{"id":6190,"date":"2026-06-28T13:12:53","date_gmt":"2026-06-28T11:12:53","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/erfolg\/"},"modified":"2026-06-28T13:14:05","modified_gmt":"2026-06-28T11:14:05","slug":"success","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/success\/","title":{"rendered":"Success"},"content":{"rendered":"<p><em>Weil Paulus aber in den Sinn kam, dass der eine Teil zu den Sadduz\u00e4ern, der andere zu den Pharis\u00e4ern geh\u00f6rte, rief er in den Hohen Rat hinein: Br\u00fcder, ich bin Pharis\u00e4er, ein Sohn von Pharis\u00e4ern. Wegen der Hoffnung und wegen der Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht!\u2002Kaum hatte er das gesagt, gab es Streit zwischen den Pharis\u00e4ern und den Sadduz\u00e4ern, und die Versammlung spaltete sich in zwei Lager. Die Sadduz\u00e4er sagen n\u00e4mlich, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch einen Geist, die Pharis\u00e4er dagegen bejahen dies alles.\u00a0Es gab ein lautes Geschrei, und einige Schriftgelehrte von der Partei der Pharis\u00e4er erhoben sich, legten sich ins Zeug und sagten: Wir k\u00f6nnen an diesem Menschen nichts B\u00f6ses finden. Wenn nun doch ein Geist oder ein Engel zu ihm gesprochen hat?\u2002Als der Streit heftiger wurde, f\u00fcrchtete der Oberst, Paulus k\u00f6nnte von ihnen in St\u00fccke gerissen werden, und befahl der Wachabteilung, herunterzukommen, ihn aus ihrer Mitte herauszuholen und in die Kaserne zu bringen.\u2002In der folgenden Nacht aber trat der Herr zu ihm und sprach: Fasse Mut! Wie du in Jerusalem f\u00fcr mich Zeugnis abgelegt hast, so sollst du auch in Rom mein Zeuge sein.\u00a0Apg 23,6-11<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Hunger nach Erfolg ist tief in die Natur des Menschen eingraviert. Was dabei unter Erfolg zu verstehen ist, weiss die Biologie genau. Menschen sind wie alle Lebewesen darauf aus, ihre Gene weiterzugeben und ihre Art zu erhalten. Um dieses Ziel als Individuum zu erreichen, muss es Nahrung beschaffen und seinen Hunger stillen. Erfolg ist also, wie Qohelet treffsicher beobachtet, zun\u00e4chst das, was f\u00fcr den Mund bzw. den Bauch erfolgreich ist. Allerdings hat Qohelet auch beobachtet, dass dieses Verlangen nie gestillt ist. Menschen wollen immer noch mehr. Was also hat der Weise dem Toren voraus? Oder der Arme, der zu leben versteht? Wollen nicht beide einfach einen gestillten Bauch? Qohelet schliesst daraus, dass es darum geht, zuerst und vor allem den Moment zu geniessen, statt die Augen schweifen zu lassen. Denn mehr zu wollen als das, was der Moment hergibt, ist Hauch, \u05d4\u05b6\u05d1\u05b6\u05dc (h\u00e6b\u00e6l), und Greifen nach Wind (Pred 6,7-9)<\/p>\n<p>Qohelet findet also zu einer ern\u00fcchterten Weisheit \u2013 zu einer Weisheit, die von der Gegenwart Gottes gel\u00e4utert, auf die Stille des Herzens fokussiert und gl\u00fccklich \u00fcber die Freude am Moment ist. Diese Weisheit bew\u00e4hrt sich. Denn sie ist, wie Paulus weiss, in beides eingeweiht: satt zu werden und Hunger zu leiden, \u00dcberfluss zu haben und Mangel zu leiden (Phil 4,12). Sie sch\u00f6pft ihre Kraft aus der nichtdualen Unmittelbarkeit von Gottes Gegenwart. Diese Kraft ist jeden Moment da. Sie ist der mystische Ursprung des Glaubens, jene Quelle, aus welcher der Glaube in jedem Augenblick seinen Anfang nimmt. Doch der Weg zu diesem Ursprung kann lang und m\u00fchsam sein. Generationen von Menschen und ihre Religionen vermitteln ihn, auch das christliche Erbe tut es, und unz\u00e4hlige Geschichten erz\u00e4hlen von ihm. Der historische Anfang indes, der von religi\u00f6sen Traditionen vermittelt wird, ersetzt nicht den mystischen Anfang der Unmittelbarkeit, wie er jeden Moment gegenw\u00e4rtig ist. Dieser Anfang im Hier und Jetzt mag zwar in jenem weit zur\u00fcckliegenden Anfang bereits da, und er mag zuweilen oder gar \u00fcber lange Strecken versch\u00fcttet sein. Er wartet jedoch mit der Geduld, die keine Zeit kennt, bis sein Moment kommt, die Unmittelbarkeit des Moments die Tradition an ihren Platz stellt und sich mit der bedingungslosen Freiheit von Gottes Gegenwart und ihrer Weisheit auf jenes Spiel von Erfolg und Misserfolg einl\u00e4sst, das gerade gespielt wird.<\/p>\n<p>Von genau einem solchen Moment erz\u00e4hlt unser Predigttext. Paulus ist in r\u00f6mischer Gefangenschaft. Der Oberst, der ihn in Gewahrsam genommen hat, hat zwar begriffen, dass er von j\u00fcdischer Seite angeklagt wird, doch den Grund hat er bisher nicht in Erfahrung bringen k\u00f6nnen. Um seinem Ziel n\u00e4herzukommen, stellt er die beiden Kontrahenten einander gegen\u00fcber. Er ordnet an, dass sich die j\u00fcdische Beh\u00f6rde bei ihm einfindet, und er l\u00e4sst Paulus vor sie treten. Dabei beobachtet er aufmerksam, was geschieht. Paulus l\u00e4sst sich sogleich auf die Konfrontation ein, ergreift mutig die Initiative und sucht seinen Erfolg. Dabei pr\u00e4sentiert er sich als frommer Jude, der das Gesetz nicht nur kennt, sondern auch h\u00e4lt. Aus seiner Sicht besteht kein Grund f\u00fcr die Anklage. Weshalb sie seine Kontrahenten erheben, bleibt f\u00fcr den Oberst weiterhin unklar (Apg 22,30-23,5)<\/p>\n<p>An dieser Stelle setzt unser Predigttext ein und berichtet vom n\u00e4chsten Spielzug des Paulus. Er hat offensichtlich nicht das Ziel, den Konflikt gemeinsam zu analysieren und einen Vergleich zu finden. Ein solches Vorgehen ist aus seiner Sicht nicht zielf\u00fchrend. Er beansprucht zwar, das j\u00fcdische Erbe fortzusetzen, doch der Bruch mit den Vertretern der j\u00fcdischen Tradition ist vollzogen. Er setzt deshalb darauf, die Glaubw\u00fcrdigkeit der j\u00fcdischen Repr\u00e4sentanten gegen\u00fcber dem Oberst zu schw\u00e4chen. Zu diesem Zweck greift er zu einer List, die dazu f\u00fchren soll, dass seine Kontrahenten nicht ihn, sondern sich gegenseitig bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Ihm kommt n\u00e4mlich in den Sinn, dass der Hohe Rat gespalten ist (V6). Er besteht aus den Fraktionen der Sadduz\u00e4er und der Pharis\u00e4er. Paulus spricht beide als \u00abBr\u00fcder\u00bb an, doch macht er deutlich, dass er Pharis\u00e4er und Sohn von Pharis\u00e4ern ist und dass er nun bloss deshalb vor Gericht steht, weil er deren Hoffnung auf die Auferstehung der Toten teilt. Er unterstellt also, dass sein Glaube an den Auferstandenen in der Tradition der Pharis\u00e4er verst\u00e4ndlich sein m\u00fcsste. Diese Interpretation der Situation wird von seinen Kontrahenten nicht nur nicht infrage gestellt, sondern sogleich unkritisch \u00fcbernommen. Damit hat seine List Erfolg. Der Konflikt der j\u00fcdischen Beh\u00f6rde, den diese mit ihm hat, wird mit einem Schlag zu ihrem innerj\u00fcdischen Konflikt. Dass sich der Hohe Rat dermassen leicht \u00fcberlisten l\u00e4sst, mag historisch zweifelhaft sein. Lukas kann auf diese Weise jedoch von einem Erfolg berichten, den Paulus in der r\u00f6mischen Gefangenschaft erzielt.<\/p>\n<p>Um diesen Erfolg geb\u00fchrend zu w\u00fcrdigen, erz\u00e4hlt Lukas, wie der Konflikt innerhalb der j\u00fcdischen Beh\u00f6rde eskaliert (V7-10). Kaum hat Paulus seinen Einwurf gemacht, entsteht Streit zwischen den beiden Fraktionen, und die Versammlung spaltet sich in zwei Lager. Erkl\u00e4rend f\u00fchrt Lukas an, dass die Sadduz\u00e4er sagen, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch einen Geist, w\u00e4hrend die Pharis\u00e4er all dies behaupten. Gr\u00fcnde f\u00fcr deren \u00dcberzeugungen gibt er keine an. Er will bloss verst\u00e4ndlich machen, weshalb sie in Konflikt miteinander geraten und die List von Paulus erfolgreich ist. Er f\u00fchrt deshalb aus, dass sich ein lautes Geschrei erhebt, dass einige der Pharis\u00e4er sogar f\u00fcr Paulus Partei ergreifen und seine Unschuld in Erw\u00e4gung ziehen. Schliesslich eskaliert der Streit so sehr, dass der Oberst f\u00fcrchtet, Paulus k\u00f6nnte zwischen den Fronten in St\u00fccke gerissen werden. Er befiehlt deshalb einer Wachabteilung herunterzukommen, Paulus aus ihrer Mitte herauszuholen und in die Kaserne zu bringen. Sp\u00e4ter wird er festhalten, dass Paulus offenbar nur wegen strittiger Fragen, die das j\u00fcdische Gesetz betreffen angeklagt wird, dass ihm aber nichts vorgeworfen werden kann, worauf Tod oder Haft steht (Apg 23,29). Die List, die Paulus angewandt hat, hat sich also in diesem Moment bew\u00e4hrt. F\u00fcr den Oberst ist klar, dass die j\u00fcdische Anklage nichts ist, was r\u00f6misches Strafrecht verletzt. Der Konflikt ist damit f\u00fcr Paulus jedoch noch keineswegs ausgestanden oder gar gel\u00f6st.<\/p>\n<p>In dieser Unsicherheit ist Lukas eine kurze theologische Einordnung der aktuellen Ereignisse wichtig (V11). Er erz\u00e4hlt n\u00e4mlich, dass Gott in der folgenden Nacht zu Paulus tritt und ihm Mut macht. Zudem gibt er ihm zu verstehen, dass er so, wie er in Jerusalem f\u00fcr ihn Zeugnis abgelegt hat, auch in Rom sein Zeuge sein muss. Das Zeichen, das Lukas setzen will, ist klar: Entscheidend sind nicht die Erfolge oder Widrigkeiten, die Paulus gerade erlebt, entscheidend ist, dass er nach wie vor seinen Weg in Gottes Gegenwart geht, der ihn \u00fcber Jerusalem hinaus nach Rom, vom Herz des Judentums ins Herz der V\u00f6lkerwelt, ja des ganzen Universums, hinf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Besinnung auf diesen Predigttext l\u00e4sst uns \u00fcber Erfolg nachdenken. Der Weg in Gottes Gegenwart setzt einen Rahmen, in dem Erfolg und Misserfolg Gegenstand von Interpretationen werden k\u00f6nnen. Wie also wirkt dieser Interpretationsrahmen?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst nimmt er das Bed\u00fcrfnis nach Erfolg und die Vermeidung von Misserfolg wahr und anerkennt deren nat\u00fcrliche Verankerung in der Biologie des Menschen. Wer den Weg in Gottes Gegenwart geht, \u00fcbersteuert nicht auf moralistische Weise das nat\u00fcrliche Empfinden von Erfolg und Misserfolg, sondern sucht das Geheimnis der Unmittelbarkeit mitten darin. In unserem Predigttext z\u00f6gert Paulus nicht, seine Chance zu ergreifen und sich mit List einen Vorteil im Konflikt mit der j\u00fcdischen Beh\u00f6rde zu verschaffen. Dabei ist er weder b\u00f6sartig noch intrigant, sondern bleibt freundlich zugewandt und transparent. Aber er hat die Freiheit, sich in die Tradition der Pharis\u00e4er zu stellen, sich auf diese Weise aus dem Schussfeld zu nehmen und den Konflikt seinen Kontrahenten zur\u00fcckzuspielen. Bin ich mit dem Geheimnis von Gottes Gegenwart vertraut, weiss ich, dass Erfolg und Misserfolg zwei Seiten derselben Unmittelbarkeit sind, in welcher jede Bewertung \u00fcberschritten und bedeutungslos ist. Aber ich weiss auch, dass das Ringen um Erfolg und die Vermeidung von Misserfolg \u2013 um mit <em>Darwin<\/em> zu reden \u2013 zum <em>struggle for life<\/em> geh\u00f6ren und dass ich stets um meinen Erfolg spiele.<\/p>\n<p>Sehr anders pr\u00e4sentiert sich die Situation, wenn dieser Interpretationsrahmen fehlt. Sind Erfolg und Misserfolg nicht nur Optionen im nat\u00fcrlichen Ringen ums Leben, sondern mit ausreichend metaphysischem Ballast beladen, kippen sie rasch in verbissene Auseinandersetzung. Der Streit zwischen den Sadduz\u00e4ern und den Pharis\u00e4ern f\u00fchrt es in unserem Predigttext exemplarisch vor. Beide tragen das ihnen vermittelte religi\u00f6se Erbe weiter, beide sind \u00fcberzeugt, dieses getreu verwalten zu m\u00fcssen. Gegen\u00fcber Paulus, der aus der unmittelbaren Gegenwart Gottes agiert, sind sie jedoch unf\u00e4hig, auf Augenh\u00f6he zu reagieren, bleiben in ihren religi\u00f6sen Traditionen verhaftet und suchen jenen Erfolg, der sie darin best\u00e4tigt. Die Problematik solcher metaphysisch aufgeladener Konflikte wiederholt sich \u2013 so zeigen es gerade auch die aktuellen Kriege im Nahen Osten samt ihren Auswirkungen auf die westliche Welt \u2013 bis zum heutigen Tag. Religi\u00f6se Erbverwaltung, Ideologien, fundamentalistische, gegen jede Kritik resistente pers\u00f6nliche oder kollektive Glaubenskonstruktionen haben einen Hang zu Fanatismus, Respektlosigkeit und Gewalt. Gehe ich hingegen den Weg in Gottes Gegenwart, bleibt deren Unmittelbarkeit unverf\u00fcgbar. Ich verzichte auf metaphysische \u00dcberbauten und halte mich an die nichtduale Freiheit Gottes im Getriebe dieser Welt.<\/p>\n<p>Schliesslich kann das Getriebe dieser Welt so vereinnahmend und belastend sein, dass die Best\u00e4tigung von Gottes Gegenwart als Referenz der Interpretation von Erfolg und Misserfolg willkommener Trost ist. Lukas weiss darum, und er setzt darauf, dass Gott ebenso am Anfang in Jerusalem wie auch am Ende in Rom in Paulus als seinem Zeugen gegenw\u00e4rtig ist, dass Paulus im Spiel von Erfolg und Misserfolg aber gerade gebeutelt wird, und dass deshalb auch er die Erfahrung von Gottes unmittelbaren Gegenwart braucht, um stabil zu sein und Gewissheit zu haben. Das Spiel von Wahrscheinlichkeit und Zufall bleibt stets ergebnisoffen. Ist indes Gott gegenw\u00e4rtig, weiss ich, dass er dies am Anfang, am Ende und in jedem Moment meines Wegs ist. Mein Erfolg ist deshalb der Trost vom Geheimnis seiner unmittelbaren Gegenwart. So verstandener Erfolg befreit zum Spiel von Erfolg und Misserfolg und st\u00e4rkt die Zuversicht.<\/p>\n<p>Erfolg im Interpretationsrahmen der nichtdualen Gegenwart Gottes hat verschiedene Aspekte. So verstandener Erfolg ist zun\u00e4chst k\u00f6rperlich begr\u00fcndet, handfest fassbar und Gegenpol zum Misserfolg. Doch Erfolg und Misserfolg bleiben ununterscheidbar, bis sie im Moment der Betrachtung im Kontext als dies oder das bewertet werden. Die unmittelbare Einsicht in diese Indifferenz befreit zum Spiel von Gewinnen und Verlieren. Ohne diese Einsicht in die Freiheit des Moments ist der Kampf um Erfolg heftig und bitter, bleibt sie indes da, ist sie Trost und Zuversicht im Spiel. Beten wir also, dass wir Gottes Gegenwart nicht vergessen und unser Bed\u00fcrfnis nach Erfolg von ihr bestimmen lassen. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 28. Juni 2026 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/0628-Apg-23.6-11.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil Paulus aber in den Sinn kam, dass der eine Teil zu den Sadduz\u00e4ern, der andere zu den Pharis\u00e4ern geh\u00f6rte, rief er in den Hohen Rat hinein: Br\u00fcder, ich bin Pharis\u00e4er, ein Sohn von Pharis\u00e4ern. 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