{"id":5875,"date":"2025-11-23T19:19:50","date_gmt":"2025-11-23T18:19:50","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/trost\/"},"modified":"2025-11-23T19:21:02","modified_gmt":"2025-11-23T18:21:02","slug":"comfort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/comfort\/","title":{"rendered":"Comfort"},"content":{"rendered":"<p><em>Als sich dies erf\u00fcllt hatte, nahm sich Paulus vor, \u00fcber Makedonien und die Achaia nach Jerusalem zu reisen. Er sagte: Wenn ich dort gewesen bin, muss ich auch Rom sehen.\u2002Und er schickte zwei seiner Helfer, Timotheus und Erastus, nach Makedonien voraus; er selbst blieb noch eine Zeit lang in der Provinz Asia. Apg 19,21-22<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Gegenwart Gottes ist ein Trost, der mit nichts zu vergleichen ist. Eine schwere Diagnose belastet. Der Verlust eines geliebten Menschen schmerzt. Die politischen Verwerfungen, die t\u00e4glich auf dieser Welt geschehen, sind unertr\u00e4glich. Doch in all dem ist die Gegenwart Gottes die Quelle von Freiheit, Liebe und Weisheit, die jeden Moment erf\u00fcllt und im Fluss der Zeit nie vergeht. Sie greift nicht in das Spiel dieses Universums ein. Sie respektiert dessen Gesetzm\u00e4ssigkeiten, determiniert es nicht und l\u00e4sst das Ergebnis kommen. Das Spiel der Wahrscheinlichkeiten geht st\u00e4ndig weiter und fegt jede Sicherheit weg. Der Zufall geh\u00f6rt immer dazu. Doch die Gegenwart Gottes ist darin diejenige Ressource, die im t\u00e4glichen Daseinskampf einen signifikanten \u00dcberlebensvorteil bringt, derjenige Trost, der aus der Ewigkeit jeden Moment geboren wird und Heilung schafft. Sich heute, am Ewigkeitssonntag, darauf zu besinnen, tut gut.<\/p>\n<p>Wer mit seiner Fragilit\u00e4t konfrontiert wird und die eigene Verg\u00e4nglichkeit zu sp\u00fcren bekommt, hat eine grosse Chance: die Chance, gewohnten Bahnen auf die Seite zu stellen, sich zu lassen und die Stille des Augenblicks zu suchen. Diese Stille ist jeden Augenblick da. Sie muss nicht f\u00fcr wahr gehalten und mit Willenskraft geschaffen werden. Es gen\u00fcgt, ruhig und klar im Moment anzukommen und sich von der unmittelbaren Gegenwart erfassen zu lassen. So da zu sein, ist eine Wohltat, so das Hier und Jetzt zu erfahren, eine Befreiung \u2013 wie auch immer die Umst\u00e4nde sind, in denen dies geschieht.<\/p>\n<p>Der christliche Glaube interpretiert einen solchen Moment als Moment der Gegenwart Gottes. Er bietet mit dieser Interpretation eine Hilfe, Momenten der unmittelbaren Gegenw\u00e4rtigkeit Aufmerksamkeit zu geben, sie zu suchen, ihre heilende Wirkung zu erfahren und sie mit anderen Menschen zu teilen. Die Sprache, die er zur Verf\u00fcgung stellt, will dem Unsagbaren Worte leihen, mit ihm vertraut machen und Gemeinschaft schaffen. Doch verf\u00fcgbar macht er das Geheimnis des Moments nicht. Entscheidend sind nicht die Worte, entscheidend ist, jene Gegenw\u00e4rtigkeit zu erfahren, von der er spricht, und von jener Sch\u00f6nheit angezogen zu werden, die sich im Geheimnis der Gegenwart offenbart.<\/p>\n<p>Eine solche Erfahrung durchdringt das Leid und bringt Heilung. Sie markiert eine Z\u00e4sur, f\u00fchrt zu Ende und schafft Neues. Unser Predigttext erz\u00e4hlt von genau einer solchen Z\u00e4sur. Sie zu verstehen, k\u00f6nnte gerade heute eine Inspiration sein.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt steht Paulus. Noch befindet er sich in Ephesus, noch verfolgt er seine grosse Mission f\u00fcr den Weg in die Gegenwart Gottes. Doch unser Predigttext erz\u00e4hlt, dass sich Paulus klar dar\u00fcber wird, dass in seinem Leben eine Ver\u00e4nderung ansteht (V21). Als Ausl\u00f6ser wird bloss angegeben, dass sich all das erf\u00fcllt hat. Wie sich seine erste grosse Reise in Antiochia erf\u00fcllt hat (Apg 14,26), ist nun seine zweite in Ephesus voll geworden. Der Blick wird also zun\u00e4chst auf sein erfolgreiches Wirken gelegt. Nun aber versteht Paulus, dass eine andere Reise ansteht: die Reise \u00fcber Makedonien und die Achaia, also vermutliche vor allem Korinth, nach Jerusalem, und dann vor allem hin in den Westen nach Rom. Was das Motiv zu dieser Entscheidung ist, sagt Lukas nicht. Das Konzept seiner Apostelgeschichte gibt indes eine Antwort und zeigt, wie gross die Z\u00e4sur ist, die diese Entscheidung markiert.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnlich bedeutsame Markierung findet sich zu Beginn der Apostelgeschichte. Lukas schreibt da, dass der Auferstandene seinen J\u00fcngern den heiligen Geist verheisst, dass sie zu seinen Zeugen werden, in Jerusalem, Jud\u00e4a, Samaria und bis an die Enden der Erde (Apg 1,8). Von Jerusalem aus soll sich die Botschaft vom Reich Gottes ausbreiten, nicht nur unter den Juden, sondern ebenso unter den Heiden, und zwar bis in die hintersten Winkel dieser Erde. Lukas versteht diese Aussage als Programm seiner Apostelgeschichte. Er illustriert es, indem er von Reisen erz\u00e4hlt. Den bisherigen H\u00f6hepunkt findet es in den Reisen, die Paulus f\u00fcr die Mission vom Weg in die Gegenwart Gottes unternimmt und ihn nach Ephesus bringt. Doch mit der Entscheidung, die Paulus nun f\u00e4llt, wird das urspr\u00fcngliche Programm neu justiert.<\/p>\n<p>Mit dieser Entscheidung beginnt der Schlussteil der Apostelgeschichte. Dieser Teil ver\u00e4ndert nicht nur den erz\u00e4hlerischen Rhythmus, indem er l\u00e4ngere Erz\u00e4hleinheiten bietet, sondern blickt auch anders auf Paulus. Sein Wirken im Rahmen seiner Mission tritt in den Hintergrund, umso mehr kommt er nun als Mensch auf dem Weg in die Gegenwart Gottes in Blick. Lukas schafft damit eine Parallele zur Geschichte, die er in seinem Evangelium von Jesus erz\u00e4hlt. Als Jesus seine Wirksamkeit in Galil\u00e4a erf\u00fcllt hat, beschliesst er, nach Jerusalem zu reisen (Lk 9,51). Er schickt Boten voraus (Lk 9,52). Genau dies tut auch Paulus. Auch er wird nach Jerusalem ziehen und Boten vorausschicken. Auch er wird dort wie Jesus mit Feindschaft konfrontiert werden (Apg 20,22f; 21,10f). Trotz diesen Parallelen zu Jesus wird sich die Geschichte indes nicht wiederholen. Paulus wird nicht in Jerusalem enden. Denn er muss Rom sehen, das ist sein Ziel. Und tats\u00e4chlich wird er Rom erreichen, als Gefangener zwar, doch er wird die Botschaft vom Reich Gottes im Zentrum des r\u00f6mischen Imperiums gegenw\u00e4rtig machen. Dort wird er sie wie der Auferstandene den Emmausj\u00fcngern (Lk 24,27) Vertretern der Synagoge darlegen (Apg 28,23). Mit der Verk\u00fcndigung des Reichs Gottes zu den V\u00f6lkern in aller Offenheit (Apg 28,28-31) wird die Apostelgeschichte zum Abschluss kommen. Paulus wird zwar in Rom sterben. Doch der Weg in die Gegenwart Gottes wird damit nicht aufh\u00f6ren, sondern jeden Moment, solange dieses Universum in Raum und Zeit geschieht, weitergehen. Mit der Entscheidung, die Paulus nun f\u00e4llt, kommt also jene existentielle Reise in Blick, die der Weg in die Gegenwart Gottes auch f\u00fcr ihn ist. Sie wird sich als Reise von Jerusalem nach Rom pr\u00e4sentieren. Doch in dieser Reise wird vieles verdichtet sein, das erst allm\u00e4hlich verst\u00e4ndlich werden wird.<\/p>\n<p>Die Entscheidung, die Paulus hier trifft, markiert eine Z\u00e4sur, die tief greift. Sie ber\u00fchrt unterschiedliche Schichten und hat Folgen, die nicht absehbar sind. Dennoch ist f\u00fcr ihn zweifelsfrei gegeben, dass sie so geschehen muss. Kaum entschieden, beginnt er mit der Umsetzung (V22). Er schickt zwei Mitarbeiter nach Makedonien, seinem bisherigen Missionsgebiet, voraus: Timotheus, sein treuer Begleiter (Apg 16,1; 20,4), und Erastos, der m\u00f6glicherweise ein Bekannter aus Korinth ist (vgl. R\u00f6m 16,23; 2Tim 4,20). Er selbst bleibt vorerst in Ephesus. Die Fortsetzung wird berichten, was hier vor seiner Abreise geschieht (Apg 19,23-40).<\/p>\n<p>Diese Geschichte kann am heutigen Ewigkeitssonntag Trost geben. Sie markiert eine Z\u00e4sur, wie sie viele Menschen erleben, die einen geliebten Menschen haben verabschieden m\u00fcssen. Was also ist der Trost, den diese Geschichte gibt?<\/p>\n<p>Sie zeigt, dass es Momente gibt, in denen die Zeit reif ist und der Apfel f\u00e4llt. Solche Momente sind weder planbar noch k\u00f6nnen sie forciert werden. Doch wenn sie gekommen sind, sind die Nebel aufgel\u00f6st und liegt der Weg, den man zu gehen hat, sonnenklar vor Augen. Sie markieren eine eindeutige Z\u00e4sur und schaffen ein Vorher und ein Nachher. Paulus erlebt in Ephesus einen solchen Moment, ohne dass Lukas genau erkl\u00e4ren kann, wie es dazu kommt. Im Leben kann es immer wieder zu solchen Momenten kommen. Bin ich stabil in der Gegenwart Gottes, ist jeder Moment eine Gabe Gottes. Alles bleibt in Ver\u00e4nderung. Der Fluss der Zeit h\u00f6rt nicht auf. Jeder Moment birgt seine Freiheit. Selbst in Leid und Schmerz. Nichts bleibt, wie es ist. Eine belastende Situation kl\u00e4rt sich. Ein Abschied wird zum neuen Anfang. Genau dies ist Trost. Er gr\u00fcndet in der Gegenwart Gottes und dem Segen der Verg\u00e4nglichkeit. Bin ich damit vertraut, finde ich den n\u00e4chsten Schritt, und wenn die Zeit reif ist, eine neue Perspektive.<\/p>\n<p>Wer sich darauf einl\u00e4sst, realisiert auf einmal, wie nahe der Weg in die Gegenwart Gottes ist. Die biblischen Geschichten erz\u00e4hlen zwar von ihm, und man mag sich durchaus bewusst sein, dass man derjenige ist, der man in diesem Moment ist. Doch wie rasch kann man doch mit seinem Bewusstsein aus dem Geheimnis der Gegenwart fl\u00fcchten! Auf einmal ist man irgendwo, nur nicht dort, wo man hier und jetzt ist. Dem Moment standzuhalten, geht nahe. Paulus wird dies auf seiner letzten Reise nach Rom hautnah erfahren. Es wird genau um seinen eigenen, ganz pers\u00f6nlichen Weg in die Gegenwart Gottes gehen. Seine bisherige Mission wird damit nicht aufh\u00f6ren, doch sie wird sein existentielles Zeugnis werden. Dabei zeigt sich: Die Gegenwart Gottes ist mir n\u00e4her als ich mir selbst. Sie ist nicht bloss ein Thema, \u00fcber das ich sprechen kann, sondern mein Selbst. Der Trost, der sie mir gibt, ist durch nichts vermittelt, sondern geschieht v\u00f6llig unmittelbar. Er durchdringt mich, l\u00f6st mich auf, bringt mich zu mir selbst. Indem ich mich in ihn verliere, bin ich getr\u00f6stet, indem ich mich lasse, bin ich, wo ich bin. Ohne Angst, ohne Zweifel; mitten in Leid und Not im Frieden der Gegenwart Gottes. Dies zu realisieren, ist ein Weg. Gehe ich ihn, sackt die Gegenwart Gottes Schicht f\u00fcr Schicht ab. Ihre N\u00e4he ist so unmittelbar, dass ich sie nur in Portionen verarbeiten kann.<\/p>\n<p>Doch bereits eine erste Prise schafft die Motivation, das Begonnene zu einem guten Abschluss zu bringen und den neuen Weg zu beschreiten. Erhellt der Blitz der Gegenwart Gottes den Moment, verpufft die Macht der Zweifel und erwacht die Freude, zu tun, was zu tun ist. Als sich Paulus dar\u00fcber klar wird, was vor ihm liegt, z\u00f6gert er nicht, seinen Entschluss umzusetzen. Er schickt zwei Gef\u00e4hrten voraus, um die n\u00f6tigen Vorkehrungen zu treffen, w\u00e4hrend er selbst noch vor Ort bleibt. Der Trost, der in der Gegenwart Gottes steckt, schafft eine Perspektive und gibt die Kraft zum n\u00e4chsten Schritt. Doch er stellt die aktuelle Situation nicht in den Schatten des neuen Ziels, sondern bleibt unaufgeregt bei dem, was hier und jetzt noch ansteht. Gewiss, die Gegenwart Gottes schafft eine Z\u00e4sur, doch ihr Trost ist kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern der Abschluss dessen, was zu Ende gekommen ist, und der Anfang eines neuen Weges, der nun gegangen werden will. Gottes Trost ist sanft und doch entschieden, friedlich und doch kraftvoll.<\/p>\n<p>Es tut K\u00f6rper und Seele gerade auch heute, am Ewigkeitssonntag, gut, sich auf diesen Trost zu besinnen, der in der Gegenwart Gottes steckt. Er macht mir den Segen der Verg\u00e4nglichkeit sp\u00fcrbar, seine N\u00e4he, wie mir nichts anderes nahe sein kann, aber auch seine sanfte Kraft, die Vergangenheit abzuschliessen und mich f\u00fcr eine neue Zukunft zu motivieren. Beten wir also, dass wir diesen Trost erfahren und immer tiefer in Gottes Gegenwart kommen. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 23. November 2025 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/1123-Apg-19.21-22.pdf\">PDF Datei hochladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als sich dies erf\u00fcllt hatte, nahm sich Paulus vor, \u00fcber Makedonien und die Achaia nach Jerusalem zu reisen. Er sagte: Wenn ich dort gewesen bin, muss ich auch Rom sehen.\u2002Und er schickte zwei seiner Helfer, Timotheus und Erastus, nach Makedonien voraus; er selbst blieb noch eine Zeit lang in der Provinz Asia. 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