{"id":6253,"date":"2026-09-20T13:08:01","date_gmt":"2026-09-20T11:08:01","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/hingabe\/"},"modified":"2026-09-20T13:09:14","modified_gmt":"2026-09-20T11:09:14","slug":"devotion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/devotion\/","title":{"rendered":"Devotion"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Soldaten \u00fcbernahmen Paulus, wie ihnen befohlen war, und brachten ihn in der Nacht nach Antipatris.\u2002Am andern Tag liessen sie die Reiter mit ihm weiterziehen und kehrten in die Kaserne zur\u00fcck.\u2002Jene aber kamen nach C\u00e4sarea, \u00fcbergaben dem Statthalter den Brief und f\u00fchrten ihm auch Paulus vor.\u00a0Der Statthalter las den Brief und fragte Paulus, aus welcher Provinz er stamme. Als er erfuhr, dass er aus Kilikien sei,\u2002sagte er zu ihm: Ich werde dich verh\u00f6ren, sobald deine Ankl\u00e4ger eingetroffen sind. Und er gab Befehl, ihn im Pr\u00e4torium des Herodes gefangen zu halten.<\/em> <em>Apg 23,31-35<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Heute ist Bettag. Heute werden wir an das Geheimnis der Gegenwart Gottes erinnert und zur Hingabe in dieses Geheimnis und zum Handeln aus ihm aufgefordert. Als eidgen\u00f6ssischer Feiertag mag der Bettag ein Relikt aus vergangener Zeit sein. Doch was er ins Bewusstsein ruft, ist seit Anbeginn dieses Universums und solange dieses Universum bestehen bleibt, zentral: die Unmittelbarkeit des Augenblicks, das Informationspotential, das darin steckt, und die M\u00f6glichkeit, sich darauf einzulassen und daraus zu agieren. Freuen wir uns also, dass heute Bettag ist!<\/p>\n<p>Will ich dies tun, stellen sich mir je nach Kontext unterschiedliche Fragen. Ein Beispiel: Verfolge ich klare Ziele und suche die Kontrolle, diese Ziele selbstbestimmt zu erreichen, fordert mich die Botschaft des Bettags dazu auf, \u00fcber die Freiheit in meinem disziplinierten und verantwortungsbewussten Handeln nachzudenken. Gibt es in meinem leistungsorientieren Agieren auch Leichtigkeit und Unbeschwertheit? Kann ich \u00fcber meine Ernsthaftigkeit l\u00e4cheln? Orientiere ich mich demgegen\u00fcber nicht an Zielen, Ergebnissen oder Leistung, sondern an Werten, Prozessen und Zugeh\u00f6rigkeit im Netzwerk, in dem ich mich bewege, verweist mich die Botschaft von Bettag an die Verantwortung, die ich als Mensch hier und jetzt trage. Habe ich die Disziplin, mich der Unmittelbarkeit des Augenblicks zu stellen? Bin ich bereit, mir Rechenschaft \u00fcber die Folgen meines Tuns im Kontext meiner Blase zu geben? Unterschiedliche Verhaltensmuster stellen vor unterschiedliche Herausforderungen. Doch auf dem Weg in Gottes Gegenwart steht stets dasselbe im Zentrum: die Hingabe in das Geheimnis des Moments und das unmittelbare Agieren daraus im Kontext, in welchem ich hier und jetzt stehe.<\/p>\n<p>Unser Predigttext f\u00fchrt uns das exemplarisch vor. Versuchen wir zu verstehen, was er zu bedenken gibt!<\/p>\n<p>Paulus steckt in einer heiklen Situation, in welcher seine F\u00e4higkeit zur Hingabe in Gottes Gegenwart gefordert ist. Er befindet sich in Jerusalem in r\u00f6mischem Gewahrsam, doch eine Gruppe von Zeloten setzt alles daran, ihn mit einem Attentat zu eliminieren. Als der zust\u00e4ndige r\u00f6mische Oberst davon erf\u00e4hrt, entscheidet er sich umgehend, seinen Gefangenen mitten in der Nacht zum Statthalter Felix nach C\u00e4sarea bringen zu lassen. In einem pers\u00f6nlichen Brief erl\u00e4utert er ihm die Umst\u00e4nde (Apg 23,12-30).<\/p>\n<p>Unser Predigttext berichtet, wie die Entscheidung des Obersten umgesetzt wird. Zun\u00e4chst wird Paulus aus der gef\u00e4hrlichen Zone in und um Jerusalem hinaus gebracht (V31). Lukas berichtet, dass die Soldaten Paulus \u00fcbernehmen, wie ihnen befohlen ist. Nachts um die dritte Stunde macht sich ein gr\u00f6sseres Aufgebot von Soldaten, Leichtbewaffneten und Reitern auf den Weg und bringt Paulus nach Antipatris. Antipatris liegt etwa 60 km von Jerusalem entfernt an der K\u00fcste. Am folgenden Tag lassen die Soldaten die Reiter weiterziehen und kehren in die Kaserne zur\u00fcck (V32). Ob die r\u00f6mischen Soldaten tats\u00e4chlich so grosse Distanzen in so kurzen Zeiten zur\u00fcckgelegt haben, sei dahingestellt. Doch Lukas will damit offenbar klarstellen, dass Paulus den Schutz des r\u00f6mischen Staatsapparats geniesst und mit gr\u00f6ssten Sicherheitsvorkehrungen transportiert wird.<\/p>\n<p>In einem weiteren Tagesritt gelangen die Reiter mit Paulus in das etwa 40 km entfernte, ebenfalls an der K\u00fcste gelegene C\u00e4sarea (V33). Hier residiert der r\u00f6mische Statthalter Felix. Die Reiter \u00fcbergeben diesem den Brief, den ihnen der r\u00f6mische Oberst mitgegeben hat und f\u00fchren ihm Paulus vor. Felix nimmt sich der Sache sogleich an und verschafft sich ein Bild von der Situation (V34ab). Er liest den Brief und fragt Paulus, aus welcher Provinz er stamme. Ihm geht es offenbar als erstes darum, seine Zust\u00e4ndigkeit zu kl\u00e4ren. Normalerweise ist zwar der Statthalter der Provinz zust\u00e4ndig, in welchem das Vergehen stattgefunden hat <em>(forum delicti)<\/em>, doch gibt es auch die M\u00f6glichkeit, den Fall an das Gericht der Herkunftsprovinz zu \u00fcberweisen <em>(forum domicilii)<\/em>. Was Paulus auf die Frage antwortet, wird nicht gesagt.<\/p>\n<p>Festgehalten wird einzig, was der Statthalter Felix versteht und was er daraus folgert (VV34c-35). Ihm wird klar, dass Paulus aus Kilikien stammt, und er gibt ihm zu verstehen, dass er ihn verh\u00f6ren wird, sobald seine j\u00fcdischen Ankl\u00e4ger eingetroffen sind. Er entscheidet sich also, den Fall zu \u00fcbernehmen und nicht zu \u00fcberweisen, doch will er sich damit erst besch\u00e4ftigen, wenn die Gegenpartei eingetroffen ist. Er befiehlt deshalb, Paulus bis dann (und nach Apg 24,27 dar\u00fcber hinaus) im Pr\u00e4torium des Herodes, dem ehemaligen Palast Herodes des Grossen und aktuellen Amtssitz des r\u00f6mischen Prokurators, in Gewahrsam zu halten. Paulus kommt im ganzen Abschnitt nicht zu Wort. Ihm bleibt im Moment nichts anders zu tun, als sich der Gegenwart Gottes hinzugeben und im Vertrauen auf ihre unmittelbare Wirksamkeit im Moment zu sein. Die Fortsetzung berichtet dann vom Prozess, wie er f\u00fcnf Tage sp\u00e4ter zwischen den j\u00fcdischen Ankl\u00e4gern und Paulus vor Felix gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Die Besinnung auf diesen Predigttext am heutigen Bettag l\u00e4sst uns \u00fcber die Hingabe in Gottes Gegenwart und das unmittelbare Agieren daraus nachdenken. Wie also wird dies durch unseren Predigttext pr\u00e4zisiert?<\/p>\n<p>Die Hingabe in Gottes Gegenwart ist zun\u00e4chst Ausdruck eines gekl\u00e4rten Vertrauens. Wer in der Lage ist, sich unter belastenden Umst\u00e4nden der Gegenwart Gottes hinzugeben, braucht eine gereifte Gewissheit, dass das Vertrauen in deren unmittelbare Wirksamkeit berechtigt ist. In unserem Beispiel z\u00f6gert Paulus nicht, sich auf den Prozess einzulassen, der mit ihm stattfindet. Das grosse milit\u00e4rische Aufgebot wird ihm klargemacht haben, dass er keine Wahl hat. Doch obwohl er nicht \u00fcberschaut, was geschieht, obwohl er ohnm\u00e4chtig ist und keine Kontrolle \u00fcber die Ereignisse hat, verf\u00e4llt er nicht in Aufregung oder Selbstmitleid, verweigert sich dem Geschehen nicht und begehrt nicht gegen sein Schicksal auf. Gelingt die Hingabe in die unmittelbare Gegenwart Gottes in un\u00fcberschaubaren, ungekl\u00e4rten Prozessen, gibt dies Halt, Orientierung, St\u00e4rke und Souver\u00e4nit\u00e4t, sich trotz Ohnmacht und Kontrollverlust zurechtzufinden. Doch diese Hingabe ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, sondern Frucht disziplinierter \u00dcbung und gefestigten Vertrauens in die Unmittelbarkeit von Gottes Gegenwart.<\/p>\n<p>Sodann ist diese Hingabe kein bloss innerer Vorgang, sondern eine Konfrontation mit der konkreten Situation, in der sie stattfindet. Gottes Gegenwart ist in ihrer Unmittelbarkeit unfassbar, aber sie wird genau im Moment hier und jetzt realisiert. Als Paulus in C\u00e4sarea ankommt, wird er vor Felix gestellt, eine r\u00f6mische Autorit\u00e4t, die ihm wohl bloss vom H\u00f6rensagen bekannt ist. Ihr ist er auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Was er zu sagen hat, spielt f\u00fcr sie vorerst keine Rolle. Er muss sich ihr unterwerfen und sich darauf einzustellen, die unmittelbare Wirksamkeit von Gottes stiller Gegenwart ihr gegen\u00fcber zum Ausdruck zu bringen. Vertrauensvolle Hingabe in Gottes Gegenwart ist keine Flucht vor den Herausforderungen des Lebens. Ganz im Gegenteil! Sie nimmt diese als Dialogpartner an und stellt sich der Aufgabe, die Gegenwart Gottes in dieser Begegnung unmittelbar zu bezeugen.<\/p>\n<p>Schliesslich hat diese Hingabe Geduld. Sie nimmt die Umst\u00e4nde, wie sie aktuell sind und ist f\u00e4hig, zu warten bis der Moment zum Dialog gekommen ist, um aus der Unmittelbarkeit von Gottes Gegenwart zu agieren. In unserem Beispiel kann Paulus den Fortgang des Prozesses nicht beeinflussen. Felix bestimmt die n\u00e4chsten Schritte v\u00f6llig eigenm\u00e4chtig. Paulus kennt zwar sein Ziel: Er will Felix im Prozess mit seinen j\u00fcdischen Ankl\u00e4gern von seiner Unschuld \u00fcberzeugen. Doch bis dies so weit ist, bleibt er in der Ungewissheit sitzen, in der es um nicht weniger als um sein Leben und seinen Tod geht. Warten in solcher Ungewissheit ist anspruchsvoll. Es erfordert eine stabile eigenleibliche Wahrnehmung im Hier und Jetzt (Propriozeption), um aber K\u00f6rper und Geist loszulassen und sich der Unmittelbarkeit des Moments zwischen sich als wahrnehmendem Subjekt und sich als wahrgenommenem Objekt hinzugeben. In dieser Hingabe spielen Raum und Zeit keine Rolle, und es entsteht die Freiheit zur Geduld gegen\u00fcber dem, was hier und jetzt geschieht. Genau so wird Warten leicht und jeder Augenblick zu einer Gelegenheit, Gottes stille Gegenwart unmittelbar zu bezeugen.<\/p>\n<p>Der heutige Bettag fordert uns auf, uns auf die Hingabe in Gottes stille Gegenwart zu besinnen. Diese Hingabe appelliert an das Vertrauen, dies gerade bei Kontrollverlust zu tun, deswegen aber nicht aus der Situation zu fl\u00fcchten, sondern sich mit ihr zu konfrontieren. Sind wir bereit, uns Gottes Gegenwart hinzugeben, werden wir frei zur Geduld. Wir k\u00f6nnen warten und Ungewissheit ertragen, weil wir wissen, dass wir jeden Augenblick im Dialog mit uns selbst und unserer Welt Gottes stille Gegenwart unmittelbar zum Ausdruck bringen k\u00f6nnen. Beten wir also, dass wir mit dieser Hingabe vertraut werden und aus ihr zu agieren lernen. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 20. September 2026 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/0920-Apg-23.31-35.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Soldaten \u00fcbernahmen Paulus, wie ihnen befohlen war, und brachten ihn in der Nacht nach Antipatris.\u2002Am andern Tag liessen sie die Reiter mit ihm weiterziehen und kehrten in die Kaserne zur\u00fcck.\u2002Jene aber kamen nach C\u00e4sarea, \u00fcbergaben dem Statthalter den Brief und f\u00fchrten ihm auch Paulus vor.\u00a0Der Statthalter las den Brief und fragte Paulus, aus welcher [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4355,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[39],"tags":[],"class_list":["post-6253","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-mysticism-in-the-acts-of-the-apostles"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6253","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6253"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6253\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6255,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6253\/revisions\/6255"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4355"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6253"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6253"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6253"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}