{"id":5894,"date":"2025-12-07T12:44:44","date_gmt":"2025-12-07T11:44:44","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/ruhe-im-sturm\/"},"modified":"2025-12-07T12:46:34","modified_gmt":"2025-12-07T11:46:34","slug":"calm-in-storm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/calm-in-storm\/","title":{"rendered":"Calm in storm"},"content":{"rendered":"<p><em>Zu jener Zeit nun kam es wegen des neuen Weges zu heftigen Unruhen.\u2002Da war n\u00e4mlich ein gewisser Demetrius, ein Silberschmied, der Artemistempel aus Silber herstellte und damit den Kunsthandwerkern betr\u00e4chtliche Eink\u00fcnfte verschaffte.\u2002Die rief er zusammen und mit ihnen die Arbeiter, die sie besch\u00e4ftigten. Apg 19,23-25<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es ist Advent. Die Erwartung auf das unfassbare Ereignis ist gross. Gottes Gegenwart will sich materialisieren. Schon vor 13,8 Milliarden Jahren ist dies geschehen. Auf einmal kommt es zu einem Anfang. Auf einmal materialisiert sich ein winziges Etwas, und es entstehen Raum und Zeit. In einem gewaltigen kosmologischen Prozess entwickelt sich aus diesem Etwas ein Universum. Und irgendwo am Rande einer der unz\u00e4hligen Galaxien bildet sich ein Planet, auf dem sich Leben entwickelt, Einzeller, Pflanzen, Tiere, Menschen \u2013 Menschen, die sich ihre eigene Geschichte erschaffen. Gott ist in diesem gigantischen Prozess als Geheimnis der Gegenwart st\u00e4ndig im Spiel, materialisiert sich darin immer weiter, aber h\u00f6rt doch nicht auf, dessen Geheimnis zu bleiben. Jeden Moment war, ist und bleibt er am Kommen, jeden Moment ist er gegenw\u00e4rtig, und jeden Moment bleibt er v\u00f6llig unfassbar und anders als jedes Dies und Das, was geschieht. Weihnachten zeigt es exemplarisch: Aus dem nichtdualen Geheimnis materialisiert sich im Dies und Das ein Etwas: Ein Mensch wird geboren. In diesem Menschen ist Gott gegenw\u00e4rtig, in ihm wird Gott Fleisch, in ihm zeigt sich Gottes Gegenwart in der Geschichte dieser Welt. Deshalb weckt der Advent Erwartungen, deshalb motiviert er dazu, sich auf dieses unfassbare Ereignis der Gegenwart Gottes einzustimmen und sich mit ihm vertraut zu machen.<\/p>\n<p>So einfach, so naheliegend, so offensichtlich das Geheimnis des Moments in diesem Universum ist, so herausfordernd ist es indes f\u00fcr Menschen, es mit dem eigenen Tun nicht zu \u00fcbersteuern und aus dem Blick zu verlieren. Ich bin nur da, weil das Geheimnis der Gegenwart da ist. Dieses ist der Grund meines Daseins, nicht bin ich der Grund f\u00fcr dieses Geheimnis. Ihm gegen\u00fcber bin ich ein Nichts. Doch Menschen unternehmen offensichtlich vieles, um diese Erfahrung zu vermeiden und das Geheimnis des Moments zu \u00fcbersteuern.<\/p>\n<p>Unser Predigttext f\u00fchrt genau das beispielshaft vor. Paulus steht am Ende seiner grossen Mission f\u00fcr die Gegenwart Gottes und hat sich entschieden, Ephesus zu verlassen, nach Jerusalem zu gehen und von dort nach Rom zu reisen (Apg 19,21f). Unser Predigttext erz\u00e4hlt, was in der verbleibenden Zeit bis zu seiner Abreise in Ephesus geschieht.<\/p>\n<p>Es kommt wegen des neuen Weges, also dem Weg in die Gegenwart Gottes, zu heftigen Unruhen (V23). Ausl\u00f6ser ist ein Mann namens Demetrius (V24). Demetrius ist Silberschmied, der aus Silber Devotionalien f\u00fcr den ephesischen Artemiskult herstellt. Die ephesische Artemis hat mit der jungfr\u00e4ulichen Jagdg\u00f6ttin der Griechen urspr\u00fcnglich nichts zu tun, sondern ist ein orientalische Muttergottheit, die mit der Kybele verwandt ist. Der Name Artemis wird erst mit ihrer Hellenisierung auf sie \u00fcbertragen. Ihr Kultbild im Artemision von Ephesus sowie unz\u00e4hlige plastische Nachbildungen zeigen die Gestalt der Grossen Mutter. Ihr Tempel hat \u2013 das zeigen arch\u00e4ologische Funde \u2013 beeindruckende Ausmasse: Ein Rechteck von 120 zu 70m wird von 128 S\u00e4ulen umgeben und hat eine H\u00f6he von 19m. Es spiegelt die enorme religi\u00f6se Bedeutung, die der Kultbetrieb hat. Er strahlt weit \u00fcber Ephesus hinaus aus, zieht Pilger an und stellt f\u00fcr die Stadt einen substanziellen Wirtschaftsfaktor dar. Demetrius repr\u00e4sentiert einen Gewerbezweig, der sich ganz in Dienst dieses Kultbetriebs stellt und ihm sowie all den andern Kunsthandwerkern betr\u00e4chtliche Eink\u00fcnfte verschafft. Nicht ohne Grund betrachtet er den Weg in die Gegenwart Gottes, den Paulus verk\u00fcndet, als ernsthafte Gefahr f\u00fcr sein Gewerbe. Er beschliesst deshalb, etwas dagegen zu unternehmen (V25). Er ruft die Meister seines Handwerks samt ihren Mitarbeitern zusammen, um geeignete Massnahmen zu ergreifen.<\/p>\n<p>Die Fortsetzung erz\u00e4hlt detailliert und mit viel Lokalkolorit ausgeschm\u00fcckt, was nun geschieht. Zun\u00e4chst konfrontiert er die Angeh\u00f6rigen seiner Zunft mit dem, was in der Stadt aktuell vor sich geht (VV26-28). Er macht ihnen klar, dass dieser Paulus viele Leute mit der Behauptung aufhetze, dass das, was von Menschenhand geschaffen werde, keine G\u00f6tter seien. Das bringe nicht nur ihr Gewerbe in Verruf, sondern schm\u00e4lere auch die Bedeutung der grossen G\u00f6ttin Artemis.<\/p>\n<p>Damit kommen die Handwerker und mit ihnen die ganze Stadt in Aufregung (VV29-34). Alle st\u00fcrmen in das grosse Theater von Ephesus. Gaius und Aristarchus, zwei Reisegef\u00e4hrten von Paulus, werden aufgesp\u00fcrt und mitgeschleppt. Paulus erw\u00e4gt, ebenfalls hinzugehen, wird aber von Pers\u00f6nlichkeiten der Lokalpolitik, die ihm wohlgesinnt sind, davon abgehalten. Der Tumult nimmt gewaltige Z\u00fcge an, und alle schreien durcheinander. Alexander, der Vorsitzende der Synagoge, wird vorgeschickt und soll der Menge klar machen, dass die Judenschaft mit Paulus nichts zu tun habe. Doch er wird sogleich niedergeschrien. Wer sich nicht f\u00fcr die grosse Artemis ausspricht, wird als Gegner betrachtet.<\/p>\n<p>Erst der Stadtschreiber, ein hoher Beamter der Stadtregierung, vermag Ruhe in den Tumult zu bringen (VV35-40). Er stellt zun\u00e4chst fest, dass die grosse Bedeutung der Artemis nicht in Frage stehe und deshalb die Aufregung unbegr\u00fcndet sei. Weiter h\u00e4tten die Angeklagten weder Heiligt\u00fcmer ausgeraubt noch der G\u00f6ttin gel\u00e4stert. Zudem g\u00e4be es funktionierende Gerichte und Statthalter. Wenn also Demetrius und seine Handwerker etwas vorzubringen h\u00e4tten, sollen sie den regul\u00e4ren Rechtsweg beschreiten. Andernfalls laufe die Stadt die Gefahr, dass sie selbst angeklagt w\u00fcrde, einen Aufstand verursacht zu haben. Und es g\u00e4be ja nichts, was den aktuellen Volksauflauf rechtfertigen w\u00fcrde. Die Anklage des Demetrius ist damit \u00f6ffentlich abgewiesen. Allerdings ist dessen Bef\u00fcrchtung, dass der Weg in die Gegenwart Gottes, den Paulus verk\u00fcndet, die Verehrung menschengemachter G\u00f6tter als nichtig betrachte (vgl. V26), nicht beseitigt; doch aus Sicht des Stadtschreibers ist sie strafrechtlich irrelevant. Nach diesen Worten l\u00f6st sich die Versammlung auf. Paulus muss keinen Finger r\u00fchren. Das Problem verweht im Rahmen, in welchem es entstanden ist, gleichsam von selbst.<\/p>\n<p>Besinnen wir uns heute, zu Beginn des Advents, auf diese Geschichte verweist sie uns auf jene Ruhe, die mitten in den St\u00fcrmen des Lebens st\u00e4ndig da ist und Gottes Gegenwart sp\u00fcrbar macht. Was gibt uns diese Geschichte \u00fcber die Ruhe im Sturm zu bedenken?<\/p>\n<p>Auch wenn der Weg in die Gegenwart Gottes in einem Menschen tief verankert und zur Gewissheit geworden ist, k\u00f6nnen sich die Umweltfaktoren auf einmal \u00e4ndern und sich zu einem veritablen Sturm hochschaukeln. Paulus ist seit Jahren auf dem Weg in die Gegenwart Gottes. Er hat diesen Weg trotz immer wieder aufbrechenden Widerst\u00e4nden standhaft vertreten. Nun ist er bereits entschieden, dass er Ephesus verlassen will und dass es nur doch darum geht, einen guten Abschluss zu finden. Man k\u00f6nnte also denken, dass niemand mehr Interesse hat, gegen ihn anzuk\u00e4mpfen. Dennoch wird er selbst in dieser Situation mit dem Aufstand der Silberschmiede konfrontiert. Der Weg in die Gegenwart ist offensichtlich kein Selbstl\u00e4ufer, der nur Zustimmung findet. Im Gegenteil! Widerstand kann sich auch in noch so unerwarteten Momenten zusammenbrauen. Auf einmal taucht ein Kobold auf und verbreitet Angst und Aufregung, auf einmal triggert ein kleiner Wicht Neid und Eitelkeit von Menschen und l\u00f6st eine Lawine von Aktivismus aus. Der Weg in die Gegenwart Gottes ist ein Weg in die Freiheit und Selbstverantwortung des Moments, um die Ruhe im Sturm zu behalten. Doch dieser Weg ist stets fragil und immer erst am Anfang. Die Adventszeit ruft dazu auf, diesen Weg zu sch\u00fctzen \u2013 wie ein Kind, f\u00fcr ihn einzustehen und ihn mit Liebe und Weisheit zu kultivieren.<\/p>\n<p>Dies f\u00fcr sich selbst zu tun und sich mit diesem Weg vertraut zu machen, ist das eine. Das andere ist, sich dar\u00fcber Rechenschaft zu geben, was ihn \u00fcbersteuern und verdr\u00e4ngen kann. Dies zu wissen, erm\u00f6glicht geeignete Vorbereitungen. Es gibt vielerlei St\u00fcrme, die die Kraft der Ruhe und Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcbersteuern k\u00f6nnen. Unser Beispiel ist indes nicht untypisch: Es handelt von der Sorge um die eigene Arbeit, um deren finanzieller Erfolg sowie um die darunter liegenden Werte, welche durch die grosse G\u00f6ttin Artemis legitimiert sind. Diese Sorge ist nachvollziehbar. Der Weg in die Gegenwart Gottes entzaubert tats\u00e4chlich die Welt, s\u00e4kularisiert Werte und Normen, nimmt der menschlichen Arbeit jeden Heiligenschein und setzt sie dem Gesetz von Angebot und Nachfrage aus. Gott wird zwar jeden Moment gegenw\u00e4rtig, doch beseitigt seine Gegenwart jede Vermischung von Gott und Welt und l\u00e4sst Gott Sch\u00f6pfer und die Welt Sch\u00f6pfung sein. Genau diese Differenzierung ist eine Herausforderung. Holen mich meine Sorgen ein, \u00fcbersteuern sie die Ruhe im Sturm. Sie legitimieren sich mit dem Schein gottgewollter Dringlichkeit, inszenieren einen Wirbel, versetzen mich in Stress und Not und reissen mich und anderen in den Sturm hinein. Hilfreich ist dies nicht, hilfreich ist hingegen, die Mechanik zu durchschauen. Der Weg in die Gegenwart Gottes ist nichts als der Weg in die Unmittelbarkeit des Augenblicks. Der Rest ist menschgemachte Wirbelei. Bleibe ich in der Ruhe der Gegenwart Gottes, weiss ich, dass es sich hier um eine Falle handelt, in die ich nicht zu tappen brauche.<\/p>\n<p>Die Ruhe im Sturm ist zwar mit Gottes Gegenwart st\u00e4ndig am Kommen. Ihr jedoch standzuhalten und sich nicht in die St\u00fcrme hineinziehen zu lassen, ist zuweilen eine Herausforderung. Gefragt ist Entschiedenheit, sich immer wieder neu auf die Gabe des Moments einzulassen. Gefragt sind aber auch nahestehende Menschen, die mit ihrer ganzen Autorit\u00e4t daran erinnern und mit ihrer Klarheit Unterst\u00fctzung geben. Als die Hexenjagd losgeht und seine beiden Mitarbeiter abgef\u00fchrt werden, ist auch Paulus drauf und dran, seine Ruhe zu verlieren und sich in den Tumult zu begeben. Weise w\u00e4re das nicht gewesen. Das Risiko einer Eskalation des Konflikts und eines unkontrollierten Gewaltausbruchs w\u00e4re hoch gewesen. Doch dank der Unterst\u00fctzung ihm wohlgesinnter Pers\u00f6nlichkeiten hat er die Ruhe im Sturm nicht verloren und verstanden, dass er im Moment nichts unternehmen kann und muss. Auch wenn ich den Weg in die Gegenwart Gottes mit aller Entschiedenheit gehen will, brauche ich zuweilen gute Freunde und Freundinnen, die mir in Krisenmomenten die richtige Unterst\u00fctzung geben. Niemand ist davor gefeit, im Sturm die Ruhe zu verlieren. Vielleicht braucht es bloss ein kleines Wort, und vielleicht gen\u00fcgt, wenn ich im andern Menschen trotz dem Sturm die Ruhe sp\u00fcren kann. Die Ruhe im Sturm ist eine Gabe der Gegenwart Gottes, doch sie miteinander zu teilen, eine Hilfe, die hin und wieder n\u00f6tig ist, um das Vertrauen in ihre Wirksamkeit zu behalten.<\/p>\n<p>Die aktuelle Adventszeit gibt nicht nur die Gelegenheit, sich daran zu erinnern, dass sich Gottes Gegenwart immer wieder neu materialisiert, sondern dass es auch St\u00fcrme gibt, die diesen Prozess \u00fcbersteuern und mit menschgemachten Wirbeleien verdr\u00e4ngen. Umso wichtiger ist deshalb die gegenseitige Unterst\u00fctzung. Wir Menschen k\u00f6nnen einander viel geben, um dem Weg in Gottes Gegenwart treu zu bleiben und bald mit Freude Weihnachten zu feiern. Beten wir also, dass wir diesen Weg gehen und dass wir uns dabei gegenseitig unterst\u00fctzen. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 7. Dezember 2025 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/1207-Apg-19.23-25.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu jener Zeit nun kam es wegen des neuen Weges zu heftigen Unruhen.\u2002Da war n\u00e4mlich ein gewisser Demetrius, ein Silberschmied, der Artemistempel aus Silber herstellte und damit den Kunsthandwerkern betr\u00e4chtliche Eink\u00fcnfte verschaffte.\u2002Die rief er zusammen und mit ihnen die Arbeiter, die sie besch\u00e4ftigten. 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