{"id":6132,"date":"2026-05-14T13:12:48","date_gmt":"2026-05-14T11:12:48","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/intuition\/"},"modified":"2026-05-26T06:50:02","modified_gmt":"2026-05-26T04:50:02","slug":"intuition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/intuition\/","title":{"rendered":"Intuition"},"content":{"rendered":"<p><em>Es geschah aber, als ich nach Jerusalem zur\u00fcckgekehrt war und im Tempel betete, dass ich in Ekstase geriet\u2002und ihn sah, wie er zu mir sprach: Beeile dich, geh sofort weg aus Jerusalem! Denn sie werden dein Zeugnis f\u00fcr mich nicht annehmen.\u00a0Und ich sagte: Herr, sie wissen doch, dass ich die, die an dich glauben, ins Gef\u00e4ngnis bringen und pr\u00fcgeln liess in den Synagogen. Und als das Blut des Stephanus, deines Zeugen, vergossen wurde, da stand ich selbst dabei, hiess alles gut und bewachte die Kleider derer, die ihn t\u00f6teten.\u00a0Doch er sagte zu mir: Brich auf, ich will dich in die Ferne zu den anderen V\u00f6lkern schicken. Apg 22,17-21<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Heute ist Auffahrt. Gottes Gegenwart offenbart sich als Geheimnis, das voll von Information ist. Wer mit diesem Geheimnis vertraut ist, entdeckt ein Potential, das mit allem, was es gibt, verbunden ist, ohne dass Raum und Zeit eine Rolle spielen. Doch dieses Potential offenbart sich im Hier und Jetzt. Es bleibt unbegrenzt, unfassbar und unverf\u00fcgbar, aber es manifestiert sich als Information des Moments. Die Geschichte von Auffahrt illustriert es (Apg 1,9-11). Der Auferstandene wird in den Himmel emporgehoben und geht in eine Wolke ein. Er, der Gottes nichtduale Gegenwart, das Zusammenfallen der Gegens\u00e4tze von Geburt und Tod, repr\u00e4sentiert, entschwindet dem menschlichen Blick. Aber sein Eingehen in die Wolke deutet an, dass das Geheimnis, das sich in der Gestalt der Wolke zeigt, jene Information von Nichtdualit\u00e4t ist, die bereits der Auferstandene offenbarte. Diese Information bleibt als Geheimnis der Wolke verborgen. Doch die beiden Engel machen deutlich, dass es sich unmittelbar offenbart. Ihre Botschaft interpretiert es. Wie der Auferstandene in den Himmel aufgenommen wurde, wird er zur\u00fcckkehren. Die Information des Geheimnisses bleibt nicht verborgen, sondern sie wird im konkreten Hier und Jetzt offenbar. Dieses mystische Ineinander vom Geheimnis der stillen Gegenwart Gottes und der Offenbarung seiner Information im Moment ist die Pointe, die es zu verstehen gilt.<\/p>\n<p>Offenbar steckt im Geheimnis der Gegenwart Gottes ein Potential, dessen Information sich nicht so leicht ergr\u00fcnden l\u00e4sst. Diese Information zeigt sich zwar ohne Wenn und Aber, unmittelbar, aus purer Gnade. Doch um mit ihr vertraut zu werden, muss der innere Fokus gekl\u00e4rt sein. Bin ich in der Stille meines Herzens verankert, l\u00f6sen sich Verstrickungen auf, und ich finde zu jener Authentizit\u00e4t, die entsteht, wenn ich nicht verkrampft versuche, mich selbst zu best\u00e4tigen, sondern unbefangen, frei und klar bin, wer ich hier und jetzt bin. Diese Pr\u00e4senz ist der Kanal f\u00fcr Intuition, spontane Erkenntnis, unmittelbare Gewissheit. Sie sch\u00f6pft aus jenem Potential, das Gottes stille Pr\u00e4senz von Liebe und Weisheit in allem, was es gibt, kennt, um Verschr\u00e4nkungen weiss, um das zeitgleiche Teilen von Informationen, um deren gleichzeitige Wirkung unabh\u00e4ngig von Raum und Zeit. Was sich davon offenbart, bleibt ein Geschenk. Doch um dieses Geschenk empfangen, auspacken und im eigenen Leben verarbeiten zu k\u00f6nnen, muss man mit dem Geheimnis von Gottes Gegenwart vertraut sein, sich auf dessen bedingungslose Freiheit einlassen und dessen Information vorbehaltlos wahrnehmen und akzeptieren.<\/p>\n<p>Unser Predigttext erz\u00e4hlt anschaulich und konkret von einem solchen Moment wacher Intuition. Versuchen wir an seinem Beispiel zu verstehen, wie sich das Geheimnis von Gottes stiller Gegenwart offenbart!<\/p>\n<p>Paulus spricht von ihm im Rahmen seiner Rede, die er in Jerusalem vor einer ihm feindlichen gesinnten j\u00fcdischen Zuh\u00f6rerschaft zu seiner Verteidigung h\u00e4lt. Nur knapp ist er ihrem Versuch, ihn zu lynchen, entgangen. Zu verdanken hat er seine Rettung der Intervention des r\u00f6mischen Obersten, der ihn zwar in Ketten legen l\u00e4sst, ihm damit aber auch das Leben rettet und ihm sogar die Erlaubnis gibt, seine Apologie zu halten. Paulus ergreift die Gelegenheit, um seine tiefe Verankerung im Judentum darzulegen. Als Jude wurde er erzogen, als Jude studierte er unter Rabbi Gamaliel, als Jude verfolgte er den neuen Weg der Christen. Als Jude erschien ihm allerdings auch der Auferstandene Jesus von Nazaret. Ein gewisser Ananias, der sich treu ans Gesetz hielt und von allen respektiert wurde, deutete ihm dieses Ereignis. So begriff er, dass dieses Ereignis seine Erleuchtung und Berufung ist, um als Zeuge f\u00fcr diesen Weg in Gottes bedingungslose Gegenwart einzutreten. Seine j\u00fcdische Zuh\u00f6rerschaft kann sein authentisches Zeugnis bis hierhin ohne aufzubegehren gelten lassen.<\/p>\n<p>Mit unserem Predigttext kommt Paulus indes auf ein weiteres Ereignis zu sprechen, das geschah, als er nach seinem Damaskuserlebnis nach Jerusalem zur\u00fcckkehrte. Im Bericht, den Lukas von den damaligen Ereignissen gab, wird dieses Ereignis nicht erw\u00e4hnt. Er erz\u00e4hlte bloss, dass Paulus den j\u00fcdischen T\u00f6tungsabsichten mit seiner raschen Flucht und der Unterst\u00fctzung von Leuten aus der Gemeinde vereitelt (Apg 9,29f). Jetzt, in der Verteidigungsrede, die er Paulus in den Mund legt, nimmt er es jedoch pointiert auf. Er erz\u00e4hlt n\u00e4mlich, dass Paulus beim Beten im Tempel in eine Ekstase geriet (V17). Das Ereignis als solches best\u00e4tigt zwar zun\u00e4chst dessen tiefe Verankerung im Judentum. Doch ihr Inhalt hat es in sich.<\/p>\n<p>Die Ekstase bringt Paulus zu einer Einsicht (V18a). Er sieht ihn, wie er zu ihm spricht. Der Name von Jesus wird hier genauso wenig erw\u00e4hnt wie zuvor im Bericht zur Deutung seiner Erleuchtung. F\u00fcr Paulus besteht jedoch kein Zweifel, dass es um jenen Jesus von Nazaret geht, der ihm in seiner Erleuchtung erschien und den er bis zu diesem Ereignis mit aller Kraft bek\u00e4mpfte. Nun aber gibt er ihm zu verstehen, was hier und jetzt geschehen muss (V18b). Paulus soll sich beeilen und Jerusalem sofort verlassen. Denn seine j\u00fcdischen Gegner nehmen sein Zeugnis f\u00fcr die Botschaft des auferstandenen Jesus nicht an. Die Folge ist so klar, dass sie gar nicht explizit erw\u00e4hnt werden muss: Sie werden versuchen, Paulus umzubringen. Die Begegnung mit dem Auferstandenen sorgt also daf\u00fcr, dass die Information zwischen seinen Gegnern und Paulus geteilt, Paulus gewarnt und zur Flucht aufgefordert wird.<\/p>\n<p>Diese unmittelbare Intuition erregt in Paulus zun\u00e4chst Widerstand (VV19f). Er bringt in Anschlag, wovon er bisher ausgegangen ist. Er weist den Auferstandenen darauf hin, dass seine Gegner doch wissen, dass er auf ihrer Seite stand. Wer an ihn glaubte, den liess er ins Gef\u00e4ngnis bringen und in den Synagogen verpr\u00fcgeln, und als das Blut von Stephanus vergossen wurde, dem Zeugen, der mit dem eigenen Blut bezahlte, war er dabei, hiess alles gut und bewachte die Kleider derer, die ihn t\u00f6teten. Paulus rekapituliert also, was f\u00fcr ihn stets gegolten hat, was er jetzt zu seiner Verteidigung nochmals festhalten will und was f\u00fcr alle Zukunft in Erinnerung bleiben soll: Er ist Jude und mit der j\u00fcdischen Perspektive bestens vertraut, auch wenn diese nun f\u00fcr den neuen Weg in die bedingungslose Gegenwart Gottes ge\u00f6ffnet ist.<\/p>\n<p>Die Reaktion, die er vom Auferstandenen erh\u00e4lt, \u00fcbergeht seinen Einwand und wiederholt die bereits erhobene Forderung (V21). Paulus soll aufbrechen und Jerusalem verlassen, und er gibt ihm zu verstehen, dass er ihn in die Ferne zu den anderen V\u00f6lkern schickt. Indem Paulus diese Botschaft zu seiner Verteidigung aufgreift, begr\u00fcndet er zun\u00e4chst sein Engagement f\u00fcr die Heiden. Zugleich h\u00e4lt er fest, dass derjenige, der ihm in seiner Ekstase beim Beten im Tempel begegnet ist, die \u00d6ffnung des j\u00fcdischen Glaubens f\u00fcr den neuen Weg angeordnet hat. Bek\u00e4mpfen seine Zuh\u00f6rer diesen Weg, bek\u00e4mpfen sie also die bedingungslose Gegenwart Gottes. Doch weshalb konfrontiert er sie jetzt mit dieser Botschaft? Indem er dies tut, f\u00e4llt er in sein altes Muster zur\u00fcck und verstrickt sich erneut in den Widerspruch, den er schon damals gegen\u00fcber dem Auferstandenen erhoben hat.<\/p>\n<p>Die Fortsetzung erz\u00e4hlt, dass die Zuh\u00f6rer die Spitze seiner Aussage ganz genau verstanden haben (VV22ff). Sie sind nicht l\u00e4nger bereit, Paulus zuzuh\u00f6ren, erheben ihre Stimme und fordern so heftig seinen Tod, dass der Oberst befiehlt, Paulus in die Kaserne abzuf\u00fchren, zu geisseln und ins Verh\u00f6r zu nehmen.<\/p>\n<p>Besinnen wir uns heute, an Auffahrt, auf diesen Bibeltext, werden wir an jene Intuition erinnert, die im Geheimnis von Gottes Gegenwart erwacht. Was ist das f\u00fcr eine Intuition?<\/p>\n<p>Es ist eine Intuition, die unmittelbare Gewissheit schafft. Sie verdankt sich keiner Argumentation oder logischen Begr\u00fcndung und l\u00e4sst sich aus den Umst\u00e4nden nicht ableiten. Solche Intuition weiss mehr als der Verstand. Sie schl\u00e4gt als Option unmittelbar ein. In unserem Predigttext ist Paulus im Tempel am Beten. Er ger\u00e4t in eine Ekstase, die ihn in das Geheimnis von Gottes Gegenwart entr\u00fcckt. Dessen Information zeigt sich ihm in derjenigen Gestalt, die ihm in seiner Erleuchtung begegnet ist, die er als Autorit\u00e4t akzeptiert und die ihm die empfangene Information beglaubigt. Er ist in die Information vom Geheimnis von Gottes Gegenwart eingeloggt, in welcher alles mit allem verbunden ist, sich ihm aber im Hier und Jetzt mit unmittelbarer Gewissheit offenbart. Wer eine solche Information intuitiv empf\u00e4ngt, ist von ihr \u00fcberw\u00e4ltigt. Sie ist zwar zun\u00e4chst die zuf\u00e4llige Einsicht in das Wahrscheinlichkeitsfeld des Moments. Insofern ist eine intuitive Erkenntnis nicht mehr als eine Option, die in ihrer Tauglichkeit f\u00fcr die konkrete Situation kritisch \u00fcberpr\u00fcft und validiert werden muss. Ist die Intuition indes im Geheimnis der Gegenwart Gottes erwacht, ist ihre Information unabh\u00e4ngig von Ort und Zeit bereits Wirklichkeit. Geist und Materie, geistige Einsicht und materielle Fassbarkeit fallen in eins. Denken und Tun sind nicht getrennt, sondern zwei Seiten desselben. Die Gewissheit dieser Intuition ist unmittelbare Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Dennoch irritiert ihre Unmittelbarkeit. Die Intuition, die im Geheimnis der Gegenwart Gottes erwacht, ist zwar bereits Wirklichkeit, und ihre Gewissheit wirkt. Was indes als Intuition bereits offensichtlich ist, kann derart irritierend sein, dass es bek\u00e4mpft und \u00fcbersteuert, verdr\u00e4ngt und verleugnet wird. Paulus tut sich mit seiner intuitiven Erkenntnis schwer. Auch wenn sie f\u00fcr ihn weder irrational noch unm\u00f6glich ist, so widerspricht sie doch seiner Vorstellung der Situation. Er ist als Eiferer f\u00fcr das j\u00fcdische Gesetz und als engagierter K\u00e4mpfer gegen den neuen Weg bestens bekannt, und deshalb sollte allen klar sein, dass er f\u00fcr den j\u00fcdischen Weg einsteht und nicht leichtfertig den neuen Weg begeht. Entsprechend argumentiert er gegen die Gewissheit seiner Intuition. Sein Widerstand ist nachvollziehbar. Wenn die Intuition im Geheimnis von Gottes Gegenwart mit ihrer Information erwacht, ist dies zun\u00e4chst eine Konfrontation der gewohnten Bahnen von Denken, F\u00fchlen und Handeln. Wie sollen Geist und Materie oder Denken und Tun dasselbe sein? Doch sie wirkt, auch wenn sie \u00fcbergangen wird, und sie fordert Beachtung, bis sie ehrlich und authentisch anerkannt worden ist.<\/p>\n<p>Schliesslich bew\u00e4hrt sich, die Intuition, die in Gottes Gegenwart erwacht, ernst zu nehmen und zu beachten. Sie hat eine Information, die \u00fcber den Verstand hinausgeht, und sie kennt jene Wirklichkeit, die schon ist, bevor sie intellektuell nachvollzogen und verarbeitet ist. Paulus hat es seinerzeit erlebt. Weil er auf die Information geh\u00f6rt hat, die in ihm intuitiv erwacht ist, und deshalb sogleich aus Jerusalem geflohen ist, hat er sich dem j\u00fcdischen T\u00f6tungsversuch entziehen k\u00f6nnen. Ebenso hat er verwirklicht, was er damals intuitiv begriffen hat: Er ist in die Ferne zu den anderen V\u00f6lkern gezogen und hat seine grosse Mission f\u00fcr den Weg in die bedingungslose Gegenwart Gottes erfolgreich durchgef\u00fchrt. Demgegen\u00fcber \u00fcbergeht er jetzt, in seiner Verteidigungsrede, seine Intuition und nimmt das Risiko auf sich, seine j\u00fcdische Zuh\u00f6rerschaft mit der Beglaubigung, die seine Mission tr\u00e4gt, zu konfrontieren. Dies ist nicht erfolgreich und f\u00fchrt erneut zum Widerstand gegen ihn. Die Intuition, die sich am Geheimnis von Gottes Gegenwart orientiert, ist erf\u00fcllt von Liebe und Weisheit. Auf sie zu h\u00f6ren, bew\u00e4hrt sich, auf sie nicht zu h\u00f6ren bew\u00e4hrt sich nicht. Es gibt deshalb allen Grund, dieser Intuition zu vertrauen und sich von ihr leiten zu lassen.<\/p>\n<p>Heute ist Auffahrt. Heute erinnern wir uns an jene Information, die in der geheimnisvollen Wolke von Gottes Gegenwart geborgen ist. Diese Erinnerung motiviert dazu, uns f\u00fcr jene Intuition zu \u00f6ffnen, die im Geheimnis des Moments steckt. Diese Intuition offenbart, was bereits Wirklichkeit ist, sie mag zwar irritieren, doch auf sie zu h\u00f6ren, bew\u00e4hrt sich. Beten wir also, dass wir mit dieser Intuition\u00a0vertraut werden und den Weg in Gottes Gegenwart gehen, den sie uns weist. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 14. Mai 2026 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/0514-Apg-22.17-21.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geschah aber, als ich nach Jerusalem zur\u00fcckgekehrt war und im Tempel betete, dass ich in Ekstase geriet\u2002und ihn sah, wie er zu mir sprach: Beeile dich, geh sofort weg aus Jerusalem! 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