macht jedoch, die beru\u0308hrt und erfasst, sobald sie uns in der Wu\u0308rde und<br \/>\nSouver\u00e4nit\u00e4t des Gekreuzigten erreicht. Gekreuzigt aus Schwachheit, leben aus der<br \/>\nMacht Gottes ist fu\u0308r Paulus kein Dogma, dem man sich gehorsam unterwerfen muss,<br \/>\nsondern eine Erfahrung, die entsteht, wenn man sich dem Gekreuzigten aussetzt.<br \/>\nGekreuzigt aus Schwachheit, leben aus der Macht Gottes. Eine Erfahrung, die nicht<br \/>\nauf Christus begrenzt ist, sondern auch Paulus, auch wir, machen k\u00f6nnen: denn<br \/>\nauch wir sind schwach in ihm, aber wir werden mit ihm leben verm\u00f6ge der Macht<br \/>\nGottes gegen euch. Weder Paulus noch wir k\u00f6nnen uns auf Christus beziehen, ohne<br \/>\ndass wir durch dessen Schwachheit auch mit unserer eigenen Schwachheit<br \/>\nkonfrontiert wu\u0308rden. Seine Schwachheit weckt in uns unweigerlich das Bewusstsein,<br \/>\ndass auch wir verg\u00e4ngliche Wesen ohne absoluten Boden, ohne letzten Grund, ohne<br \/>\nsubstantielle Tiefe sind; dass auch wir einen fundamentalen Mangel an Ganzheit und<br \/>\nVollkommenheit haben; dass auch wir in unserem Leben immer wieder mit<br \/>\nSchwierigem zu tun haben, das schmerzhaft ist und uns zu mancherlei<br \/>\nKompensationen verleiten kann.<br \/>\nEs ist nicht einfach, sich mit Christus der eigenen Schwachheit auszusetzen. Die<br \/>\nVersuchung kann immer wieder auflodern, den eigenen Mangel mit Was-auch-immer<br \/>\nzu fu\u0308llen, nur um ihn weniger zu spu\u0308ren. Sei es nun der Wunsch nach einem andere<br \/>\nMenschen, mit dem zusammen man die verlorene Ganzheit wieder erlangen m\u00f6chte,<br \/>\nsei es der Wille zur Macht oder der Wille zum Wissen, um sich im Gefu\u0308hl eigener<br \/>\nM\u00e4chtigkeit und grossen Wissens die \u00e4ngstigende Erfahrung von Ohnmacht und<br \/>\nUnwissenheit vom Leib zu halten, oder sei es die Abh\u00e4ngigkeit von einer Autorit\u00e4t,<br \/>\neinem fundamentalisierenden System oder einer Sucht, um seine existentielle<br \/>\n\u201eHaltlosigkeit\u201c zu dekompensieren und den inneren Mangel auf Kosten eigener<br \/>\nAufrichtigkeit mit destruktiven Beziehungen zu u\u0308berdecken.<br \/>\nDas Besondere daran, durch Christus mit der eigenen Schwachheit konfrontiert zu<br \/>\nwerden, ist, dass auch wir am Wunder seiner Auferstehung teilnehmen. Oder anders<br \/>\ngesagt: dass auch wir in der Schwachheit nicht verzweifeln; in der Grundlosigkeit den<br \/>\nGlauben nicht verlieren; in der Angst die Liebe nicht vergessen; im Zerbrechen der<br \/>\nHoffnung nicht entbehren. In der Bezogenheit auf Christus werden auch wir in<br \/>\nunserer Schwachheit mit der g\u00f6ttlichen Auferstehungsmacht gest\u00e4rkt und k\u00f6nnen die<br \/>\nGradheit entdecken, die im Anerkennen unserer Schr\u00e4gheit steckt; die Wu\u0308rde, die im<br \/>\nAkzeptieren unserer Gebrochenheit und Unzul\u00e4nglichkeit geborgen ist; die<br \/>\nSouver\u00e4nit\u00e4t, die im demu\u0308tigen und bescheidenen Stehen zu unserer Schwachheit<br \/>\ngru\u0308ndet.<br \/>\nGekreuzigt aus Schwachheit, leben aus der Macht Gottes. Die Macht, die in der<br \/>\nBejahung unserer Schwachheit, unseres mangelhaften Lebens, steckt, ist eine<br \/>\nSt\u00e4rke, die keiner weiteren Legitimation bedarf. Weder nach innen noch nach<br \/>\naussen. Sie ist die St\u00e4rke bedingungsloser Akzeptanz der Realit\u00e4t wie sie ist, mit<br \/>\nallem Guten und B\u00f6sen, mit allem Freud- und Leidvollen, mit allem Wahren und<br \/>\nVerlogenen, das zu ihr geh\u00f6rt; der Bereitschaft, anzuerkennen, was werden will; sie<br \/>\nist die F\u00e4higkeit, die Schwerkraft zu akzeptieren, die alle Ph\u00e4nomene an ihren Ort<br \/>\nzieht; die selbstlose Unterordnung unter den Willen Gottes, weil man weiss, dass<br \/>\nman nichts nehmen kann, was nicht gegeben ist&#8230; Gegenbegriff dieser St\u00e4rke ist die<br \/>\nGewalt; denn Gewalt ist es, wenn man seinen kleinen Willen gegen den Willen<br \/>\nGottes durchzusetzen versucht; wenn man Dinge zu erzwingen versucht, die nicht<br \/>\nsein wollen; wenn man die Realit\u00e4t nach seinen eigenen Vorstellungen zu<br \/>\nkonzipieren versucht. Die St\u00e4rke in der Schwachheit ist deshalb immer die<br \/>\nWiderstandstandskraft und Standhaftigkeit gegen die Gewalt; der Kampf der Demut<br \/>\ngegen die Gewalt; die Tapferkeit, die Gewalt ohne Gewalt zu u\u0308berwinden; der Mut,<br \/>\nsein Leben ohne Ku\u0308nstlichkeiten und unter Verzicht ideologischer Kru\u0308cken und<br \/>\nreligi\u00f6sen Insiderwelten, dafu\u0308r aber in Einfachheit und Aufrichtigkeit zu leben.<br \/>\nSt\u00e4rke dieser Art wirkt \u2013 wenn sie echt ist \u2013 ohne viele Worte und Erkl\u00e4rungen. Auf<br \/>\nsie hat sich Paulus den Korinthern gegenu\u0308ber verlassen; an sie hat er geglaubt, ohne<br \/>\nsich dazu provozieren zu lassen, seinen Apostolat mit besonderen Machterweisen<br \/>\nund Wundertaten zu beweisen. Dies w\u00e4re immer nur Ausdruck seiner Macht, seines<br \/>\nWillens, seiner \u00c4ngstlichkeit, seines Ehrgeizes gewesen. Auf dies hat er deshalb<br \/>\nverzichtet, nicht um freilich der Schw\u00e4che das letzte Wort zu lassen, sondern um in<br \/>\nihr der Macht Gottes Raum und Zeit (also Verg\u00e4nglichkeit !) zu geben.<br \/>\nGekreuzigt aus Schwachheit, leben aus der Macht Gottes. Die St\u00e4rke, die wir in der<br \/>\nSchwachheit erfahren, in eine St\u00e4rke der Demut. Eine St\u00e4rke, die dadurch entsteht,<br \/>\ndass wir uns nicht provozieren und kr\u00e4nken lassen, sondern gelernt haben, die<br \/>\neigenen Frustrationen unbefriedigter Bedu\u0308rfnisse im Gehorsam gegen den Willen<br \/>\nGottes in guter Weise, also ohne Ressentiments und sublimen \u00c4rger, zu<br \/>\nu\u0308berschreiten, dabei freilich die St\u00e4rke und Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes zu spu\u0308ren, die uns<br \/>\nzu Menschen macht, die \u2013 um das Wort von Ps 131 aufzunehmen, das wir in der<br \/>\nLesung geh\u00f6rt haben \u2013 der Mutterbrust entw\u00f6hnt und im Glauben an Gott gest\u00e4rkt<br \/>\nsind. Beten wir deshalb zu Gott, dass er immer mehr zu unserem Felsen wird, der<br \/>\nuns in unserer Schwachheit tr\u00e4gt und im Angesicht von Gewalt standhaft macht.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<p>Predigt vom 09. Oktober 2005 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2005\/10\/1009__2Kor_13-4_P.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er wurde gekreuzigt aus Schwachheit, aber er lebt verm\u00f6ge der Macht Gottes; denn auch wir sind schwach in ihm, aber wir werden mit ihm leben verm\u00f6ge der Macht Gottes gegen euch. 2Kor 13,4<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":139,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"page-templates\/no-sidebar.php","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[14,12],"tags":[],"class_list":["post-794","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-mysticism-in-christs-cross-according-to-paul","category-sermons"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/794","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=794"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/794\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/139"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=794"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=794"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=794"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}