{"id":6331,"date":"2026-11-01T13:38:52","date_gmt":"2026-11-01T12:38:52","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/funken-der-zukunft\/"},"modified":"2026-11-01T13:40:04","modified_gmt":"2026-11-01T12:40:04","slug":"sparks-of-the-future","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/sparks-of-the-future\/","title":{"rendered":"Sparks of the future"},"content":{"rendered":"<p><em>Nach einigen Tagen erschien Felix zusammen mit seiner Frau Drusilla, einer J\u00fcdin; er liess Paulus kommen und h\u00f6rte ihm zu, wie er vom Glauben an Jesus, den Gesalbten, sprach.\u2002Als er aber auf Gerechtigkeit und Selbstbeherrschung und das k\u00fcnftige Gericht zu sprechen kam, wurde es Felix angst und bang, und er entgegnete: F\u00fcr diesmal kannst du gehen; wenn ich Zeit finde, werde ich dich wieder rufen lassen.\u2002Dabei hoffte er, von Paulus Geld zu erhalten; deshalb liess er ihn auch \u00f6fter kommen und unterhielt sich mit ihm.\u2002Nach zwei Jahren aber wurde Felix durch Porcius Festus ersetzt; und weil Felix den Juden einen Gefallen tun wollte, liess er Paulus als Gefangenen zur\u00fcck. Apg 24,24-27<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Jeder Augenblick hat seinen eigenen Zauber. Es sind nicht die Umst\u00e4nde, nicht die Menschen, nicht ihre Bewegungen und Worte, die ihn schaffen. All dies kann ihn zum Ausdruck bringen, nichts indes von dem vermag ihn zu erschaffen. Der Zauber liegt im Geheiminis des Moments selbst. Wer sich auf den Augenblick einl\u00e4sst, wird entr\u00fcckt, wer ganz im Hier und Jetzt ist, erkennt mehr als Raum und Zeit. Denn auf einmal ist man von jenem Geheimnis erfasst, das zwar st\u00e4ndig da ist, sich aber dennoch nicht fassen l\u00e4sst, auf einmal blitzt jene Unmittelbarkeit auf, durch die alles ist, wie es ist, dem menschlichen Zugriff jedoch entzogen ist. Was sich darin zeigt, ist da, seit es dieses Universum gibt, und es wird da sein, solange dieses Universum besteht. Doch in diesem Geheimnis funkelt eine Zukunft, die nicht auf kommende Tage, Jahre oder Jahrhunderte verweist, sondern st\u00e4ndig am Kommen ist, und die in der christlichen Tradition ein grosses Thema ist: die F\u00fclle der Gegenwart Gottes.<\/p>\n<p>Was mit diesen Worten angezeigt wird, ist anderes als alles, was mit den Sinnen wahrgenommen werden kann. Es ist nicht ein Dies oder Das, kein etwas, von dem sich ein anderes unterscheiden liesse. Jede Dualit\u00e4t, die eine Differenz vom einen zum andern markiert, ist \u00fcberschritten, ja selbst jede Dualit\u00e4t von Differenz und Indifferenz ist unterlaufen. In der Stille des Moments ist es unmittelbar da. Die Wucht seiner Pr\u00e4senz beschreibt die Bibel als Erscheinung der Herrlichkeit Gottes, die ist wie \u00abverzehrendes Feuer\u00bb (Ex 24,17; Hebr 12,27-29). Wie k\u00f6nnte am Leben bleiben, wer von diesem Feuer erfasst wird? Seine N\u00e4he entlarvt jedes stabile, von Raum und Zeit unabh\u00e4ngige Ich als Illusion. Eine solche Mystik der Nichtdualit\u00e4t ist bedingungslose Freiheit mitten in den Verstrickungen des Alltags. Sie gibt Klarheit im Nichtwissen, Freude in der Verzweiflung und Liebe und Weisheit in Schmerz und Leid. Solche Blitze der kommenden F\u00fclle Gottes m\u00f6gen nur kurz aufleuchten und rasch vergl\u00fchen. Doch wo sie einschlagen, sind ihre Ver\u00e4nderungen irreversibel: Sie zeigen, was m\u00f6glich ist, sie schaffen Zuversicht, und sie wecken die Sehnsucht nach der F\u00fclle Gottes.<\/p>\n<p>Unser Predigttext erz\u00e4hlt auf seine, ihm eigene Weise von diesen Funken der Zukunft Gottes. Versuchen wir, seine Erz\u00e4hlung zu verstehen!<\/p>\n<p>Im Zentrum steht Paulus. Er sitzt in C\u00e4sarea, dem Sitz des r\u00f6mischen Statthalters f\u00fcr Pal\u00e4stina und Israel, in Gefangenschaft. Gebracht wurde er dorthin, weil j\u00fcdische Zeloten ein Attentat auf ihn planten und die r\u00f6mische Beh\u00f6rde zwar f\u00fcr seinen Schutz einstehen, jedoch das Verh\u00e4ltnis zu den Juden nicht strapazieren wollte (Apg 23,12-35). In C\u00e4sarea kam es zum Gerichtsprozess. Die j\u00fcdische Seite brachte ihre Anklage vor, und Paulus verteidigte sich. Der r\u00f6mische Statthalter Felix, der als Richter fungierte, gab der Anklage zwar nicht statt, liess Paulus aus R\u00fccksicht gegen\u00fcber den j\u00fcdischen Ankl\u00e4gern jedoch auch nicht frei (Apg 24,1-23). Unser Predigttext erz\u00e4hlt, was in der Folge geschieht.<\/p>\n<p>Der Auftritt von Paulus im Gerichtsprozess hat das Interesse von Felix geweckt (V24). Bereits einige Tage sp\u00e4ter wendet er sich zusammen mit seiner j\u00fcdischen Frau Drusilla dem Gefangenen zu. Er l\u00e4sst Paulus kommen und h\u00f6rt ihm zu, wie er vom Glauben an Jesus, den Gesalbten, spricht. Sein Interesse erscheint zun\u00e4chst aufrichtig und wohlwollend. Unbehaglich wird ihm indes, als Paulus auf die Funken der kommenden F\u00fclle von Gottes Gegenwart zu sprechen kommt (V25). Inhaltlich wird dies mit den Stichworten Gerechtigkeit, Selbstbeherrschung und k\u00fcnftiges Gericht markiert. Die Metaphorik vom k\u00fcnftigen Gericht verweist auf die nichtduale F\u00fclle von Gottes Gegenwart. Ist Gott gegenw\u00e4rtig, geschieht jene Unmittelbarkeit, die nicht in den Kampf zwischen Gut und B\u00f6se verstrickt ist, gerade so aber f\u00fcr Gerechtigkeit sorgt. Wer davon erfasst wird, folgt nichts als ihrer bedingungslosen Freiheit. Paulus nennt dies Selbstbeherrschung. In ihr leuchten die Funken von Gottes Zukunft. Was gemeint ist, ist klar: Es geht um die Verantwortung vor der nichtdualen Gegenwart Gottes f\u00fcr das eigene Leben. Doch dem Statthalter Felix wird angst und bang, als er davon h\u00f6rt. Er beendet das Gespr\u00e4ch und l\u00e4sst Paulus gehen. Unverbindlich deutet er bloss an, dass er ihn wieder rufen lasse, wenn er Zeit habe. Worin das Unwohlsein von Felix begr\u00fcndet ist, f\u00fchrt der Text nicht aus; doch er macht eine Andeutung (V26). Er weist n\u00e4mlich darauf hin, dass Felix erhofft, von Paulus L\u00f6segeld f\u00fcr seine Freilassung zu erhalten, ihn deshalb \u00f6fters kommen l\u00e4sst und sich mit ihm unterh\u00e4lt. Felix mag zwar ein gewisses Interesse an der Botschaft von Paulus haben, doch er scheut deren Konsequenzen. Ihm ist wichtiger, seine Gier nach Geld zu befriedigen, als die kommende F\u00fclle von Gottes Gegenwart zum Funkeln zu bringen. Die Ank\u00fcndigung eines kommenden Gerichts ist da verst\u00f6rend.<\/p>\n<p>An dieser Situation \u00e4ndert sich vorderhand nichts (V27). Nach zwei Jahren wird Felix durch Porcius Festus ersetzt. Paulus bleibt w\u00e4hrend dieser Zeit in Haft. Auch l\u00e4sst Felix die bei einem Statthalterwechsel oft ge\u00fcbte Praxis, einen Gefangenen freizugeben, ungenutzt verstreichen, weil er gegen\u00fcber den Juden unfrei ist. Der Grund ist \u2013 das berichtet der j\u00fcdische Historiker <em>Josephus<\/em> \u2013 politischer Natur. Felix verdankt sein Amt seinem Bruder Pallas, einem G\u00fcnstling von Kaiser Claudius. Bei dessen Nachfolger, dem Kaiser Nero, f\u00e4llt er in Ungnade, worauf auch der Niedergang von Felix einsetzt. Zudem wird Felix von den Juden wegen schlechter Amtsf\u00fchrung in Rom verklagt. Felix wird also sein Verh\u00e4ltnis zu ihnen nicht weiter belasten wollen. Die Funken der kommenden Gegenwart Gottes, auf die Paulus Felix hingewiesen hat, m\u00f6gen einen Augenblick durchgeschimmert haben; nun aber werden sie von seinen Eigeninteressen wieder \u00fcbersteuert.<\/p>\n<p>Dieser Predigttext l\u00e4sst uns \u00fcber die Funken der kommenden F\u00fclle von Gottes Gegenwart nachdenken. Was gibt er uns zu diesen Funken zu verstehen?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst verweist er darauf, dass die nichtduale F\u00fclle von Gottes Gegenwart jeden Augenblick am Kommen ist. Dieses Kommen er\u00f6ffnet mitten in der Zeit unseres Lebens, unseres Planeten, unseres ganzen Universums eine andere Zukunft. Unser Predigttext beschreibt sie in der Metaphorik vom k\u00fcnftigen Gericht, das mit seiner Gerechtigkeit entgegenkommt. Gott wird damit im Bild vom Richter gedacht, der unbefangen zwischen Gut und B\u00f6se richtet und mit seiner unmittelbaren Gegenwart Gerechtigkeit schafft. Die Botschaft ist klar: Ich kann Angst vor der Zukunft haben. Klima, Kriege, Krankheiten, Leiden und Schmerzen k\u00f6nnen mich belasten. Doch mitten in all dem, was mir die Zukunft bringen kann, mitten im L\u00e4rm der Zeit, kommt mir die F\u00fclle von Gottes stiller Gegenwart entgegen, unmittelbar, ohne Geschrei, bedingungslos, aus lauter Gnade. Sie schafft jene nichtduale Gerechtigkeit, die frei von jeder ideologisch definierten Selbstgerechtigkeit ist und die alle Zweifel \u00fcber Gut und B\u00f6se hinter sich l\u00e4sst. Denn ihre unmittelbare Gegenwart schafft Freiheit, Weite, Klarheit und \u00fcberzeugt mit ihrer Sch\u00f6nheit. Sie ist im Angesicht von Sorgen und Zukunfts\u00e4ngsten eine unersch\u00f6pfliche Ressource von Trost und Zuversicht.<\/p>\n<p>Nun ist diese nichtduale F\u00fclle von Gottes Gegenwart aber nicht nur am Kommen, sondern in ihren Anf\u00e4ngen bereits gegenw\u00e4rtig. Ihre Funken zeugen von ihrer Zukunft, die mitten in der Zukunft dieser Zeit aufleuchtet. Paulus deutet sie mit dem Begriff \u00abSelbstbeherrschung\u00bb an. Wer die F\u00fclle von Gottes Gegenwart sucht, muss sich von ihr bestimmen lassen. Das Paradox der bedingungslosen Freiheit l\u00f6st sich in ihrer nichtdualen Unmittelbarkeit auf, doch formulieren l\u00e4sst es sich nur als Widerspruch. Will ich in dieser Freiheit sein, muss ich ihr ohne Wenn und Aber gehorchen. Bin ich bereit, mich an sie zu binden, bin ich frei. Selbstbeherrschung, wie sie hier gemeint ist, ist nicht ein moralistisches Konzept, das ich getreu umzusetzen habe, sondern meine Bereitschaft, mich immer wieder neu dem Geheimnis des Moments auszusetzen und mich von seiner Unmittelbarkeit bestimmen zu lassen. Ich kann dies durchaus \u00fcben und kultivieren \u2013 durch Tanz, Musik, Meditation oder indem ich mich der Frage stelle, wie das Geheimnis des Moments in genau dem Dialog aufblitzt, in den ich gerade verwickelt bin. Gottes Gegenwart ist attraktiv, sie will wachsen und erstarken, und sie will ihre Funken leuchtender und dauerhafter werden lassen. Jeder Augenblick bleibt indes ein Augenblick der Selbstbeherrschung, hier und jetzt genau daf\u00fcr einzustehen.<\/p>\n<p>Dies allerdings ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Die Selbstbeherrschung geht leicht verloren, und die Funken der kommenden Gegenwart Gottes sind rasch \u00fcbersteuert. Unser Predigttext zeigt es. Felix d\u00fcrfte sehr wohl ahnen, was ihm Paulus zu verstehen geben will. Doch er ist nicht in der Lage, seine Eigeninteressen zur Ruhe kommen und das Geheimnis des Moments funkeln zu lassen. Seine Gesch\u00e4ftigkeit, seine Gier nach Geld, sein Taktieren und seine Karrierepl\u00e4ne nehmen ihn gefangen. Verstrickt in seine Vergangenheit und seine Zukunft verpasst er das Geheimnis des Augenblicks. Dies zu realisieren, ist verst\u00f6rend. Doch wie k\u00f6nnte ich ihn deswegen kritisieren? Ist nicht all dies heute gar nicht so anders? Es bedarf in dieser postchristlichen Zeit echter Selbstbeherrschung, sich nicht vom t\u00e4glichen L\u00e4rm und Oberfl\u00e4chengetriebe mitreissen zu lassen, stattdessen die Stille von Gottes Gegenwart zu vernehmen und ihre Funken leuchten zu lassen. Doch genau dies miteinander zu teilen, macht den Augenblick sinnerf\u00fcllt und das Herz gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Vielleicht verstehen wir Zukunft zuerst und vor allem im horizontalen, zeitlichen Sinn und denken an all das, was in den n\u00e4chsten Tagen oder Jahren auf uns zukommen k\u00f6nnte. Vielleicht k\u00f6nnen wir uns aber auch vorstellen, dass darin noch eine ganz andere Zukunft geborgen liegt: die kommende F\u00fclle der Gegenwart Gottes. Diese vertikale Zukunft ist st\u00e4ndig am Kommen. Sie bringt den Augenblick mit ihrer Unmittelbarkeit zum Funkeln, schafft Pr\u00e4senz und gibt jene bedingungslose Freiheit, die der Zukunft dieser Welt mit Zuversicht, Liebe und Weisheit entgegengeht. Beten wir also, dass wir von dieser Zukunft erfasst werden und die Freude an ihren Funken miteinander teilen. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 1. November 2026 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/1101-Apg-24.24-27.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einigen Tagen erschien Felix zusammen mit seiner Frau Drusilla, einer J\u00fcdin; er liess Paulus kommen und h\u00f6rte ihm zu, wie er vom Glauben an Jesus, den Gesalbten, sprach.\u2002Als er aber auf Gerechtigkeit und Selbstbeherrschung und das k\u00fcnftige Gericht zu sprechen kam, wurde es Felix angst und bang, und er entgegnete: F\u00fcr diesmal kannst du [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4355,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[39],"tags":[],"class_list":["post-6331","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-mysticism-in-the-acts-of-the-apostles"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6331","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6331"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6333,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6331\/revisions\/6333"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4355"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}