{"id":788,"date":"2005-07-31T18:31:02","date_gmt":"2005-07-31T16:31:02","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch.80-74-139-101.brenda.xelon.ch\/?p=788\/"},"modified":"2017-04-30T18:32:04","modified_gmt":"2017-04-30T16:32:04","slug":"the-philosophy-of-jesus-christ-as-a-crucified-man","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/the-philosophy-of-jesus-christ-as-a-crucified-man\/","title":{"rendered":"The philosophy of Jesus Christ as a crucified man"},"content":{"rendered":"<p><em>Denn ich beschloss, nichts unter euch zu wissen als Jesus Christus, und zwar als<\/em><br \/>\n<em>gekreuzigten. <\/em><br \/>\n<em>1Kor 2,2<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<br \/>\nDas Wort von Paulus, nichts anderes wissen zu wollen, keine andere Philosophie<br \/>\nhaben zu wollen als Jesus Christus als Gekreuzigten, ist ein Wort, das man in seiner<br \/>\nRadikalit\u00e4t kaum u\u0308bersch\u00e4tzen kann. Es braucht einiges an Wille, diesem Wort nicht<br \/>\nauszuweichen; es braucht einiges an Mut, sich dem Schrecken vor diesem Wort<br \/>\nauszusetzen; es braucht einiges an Kraft, der Angst vor diesem Wort standzuhalten.<br \/>\nDas Ausweichen ist so einfach, das Verdr\u00e4ngen so praktisch, das Ignorieren so<br \/>\nverfu\u0308hrerisch.<br \/>\nNichts anderes wissen wollen als Jesus Christus als Gekreuzigten. Nur Jesus<br \/>\nChristus als Gekreuzigten wissen wollen. Das Wissen, um das es hier geht, ist kein<br \/>\nalltagspraktisches Wissen. Es ist nicht das technische Wissen, wie man geht, wie<br \/>\nman spricht, wie man isst oder in kultivierteren Varianten, wie man ein Auto steuert,<br \/>\nmit Hilfe von Computern mit andern Menschen kommuniziert, oder wie man sich die<br \/>\nNahrung, die man zum Leben braucht, zubereitet. Das Wissen um das es hier geht,<br \/>\nhat mehr den Stellenwert einer \u2013 wie die Amerikaner sagen wu\u0308rden \u2013 philosophy.<br \/>\nPhilosophy bezeichnet weniger als das deutsche Wort \u201ePhilosophie\u201c ein<br \/>\nwissenschaftliches Denksystem als vielmehr eine Lebensanschauung; ein inneres<br \/>\nKoordinatennetz; ein inneres Wissen, wie man seine Welt deutet; wie man<br \/>\nherausfindet, was wahr ist, um Sinn zu erfahren; was gut ist, um danach zu leben;<br \/>\nwas sch\u00f6n ist, um sich daran zu freuen. Um diese Art von Wissen geht es hier. Um<br \/>\ndie Philosophie, die unser Leben organisiert, interpretiert und steuert.<br \/>\nNormalerweise ist uns unsere eigene Philosophie nur bruchstu\u0308ckhaft bekannt. Sicher<br \/>\nk\u00f6nnten die Meisten von Ihnen hier, wenn ich Sie fragen wu\u0308rde, was fu\u0308r Sie wichtig<br \/>\nist, dieses und jenes aufz\u00e4hlen. Fragmente unserer Philosophie kennen wir<br \/>\nnormalerweise durchaus. Aber meistens braucht es nur ein kleines Nachfragen, um<br \/>\nzu merken, dass vieles, was uns fu\u0308r die Alltagsbew\u00e4ltigung klar genug ist, bei<br \/>\ngenauerem Hinschauen gar nicht mehr so klar ist. Oft wird schon ganz schnell<br \/>\ndeutlich, dass unsere Philosophie ein Mix unterschiedlichster Gedankenfragmente<br \/>\nist, Gedankenfragmente, die sich m\u00f6glicherweise sogar widersprechen oder<br \/>\njedenfalls nicht selbstverst\u00e4ndlich miteinander aufgehen. Doch der gr\u00f6sste Teil<br \/>\nunserer Philosophie ist uns wahrscheinlich gar nicht richtig bewusst.<br \/>\nZusammengestu\u0308ckelt aus unserem Leben verbinden sich h\u00f6chst pers\u00f6nliche<br \/>\nErfahrungen, die wir im Laufe des Lebens gesammelt haben, mit gesellschaftlichen<br \/>\nund kulturellen Elementen und schaffen diesen bewusst-halbbewusst-unbewussten<br \/>\nMix, der unsere Philosophie ausmacht.<br \/>\nNichts anderes wissen wollen als Jesus Christus als Gekreuzigten. Dies ist die<br \/>\nPhilosophie, die Paulus wissen will. Nicht dieser psychologisch, gesellschaftlich,<br \/>\nkulturelle Mix, welcher ihn gepr\u00e4gt hat und welcher seine Philosophie<br \/>\nnatu\u0308rlicherweise ist, interessiert ihn, sondern Jesus Christus als Gekreuzigten. Jesus<br \/>\nChristus als Gekreuzigter soll den Stellenwert seiner Philosophie haben.<br \/>\nDies ist schockierend und verwirrend. Sofort fragt man, wieso Jesus Christus als<br \/>\nGekreuzigter die Position einer Philosophie einnehmen k\u00f6nnen sollte und weshalb er<br \/>\nsie u\u0308berhaupt einnehmen sollte. Weshalb sollte man nichts anders wissen wollen als<br \/>\nJesus Christus als Gekreuzigten, wenn man doch natu\u0308rlicherweise von ganz andern<br \/>\nFaktoren gepr\u00e4gt und bestimmt ist ?<br \/>\nOffensichtlich weil man muss. Es gibt gar keine wirkliche Wahl. Paulus hat dies am<br \/>\neigenen Leib erfahren. Ihm, Paulus, welcher als Saulus die Christen verfolgte, war<br \/>\nChristus mit Wucht und Gewalt widerfahren und hatte ihm keine andere Wahl<br \/>\ngelassen, als sich in seine Dienste zu stellen. Es war nicht Paulus, der den<br \/>\ngekreuzigten Jesus Christus als Philosophie gew\u00e4hlt hatte, sondern umgekehrt<br \/>\nw\u00e4hlte sich dieser Paulus und pflanzte sich ihm als Philosophie ein. Paulus hatte<br \/>\ndies nur akzeptieren k\u00f6nnen; er hatte ihn nur kennen lernen k\u00f6nnen und versuchen<br \/>\nk\u00f6nnen, mit ihm als Gekreuzigten zu leben. Und genau dies hat Paulus offensichtlich<br \/>\ngetan: er hat sich entschieden, nichts anderes wissen zu wollen als Jesus Christus<br \/>\nund zwar als Gekreuzigten.<br \/>\nJesus Christus als Gekreuzigter hat sich nicht nur Paulus gew\u00e4hlt, sondern ebenso<br \/>\nunz\u00e4hlige Menschen aus verschiedenen Zeiten und Kulturen. Vielleicht braucht man<br \/>\nlange bis man dieses Gew\u00e4hltsein merkt und akzeptiert. Vielleicht str\u00e4ubt man sich<br \/>\njahrelang und gibt sich die gr\u00f6sste Mu\u0308he, alles andere zu erleben, zu erfahren und<br \/>\nwissen zu wollen, um dieses Faktum nicht zur Kenntnis nehmen zu mu\u0308ssen. Aber<br \/>\nm\u00f6glicherweise spu\u0308rt man eben doch, dass man von dieser Philosophie nicht in<br \/>\nRuhe gelassen wird, dass sie immer wieder anklopft und dazu auffordert, sich von ihr<br \/>\nberu\u0308hren zu lassen. Vielleicht zu Beginn nur wie von einem fremden Gast. Vielleicht<br \/>\nmit der Zeit wie von einem fremd-bekannten Gast. Vielleicht sp\u00e4ter sogar wie von<br \/>\neinem geliebten Gast. Unter Umst\u00e4nden kann man auf einmal realisieren, dass man<br \/>\nsich ihm l\u00e4ngstens nicht mehr entziehen kann.<br \/>\nNichts anderes wissen wollen als Jesus Christus als Gekreuzigten. Sie merken es:<br \/>\ndieses Wissen-wollen ist nicht das Analysieren eines unbekannten Objekts, ist nicht<br \/>\ndas Interpretieren vergangener Ereignisse, ist nicht das Erkl\u00e4ren eines<br \/>\ngeheimnisvollen Ph\u00e4nomens. Dieses Wissen-wollen ist vielmehr ein Sich-Vertrautmachen<br \/>\nmit der Gegenwart von Jesus Christus als Gekreuzigtem in sich. Es geht<br \/>\nnicht um einen Jesus Christus, der vor 2000 Jahren gelebt hat. Es geht um einen<br \/>\nJesus Christus, der in uns gegenw\u00e4rtig ist. Und zwar als Gekreuzigter. Wir selber<br \/>\ntragen in uns den Gekreuzigten; wir selber tragen den Gekreuzigten in unserem<br \/>\nK\u00f6rper, in unserem Gefu\u0308hl, in unserem Denken; wir selber werden von dieser<br \/>\nPhilosophie organisiert, interpretiert und gesteuert. Nichts anderes wissen wollen als<br \/>\nJesus Christus als Gekreuzigten kann man deshalb nur, wenn man genau dies lebt.<br \/>\nNur durch das Leben kann man dasjenige zu verstehen beginnen, aus dem man lebt.<br \/>\nMit theoretischer Distanz ist dies nicht m\u00f6glich. Man muss sich auf den Fluss wagen,<br \/>\num zu merken, was es heisst, von ihm getragen zu werden. Man kann die<br \/>\nPhilosophie von Jesus Christus als Gekreuzigtem nur im Prozess kennen lernen.<br \/>\nTut man dies, entsteht eine grosse Entlastung. Es ist zun\u00e4chst die Entlastung, die<br \/>\nentsteht, weil man die Angst vor dem verliert, das man versucht hat zu vermeiden.<br \/>\nDas Vermeiden und Verdr\u00e4ngen schwieriger Erlebnisse ist zwar manchmal durchaus<br \/>\neine Gnade. Jedenfalls wenn man auf diese Weise fu\u0308r sich und andere besser lebt,<br \/>\nals wenn man von den schwierigen Erinnerungen st\u00e4ndig heimgesucht wird. Es<br \/>\nbraucht auch viel Kraft, Erfahrungen zu verdr\u00e4ngen und die Konfrontation mit<br \/>\naufdringlichen Gefu\u0308hlen zu vermeiden. Weil man immer ein wenig einen Seiltanz<br \/>\nmachen muss. Wenn dieser wegf\u00e4llt, wenn man sich auf das einlassen kann, das<br \/>\nanklopft, wenn man das zulassen kann, das hereinkommen will, dann gibt dies<br \/>\nEntlastung. Dies ist auch wahr, wenn man den gekreuzigten Jesus Christus nicht<br \/>\nmehr vor der Tu\u0308r warten l\u00e4sst und man ihm statt dessen auftut und ihn<br \/>\nhereinkommen l\u00e4sst.<br \/>\nEntlastung entsteht jedoch noch auf eine ganz andere Art. N\u00e4mlich weil es Jesus<br \/>\nChristus ist und zudem, weil es Jesus Christus als Gekreuzigter ist, welcher Zutritt<br \/>\nwill.<br \/>\nNicht jeder Gast, den man bei sich aufnimmt, macht uns gleichermassen Freude.<br \/>\nNimmt man Jesus Christus bei sich auf, nimmt man das Wort Gottes bei sich auf.<br \/>\nMan nimmt in sich auf, wie sich uns Gott zeigt; man nimmt in sich auf, wie Gott uns<br \/>\nanspricht, beru\u0308hrt, bewegt; man nimmt in sich auf, wie Gott durch unsern K\u00f6rper und<br \/>\nunsern Geist zum Ausdruck kommen will. Genau dies ist der Wille dessen, der nicht<br \/>\nvon dieser Welt ist; es ist der Wille dessen, der nicht psychologisch, gesellschaftlich,<br \/>\nkulturell gepr\u00e4gt ist; es ist der Wille, der nicht irgendeine Philosophie ist, sondern die<br \/>\nSouver\u00e4nit\u00e4t des Unbedingten. Spu\u0308rt man diese Qualit\u00e4t von Kraft, beginnt diese<br \/>\nQualit\u00e4t von Kraft in uns zu leben. Nichts anderes wissen wollen als Jesus Christus<br \/>\nals Gekreuzigten ist der Wille, nichts anderes wissen und erleben zu wollen, als die<br \/>\nsouver\u00e4ne Kraft Gottes, welche frei und gelassen-engagiert macht im Umgang mit<br \/>\nweltlichen Bindungen.<br \/>\nEntlastung gibt diese Philosophie jedoch nicht nur weil sie die Philosophie von Jesus<br \/>\nChristus ist, sondern die Philosophie von Jesus Christus als Gekreuzigtem. Der<br \/>\nGekreuzigte ist der Ort, an welchem die Macht des B\u00f6sen durchbrochen ist; er ist der<br \/>\nOrt, an welchem sich die Liebe so radikal hingibt, dass sie keine Angst vor dem<br \/>\nB\u00f6sen mehr hat; er ist der Ort, an welchem die Liebe mit ausgestreckten Armen<br \/>\nsenkrecht bleibt (mit H\u00e4nden und Armen Kreuzzeichen andeuten!). Dies kann man<br \/>\nauch ganz k\u00f6rperlich erleben. Er ist deshalb der Ort, von dem her die Welt<br \/>\nrevolutioniert und ein freies und gerechtes Leben geboren wird; es ist der Ort, an<br \/>\nwelchem Menschen durch die Schwachheit ihres Kreuzes hindurch zu einem neuen<br \/>\nBewusstsein erwachen.<br \/>\nNichts anderes wissen wollen als Jesus Christus als Gekreuzigten, das ist die<br \/>\nPhilosophie. Es braucht Zeit, mit dieser Philosophie vertraut zu werden. Es braucht<br \/>\nein Leben lang Zeit. Aber es ist eine Philosophie, die nicht nur unser Denken,<br \/>\nsondern ebenso unser Gefu\u0308hl, unsern K\u00f6rper, unser ganzes Handeln und Tun<br \/>\nerfasst, ver\u00e4ndert, deutet und bewegt. Bitten wir Gott deshalb, dass er uns mit dieser<br \/>\nseiner Philosophie vertraut macht, damit wir lernen, sie mit unserem Leben zu leben.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<p>Predigt vom 31. Juli 2005 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2005\/07\/0731__1Kor_2.2_P.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PDF Datei Herunterladen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Denn ich beschloss, nichts unter euch zu wissen als Jesus Christus, und zwar als gekreuzigten. 1Kor 2,2<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":139,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"page-templates\/no-sidebar.php","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[14,12],"tags":[],"class_list":["post-788","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-mysticism-in-christs-cross-according-to-paul","category-sermons"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/788","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=788"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/788\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/139"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=788"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=788"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=788"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}