{"id":6201,"date":"2026-08-02T13:16:08","date_gmt":"2026-08-02T11:16:08","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/wider-die-realitaetsverweigerung\/"},"modified":"2026-08-02T13:18:26","modified_gmt":"2026-08-02T11:18:26","slug":"against-the-denial-of-reality","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/against-the-denial-of-reality\/","title":{"rendered":"Against the denial of reality"},"content":{"rendered":"<p><em>Als es Tag wurde, taten sich die Juden heimlich zusammen und schworen sich, weder zu essen noch zu trinken, bis sie Paulus get\u00f6tet h\u00e4tten.\u2002Es waren mehr als vierzig M\u00e4nner an dieser Verschw\u00f6rung beteiligt. Sie gingen zu den Hohen Priestern und \u00c4ltesten und sagten: Wir wollen verflucht sein, wenn wir Speise zu uns nehmen, bevor wir Paulus get\u00f6tet haben.\u2002Ihr aber sollt jetzt mit dem Hohen Rat zusammen beim Oberst vorstellig werden mit der Bitte, ihn zu euch hinunterzuf\u00fchren, weil ihr seinen Fall genauer untersuchen m\u00f6chtet. Wir aber halten uns bereit, ihn zu t\u00f6ten, bevor er sich dem Ort n\u00e4hert. Apg 23,12-15<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Gegenwart Gottes ist die Kraft zur Wirklichkeit, wie sie hier und jetzt ist. Wer im Geheimnis des Moments da ist, nimmt wahr und akzeptiert, was gerade der Fall ist. Er tut dies mit offenen Sinnen, der Bereitschaft zu Resonanz und Dialog und der Freude, den Moment miteinander zu teilen. Dazu geh\u00f6rt der wache Austausch mit sich selbst und seinem Umfeld, andern Menschen, andern Lebewesen, Gesellschaft und Kultur sowie mit Technik und der Materie dieser Welt und dieses Universums. Das Bed\u00fcrfnis in eine Scheinwelt zu fl\u00fcchten, ist verflogen, Ideologien sowie moralistische Wunschvorstellungen haben ihre Attraktivit\u00e4t verloren. Glauben ist nicht mehr das unkritische F\u00fcr-wahr-Halten un\u00fcberpr\u00fcfbarer Glaubenss\u00e4tze, sondern das Erwachen in Gottes Gegenwart hier und jetzt, die bedingungslose Aufmerksamkeit f\u00fcr die Wirklichkeit, wie sie sich in diesem Moment pr\u00e4sentiert, und das faire Teilen des Moments im Dialog miteinander.<\/p>\n<p>So verstandener Glaube ist weder naiv noch verkl\u00e4rt er die Wirklichkeit. Er weiss um Konflikte und Auseinandersetzungen, und er kennt den <em>struggle for life<\/em> <em>(Darwin)<\/em>, das Ringen, das zum Leben geh\u00f6rt. Bin ich in einem solchen Glauben, ist mir bewusst, dass ich Gegner habe, die andere Bed\u00fcrfnisse und Interessen haben und andere Ziele verfolgen. Doch ich betrachte sie nicht als Feinde, die ich auf Leben und Tod bek\u00e4mpfen und notfalls mit Gewalt vernichten muss. Ich bin konfliktbereit, freue mich an Kontakt und Auseinandersetzung, aber respektiere die Andersheit des anderen. Gibt es keine L\u00f6sung, suche ich den Konsens \u00fcber den Dissens und die Dankbarkeit f\u00fcr die Verbundenheit im Verschiedenen. Ein solcher Glaube sch\u00e4tzt die freiheitliche Gesellschaft, Pluralismus und Demokratie, und er motiviert dazu, auf diesem Weg zu bleiben und st\u00e4ndig nach besseren L\u00f6sungen zu suchen. Er verschliesst sich aber auch nicht der Tatsache, dass dies weder selbstverst\u00e4ndlich ist noch bedingungslos von allen geteilt wird. Die biblische Weisung, seine Feinde zu lieben (Mt 5,43-48), weiss darum. Sie ermutigt zwar dazu, Feinde in Gegner umzuwandeln, aber sie verkennt nicht, dass es Feindschaft gibt \u2013 Krieg, Terrorismus, Hass, im Politischen wie im Privaten \u2013 und dass Feinde trotz allen Bem\u00fchungen Feinde bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Unser Predigttext konfrontiert uns mit diesem Thema, indem er von einer Episode aus dem Leben von Paulus erz\u00e4hlt, in der es genau darum geht. Was hat er uns zu berichten?<\/p>\n<p>Paulus ist aufgrund eines Konflikts mit der j\u00fcdischen Beh\u00f6rde Jerusalems in r\u00f6mischen Gewahrsam genommen worden. F\u00fcr den Oberst, der den r\u00f6mischen Machtapparat repr\u00e4sentiert, ist allerdings nicht klar, was der Grund des Konflikts ist. Er veranlasst zwar eine Gegen\u00fcberstellung der Kontrahenten, doch artet diese in einen Tumult aus. Paulus ist es gelungen, den Konflikt gegen ihn in einen Konflikt der Fraktionen innerhalb der j\u00fcdischen Beh\u00f6rde zu \u00fcberf\u00fchren. F\u00fcr ihn ist das ein Erfolg; denn der Oberst gelangt zur \u00dcberzeugung, dass es sich nur um einen innerj\u00fcdischen Konflikt handelt, nicht aber um einen Verstoss gegen r\u00f6misches Recht. Da Paulus r\u00f6mischer B\u00fcrger ist, bleibt er deshalb weiterhin unter r\u00f6mischem Schutz. Auf j\u00fcdischer Seite l\u00f6st dies freilich einen Tumult aus, der den Oberst veranlasst, eine Wachtabteilung kommen und Paulus zur\u00fcck in die Kaserne bringen zu lassen. Die Situation ist also angespannt. Lukas berichtet deshalb, dass Gott Paulus mit seiner Gegenwart tr\u00f6stet. Er erz\u00e4hlt, dass er ihm in der Nacht darauf erscheint, ihm Mut zuspricht und ihm vergewissert, dass er so, wie er in Jerusalem sein Zeuge war, auch in Rom sein Zeuge sein wird (Apg 22,30-23,11).<\/p>\n<p>Unser Predigttext erz\u00e4hlt nun, wie der Konflikt auf j\u00fcdischer Seite eskaliert. Am folgenden Tag tut sich n\u00e4mlich eine Gruppe von Juden zusammen (VV12f). Man wird hier an Mitglieder der zelotischen Freiheitsbewegung zu denken haben. Es sind \u00abDolchm\u00e4nner\u00bb <em>(sicarii)<\/em>, die Attentate auf Leute aus\u00fcben, die aus ihrer Sicht gegen die Reinheit Israels verstossen haben. Ihr Vorbild ist Pinhas, der in grosser Not unter Umgehung des ordentlichen Rechtswegs einen offenkundigen Gesetzes\u00fcbertreter mit einer Lanze t\u00f6tete (Num 25,7ff). Sie f\u00fchlen sich also zu Femejustiz berufen, wenn die offizielle Strafverfolgung aus ihrer Sicht versagt. Genau dies aber droht nun, da Paulus unter r\u00f6mischem Schutz steht, zu geschehen. Einige dieser Sikarier schliessen sich deshalb zusammen und verpflichten sich, zur Tat zu schreiten. Sie schw\u00f6ren, weder zu essen noch zu trinken, bis sie Paulus get\u00f6tet haben, und bei \u00dcbertretung des Schwurs verflucht zu sein. Ihr Fanatismus ist also bereits weit fortgeschritten. An der Verschw\u00f6rung sollen mehr als vierzig M\u00e4nner beteiligt sein.<\/p>\n<p>Ihren Plan legen sie nun den Hohen Priestern und \u00c4ltesten vor (VV14f). Der j\u00fcdischen Beh\u00f6rde werden sie kaum sehr nahestehen. Sie d\u00fcrften diese als zu r\u00f6merfreundlich einstufen. In ihrer Ablehnung von Paulus werden sie indes \u00fcbereinstimmen. Zun\u00e4chst best\u00e4tigen sie gegen\u00fcber den Hohen Priestern und \u00c4ltesten ihre Entschlossenheit. Sie bekennen, dass sie verflucht sein wollen, wenn sie Speise zu sich nehmen, bevor sie Paulus get\u00f6tet haben. Die Hohen Priester und \u00c4ltesten aber sollen zusammen mit dem Hohen Rat beim Oberst vorstellig werden und ihn bitten, Paulus zu einer offiziellen Zusammenkunft des Hohen Rats von der Kaserne zu ihnen hinunterzubringen, um die Sache genauer zu untersuchen. Sie werden sich bereithalten und unterwegs ein Gedr\u00e4nge um die r\u00f6mischen Soldaten mit Paulus in ihrer Mitte verursachen. In diesem Gedr\u00e4nge soll einer von ihnen Paulus mit einem t\u00f6dlichen Dolchstoss niederstrecken. Das Ganze soll so ausgef\u00fchrt werden, dass sowohl der T\u00e4ter in der Menge untertauchen kann als auch der Hohe Rat frei von jedem Verdacht bleibt.<\/p>\n<p>Die Fortsetzung erz\u00e4hlt, dass der Neffe von Paulus vom Plan erf\u00e4hrt, Paulus informiert und den Oberst warnt, sodass dieser daf\u00fcr sorgen kann, dass der Plan vereitelt wird. Die Bedrohung indes, der Paulus ausgesetzt ist, bleibt weiterhin gross.<\/p>\n<p>Dieser Bibeltext ist auch heute eine klare Warnung \u2013 eine Warnung, sich in Gottes Gegenwart der Wirklichkeit, so wie sie ist, nicht zu verweigern, sondern klar und n\u00fcchtern wahrzunehmen und anzuerkennen, was ist. Was gibt er zu bedenken?<\/p>\n<p>Als erstes macht er deutlich, dass es Feindschaft wider Willen gibt. In Gottes Gegenwart steht das Teilen des Moments im Zentrum. Pers\u00f6nliche Merkmale sind nicht entscheidend. Feinde sollen in Gegner transformiert und Konflikte auf konstruktive Weise gel\u00f6st werden. Unser Predigttext macht indes deutlich, dass dies auch Paulus nicht immer gelungen ist. F\u00fcr die Sikarier ist die Meinung \u00fcber ihn gemacht. All seine Versuche, mit dem Weg in Gottes Gegenwart zu \u00fcberzeugen, sind gescheitert. Sie sind entschlossen, Paulus mit einem Attentat aus dem Weg zu r\u00e4umen. Heute steht der Weg in Gottes Gegenwart anders, aber nicht weniger unter Druck. Westlichen Gesellschaften werden zunehmend polarisierter, aufgeregter, lauter, verlieren sich im Kulturkampf und \u00fcbersteuern die Stille von Gottes Gegenwart. Umso mehr Mut ist deshalb gefragt, sich nicht in diesen Kampf zu verstricken, sondern seinen Fokus in der Stille seines Herzens zu behalten. Gottes Gegenwart will nicht aufgrund pers\u00f6nlicher oder politischer Merkmale geteilt und bloss in der eigenen Bubble gefeiert werden, sondern bedingungslos mit allen.<\/p>\n<p>Sodann kann diese Feindschaft mit heiligem Ernst und der Illusion, einzig und allein f\u00fcr das Gute zu k\u00e4mpfen, ausagiert werden. Die Sikarier \u00fcbergehen die offizielle Rechtsordnung, haben aber dennoch keine Zweifel an der Rechtm\u00e4ssigkeit ihres Vorgehens. Sie schw\u00f6ren und wollen verflucht sein, wenn sie ihren Schwur nicht erf\u00fcllen. In ihrem Eifer f\u00fchlen sie sich so sicher, dass sie selbst den Hohen Rat und die \u00c4ltesten in ihre Pl\u00e4ne einweihen und ihre Unterst\u00fctzung erwarten. Religi\u00f6s oder ideologisch aufgeladene Feindschaft, die mit abgr\u00fcndiger H\u00e4rte gegen ihre Feinde vorgeht, gibt es bis zum heuten Tag. Autokratische Regimes pflegen sie mit zynischem Kalk\u00fcl, um ihre Machtposition auf Kosten des eigenen Volkes zu festigen. Terroristische Gruppierung verfolgen sie mit blindem Eifer, getrieben von der \u00dcberzeugung, einem h\u00f6heren Gut zu dienen. Gottes Gegenwart ist demgegen\u00fcber kein verf\u00fcgbares Gut. Sie bleibt in kritischer Distanz zum politischen Kampf, aber stets offen f\u00fcr das Teilen des Moments. Sie h\u00e4lt sich an Fairness und bietet fanatisierter Feindschaft Widerstand. Mit Bedingungslosigkeit ist sie vertraut. Aber ihre St\u00e4rke ist das Teilen der bedingungslosen Freiheit, die jeden Moment gegenw\u00e4rtig ist und von keinem Fanatismus beseitigt werden kann.<\/p>\n<p>Schliesslich schafft das Wissen um eine Wirklichkeit, in der Feindschaft nicht bloss als Angstmacherei abgetan, sondern als real existent zur Kenntnis genommen wird, Dankbarkeit f\u00fcr funktionierende Institutionen, die Fairness durchsetzen und f\u00fcr Schutz und Sicherheit sorgen. Die Sicht von Paulus wird in unserem Predigttext mit keiner Silbe erw\u00e4hnt. Seit er deutlich gemacht hat, dass er r\u00f6mischer B\u00fcrger ist, \u00fcbernimmt der r\u00f6mische Machtapparat seine Obhut und sch\u00fctzt ihn vor j\u00fcdischen \u00dcbergriffen. F\u00fcr ihn ist es ein Gl\u00fcck, selbstverst\u00e4ndlich ist es nicht. Die Gegenwart Gottes ist keine Garantie f\u00fcr weltlichen Schutz. Jesus hat dies erlebt, unz\u00e4hlige Menschen, die den Weg in Gottes Gegenwart unter heiklen politischen Bedingungen gegangen sind, haben dies seither erfahren. Wer ein Leben in Gottes Gegenwart sucht, wird deshalb Institutionen, die ein faires Zusammenleben f\u00f6rdern, mit Dankbarkeit in Anspruch nehmen und tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzen. Gottes Gegenwart schafft nicht nur kritische Distanz zu dieser Welt, sondern ebenso solidarische und engagierte N\u00e4he.<\/p>\n<p>Es mag zun\u00e4chst irritieren, aus der Perspektive des Glaubens \u00fcber Feindschaft nachzudenken. Gewiss, die Gegenwart Gottes will geteilt werden und Feinde in Gegner verwandeln. Doch sie sucht nicht den Zauber einer Scheinwelt, sondern nimmt wahr und akzeptiert, was in hier und heute geschieht. Sie ignoriert deshalb nicht die Tatsache, dass es Feindschaft, ja fanatisierte Feindschaft gibt, und sie motiviert deshalb dazu, Institutionen zu st\u00e4rken, die auf faire Weise funktionieren und das gemeinsame Leben auf dieser Welt verbessern. Beten wir also, dass wir den Mut aufbringen, unsere Illusionen abzulegen und uns in Gottes Gegenwart auf die Wirklichkeit einzulassen, wie sie ist. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 2. August 2026 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/0802-Apg-23.12-15.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als es Tag wurde, taten sich die Juden heimlich zusammen und schworen sich, weder zu essen noch zu trinken, bis sie Paulus get\u00f6tet h\u00e4tten.\u2002Es waren mehr als vierzig M\u00e4nner an dieser Verschw\u00f6rung beteiligt. 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