{"id":5927,"date":"2025-12-24T21:45:58","date_gmt":"2025-12-24T20:45:58","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/friede-als-staerke\/"},"modified":"2025-12-25T10:31:40","modified_gmt":"2025-12-25T09:31:40","slug":"peace-as-power","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/peace-as-power\/","title":{"rendered":"Peace as power"},"content":{"rendered":"<p><em>Am ersten Tag der Woche, als wir uns versammelt hatten, um das Brot zu brechen, sprach Paulus zu ihnen, und da er am n\u00e4chsten Tag aufbrechen wollte, zog sich seine Rede bis Mitternacht hin. Es brannten viele Lampen in dem Obergemach, wo wir beisammen waren.\u00a0Ein junger Mann mit Namen Eutychus sass im offenen Fenster und sank, w\u00e4hrend Paulus immer weiter redete, in tiefen Schlaf und st\u00fcrzte im Schlaf vom dritten Stock hinunter. Als man ihn aufhob, war er tot.\u2002Paulus aber ging hinunter, legte sich auf ihn, umfasste ihn und sagte: Lasst das Geschrei! Er lebt!\u2002Und er stieg wieder hinauf, brach das Brot und ass; und noch lange redete er mit ihnen, bis der Morgen anbrach; dann ging er fort.\u00a0Den jungen Mann aber holte man wieder herein; er lebte, und das erf\u00fcllte sie mit Zuversicht. Apg 20,7-12\u00a0<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es ist Heiligabend. Das Kommen Gottes und der menschliche Weg in die Gegenwart vereinigen sich in diesem heiligen Moment. Es ist still. Kerzen leuchten, und das Herz ist weit. Das Kind in der Krippe ist das Zeichen. In ihm erf\u00fcllt sich die grosse Sehnsucht. Der Retter ist geboren, der Gesalbte, der Herr, der Frieden bringt. Die himmlischen Heerscharen verk\u00fcnden seine Geburt und verzaubern den Moment. Ist es also tats\u00e4chlich wahr geworden? Nimmt das Leiden ein Ende und gibt es nun endlich Frieden auf Erden? Die Botschaft ist eindeutig, die Entschiedenheit, mit der sie verk\u00fcndet wird, l\u00e4sst keine Zweifel. Die Gegenwart Gottes ist wie ein Blitz, der alles in den Schatten stellt und Frieden schafft. Ihre St\u00e4rke \u00fcberw\u00e4ltigt. Nichts kann sich ihrer Wirkung entziehen.<\/p>\n<p>Doch wie genau ist diese St\u00e4rke zu verstehen? Seit mehr als 2000 Jahren wird die Weihnachtsbotschaft verk\u00fcndet. Gewalt und Krieg, Krankheit und Schmerz, sind seither nicht verschwunden. Man kann beim besten Willen nicht behaupten, dass sich die Botschaft der Engel als Allerheilmedikament bew\u00e4hrt h\u00e4tte und jegliches Leid beseitigt w\u00e4re. Die St\u00e4rke, die sie verk\u00fcnden, ist kein Wundermittel, das sich in jeder Situation durchsetzt. Zudem ist eine solche St\u00e4rke in der ganzen Evolution weit und breit nicht zu finden. Vier Hufe sind f\u00fcr Steinb\u00f6cke in bergiger Landschaft eine St\u00e4rke, die ihnen einen \u00dcberlebensvorteil bringt. Doch im Wasser sind sie es nicht. Hier sind vier Flossen die weit gr\u00f6ssere St\u00e4rke. <em>Darwin<\/em>s Formel vom <em>survival of the fittest<\/em> kommt dem, was in der Natur geschieht, zweifellos sehr nahe. Doch sie spricht eben gerade nicht von einer bestimmten St\u00e4rke, die alles dominiert, sondern von jener St\u00e4rke, die an die jeweilige Situation am besten angepasst ist. Die Katze scheint aufgrund ihrer Gr\u00f6sse zwar st\u00e4rker als die Maus, doch dank ihrer Kleinheit kann die Maus durch L\u00f6cher schl\u00fcpfen, die f\u00fcr die Katze unzug\u00e4nglich sind. St\u00e4rke und Schw\u00e4che sind situativ. Was als St\u00e4rke aussieht, kann pl\u00f6tzlich zum Nachteil werden, und eine Schw\u00e4che kann auf einmal ein Vorteil sein. Gewissheit \u00fcber den Ausgang dessen, was <em>Darwin struggle for life<\/em>, Ringen um Leben, nennt, gibt es keine. Die Wahrscheinlichkeit mag f\u00fcr dieses oder jenes Ergebnis sprechen, doch es kann auch immer anders kommen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber kann man lange nachdenken. Doch jetzt, an Heiligabend, bekommt diese Beobachtung aus der Natur eine besondere Brisanz. Denn jetzt besinnen wir uns auf die Gegenwart Gottes, jetzt vernehmen wir durch die Engel die Botschaft von deren St\u00e4rke. Was also ist diese St\u00e4rke? Unser Predigttext kann als Kommentar zu genau dieser Frage interpretiert werden. Versuchen wir, ihn zu verstehen!<\/p>\n<p>Paulus befindet sich Troas, einer Kleinstadt auf der kleinasiatischen Seite der Ag\u00e4is, und will nach Milet, einer traditionsreichen, griechischen Stadt s\u00fcdlich von Troas, weiterreisen. Unser Predigttext berichtet von einer Einzelepisode, die sich auf dieser Reise in Troas ereignet. Zuerst wird die Situation beschrieben (VV7-8). Es ist der erste Tag der Woche, also Sonntag, der Tag der Auferstehung (Lk 24,1; Joh 20,19.26). Am Abend versammelt sich die Gemeinde. Sie will im Gottesdienst die Gegenwart Gottes feiern, sich im Abendmahl auf das Sterben und Auferstehen Jesu besinnen und miteinander Abendessen. Paulus ist dabei und leitet den Gottesdienst. Da er am n\u00e4chsten Tag weiterreisen will, zieht sich seine Rede bis Mitternacht hin. Es brennen zahlreiche \u00d6llampen, die den Raum zwar gut erhellen, aber auch erhitzen und den vorhandenen Sauerstoff verbrauchen. Die Situation ist sofort verst\u00e4ndlich und unspektakul\u00e4r.<\/p>\n<p>Doch auf einmal geschieht ein Ungl\u00fcck (V9). Ein junger Mann mit Namen Eutychus sitzt am offenen Fenster, wo er zwar bessere Luft hat. Doch weil Paulus in seinem Redefluss keinen Schlusspunkt findet, \u00fcberw\u00e4ltigt ihn seine M\u00fcdigkeit. Er f\u00e4llt in tiefen Schlaf und st\u00fcrzt vom dritten Stock hinunter. Als man nach ihm schaut und ihn aufhebt, findet man ihn tot. Das Ungl\u00fcck wird knapp und sachlich beschrieben.<\/p>\n<p>Und was geschieht nun (VV10-12)? Paulus unterbricht seine Rede und geht hinunter. Er bleibt v\u00f6llig unaufgeregt und souver\u00e4n, aber zeigt vollen K\u00f6rpereinsatz. Aufmerksam legt sich auf den jungen Mann, umfasst ihn und sagt: Lasst das Geschrei! Er lebt! Seine Geste erinnert an die Totenerweckungen durch Elia und Elischa, mit der sich die beiden Propheten auf \u00e4hnlich k\u00f6rperliche Weise dem Verstorbenen zuwenden (1K\u00f6n 17,21; 2K\u00f6n 4,34f). Ob Eutychus indes tats\u00e4chlich tot ist oder ob Paulus bloss feststellt, dass dies gar nicht der Fall ist, l\u00e4sst die Geschichte offen. Die Option, dass er nur scheintot ist, wird nicht thematisiert, das Wunderhafte aber auch nicht herausgehoben. Vielmehr steigt Paulus unbeeindruckt wieder hinauf und setzt den Gottesdienst fort, als w\u00e4re nichts geschehen. Er feiert das Abendmahl und isst. Bis der Morgen anbricht, spricht er mit den Anwesenden, dann aber macht er sich wie vorgesehen auf seine Reise. Der junge Mann aber wird wieder hereingeholt; er lebt und erf\u00fcllt alle mit Zuversicht. Was zun\u00e4chst wie ein schreckliches Ungl\u00fcck aussieht, erweist sich als unbedeutender Zwischenfall.<\/p>\n<p>Was gibt uns diese Geschichte jetzt, an Heiligabend, zu bedenken? Wie kommentiert sie jene St\u00e4rke der Gegenwart Gottes, die von den Engeln verk\u00fcndet wird?<\/p>\n<p>Die Engel verk\u00fcnden es, und unsere Geschichte macht es anschaulich: Gottes Gegenwart ist zwar eine Ressource, die bedingungslos, aus purer Gnade, da ist. Doch ihre St\u00e4rke erweist sich erst dort und dann, wo sie konkret erschlossen und genutzt wird. Sie ist \u2013 um mit einem biblischen Bild zu sprechen \u2013 ein Schatz im Acker (Mt 13,44), der jeden Moment v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich in der Erde, ja im ganzen Universum, vorhanden ist, sein Potential aber erst entfaltet, wenn er gehoben und eingesetzt wird. Das Leben und Sterben jenes Kindes, das in der Krippe liegt, wird die St\u00e4rke von Gottes Gegenwart illustrieren. Paulus verk\u00fcndet sie mit Engagement und Ausdauer, und er manifestiert sie in seinem Handeln. Doch Gottes Gegenwart bleibt dabei v\u00f6llig unverf\u00fcgbar. Sie entspringt jenseits der Dualit\u00e4t von St\u00e4rke und Schw\u00e4che, und zugleich ist sie als nichtduale, mystische Unmittelbarkeit jeden Augenblick da. Jetzt, an Heiligabend, feiern wir diese Gegenwart. Auch wenn wir sie nicht angemessen erfassen k\u00f6nnen, so kann das Geheimnis des Moments doch zur unmittelbaren Erfahrung werden.<\/p>\n<p>Diese geheimnisvolle Ressource des Moments ist jene Freiheit, die Emergenzen erm\u00f6glicht. Wo das Geheimnis des Moments genutzt wird, kann Neues und Grosses entstehen: dieses unfassbar gewaltige Universum, die Evolution von Leben auf dieser Erde. Bei Lebewesen zeigt sich die St\u00e4rke von Gottes Gegenwart in der Freiheit, die eigenen Merkmale so an ihre Umwelt anzupassen, dass sich die Anpassung bew\u00e4hrt. Gott greift in dieses Ringen der Natur ums Leben nicht ein. Doch seine Gegenwart gibt der Natur Raum und Zeit f\u00fcr Spielm\u00f6glichkeiten, um L\u00f6sungen zu suchen und zu finden. Unser Predigttext macht es anschaulich: Paulus nutzt seine M\u00f6glichkeiten, um auf den Fenstersturz von Eutychus situationsad\u00e4quat zu reagieren. Das Vorgehen bew\u00e4hrt sich. Ob es ein Wunder ist oder nicht, ist irrelevant. Die Gegenwart Gottes schafft Freiheit und Souver\u00e4nit\u00e4t im Umgang mit der konkreten Situation, und in dieser Unaufgeregtheit steckt eine Liebe und eine Weisheit, auf die zu achten sich bew\u00e4hrt. Bin ich unbefangen da, bin ich im Frieden, habe ein Wohlwollen zu allem, was mich umgibt, und ich bin in der Lage, mich mit meinen Merkmalen bestm\u00f6glichst an die Situation anzupassen. So zu handeln, ist Weisheit. Dabei erweist sich die St\u00e4rke von Gottes Gegenwart hier als Mut zu neuen Schritten, dort als Standhalten einer Krankheit, hier als Kraft zum Widerstand, dort als Freude an dem, was gerade ist. Doch genau in all dem zeigt sich jener Friede, den die Engel verheissen und der jenseits von Freud und Leid, Erfolg und Scheitern, im Ringen der Natur ums Leben jeden Augenblick gegenw\u00e4rtig ist.<\/p>\n<p>Weihnachten will genau diesen Frieden nahebringen. Er ist keine Zuckerglasur, der Leid und Schmerz verdeckt, und er verkl\u00e4rt nicht die Grausamkeit, die im Ringen der Natur ums Leben in der Evolution steckt und die auch im Verhalten von Menschen keineswegs fehlt. Es ist vielmehr jener Friede, den das Bild von der Auferstehung andeutet: das Erwachen der unmittelbaren Gegenwart Gottes mitten in Freud und Leid, die Geburt des nichtdualen Selbst im Alltag eines Menschen. Die Geschichte von Weihnachten deutet diese Geburt an. Auch wir sollen wie jenes Kind hier und jetzt in der Gegenwart Gottes geboren werden. Und unser Predigttext kommentiert: Auch wir sollen Ungl\u00fcck und Not nicht als letzte Realit\u00e4t betrachten, sondern zu jenem Frieden erwachen, der in der Gegenwart Gottes unmittelbar gegenw\u00e4rtig ist und uns in allem Schwierigen, das auf dieser Welt geschieht, ruhig und frei macht. Dieser Friede der Gegenwart Gottes ist ein Geheimnis. Er bleibt so geheimnisvoll wie ein Mensch, den wir lieben und den wir bestens kennen, immer ein Geheimnis bleibt &#8211; das Geheimnis seiner Freiheit. Doch mit ihm k\u00f6nnen wir uns vertraut machen, seine Stille kann uns zur Ruhe bringen, in ihm k\u00f6nnen wir zentriert und geborgen sein \u2013 ohne Sprache, ohne Worte, mit unh\u00f6rbarer Stimme, ganz im Moment (vgl. Ps 19,3f). Er ist die St\u00e4rke in der Fragilit\u00e4t und Verletzlichkeit unseres Daseins und die Kraft in jedem Augenblick. In ihm k\u00f6nnen wir leben und sterben, in ihm kommen wir zu unserem Selbst, in ihm sind wir, wer wir in der Gegenwart Gottes sind.<\/p>\n<p>Heiligabend! Die Engel verk\u00fcnden den grossen Frieden der Gegenwart Gottes. Dieser Friede ist keine zeitlose Macht, die alles dominiert und ihrer Herrschaft unterstellt. Seine St\u00e4rke ist vielmehr die Ressource, die uns jeden Moment erschliessbar ist und uns jeden Augenblick in die Freiheit ruft. Sie gibt uns Raum und Zeit, uns in unserem Ringen um Leben mit Liebe und Weisheit situationsad\u00e4quat anzupassen, wie es sich bew\u00e4hrt. Die St\u00e4rke des Friedens von Gottes Gegenwart ist ihre geheimnisvolle Unmittelbarkeit in jedem Moment. Beten wir also, dass dieser Friede in uns stark wird und dass er durch uns zur Welt kommt. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 24. Dezember 2025 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/1224-Apg-20.7-12-1.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am ersten Tag der Woche, als wir uns versammelt hatten, um das Brot zu brechen, sprach Paulus zu ihnen, und da er am n\u00e4chsten Tag aufbrechen wollte, zog sich seine Rede bis Mitternacht hin. 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