{"id":5703,"date":"2025-06-22T12:37:15","date_gmt":"2025-06-22T10:37:15","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/gewissheit\/"},"modified":"2025-06-22T12:38:17","modified_gmt":"2025-06-22T10:38:17","slug":"certainty","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/certainty\/","title":{"rendered":"Certainty"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Br\u00fcder und Schwestern aber schickten Paulus und Silas noch in der Nacht nach Ber\u00f6a weiter. Als sie dort ankamen, begaben sie sich in die Synagoge der Juden.\u2002Dort war man ihnen freundlicher gesinnt als in Thessalonich. Sie nahmen das Wort mit grosser Bereitschaft auf und forschten Tag f\u00fcr Tag in den Schriften, ob es sich so verhalte. So kamen viele von ihnen zum Glauben und ebenso nicht wenige von den angesehenen griechischen Frauen und M\u00e4nnern. Apg 17,10-12<\/em><em>\u00a0<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Das Geheimnis der Gegenwart ist v\u00f6llig evident, jeden Moment, hier und jetzt. Der Glaube erkennt darin, wie Gott gegenw\u00e4rtig ist, und er findet in der Gegenwart Gottes, was ihn schafft: jenes Geheimnis, das allem, was ist, seine Zeit gibt, jenen unsichtbaren Fixstern, der Orientierung stiftet, jene unfassbare Achse, die in den St\u00fcrmen des Lebens Ruhe und Trost vermittelt. Wer glaubt, ist unmittelbar im Hier und Jetzt. Wenn ich spreche, spreche ich; wenn ich traurig bin, bin ich traurig. Ich nehme wahr, was ist, \u00fcbersteuere meine Wahrnehmung nicht, und ich bin mir zweifelsfrei gewiss, dass nichts wichtiger ist als das, was hier und jetzt werden will. Auf diese Weise wird mir der Moment, wie auch immer die Umst\u00e4nde sind, zur Offenbarung Gottes, zum Moment, der mir deren Liebe und Weisheit zeigt und mich mit ihrer Evidenz \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Ist diese zweifelsfreie Gewissheit des Augenblicks nicht sonnenklar und aus sich selbst evident? Offenbar ist das Naheliegende zuweilen fern und das Offensichtliche manchmal unfassbar. Auf der Suche nach Gewissheit, verliere ich mich in der Komplexit\u00e4t von Daten und Optionen. Sehe ich die Blume in dieser Hecke mit dem Asphalt vor ihr oder dem Baum neben ihr? H\u00f6re ich die Aussage der Politikerin mit dem lauten Mikrophon vor dem Hintergrund ihrer Parteizugeh\u00f6rigkeit oder im Kontext ihrer Fachkompetenz? Was ich wahrnehme, kann ich unterschiedlich interpretieren, und was ich interpretiere, kann ich unterschiedlich bewerten. Gewissheit finde ich auf diese Weise freilich nicht. Vielleicht suche ich Halt in einem ideologischen Konstrukt, das mir die Welt deutet, vielleicht werde ich Fundamentalist und setze alles daran, meine \u00dcberzeugungen als das Wahre und Gute zu propagieren. Doch ist das mehr als Selbstgerechtigkeit? Ist das eine Gewissheit, die alle Zweifel hinter sich gelassen hat? Offensichtlich nicht. Ein Glaube, der bloss f\u00fcr wahr h\u00e4lt, was richtig sein soll, kann sich aufbl\u00e4hen, selbstsicher auftreten und den Zweifel verdr\u00e4ngen, nicht aber aufl\u00f6sen oder verhindern.<\/p>\n<p>Gesucht ist jedoch ein Glaube, der frei von Gut und B\u00f6se ist, frei von jedem Urteilen und Bewerten, frei von jedem Dies und Das und doch bedingungslos, direkt, unmittelbar im Hier und Jetzt gegenw\u00e4rtig. Erst ein solcher Glaube schafft jene Gewissheit, die sich an nichts festh\u00e4lt, keine Selbstbest\u00e4tigung sucht, die eigene Nichtigkeit kennt und nicht von Zweifel und Angst bedr\u00e4ngt werden kann. Doch wie soll ein solcher Glaube geschehen? Wie soll ein Glaube m\u00f6glich sein, der jenseits jeglicher Dualit\u00e4t mitten in der Dualit\u00e4t des Hier und Jetzt zur Geltung kommt und zweifelsfreie Gewissheit in der Fragilit\u00e4t und Verg\u00e4nglichkeit des Daseins gibt? Die Botschaft von der bedingungslosen Gegenwart Gottes stellt vor diese Frage und fordert zu einer Antwort auf. Unser Predigttext macht genau dies deutlich.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt eine Episode, die Paulus und seine Begleiter zu Beginn ihrer Mission auf europ\u00e4ischem Boden erlebt haben. Begonnen haben sie diese Mission in Mazedonien, in der r\u00f6mischen Kolonie Philippi (Apg 16,11-40). Von dort sind sie nach Thessalonich weitergereist und haben ihre Botschaft mehrfach in der Synagoge verk\u00fcndet. Aus der Judenschaft lassen sich einige \u00fcberzeugen, doch finden sie vor allem bei den gottesf\u00fcrchtigen Griechen Resonanz. Dies weckt allerdings den Argwohn der ans\u00e4ssigen Juden. Sie verursachen einen Aufruhr, schleppen Jason, den Gastgeber, der Paulus und seinen Begleitern Quartier gegeben hat, zusammen mit weiteren Personen, vor die Stadtpr\u00e4fekten und klagen sie an, dass sie die \u00f6ffentliche Ordnung st\u00f6ren und sich \u00fcber den Kaiser hinwegsetzen, indem sie sich f\u00fcr einen andern K\u00f6nig stark machen. Sie interpretieren die Botschaft von Paulus also bewusst politisch, um sie politisch zu bek\u00e4mpfen. Allerdings wird die Anklage rasch fallen gelassen, weil Paulus und seine Begleiter nicht auffindbar sind. Sie sind offenbar bereits geflohen und haben sich als Ursache des Konflikts aus dem Spiel genommen. Nach der Darstellung des ersten Thessalonicherbriefs scheint Paulus durchaus ein Vertrauensverh\u00e4ltnis zu Menschen in Thessalonich aufgebaut zu haben (1Thess 2,9-12.17.19f; 3,6). Lukas nimmt von dort indes nur den erfreulichen Anfang und das tumultartige Ende in Blick (Apg 17,1-9).<\/p>\n<p>An dieser Stelle setzt unser Predigttext ein. Mit Unterst\u00fctzung von Gemeindegliedern in Thessalonich gelingt es Paulus und Silas, sich in der Nacht unbemerkt nach Ber\u00f6a abzusetzen (V10a). Ber\u00f6a ist etwa 80km von Thessalonich entfernt und liegt an der grossen Strasse nach Mittel- und S\u00fcdgriechenland. Auf dem Weg nach Athen und Korinth ist Ber\u00f6a ein nat\u00fcrliches Etappenziel. Wie \u00fcblich begeben sich Paulus und Silas auch hier in die Synagoge und versuchen dort, ihre Botschaft anzubinden (V10b). Offenbar haben sie mehr Erfolg als zuvor in Thessalonich (V11). Die Leute sind ihnen freundlicher gesinnt, und sie ringen darum, in der Botschaft von der Gegenwart Gottes zweifelsfreie Gewissheit zu finden. Denn sie nehmen das Wort, das ihnen Paulus verk\u00fcndet nicht nur mit grosser Bereitschaft auf, sondern sie erforschen Tag f\u00fcr Tag in den Schriften, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob es sich so verhalte, wie ihnen Paulus sagt. Wichtig ist ihnen offenbar, dass sie zu einer Gewissheit finden, die zwar aus sich selbst evident ist, aber dennoch durch die Lebensumst\u00e4nde belastbar ist und kritischen R\u00fcckfragen ihrer Glaubensgemeinschaft standh\u00e4lt. Diesen Weg zu gehen, f\u00fchrt zu Erfolg (V12). Viele von der Synagoge, aber auch nicht wenige von den angesehenen griechischen Frauen und M\u00e4nnern kommen zum Glauben.<\/p>\n<p>Allerdings berichtet die Fortsetzung, dass der Aufenthalt in Ber\u00f6a auch im Tumult endet (V13-15). Die Initiative dazu startet nicht vor Ort, sondern geht von den Juden in Thessalonich aus. Als diese n\u00e4mlich vom Wirken des Paulus in Ber\u00f6a h\u00f6ren, zetteln sie auch hier einen Aufruhr an. Die Gemeinde vor Ort \u00fcberlegt nicht lange, sondern schickt Paulus mit Begleitung sogleich nach Athen. Die bisherigen Begleiter von Paulus, n\u00e4mlich Silas und Timotheus, der nun auch genannt wird, bleiben vorerst in Ber\u00f6a. Doch sie folgen Paulus auf dessen Bitte hin m\u00f6glichst rasch nach. In Athen ist Paulus noch auf sich selbst gestellt; sie werden erst in Korinth wieder zusammentreffen. Die Gemeinde in Ber\u00f6a hat Bestand. Lukas erz\u00e4hlt sp\u00e4ter, dass sie sich an der Kollekte, die Paulus f\u00fcr Jerusalem erhebt, beteiligt (Apg 20,4).<\/p>\n<p>Das heutige Nachdenken \u00fcber diesen Predigttext zeigt, dass die Botschaft von der Gegenwart Gottes unfassbar ist und doch zweifelsfreie Gewissheit schaffen will. Wie also kommt es zu dieser Gewissheit?<\/p>\n<p>Die Frage konfrontiert mit einem Dilemma. Einerseits soll die Gewissheit so stark sein, dass sie in den Irrungen und Wirrungen des Lebens jeden Moment Mitte und Mass gibt. Die Botschaft der Gegenwart Gottes soll also in einer Weise Ansatz und Ressource sein, dass deren Attraktivit\u00e4t im Markt der M\u00f6glichkeiten die Kraft hat, sich gegen\u00fcber Alternativen durchzusetzen. Andererseits ist diese Botschaft kein Dies oder Das, keine Idee, die sich fassen und festhalten l\u00e4sst, sondern ein unverf\u00fcgbares Ereignis, das jeden Moment neu geschieht. Paulus ist sich dessen genau bewusst. Deshalb tritt er f\u00fcr die Botschaft engagiert und \u00fcberzeugt ein, \u00fcberl\u00e4sst das Suchen und Finden der Gewissheit aber seiner Zuh\u00f6rerschaft. Mit seiner Predigt kann er nicht mehr als auf die T\u00fcr hinweisen, hindurchgehen m\u00fcssen alle selbst. Doch die T\u00fcr ist ein Dilemma. Wie soll ich zu jener Gewissheit gelangen, die meiner Kontrolle restlos entzogen ist? Wie soll das Geheimnis des Moments zu meinem Zentrum werden, wenn es doch f\u00fcr mich v\u00f6llig unverf\u00fcgbar ist?<\/p>\n<p>Der Weg zur Gewissheit f\u00fchrt genau durch dieses Dilemma. Durch die Reibung mit dem Dilemma geschieht jener L\u00e4uterungsprozess, der mit allem konfrontiert, was dem Ankommen im Geheimnis des Moments im Weg steht. Paulus kn\u00fcpft seine Botschaft an die Synagoge an. Ihre Schriften betrachtet er als hilfreiche Werkzeuge dieses Prozesses. Gewissheit \u00fcber das Geheimnis der Gegenwart k\u00f6nnen sie indes nicht schaffen. Die Auseinandersetzung mit ihnen schafft keine zwingenden Beweise, und als Autorit\u00e4t, die \u00fcber Gut und B\u00f6se, Wahr und Falsch verf\u00fcgt, funktionieren sie genauso wenig. Doch sie helfen, eigene Zweifel und Unsicherheit in Worte fassen, Fragen zu stellen und um Antworten zu ringen. Die Schriften der Bibel sind, wie alle Texte von Menschen, die um das Geheimnis der Gegenwart gerungen haben, ein Schatz, der mich dazu ermutigt, mich auf diesen L\u00e4uterungsprozess einzulassen und mich dem Dilemma des Augenblicks zu stellen. Sie machen mir deutlich, dass ich diesen Weg in die Gegenwart mit all den vielen Menschen teile, die diesen Weg auch gegangen sind, geben mir aber auch zu verstehen, dass ich ihn nur in diesem Augenblick auf meine einmalige und pers\u00f6nliche Weise gehen kann.<\/p>\n<p>Gelingt in diesem L\u00e4uterungsprozess der Durchbruch durch das Dilemma, entsteht Gewissheit. Diese Gewissheit ist irreversibel, insofern die Unmittelbarkeit der Gegenwart Gottes evident geworden ist und die Kraft ihrer Liebe und Weisheit alle Zweifel und Angst durchbrochen hat. Verf\u00fcgbar geworden ist sie damit jedoch nicht. Worin sie besteht, muss sich jeden Moment neu erweisen. Die Menschen in Ber\u00f6a illustrieren es. Sie forschen Tag f\u00fcr Tag in den Schriften, ob sich die Dinge so verhalten, wie Paulus sagt. Ihre Forschung ist kein methodengesteuertes, \u00fcberpr\u00fcfbares Testverfahren, sondern ein existentielles Ringen um Kompatibilit\u00e4t zwischen ihrer Erfahrung vom Geheimnis des Moments und ihrem Verst\u00e4ndnis von dessen Reflexion in den Texten. Gewissheit entsteht erst, indem beiden Seiten Gen\u00fcge getan ist. Finde ich nur in der Stille Gewissheit, bleibe ich sprachlos und verpasse das konkrete Hier und Jetzt. Verharre ich bei den Worten, die mir den Moment deuten, verpasse ich die Unmittelbarkeit der Gegenwart. Erst wenn ich ohne jedes Z\u00f6gern aus der Unmittelbarkeit im Hier und Jetzt spreche, zeigt sich jene Gewissheit, die das Ringen um Gut und B\u00f6se durchbrochen hat, die Gegenwart Gottes offenbart und in Belastungen unersch\u00fctterlich ist. Kopieren und Wiederholen l\u00e4sst sich dieser Vorgang nicht. Die Gewissheit der Gegenwart Gottes ist kein menschliches Machwerk, sondern geschieht im Moment frisch und neu aus sich selbst, aus purer Gnade.<\/p>\n<p>Zweifelsfreie Gewissheit, wie sie im Geheimnis des Moments entsteht, ist das Ergebnis eines existentiellen Prozesses, bei welchem das Gef\u00e4ngnis meines Bewusstseins durchbrochen und Gott unmittelbar gegenw\u00e4rtig wird. Heilige Texte wie die Bibeltexte sind f\u00fcr diesen Weg in die Gegenwart so n\u00fctzlich, wie es eine Landkarte beim Wandern ist. Das eigene Gehen nehmen sie indes nicht ab. Beten wir also, dass wir frei von uns selbst werden und die Gewissheit der Gegenwart Gottes finden. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 22. Juni 2025 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/0622-Apg-17.10-12.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Br\u00fcder und Schwestern aber schickten Paulus und Silas noch in der Nacht nach Ber\u00f6a weiter. Als sie dort ankamen, begaben sie sich in die Synagoge der Juden.\u2002Dort war man ihnen freundlicher gesinnt als in Thessalonich. 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