{"id":6173,"date":"2026-06-21T12:48:23","date_gmt":"2026-06-21T10:48:23","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/mut\/"},"modified":"2026-06-21T12:49:54","modified_gmt":"2026-06-21T10:49:54","slug":"courage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/courage\/","title":{"rendered":"Courage"},"content":{"rendered":"<p><em>Da er aber genau in Erfahrung bringen wollte, weshalb dieser von den Juden angeklagt wurde, liess er ihm anderntags die Fesseln l\u00f6sen und befahl den Hohen Priestern und dem ganzen Hohen Rat, sich zu versammeln. Und er liess Paulus hinunterf\u00fchren und vor sie treten. Paulus schaute sie an und sagte zum Hohen Rat: Br\u00fcder, mit reinem Gewissen habe ich mein Leben vor Gott gef\u00fchrt bis auf den heutigen Tag.\u2002Da befahl der Hohe Priester Ananias denen, die bei ihm standen, ihn auf den Mund zu schlagen.\u2002Darauf sagte Paulus zu ihm: Dich wird Gott schlagen, du get\u00fcnchte Wand! Du sitzt hier, um \u00fcber mich zu richten nach dem Gesetz, und wider das Gesetz befiehlst du, mich zu schlagen?\u2002Die Umstehenden sagten: Du willst den Hohen Priester Gottes schm\u00e4hen?\u2002Paulus erwiderte: Ich wusste nicht, Br\u00fcder, dass er Hoher Priester ist; es steht ja geschrieben: Einem F\u00fcrsten deines Volkes sollst du nicht fluchen.\u00a0Apg 22,30-23,5<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Gegenwart Gottes gibt Mut. Wer sich nicht in seine Welt verliert, wer sich nicht in das verstrickt, was es ausserhalb und innerhalb von sich selbst gibt, wer stattdessen in der Unmittelbarkeit des Augenblicks stabilisiert ist, gewinnt Mut \u2013 Mut, um ernst zu nehmen, was sich ihm intuitiv zeigt, Mut, um seiner Inspiration zu folgen und Dinge zu tun, die sitzen. Solcher Mut ist kein Akt des eigenen Willens, sondern der unmittelbaren Gegenwart. Er sucht nicht das Seine, sondern nimmt die ganze Situation in Blick, er verf\u00fcgt \u00fcber keine Macht, aber ver\u00e4ndert das Spiel. Das Ergebnis von solchem Mut bleibt stets offen, doch in ihm blitzt die Wirksamkeit von Gottes stiller Gegenwart auf. Er offenbart die bedingungslose Freiheit des Moments, und er zeigt, dass die Geschichte jeden Augenblick indeterminiert und offen ist.<\/p>\n<p>In dieser unsicheren, von Angst gepr\u00e4gten Zeit ist solcher Mut gefragt. Das Tempo der Ver\u00e4nderungen nimmt rasant zu. Der Kampf um Aufmerksamkeit beschleunigt die mediale \u00dcberreizung. Kriege decken Schwachstellen in den Lieferketten auf, sorgen f\u00fcr Versorgungsengp\u00e4sse und intensivieren die politisch motivierte Propaganda. Wie schafft in all dem Gottes Gegenwart Mut? Offensichtlich sorgt sie nicht f\u00fcr eine Gegenwelt, die tr\u00f6stet, indem man sie f\u00fcr wahr h\u00e4lt, und sie richtet keine religi\u00f6se Sonderwelt auf, die st\u00e4rkt, indem sie ein politisches Programm propagiert. Sie ist kein fundamentalistisches Konzept, an das man glauben, und keine ideologische Konstruktion, die man sich zurechtlegen kann. Ihr Mut ist frei von Fanatismus, frei von missionarischem Eifer, frei von menschlicher Verf\u00fcgbarkeit. Gleichwohl ist das Potential solchen Muts jeden Moment gegenw\u00e4rtig, bedingungslos, aus reiner Gnade. Ist Gott gegenw\u00e4rtig, wird es sp\u00fcrbar. Offenbart sich das Geheimnis des Moments, wird es wirksam.<\/p>\n<p>Unser Predigttext f\u00fchrt dies exemplarisch vor und macht deutlich, wie sich solcher Mut in der Praxis zeigt. Worauf weist er uns hin?<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt eine weitere Episode des heissgewordenen Konflikts, in welchem sich Paulus seit seinem Besuch in Jerusalem befindet. Unterdessen hat ihn der r\u00f6mische Oberst in der Burg Antonia in Gewahrsam genommen. Von j\u00fcdischer Seite hat er bisher nichts Zuverl\u00e4ssiges zum Konflikt erfahren (Apg 21,34), aber auch die Sicht von Paulus ist f\u00fcr ihn unklar. Als er Paulus ins Verh\u00f6r nehmen will, beruft sich dieser auf sein r\u00f6misches B\u00fcrgerrecht. Was f\u00fcr ihn als R\u00f6mer gegen\u00fcber Nichtr\u00f6mern und Sklaven Standard ist, ist ihm damit gegen\u00fcber Paulus verwehrt: Er darf aus ihm nicht unter Folter ein Gest\u00e4ndnis herauspressen (Apg 22,25-29). Der Grund des Konflikts zwischen Paulus und den Juden Jerusalems ist f\u00fcr ihn damit weiterhin ungekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Unser Predigttext setzt hier ein. Die Initiative geht vom Obersten aus (V30). Er m\u00f6chte endlich in Erfahrung bringen, weshalb Paulus von den Juden angeklagt wird. Zu diesem Zweck l\u00e4sst er Paulus die Fesseln l\u00f6sen und befiehlt den Hohen Priestern und dem ganzen Hohen Rat sich zu versammeln. Ihm geht es nicht um eine formale Sitzung des Hohen Rats. Ihre Einberufung ist nicht in seiner Kompetenz. Der Oberst will bloss die Kontrahenten einander gegen\u00fcberstellen, um den Grund ihres Konflikts zu verstehen. Er l\u00e4sst deshalb Paulus von seinem Verliess in der Burg Antonia herunterf\u00fchren und vor sie treten. Dabei beobachtet er genau, was nun geschieht.<\/p>\n<p>In der Erz\u00e4hlung des Lukas \u00fcbernimmt Paulus sogleich die F\u00fchrung (V1). Er schaut seinen Gegnern ins Gesicht und spricht sie an. Seine Anrede mit \u00abBr\u00fcder\u00bb ist mutig, aber sie macht deutlich, dass er nicht die Konfrontation sucht. Wie bereits in seiner Apologie (Apg 22,1-21) steht im Zentrum, dass er sich als Jude unter Juden sieht. Und er f\u00fcgt an, dass er mit reinem Gewissen sein Leben vor Gott gef\u00fchrt hat bis zum heutigen Tag. Aus seiner Sicht k\u00f6nnte das Teilen von Gottes Gegenwart als Verbindung zwischen ihnen verstanden werden. Doch der Hohe Priester Ananias versteht die Aussage als Provokation (V2). Wie der j\u00fcdische Historiker <em>Josephus<\/em> berichtet, ist Ananias seit etwa 47\/48 im Amt und wird 59 vom r\u00f6mischen Prokurator Felix abgesetzt. Als der j\u00fcdische Krieg ausbricht, wird er von Zeloten als R\u00f6merfreund umgebracht. In der Situation vor dem Obersten inszeniert er sich als Autorit\u00e4t: Er befiehlt denen, die bei ihm stehen, Paulus auf den Mund zu schlagen. Offensichtlich sucht er nicht die Ann\u00e4herung, sondern die Verurteilung von Paulus.<\/p>\n<p>Doch Paulus h\u00e4lt ihm auf Augenh\u00f6he entgegen (V3). Wie er gerade schlagen l\u00e4sst, soll er von Gott geschlagen werden. Der Gedanke erinnert an j\u00fcdische Weisheit, dass auf den Verursacher zur\u00fcckf\u00e4llt, was er an Unrecht getan hat (vgl. Ps 7,16; 57,7; 141,10; Spr 26,27). Selbstbewusst bezeichnet er den Hohen Priester als get\u00fcnchte Wand. Auch damit erinnert er an ein Weisheitswort, das davon spricht, dass eine Wand, die bloss mit T\u00fcnche verputzt ist, bei Regen rasch einbricht (Ez 13,15). Hier belegt er seine Aussage damit, dass der Hohe Priester vorgibt, nach dem Gesetz \u00fcber Paulus zu richten, jedoch wider das Gesetz befiehlt, ihn zu schlagen. Der Hohe Priester mag mit Amt und W\u00fcrde auftreten. Doch diese \u00fcbert\u00fcnchen bloss seine Gesetzlosigkeit. Paulus setzt also auf Konfrontation.<\/p>\n<p>Diese provoziert nun allerdings einen weiteren Wortwechsel (VV4-5). Die Umstehenden verteidigen den Hohen Priester und werfen Paulus vor, diesen zu schm\u00e4hen. Sogleich macht Paulus einen R\u00fcckzieher. Erneut spricht er sie mit \u00abBr\u00fcder\u00bb an und behauptet, nicht gewusst zu haben, dass er Hoher Priester sei, und erneut pr\u00e4sentiert er sich als Jude, der sich bewusst ist, dass im Gesetz geschrieben steht, dass man einem F\u00fcrsten seines Volkes nicht fluchen soll (vgl. Ex 22,27). Paulus setzt also auf eine mutige Strategie. Als Gefangener des r\u00f6mischen Machtapparats und als Einzelperson, die der j\u00fcdischen Beh\u00f6rde gegen\u00fcbersteht, ist er klar in der schw\u00e4cheren Position. Doch er tritt seinen Kontrahenten auf Augenh\u00f6he entgegen und argumentiert mit ihren Gemeinsamkeiten: das Teilen von Gottes Gegenwart und das Halten des Gesetzes. Aus seiner Sicht ist der Konflikt unn\u00f6tig und k\u00f6nnte sogleich beigelegt werden. Der Oberst ist damit der Antwort auf seine Frage, was der Grund des Konflikts ist, keinen Schritt n\u00e4hergekommen.<\/p>\n<p>Die Besinnung heute auf diesen Predigttext l\u00e4sst uns \u00fcber jenen Mut nachdenken, der sich in demjenigen kristallisiert, der den Weg in Gottes Gegenwart geht. Was ist das f\u00fcr ein Mut, und was f\u00fcr ein Konfliktverhalten erm\u00f6glicht er?<\/p>\n<p>Es ist ein Mut, der sich der Autorit\u00e4t von Gottes Gegenwart verdankt und jede weltliche Autorit\u00e4t entzaubert. Sie sucht das Teilen des Moments auf Augenh\u00f6he und unterl\u00e4uft jedes Machtspiel, das sich an \u00c4usserlichkeiten und Propaganda orientiert. Obwohl Paulus in unserem Predigttext formal in der unterlegenen Position ist, l\u00e4sst er sich vom Auftritt der j\u00fcdischen Amtstr\u00e4ger nicht einsch\u00fcchtern. Er ergreift vielmehr sogleich das Wort und pr\u00e4sentiert sich ihnen gegen\u00fcber so wie er sich sieht: als einer, der sein Leben mit reinem Gewissen vor Gott lebt, bis zum heuten Tag. Die mutige Initiative wird zwar als Provokation verstanden und entsprechend quittiert. Doch sie demonstriert sofort die St\u00e4rke, in welcher Paulus spricht. Das Unterlaufen institutioneller Machtverh\u00e4ltnisse ist stets riskant. Die Gegenwart Gottes schafft einen Mut, der daf\u00fcr nicht blind ist, vor ihrem Zauber aber keine Angst hat (vgl. Apg 5,29).<\/p>\n<p>Solcher Mut ist nicht konfliktscheu, sondern bew\u00e4hrt sich in der Hitze des Gefechts. Verankert in der St\u00e4rke von Gottes Gegenwart und frei von Angst vor Eskalation, nutzt er den Angriff des Kontrahenten sogleich zum Gegenangriff. Die Schl\u00e4ge auf den Mund sind f\u00fcr Paulus der Impuls, dem Hohen Priester auf entsprechende Weise zu antworten. Er kritisiert ihn als get\u00fcnchte Wand und argumentiert genau mit dem Gesetz, auf das dieser seine Macht gr\u00fcndet. Der Mut, der in Gottes Gegenwart entsteht, nimmt wahr, was ihm entgegenkommt. Doch dies verleitet ihn nicht zur Flucht, sondern zu einer Aktion, die widersteht, indem sie ihre M\u00f6glichkeiten nutzt und ohne falsche Scheu selbst angreift. Solcher Mut tr\u00e4gt Konflikte aus, ist dabei jedoch hellwach, kontrolliert und im Kontakt mit dem, was hier und jetzt passiert. Seine Orientierung bleibt in jedem Moment die Gegenwart Gottes.<\/p>\n<p>Auf diese Weise ist solcher Mut situationsad\u00e4quat und frei von Eigendynamik. Der Mut der Gegenwart Gottes ist kein Selbstl\u00e4ufer, der nur sein Ziel verfolgt, aber den Weg aus dem Blick verliert. Als Paulus damit konfrontiert wird, dass er den Hohen Priester schm\u00e4ht, passt er sich sogleich an und betont erneut die gemeinsame Grundlage. F\u00fcr ihn ist klar, dass der Konflikt noch nicht gel\u00f6st ist und dass er parat f\u00fcr die Fortsetzung sein muss. Solches Konfliktverhalten bew\u00e4hrt sich auch heute in diplomatischen und kriegerischen Auseinandersetzungen \u2013 etwa f\u00fcr die Ukraine im russischen Angriffskrieg, indem sie weit besser als Russland agil, kreativ und anpassungsf\u00e4hig bleibt. Mut in Gottes Gegenwart ist nicht stur und engstirnig, sondern weiss um das Potential des Augenblicks. Er vergisst nicht, dass die L\u00f6sung des Konflikts nicht vorliegt, solange der Moment unter den Kontrahenten nicht geteilt wird, und er sucht deshalb jenen Weg, der diesen Moment n\u00e4herbringt. Solcher Mut k\u00e4mpft, aber er erkennt den andern, und er kennt sich selbst.<\/p>\n<p>Unsere Welt, wie sie sich gegenw\u00e4rtig zeigt, mag Unsicherheiten und \u00c4ngste wecken. Doch die Gegenwart Gottes gibt jeden Moment Mut \u2013 Mut, um Autorit\u00e4ten ohne falsche Scheu entgegenzutreten, Mut, um Konflikte auszutragen, Mut, um situationsad\u00e4quat zu bleiben und den Weg nicht aus dem Blick zu verlieren. Beten wir also, dass wir solchen Mut gewinnen und mit ihm den Weg in Gottes Gegenwart gehen. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 21. Juni 2026 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/0621-Apg-22.30-23.5.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da er aber genau in Erfahrung bringen wollte, weshalb dieser von den Juden angeklagt wurde, liess er ihm anderntags die Fesseln l\u00f6sen und befahl den Hohen Priestern und dem ganzen Hohen Rat, sich zu versammeln. Und er liess Paulus hinunterf\u00fchren und vor sie treten. 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