{"id":6066,"date":"2026-04-03T13:30:47","date_gmt":"2026-04-03T11:30:47","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/erinnerung\/"},"modified":"2026-04-05T12:22:21","modified_gmt":"2026-04-05T10:22:21","slug":"reminder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/reminder\/","title":{"rendered":"Reminder"},"content":{"rendered":"<p><em>Sie waren schon dabei, ihn zu t\u00f6ten, als den Oberst der Kohorte die Meldung erreichte, dass ganz Jerusalem in Aufruhr sei.\u2002Dieser nahm sofort Soldaten und Hauptleute mit sich und eilte zu ihnen hinab. Als sie den Oberst und die Soldaten sahen, h\u00f6rten sie auf, Paulus zu schlagen.\u2002Der Oberst, als er dann da war, liess ihn festnehmen und befahl, ihn mit zwei Ketten zu fesseln; dann erkundigte er sich, wer das sei und was er getan habe. Aus der Menge schrien die einen dies, die anderen das. Da er bei dem L\u00e4rm nichts Zuverl\u00e4ssiges in Erfahrung bringen konnte, befahl er, ihn in die Kaserne zu bringen.\u2002Als dieser aber an die Freitreppe kam, musste er von den Soldaten getragen werden, denn das Volk wurde gewaltt\u00e4tig. Die Volksmenge lief hinterher und schrie: Weg mit ihm! Apg 21,31-36<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Karfreitag ist <em>der<\/em> Moment der Erinnerung an Gottes stille Gegenwart. An Karfreitag zeigt sich diese Stille in ihrer ganzen, unheimlich unfassbaren Unmittelbarkeit. Der Vorhang im Tempel zerreisst von oben bis unten (Mk 15,38parr). Gott ist unmittelbar gegenw\u00e4rtig. Doch seine unmittelbare Gegenwart offenbart sich nicht als Dies oder Das, nicht als Gut oder B\u00f6se, nicht als Leben oder Tod, sondern als bedingungslose Freiheit, die die Kreuzigung nicht verhindert und den Dingen ihren Lauf l\u00e4sst. Sie schafft weder Recht und Gerechtigkeit noch sorgt sie daf\u00fcr, dass ihre Fairness geteilt wird (Mk 15,6-15parr). Die Stille von Gottes Gegenwart an Karfreitag erinnert an beides: an die bedingungslose Freiheit des Augenblicks, und zugleich an Leid und Schmerz, die entstehen, indem genau sie missbraucht und ausgenutzt wird, das St\u00e4rkere sein eigenes Recht durchsetzt und die Fairness mit F\u00fcssen getreten wird.<\/p>\n<p>Damit aber \u00f6ffnet sie eine unersch\u00f6pfliche und subversive Erkenntnisquelle: Die Stille von Karfreitag bringt in Erinnerung, was vom L\u00e4rm der Welt \u00fcbersteuert, verdr\u00e4ngt und ignoriert wird. Sie tut dies nicht mit lauter Geb\u00e4rde und aktivistischem Geschrei, sie tut dies einzig und allein mit ihrer stillen Pr\u00e4senz. Diese stille Pr\u00e4senz ist die Freiheit, die den L\u00e4rm des Alltags und das Rauschen der t\u00e4glichen Flut von Informationen unterl\u00e4uft und empfindsam ist f\u00fcr das Klagen des Unerl\u00f6sten und das Seufzen der Sch\u00f6pfung (R\u00f6m 8,22). In ihr wird das Schreien derer, die unter Gewaltregimen leiden, h\u00f6rbar. Die stille Pr\u00e4senz Gottes bringt aktuelles und nahes, aber ebenso vergangenes und entferntes Leiden zu Ohren. Sie l\u00e4sst den Schmerz der Ungeh\u00f6rten, der in ihrer Freiheit Verst\u00fcmmelten, der in ihrer Verstrickung Gefangenen ins Herz dringen, und sie weckt die Motivation, dem Geh\u00f6rten Geh\u00f6r zu verschaffen und Anerkennung zu geben. Die Freiheit von Gottes stiller Gegenwart kann missbraucht und missachtet werden, doch sie h\u00e4lt die Erinnerung wach, und diese Erinnerung ist Widerstand und das Zeichen ihrer Wirksamkeit hier und jetzt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Unser Predigttext handelt genau davon, indem er eine Episode aus dem Leben von Paulus in Erinnerung ruft. Was berichtet er?<\/p>\n<p>Die Situation ist dramatisch. Paulus ist mit einer Delegation von Vertretern der von ihm gegr\u00fcndeten Gemeinden nach Jerusalem gereist. Als er mit einem von ihnen, dem Epheser Trophimus, durch die Gassen Jerusalems geht, wird er von Juden, die ihn von Ephesus kennen, erkannt. Sie bringen das ganze Volk in Aufruhr und rufen die Israeliten vor Ort um Hilfe. Ihre Anklage gegen Paulus ist massiv. Die ganze Stadt kommt in Aufregung, Paulus wird ergriffen, aus dem Tempel geschleppt, die Tore werden hinter ihm geschlossen, und ihm wird jede M\u00f6glichkeit genommen, in den Tempel zur\u00fcckzufl\u00fcchten. Die Absicht ist klar: Paulus soll an Ort und Stelle gelyncht werden (Apg 21,27-30).<\/p>\n<p>An dieser Stelle setzt unser Predigttext ein. Die Menge ist bereits daran, Paulus zu t\u00f6ten, als der Oberst vernimmt, dass ganz Jerusalem in Aufruhr sei (V31). Die Nordwestecke des Tempelplatzes wird von der Burg Antonia \u00fcberragt. Sie dient als Kaserne einer etwa 1000 Mann starken r\u00f6mischen Kohorte. Von dort wird die Unruhe auf dem Tempelplatz rasch erkannt. Der Oberst \u2013 er ist Tribun und heisst, wie sp\u00e4ter berichtet wird (Apg 23,26), Claudius Lysias \u2013 interveniert unverz\u00fcglich (V32). Er nimmt Hauptleute und Soldaten mit sich und eilt zum Tumult hinab. Als die Menge die R\u00f6mer kommen sieht, h\u00f6rt sie auf, Paulus zu schlagen. Der Oberst beh\u00e4lt auch jetzt die F\u00fchrung (V33). Er l\u00e4sst Paulus festnehmen und mit zwei Ketten fesseln. Er signalisiert der Menge auf diese Weise, dass er verstanden hat, dass Paulus als \u00dcbelt\u00e4ter betrachtet wird. Zugleich versucht er, Ruhe in das entfesselte Geschehen zu bringen. Er erkundigt sich, wer das sei und was er getan habe. Das jedoch misslingt (V34). Aus der Menge schreien die einen dies und die andern das. Der L\u00e4rm ist so gross, dass f\u00fcr ihn unm\u00f6glich ist, etwas Zuverl\u00e4ssiges in Erfahrung zu bringen. Er befielt deshalb, Paulus in die Kaserne zu bringen. Anders als Pilatus, der Jesus der entfesselten Menge \u00fcberl\u00e4sst (Mk 15,15parr), wird hier Paulus vom Oberst und seine Soldaten gerettet (V35). Die Ank\u00fcndigung des Agabus erf\u00fcllt sich (Apg 21,11), doch dass Paulus gefesselt und den Heiden \u00fcbergeben wird, ist seine Rettung. Als er schliesslich in die Burg Antonia abgef\u00fchrt wird, eskaliert der Tumult noch einmal. Das Volk wird gewaltt\u00e4tig, und die Soldaten m\u00fcssen den gefesselten und geschlagenen Paulus die Treppen hochtragen und vor der Menge sch\u00fctzen. Die Stimmung bleibt geladen (V36). Die Volksmenge l\u00e4uft hinter den Soldaten her und schreit: Weg mit ihm!<\/p>\n<p>Aus Sicht des Lukas ist dies eine Z\u00e4sur in der Geschichte Jerusalems. In Jerusalem hat der Auferstandene seine Verheissung gemacht, dass das Evangelium von hier bis an die Enden der Erde ausgeht (Apg 1,8). In Jerusalem hat das Pfingstwunder dieser Verheissung kurz darauf Fl\u00fcgel gegeben (Apg 2). Nun aber lehnt Jerusalem Paulus, den Zeugen Jesu, ab, und die Geschichte nimmt mit der Intervention der R\u00f6mer eine unerwartete Wendung. Die Verheissung des Auferstandenen wird damit nicht relativiert. Die Gegenwart Gottes, die alle Menschen, die ganze Welt, ja das ganze Universum miteinander verbindet, bleibt mit ihrer bedingungslosen Freiheit jeden Moment unmittelbar gegenw\u00e4rtig. Doch Jerusalem erinnert nun nicht mehr nur an diese Freiheit, sondern ebenso an deren Missbrauch. Der Bruch zwischen Jerusalem und der Verheissung Jesu ist damit f\u00fcr Lukas geschehen. Die christliche Gemeinde in Jerusalem hat ihre Bedeutung verloren. Auf sie kommt er nicht mehr zu sprechen. Doch die Erinnerung an die Ablehnung von Paulus durch Jerusalem und die Intervention der R\u00f6mer macht aus seiner Sicht ebenso deutlich, dass diese Geschichte nicht abgeschlossen, sondern offen ist.<\/p>\n<p>Heute ist Karfreitag. Heute erinnern wir uns an die Stille der Gegenwart Gottes im Moment der Kreuzigung Jesu. Und heute erinnern wir uns an diese Stille Gottes in all den leidvollen Geschichten, die auf dieser Welt geschehen. Was gibt uns unser Predigttext hierzu zu bedenken?<\/p>\n<p>Zuerst erinnert er daran, dass die Stille von Gottes Gegenwart die Freiheit zum Wahrnehmen des Hier und Jetzt ist. Wer mit dieser Stille vertraut ist, ist frei, um klar und aufmerksam wahrzunehmen, was im Moment geschieht. In unserem Predigttext scheint Gott v\u00f6llig abwesend. Mit keiner Silbe wird er erw\u00e4hnt, und der T\u00f6tungsversuch nimmt seinen Lauf, als ob Gott nicht gegenw\u00e4rtig w\u00e4re. Doch nichts ist verkehrter als dies. Die Dinge geschehen, wie sie geschehen, weil das Momentum der bedingungslosen Freiheit gegeben ist und diejenigen, die Paulus beseitigen wollen, ihre Chance ergreifen. Doch dies geschieht nicht im Verborgenen, sondern in aller \u00d6ffentlichkeit. Es wird nicht verdr\u00e4ngt oder verleugnet, sondern wahrgenommen und anerkannt, festgehalten und erz\u00e4hlt. Wer in der Gegenwart von Gottes Stille ist, ist nicht an\u00e4sthesiert und mutlos, sondern hellwach und dazu befreit, wahrzunehmen und anzuerkennen, was hier und jetzt ist, ohne schon bewerten, interpretieren oder eingreifen zu m\u00fcssen. Diese bedingungslose Freiheit zur Wahrnehmung des Hier und Jetzt macht stark. Das Kreuz von Karfreitag ist das Zeichen dieser St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Sodann zeigt sich diese St\u00e4rke im Mut zur Erinnerung an den Missbrauch dieser Freiheit. Die Stille von Gottes Gegenwart ist in allem, was es gibt, gegenw\u00e4rtig, schafft Verbundenheit und zielt auf Fairness, Recht und Gerechtigkeit. Fordern demgegen\u00fcber Menschen ihr Recht einzig und allein aufgrund ihrer St\u00e4rke, ohne auf Fairness und Gegenseitigkeit zu achten, missbrauchen sie diese Freiheit. Der Mut, dies stets neu in Erinnerung zu rufen, ist die zweite St\u00e4rke. Unser Predigttext tut dies, indem er an den unfairen T\u00f6tungsversuch der Jerusalemer Juden erinnert. Er markiert damit den Bruch zwischen dem j\u00fcdischen und dem christlichen Weg und den Anfang einer leidvollen getrennten und doch gemeinsamen Geschichte. Die Stille von Gottes Gegenwart ruft diese Geschichte in Erinnerung. Und sie schafft eine Erinnerungskultur, die an die unz\u00e4hligen Geschichten erinnert, in denen das Teilen von Gottes Gegenwart zerbrochen ist und Partikularinteressen die Verbundenheit zwischen Familien und Freunden, V\u00f6lkern, Kulturen und Religionen zerst\u00f6ren. Diese Erinnerung ist Widerstand gegen das Verdr\u00e4ngen der Verbundenheit, gegen den Verlust der Menschlichkeit, gegen das Vergessen der Freiheit. Deshalb ist die Erinnerung an Karfreitag ein subversives Zeichen von St\u00e4rke. Sie erinnert im Angesicht ihres Missbrauchs durch individuelles Verhalten oder repressive autokratische Systeme an die Fairness, die im Teilen von Gottes Gegenwart steckt.<\/p>\n<p>Schliesslich schafft der Mut zur Erinnerung Zuversicht. Die Stille von Gottes Gegenwart ruft die Vergangenheit in Erinnerung und erinnert an den Fluss der Zeit. Alles, was geworden ist, hat seine Zeit, vergeht und bleibt nicht ewig. Unser Predigttext macht dies deutlich. Als die Menge schon dabei ist, Paulus zu t\u00f6ten, nimmt die Situation mit dem energischen Eingreifen des r\u00f6mischen Obersten eine \u00fcberraschende Wendung. Paulus wird nicht umgebracht. Er wird zwar in Fesseln gelegt, so aber gerettet. Die Stille von Gottes Gegenwart hat auch da nicht eingegriffen, sondern den Dingen den Lauf gelassen. Die Geschichte ist ihren Gesetzm\u00e4ssigkeiten gefolgt und hat sich als Spiel von Wahrscheinlichkeit und Zufall weiterentwickelt. Das Eingreifen des Obersten mag wunderhaft erscheinen. Doch ein Ereignis im Rahmen des Wahrscheinlichkeitsfelds ist stets m\u00f6glich und kein Hinweis auf Gottes Eingreifen. Die Stille von Gottes Gegenwart erf\u00fcllt mit Liebe und Weisheit, weiss um Gl\u00fcck und Pech, Erfolg und Misserfolg und l\u00e4sst sich darauf ein, dass die Geschichte jeden Moment weitergeht und auch eine positive Wendung nehmen kann. Dies zu wissen, gibt Vertrauen und Zuversicht. \u00a0Auch diese St\u00e4rke steckt in der Erinnerung von Karfreitag.<\/p>\n<p>Die Stille von Gottes Gegenwart an Karfreitag mag zun\u00e4chst unheimlich sein, Zweifel und \u00c4ngste ausl\u00f6sen und mit dem Abgrund von Demut und Verlassenheit konfrontieren. Doch die Erinnerung an sie erinnert an die bedingungslose Freiheit zum Wahrnehmen des Hier und Jetzt, an all das, was unter dem L\u00e4rm repressiver Systeme begraben ist und an die Zuversicht, sich dennoch mit Liebe und Weisheit auf den Lauf der Geschichte einzulassen. Sich daran zu erinnern ist die St\u00e4rke von Karfreitag, sich daran zu erinnern macht Gottes stille Pr\u00e4senz stark. Beten wir also, dass wir von der Karfreitagsstille erfasst und gest\u00e4rkt werden. Amen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> So die eindr\u00fcckliche Dokumentation zu \u00abMemorial international\u00bb: Memorial. Erinnern ist Widerstand (2025): Irina Scherbakowa, Filipp Dzyadko, Elena Zhemkova (Hrsg.), M\u00fcnchen: C.H.Beck. \u00abMemorial\u00bb ist eine aus der ersten breiten gesellschaftlichen Bewegung der sp\u00e4ten Sowjetunion 1987\/88 hervorgegangen Menschenrechtsbewegung. Ihr Ziel war und ist es, den Opfern des kommunistischen Regimes zu historischer Gerechtigkeit zu verhelfen und die jahrlange Unterdr\u00fcckung der Wahrheit \u00fcber die Verbrechen der sowjetischen F\u00fchrung zu beenden. \u00abMemorial\u00bb leistete \u00fcber gut 30 Jahre wertvolle Arbeit. 2022 wurde \u00abMemorial\u00bb zusammen mit Institutionen aus Belarus und der Ukraine mit dem Friedensnobelpreis gew\u00fcrdigt. Wenig zuvor, kurz nach der russischen Invasion, verf\u00fcgte das oberste Gericht der russischen F\u00f6deration die Aufl\u00f6sung von \u00abMemorial\u00bb. Unterdessen ist die Arbeit von \u00abMemorial\u00bb extrem schwierig geworden.<\/p>\n<p>Predigt vom 3. April 2026 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/0403-Apg-21.31-36-Karfreitag.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie waren schon dabei, ihn zu t\u00f6ten, als den Oberst der Kohorte die Meldung erreichte, dass ganz Jerusalem in Aufruhr sei.\u2002Dieser nahm sofort Soldaten und Hauptleute mit sich und eilte zu ihnen hinab. 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