{"id":6096,"date":"2026-04-19T13:37:27","date_gmt":"2026-04-19T11:37:27","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/fokus\/"},"modified":"2026-04-21T13:44:17","modified_gmt":"2026-04-21T11:44:17","slug":"focus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/focus\/","title":{"rendered":"Focus"},"content":{"rendered":"<p><em>Als nun Paulus in die Kaserne hineingef\u00fchrt werden sollte, sagte er zu dem Oberst: Darf ich etwas zu dir sagen? Der erwiderte: Du sprichst Griechisch?\u00a0Du bist also nicht der \u00c4gypter, der vor einiger Zeit einen Aufstand angezettelt und die viertausend Sikarier in die W\u00fcste hinausgef\u00fchrt hat?\u00a0Paulus sagte: Ich bin ein Jude, aus Tarsus in Kilikien, und B\u00fcrger dieser nicht unbedeutenden Stadt. Ich bitte dich, gestatte mir, zum Volk zu sprechen.\u2002Nachdem er die Erlaubnis erhalten hatte, stellte sich Paulus auf die Stufen der Treppe, und mit einer Handbewegung gebot er dem Volk zu schweigen. Da wurde es still, und er redete sie in ihrer Sprache an und sagte auf Hebr\u00e4isch: Apg 21,37-40<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Osterzeit hat begonnen, und die Erinnerung an den Auferstandenen ist geweckt. Diese Erinnerung ist viel mehr als die Vergegenw\u00e4rtigung eines historischen Ereignisses. Es ist die Erinnerung an Gottes Gegenwart in unserm nichtdualen Selbst. Die Geschichte von der Auferstehung des Gekreuzigten weist gleichnishaft darauf hin. Gott ist im Auferstandenen anders gegenw\u00e4rtig als an Weihnachten oder an Karfreitag. Auch Geburt und Tod offenbaren Aspekte von Gottes Gegenwart. Doch Ostern deutet an, dass Gott nicht nur in diesem oder jenem gegenw\u00e4rtig ist, nicht nur in Freud und Leid, nicht nur im greifbaren Etwas oder im ungreifbaren Nichts, sondern jenseits von allen Gegens\u00e4tzen als unmittelbare Gegenwart, als Essenz des Hier und Jetzt, oder eben als nichtduales Selbst des Menschen, ja aller Materie. Die Erinnerung an den Blitz dieser Unmittelbarkeit verweist auf das Potential, das Gottes Gegenwart birgt, und sie motiviert dazu, es zu erforschen und auf dieser Welt Wirklichkeit werden zu lassen. Die Erinnerung an Ostern ist viel mehr als ein Blick in die Vergangenheit: Sie ist die Aufforderung, das, was sie andeutet, in Gottes Gegenwart zu suchen und die Antwort auf die Frage, die mit der Ostergeschichte gestellt ist, hier und jetzt selbst zu finden.<\/p>\n<p>Wer sich darauf einlassen will, muss den Fokus von Gottes Gegenwart kennen. Jeder Augenblick bietet eine F\u00fclle von Reizen \u2013 in der heutigen Flut von Informationen erst recht. Ohne Fokus bin ich wie ein junger Hund. Meine Aufmerksamkeit ist bald hier und bald dort und irrt ununterbrochen vom einen zum andern. So bin ich zwar im Moment, so werde ich jedoch von jedem neuen Moment mitgerissen, verliere mich in der Zeit und finde keinen Zugang zum Geheimnis des Moments. Was also ist der Fokus, der mich so zentriert, dass ich in der Gegenwart Gottes ankomme? Der Hilfsmittel sind viele. Der zentrale Fokus aber ist die Stille im Herzen. Die Stille im Herzen ist jenseits von Puls und Ruhe, und doch mitten darin. Sie offenbart die unmittelbare Freiheit von Gottes Gegenwart, durchdringt den K\u00f6rper von Kopf bis Fuss bis in die feinsten \u00c4derchen hinein. In der Stille des Herzens wird der Moment integral und umfassend vernehmbar, wie er ist. Ist diese Stille im Herzen gegenw\u00e4rtig, nimmt das Herz vorbehaltlos wahr, und es akzeptiert vorbehaltlos, was es wahrnimmt \u2013 Nahes und Fernes, Freudiges und Leidvolles, Erl\u00f6stes und Verstricktes. Und genau damit wirkt es Wunder. Indem es wahrnimmt und das Wahrgenommene akzeptiert, geschieht Ver\u00e4nderung. Es erkennt, was werden will, ist mit Liebe und Weisheit im Flow, erfasst intuitiv, was es zu tun hat, und ist ruhig und klar bei dem, was es hier und jetzt tut. Ist die Aufmerksamkeit auf die Stille im Herzen fokussiert, geschieht das Teilen von Gottes Gegenwart mit Leichtigkeit, und auf einmal geschieht \u00dcberraschendes.<\/p>\n<p>Unser Predigttext erz\u00e4hlt auf exemplarische Weise, was sich ereignen kann, wenn der Fokus auf die Stille im Herzen gekl\u00e4rt ist und Gott gegenw\u00e4rtig wird.<\/p>\n<p>Ihm geht eine dramatische Szene voraus. Paulus ist auch hier Protagonist. Das Thema seiner grossen Mission \u2013 die Verbundenheit von Juden und Heiden in der bedingungslosen Gegenwart Gottes \u2013 hat ihn nach Jerusalem gef\u00fchrt. Doch als er beim Herumgehen in der Stadt von Juden aus der Gegend von Ephesus erkannt wird, kommt es zum Tumult. Seine j\u00fcdischen Gegner wittern ihre Chance, Paulus endlich aus dem Weg zu r\u00e4umen. Sie schleppen ihn zum Tempel hinaus und machen sich daran, ihn zu lynchen. Nur das dezidierte Auftreten des r\u00f6mischen Obersten und seiner Soldaten verhindert, dass sie ihr Ziel erreichen. Der Oberst versteht zwar, dass Paulus der Anlass des Tumults ist, doch gelingt ihm im L\u00e4rm nicht, den Grund der Aufregung in Erfahrung zu bringen. Er befiehlt deshalb, Paulus in Ketten zu leben und in die Kaserne zu bringen, ihn damit aber auch vor der w\u00fctenden Menge zu sch\u00fctzen. Paulus, um den sich alles dreht, ist bei all dem v\u00f6llig still und tritt als Handelnder nicht in Erscheinung (Apg 21,27-36). Dies \u00e4ndert sich jedoch in unserem Predigttext.<\/p>\n<p>Als n\u00e4mlich die Soldaten daran sind, Paulus \u00fcber die Treppe hinauf zur Kaserne zu bringen, gelingt ihm, den Obersten anzusprechen (V37). Er tut dies in elegantem Griechisch und mit ausgesuchter H\u00f6flichkeit. Das Vorgehen bew\u00e4hrt sich. Der Oberst ist \u00fcberrascht, dass er Griechisch spricht und wird nachdenklich. Er hatte n\u00e4mlich eine Vermutung, wen er vor sich hat, bekommt nun aber Zweifel, dass sie zutrifft, und sieht sich aufgrund der Art und Weise, wie ihn Paulus anspricht, gen\u00f6tigt, sie zu \u00fcberpr\u00fcfen (V38). Er fragt ihn, ob er nicht jener \u00c4gypter sei, der vor einiger Zeit einen Aufstand angezettelt und viertausend Sikarier in die W\u00fcste hinausgef\u00fchrt habe. Das Ereignis, auf das er Bezug nimmt, wird vom j\u00fcdischen Historiker <em>Josephus<\/em> berichtet (Antiquitates Judaicae XX 169; Bellum Judaicum II 261-263f). Dieser erz\u00e4hlt, dass ein \u00e4gyptischer Jude im Lande Anh\u00e4nger sammelte und diese zuerst in die W\u00fcste und dann auf den \u00d6lberg f\u00fchrte. Dort wollte er die Mauern Jerusalems \u2013 wie einst Josua die Mauern Jerichos \u2013 einst\u00fcrzen lassen. Erst das Einschreiten der R\u00f6mer setzte dem Aufstand ein Ende. Der \u00c4gypter verschwand auf geheimnisvolle Weise, doch die Sikarier (von lateinisch sicarii = Dolchm\u00e4nner), also die j\u00fcdischen Terroristen, blieben. Mit diesen Ereignissen vertraut, vermutet der Oberst zun\u00e4chst, er habe nun jenen \u00c4gypter vor sich. Doch weil er unterstellt, dass dieser nicht Griechisch spricht, Paulus ihn jedoch in dieser Sprache und auf gepflegte Art anspricht, kommen ihm die Zweifel.<\/p>\n<p>Paulus ergreift die Gelegenheit und erkl\u00e4rt sich (V39). Selbstbewusst, aber ohne jede \u00dcberheblichkeit, gibt er ihm zu verstehen, dass er ein Jude und B\u00fcrger der nicht unbedeutenden Stadt Tarus sei. Als solcher hat er eine Bitte an den Obersten: Er m\u00f6chte zu der Menge sprechen. Der Oberst steigt darauf ohne Z\u00f6gern ein (V40). Er l\u00e4sst sich von der w\u00fctenden Menge nicht beeindrucken, sieht keinen Grund, Paulus m\u00f6glichst rasch in der Kaserne in Sicherheit zu bringen und glaubt offenbar an die M\u00f6glichkeit, dass Paulus in der Lage ist, die Menge zum Zuh\u00f6ren zu bringen. Nachdem ihm der Oberst die Redeerlaubnis erteilt hat, stellt sich Paulus auf die Stufen der Treppe und gebietet dem Volk mit der Geste des Rhetors zu schweigen. Und tats\u00e4chlich werden die Leute still, und er spricht sie auf Hebr\u00e4isch, also in ihrer aram\u00e4ischen Umgangssprache, an. Historisch mag dieser Erfolg von Paulus zweifelhaft sein. Doch f\u00fcr Lukas gibt es keine Zweifel: Die Stille im Herzen von Paulus wirkt, st\u00e4rkt die Souver\u00e4nit\u00e4t des Obersten, beruhigt die Situation und deeskaliert den Tumult. Die Fortsetzung erz\u00e4hlt dann, wie Paulus zu einer l\u00e4ngeren Verteidigungsrede anhebt, in welcher er einerseits seine N\u00e4he zur j\u00fcdischen Zuh\u00f6rerschaft heraushebt, diese andererseits aber damit konfrontiert, dass er als Jude vom Gerechten \u2013 den Namen \u00abJesus\u00bb vermeidet er \u2013 beauftragt wurde, die bedingungslose Gegenwart Gottes auch mit den Heiden zu teilen (Apg 22,1-21).<\/p>\n<p>Die Besinnung auf diesen Predigttext jetzt, in der Osterzeit, l\u00e4sst uns dar\u00fcber nachdenken, wie Gottes Gegenwart mit dem gekl\u00e4rten Fokus auf die Stille im Herzen wirkt. Was also gibt er uns zu bedenken?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst illustriert er, was die Geschichte von der Auferstehung des Gekreuzigten gleichnishaft in Erinnerung ruft: Gott ist im nichtdualen Selbst des Menschen jeden Moment gegenw\u00e4rtig. Ist der Fokus auf Gottes Stille im Herzen gekl\u00e4rt, kann die Potentialit\u00e4t, die darin steckt, im Hier und Jetzt Wirklichkeit werden. Paulus ist davon seit seinem Damaskuserlebnis geleitet. In seiner Verteidigungsrede, die er gleich an die w\u00fctende Menge richten wird, wird er darauf Bezug nehmen (Apg 22,6-11). Erf\u00fcllt von Gottes stiller Gegenwart im Herzen hat er seine grosse Mission unternommen, jeden Moment ge\u00fcbt und keine pers\u00f6nlichen Opfer gescheut. So gefestigt in jenem Selbst, das er in Gottes Gegenwart ist, ist er schliesslich sehenden Auges das Risiko eines erneuten Besuchs in Jerusalem eingegangen. Ist der Fokus auf Gottes Stille im Herzen gekl\u00e4rt, ist die Gnade von Gottes bedingungsloser Freiheit in Gl\u00fcck und Pech, Freud und Leid, Erfolg und Misserfolg st\u00e4ndig gegenw\u00e4rtig. Ob in Bewegung oder Ruhe, beim Musikzieren oder Schreiben, in einer schwierigen Sitzung oder einem privaten Gespr\u00e4ch \u2013 mit der entsprechenden \u00dcbung kann er in jeder Situation gesetzt werden. Ein solcher Fokus gibt pers\u00f6nliche Souver\u00e4nit\u00e4t, um das Hier und Jetzt wahrzunehmen und anzuerkennen, wie es ist, ein solcher Fokus verstrickt sich nicht in die Umst\u00e4nde, sondern sucht mit Liebe und Weisheit, was sich im Moment bew\u00e4hren k\u00f6nnte, und setzt darauf, dass es Wirklichkeit wird. Der gekl\u00e4rte Fokus auf die Stille im Herzen erm\u00f6glicht, dass die Erinnerung an das, was die Geschichte von der Auferstehung des Gekreuzigten erz\u00e4hlt, im Hier und Jetzt zur Erfahrung wird.<\/p>\n<p>Die Stille im Herzen hat ihr Momentum. Wer auf sie fokussiert ist, rennt nicht gegen die Wirklichkeit an und versucht nicht zu \u00e4ndern, was nicht zu \u00e4ndern ist. Er hat Ruhe, Geduld und Aufmerksamkeit, jenen Moment zu erwischen, in welchem mit geringstem Aufwand die beste Wirkung erzielt wird. Als der Tumult gegen ihn eskaliert, muss Paulus mit seiner Ermordung rechnen und sich dem Lauf der Dinge ergeben. Als jedoch der Oberst mit seinen Soldaten auftritt und ihn in Gewahrsam nimmt, ergreift er seine Chance, um mit ihm in Kontakt zu treten und f\u00fcr sich einzustehen. Die Stille im Herzen gibt ihm Unbefangenheit, Mut und Sensibilit\u00e4t, um den Tumult hinzunehmen, aber auch, um gegen\u00fcber dem Obersten den Ton zu treffen und mit ihm den Moment zu teilen. Sein Aufwand ist minimal. Ein gekl\u00e4rter Fokus auf die Stille im Herzen l\u00e4sst sich vom L\u00e4rm, den die Angst vor Misserfolg oder die Sehnsucht nach Erfolg verursachen, nicht verf\u00fchren. Wer seinen Fokus in der Stille seines Herzens gefunden hat, bleibt vielmehr in der unmittelbaren Freiheit der Gegenwart Gottes, nimmt hin, was nicht zu \u00e4ndern ist, aber ergreift die Chance, die sich bietet. Die Stille im Herzen erkennt und anerkennt den Moment, und sie motiviert dazu, das Momentum zu nutzen.<\/p>\n<p>Schliesslich schafft ein gekl\u00e4rter Fokus auf die Stille im Herzen Vertrauen. Ist das Momentum gegeben, kann dieses Vertrauen wachsen und sich vom Menschen, von dem es ausgeht, \u00fcber Raum und Zeit verstr\u00f6men und einen Boden schaffen, auf welchem sich Konflikte entspannen und kreative L\u00f6sungen entstehen. Als der Tumult eskalierte und eine Eigendynamik entwickelte, wurde die Stille im Herzen von Paulus vom L\u00e4rm \u00fcbersteuert und blieb wirkungslos. In der \u00fcberhitzen und dauererregten Zeit von heute ist dies bestens nachvollziehbar. Doch im Moment, in welchem sich der Oberst auf Paulus einl\u00e4sst, beginnt dessen Stille im Herzen zu wirken. Sie schafft beim Obersten Vertrauen, und mit ihm im R\u00fccken, l\u00e4sst sich auch die aufgebrachte Menge auf Paulus ein. Die Aufregung legt sich, und Paulus kann seine Rede halten. Die Geschichte mag eine Legende sein, doch ihre Botschaft ist dennoch realistisch: Ist die Stille im Herzen eines Menschen gut verk\u00f6rpert, wirkt sie auf alle, die bereit sind, sich auf sie einzulassen. Sie schafft Vertrauen, Verbundenheit und die Chance f\u00fcr einen gemeinsamen n\u00e4chsten Schritt. Wer auf sie setzt, gewinnt Vertrauen und l\u00e4sst sich von ihr leiten. Ist der Fokus auf die Stille im Herzen gekl\u00e4rt, wirkt bereits diese Pr\u00e4senz. Ich lasse mich von dem, was gerade geschieht, nicht verwirren und vertraue, dass mein Moment kommt, in welchem durch mich mit minimalem Aufwand sogar Unwahrscheinliches geschieht und \u00dcberraschendes Wirklichkeit wird.<\/p>\n<p>Die Erinnerung an die Auferstehung des Gekreuzigten jetzt, in der Osterzeit, ist eine Ermutigung, den Fokus der Gegenwart Gottes zu kl\u00e4ren und in der Stille des eigenen Herzens anzukommen. Auf diese Weise entstehen bedingungslose Freiheit f\u00fcr die Wirklichkeit, wie sie hier und jetzt ist, Wachheit f\u00fcr das Teilen des Moments und Vertrauen in gemeinsame L\u00f6sungen. Beten wir also, dass wir wissen, wo wir unsere Aufmerksamkeit sammeln, und dass wir auf die Stille in unserem Herzen fokussiert bleiben. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 19. April 2026 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/0419-Apg-21.37-40.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als nun Paulus in die Kaserne hineingef\u00fchrt werden sollte, sagte er zu dem Oberst: Darf ich etwas zu dir sagen? 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