{"id":5832,"date":"2025-11-02T16:16:28","date_gmt":"2025-11-02T15:16:28","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/weites-herz\/"},"modified":"2025-11-02T16:20:52","modified_gmt":"2025-11-02T15:20:52","slug":"wide-heart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wide-heart\/","title":{"rendered":"Wide heart"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Jude aber mit Namen Apollos, der aus Alexandria stammte, ein gebildeter Mann, der bewandert war in den Schriften, kam nach Ephesus.\u2002Er war unterwiesen im Weg des Herrn, spr\u00fchte in seinen Reden vor Geist und lehrte sehr genau, was sich mit Jesus zugetragen hatte, kannte aber nur die Taufe des Johannes.\u2002Der begann, in der Synagoge frei und offen zu reden. Als nun Priscilla und Aquila ihn reden h\u00f6rten, nahmen sie ihn zu sich und legten ihm den Weg Gottes noch genauer dar.\u2002Als er dann in die Achaia weiterziehen wollte, ermunterten ihn die Br\u00fcder und Schwestern dazu und schrieben an die J\u00fcnger dort, sie m\u00f6chten ihn aufnehmen. Er kam zu ihnen und war denen, die zum Glauben gekommen waren, kraft der Gnade eine grosse Hilfe.\u2002In eindr\u00fccklicher Weise n\u00e4mlich widerlegte er die Juden in aller \u00d6ffentlichkeit und bewies aufgrund der Schriften, dass Jesus der Gesalbte ist. Apg 18,24-28<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein weites Herz ist ein liebendes Herz. Macht nicht bereits die Vorfreude auf die Begegnung mit dem geliebten Menschen das Herz weit? Und steht dieser erst leibhaft vor einem, gibt es kein Halten. Die Umarmung zeigt es: Ist das Herz weit ge\u00f6ffnet, steht der N\u00e4he mit dem geliebten Du nichts im Weg. Auf einmal gibt es zwischen Weite und N\u00e4he keinen Unterschied. Die Gegens\u00e4tze fallen in eins. Die Weite wird nah, die N\u00e4he wird weit. Doch der Moment, so sch\u00f6n er ist, vergeht. Pl\u00f6tzlich gibt es zwischen Ich und Du wieder einen Unterschied, und die Suche von N\u00e4he und Distanz beginnt von neuem. Das Herz mag weit bleiben, doch der Moment jenseits der Gegens\u00e4tze ist vergangen und der Fluss der Zeit wieder sp\u00fcrbar geworden.<\/p>\n<p>Vielleicht huscht ein Schatten von Trauer vorbei, vielleicht wird die Verg\u00e4nglichkeit des Moments bewusst. Doch dar\u00fcber hinaus bleibt ein Rest \u2013 ein Rest, der wie ein Schatten st\u00e4ndig da ist und dem sich das weite Herz verdankt. Es ist jener Rest, dessen Schatten das Licht des Daseins jeden Moment begleitet, ja, dessen Schatten jedem Augenblick innewohnt. Dieser Rest erinnert an jenes nichtduale Geheimnis der Gegenwart Gottes, das den Gegensatz von Licht und Schatten, Leben und Tod, Sein und Nichts \u00fcberschreitet. Dieser Rest ist ganz anders als alles, was es gibt, und es ist doch ganz unmittelbar jeden Moment darin gegenw\u00e4rtig. Ein weites Herz weiss um ihn, es kennt die Unfassbarkeit des Augenblicks und seine Pr\u00e4senz im Hier und Jetzt, und es ist mit der Gnade vertraut, die in ihm steckt. Dieser Rest, dieses Geheimnis der Gegenwart Gottes, dieses Geheimnis des Augenblicks, ist bedingungslose Freiheit, es ist Liebe und Weisheit, es ist sch\u00f6pferische Kraft, die allem, was in der Zeit geschieht, sein Dasein gibt. Deshalb ist ein weites Herz nicht nur ein liebendes Herz. Es ist auch ein geliebtes Herz \u2013 ein Herz, das mit jenem Rest vertraut ist, der den Augenblick zum Geheimnis macht, sich nicht vereinnahmen, besitzen und verf\u00fcgbar machen l\u00e4sst, dem es sich jedoch jeden Moment verdankt.<\/p>\n<p>Was sich in diesen poetischen Worten andeutet, versucht unser Predigttext mit einer Geschichte zu vermitteln. Er erz\u00e4hlt von einem Menschen, der sich durch ein solches weites Herz auszeichnet. Versuchen wir, diese Geschichte zu verstehen!<\/p>\n<p>Die Geschichte ist ein kleines Intermezzo. Paulus hat soeben Ephesus verlassen, um Jerusalem und Antiochia, die Anfangsorte seiner Mission, sowie christliche Gemeinden in Galatien, die er gegr\u00fcndet hat, zu besuchen (Apg 18,18-23). Priscilla und Aquila, ein Paulus nahestehendes Ehepaar, halten derweil die Stellung. Die Fortsetzung wird von der R\u00fcckkehr von Paulus nach Ephesus berichten (Apg 19,1ff). Unser Predigttext erz\u00e4hlt, was dort in der Zwischenzeit geschieht.<\/p>\n<p>Hauptfigur ist Apollos. Er ist Jude, stammt aus Alexandria, ist gebildet und bewandert in den Schriften (V24). Apollos kommt als Wanderprediger nach Ephesus. Lukas beschreibt, wie er wahrgenommen wird (V25): Er ist unterwiesen im Weg des Herrn, kennt also den Weg in die Gegenwart Gottes bestens. In seinen Reden spr\u00fcht er vor Geist. Was er sagt, stammt nicht aus einer vermittelten Lehre, sondern ist dank der unmittelbaren Gegenwart Gottes in ihm selbst begr\u00fcndet. Daher wirkt er authentisch und \u00fcberzeugend. Was sich mit Jesus zugetragen hat, ist ihm gut bekannt. Er lehrt genau dies, da es den Weg in die Gegenwart Gottes anschaulich macht. Allerdings h\u00e4lt er sich nur an die Taufe des Johannes. Im Zentrum steht f\u00fcr ihn also die Umkehr der Blickrichtung weg von den Ph\u00e4nomenen und hin zum Geheimnis der Gegenwart. Lukas kritisiert ihn deswegen. Aus seiner Sicht macht er zu wenig deutlich, dass aufgrund der Umkehr der Auferstandene im Selbst des Menschen gegenw\u00e4rtig wird und damit die Taufe mit dem Geist geschieht. Apollos mag dies zwar unmittelbar erleben, doch reflektiert er seine Erfahrung nicht mit dem entsprechenden christlichen Vokabular. Lukas betont, dass Apollos dieses Defizit nun korrigiert (V26). Als er n\u00e4mlich beginnt, in der Synagoge frei und \u00f6ffentlich zu reden, h\u00f6ren ihn Priscilla und Aquila, nehmen ihn mit zu sich und legen ihm den Weg Gottes noch genauer dar. Darauf kann er offenbar m\u00fchelos einsteigen.<\/p>\n<p>Apollos erf\u00e4hrt in Ephesus viel Wertsch\u00e4tzung (V27). Als er nach Achaia, also nach Athen und Korinth, weiterziehen will, wird ihm ein Empfehlungsschreiben an die dortigen Gemeinden mitgegeben. Lukas h\u00e4lt zudem fest, dass er in diesen Gemeinden kraft der Gnade, die in ihm wirkt, eine grosse Hilfe ist. Denn die Reflexion des Wegs in die Gegenwart Gottes in christlicher Sprache hat ihn gest\u00e4rkt (V28). In eindr\u00fccklicher Weise widerlegt er n\u00e4mlich die Juden in aller \u00d6ffentlichkeit und erkl\u00e4rt aufgrund der Schriften, dass Jesus der Gesalbte ist. Paulus berichtet in seinem Brief an die Korinther sehr wertsch\u00e4tzend von Apollos (1Kor 3,6; 4,6). Dabei anerkennt er unmissverst\u00e4ndlich, dass Apollos eine eigenst\u00e4ndige Pers\u00f6nlichkeit ist, die ihm auf Augenh\u00f6he gegen\u00fcbersteht (1Kor 1,12; 16,12). Apollos ist offensichtlich ein Mystiker. Er hat ein weites Herz und kennt den Weg in die Gegenwart Gottes aus unmittelbarer, eigener Erfahrung. Zudem ist er in der Lage, diesen vor seinem j\u00fcdisch-christlichen Hintergrund zu reflektieren und gegen Widerstand souver\u00e4n zu vertreten. Und bei all dem bleibt er auf selbstverst\u00e4ndliche Weise lernf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Soweit das biblische Beispiel eines Menschen mit einem weiten Herz. Was gibt es uns heute, wo wir uns auf dieses Thema besinnen, zu verstehen?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst dies: Ein weites Herz ist offen f\u00fcr das andere. Entscheidend ist einzig und allein das Teilen der bedingungslosen Gegenwart Gottes. Menschen mit einem offenen Herz ziehen sich nicht in ihre eigene Bubble zur\u00fcck. Sie freuen sich vielmehr, das Geheimnis des Moments mit anderen zu teilen. Die Geschichte von Apollos illustriert es. Er hat einen alexandrinischen Hintergrund und geh\u00f6rt nicht zum paulinischen Kreis. Dennoch erz\u00e4hlt Lukas von seinem Wirken in Ephesus, dennoch gehen Priscilla und Aquila offen auf ihn zu. Ist das Herz weit, z\u00e4hlen weder Herkunft noch soziale Zugeh\u00f6rigkeit. Fragen zur eigenen Identit\u00e4t sind unwichtig, politische oder ideologische Identifikationen nebens\u00e4chlich. F\u00fcr narzisstisches Drehen um sich selbst ist kein Platz. Gemeinschaft geschieht stattdessen unmittelbar, ohne Code, ohne Worte. Einfach weil die Gegenwart Gottes zwischen Menschen mit einem weiten Herz geteilt wird.<\/p>\n<p>In einem solchen, mystischen Moment erwacht das Selbst des Menschen. Vielleicht ist es bloss ein kurzes Blinzeln, um in den Schlaf zur\u00fcckzusinken, vielleicht ist es indes die Geburt eines neuen Lebens. Blitzt das Geheimnis der Gegenwart Gottes in einem weiten Herz auf, zeigt sich jenes geheimnisvolle, nichtduale Selbst, das den Menschen frei von seinem leibhaften Dasein unmittelbar erf\u00fcllt. Apollos wusste um dessen unfassbare Gegenwart. Er lebte es, hatte aber keine Worte, um davon zu reden. Er sprach deshalb nur davon, die Dinge zu lassen, umzukehren und mit einem weiten Herz die Gegenwart Gottes zu leben. Dies kann getan und umgesetzt werden, das mystische Ereignis l\u00e4sst sich nicht auf den Begriff bringen. Doch es markiert, was heute, in dieser postchristlichen Zeit, entscheidend ist: Im Geheimnis der Gegenwart erwacht jenes Selbst des Menschen, dass nicht exklusiv an eine bestimmte Konfession, Religion oder Kultur gebunden ist, sondern unabh\u00e4ngig davon in jedem Menschen jeden Moment unmittelbar gegenw\u00e4rtig werden kann. Wo dies geschieht, ist das Herz weit, mit allem und allen verbunden und frei.<\/p>\n<p>Dieses unmittelbare Ereignis ist jedem sprachlichen Zugriff prinzipiell entzogen. Der christliche Glaube stellt dies nicht infrage, versucht es aber gleichnishaft zug\u00e4nglich zu machen. Wer sich darauf mit einem weiten Herz einl\u00e4sst, versteht rasch, dass dies ein Versuch ist, das Unsagbare zu sagen. Als Apollos durch Priscilla und Aquila davon erf\u00e4hrt, l\u00e4sst er sich ohne Z\u00f6gern darauf ein. Er versteht, dass die Rede von der Auferstehung von jenem Erwachen des Selbst spricht, das er aus unmittelbarer Erfahrung kennt und das sich in der Taufe mit dem Geist zeigt. So gest\u00e4rkt, ist er in den kommenden Auseinandersetzungen mit den Juden belastbar, bleibt stabil sich selbst, \u00fcberzeugend in der Argumentation und eine Hilfe f\u00fcr all jene, die den Weg in die Gegenwart Gottes gehen wollen. Das weite Herz weiss es: Was sich in christlicher Sprache sagen l\u00e4sst, ist ein Gleichnis. Im Zentrum bleibt das unsagbare Geheimnis der Gegenwart Gottes. Doch die christliche Sprache bietet grosse Poesie, um dieses Unsagbare zu sagen, der Gegenwart Gottes einen Namen zu geben und sie auf diese Weise als Gemeinschaft zu teilen und zu kultivieren.<\/p>\n<p>Das Potential eines weiten Herzes ist unermesslich \u2013 so unermesslich, wie das Geheimnis der Gegenwart. Es verbindet uns Menschen nicht nur mit uns selbst, sondern mit allen Menschen, mit allen Lebewesen, mit dem ganzen Universum. Sein Geheimnis ist die bedingungslose Freiheit der Gegenwart Gottes samt deren Liebe und Weisheit. Auf den Begriff bringen und verf\u00fcgbar machen l\u00e4sst sich dieses Geheimnis nicht. Doch ein weites Herz ist mit seiner Poesie vertraut, steht f\u00fcr es ein und freut sich, es im Tanz von Licht und Schatten, Leben und Tod, aufblitzen zu lassen. Beten wir also, dass wir von der Gegenwart Gottes erfasst werden und dass unser Herz weit wird. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 2. November 2025 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/1102-Apg-18.24-28.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Jude aber mit Namen Apollos, der aus Alexandria stammte, ein gebildeter Mann, der bewandert war in den Schriften, kam nach Ephesus.\u2002Er war unterwiesen im Weg des Herrn, spr\u00fchte in seinen Reden vor Geist und lehrte sehr genau, was sich mit Jesus zugetragen hatte, kannte aber nur die Taufe des Johannes.\u2002Der begann, in der Synagoge [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4355,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[39],"tags":[],"class_list":["post-5832","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-mysticism-in-the-acts-of-the-apostles"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5832","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5832"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5832\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4355"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5832"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5832"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5832"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}