{"id":5491,"date":"2025-01-05T12:19:30","date_gmt":"2025-01-05T11:19:30","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/gemeinsam-stark\/"},"modified":"2025-01-05T12:21:11","modified_gmt":"2025-01-05T11:21:11","slug":"strong-together","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/strong-together\/","title":{"rendered":"Strong together"},"content":{"rendered":"<p><em>Nun kamen aber von Antiochia und Ikonium Juden herbei. Die brachten das Volk auf ihre Seite, und sie steinigten Paulus und schleiften ihn dann vor die Stadt hinaus in der Meinung, er sei tot.\u2002Doch w\u00e4hrend die J\u00fcnger ihn umringten, stand er auf und ging in die Stadt zur\u00fcck. Und am folgenden Tag ging er mit Barnabas fort nach Derbe. Apg 14,19-20<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gottes Gegenwart ist bedingungslos treu. Absolut zuverl\u00e4ssig ist sie gegenw\u00e4rtig, in den Menschen, in der Natur, in der Materie dieses Universums. Nichts wirft sie aus der Bahn, nichts kann sie zerst\u00f6ren oder beseitigen. Der Beginn des neuen Jahres mag viel Unsicherheit wecken und manche sorgen- und angsterf\u00fcllte Frage stellen. Umso wichtiger ist deshalb jene St\u00e4rke des Moments, die durch die Gegenwart Gottes gegeben ist. Sie gibt Stabilit\u00e4t in allen Ver\u00e4nderungen, weiss um Vergangenheit und Zukunft, l\u00e4sst sich davon nicht dominieren, und sie erkennt und gestaltet die Wirklichkeit dieses Universums ergebnisoffen, heiter und pragmatisch als Spiel von Gottes Liebe und Weisheit. So verankert in der Gegenwart Gottes, verschafft sie Freiheit in der Ungewissheit und Leichtigkeit im Schweren. V\u00f6llig treu und zuverl\u00e4ssig \u2013 jetzt, im neuen Jahr und in aller Zeit.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklich, wer dies stabil und unverbr\u00fcchlich in sich erlebt, gl\u00fccklich aber auch, wer es in einer Gemeinschaft erf\u00e4hrt. Wer k\u00f6nnte sich r\u00fchmen, nie in Versuchung zu kommen? Selbst Jesus merkt im Garten Getsemani, dass seine Verankerung in Gott davon bedroht ist, von Gef\u00fchlen und Gedanken \u00fcberflutet zu werden. Einen Moment lang ersch\u00fcttert auch ihn die Furcht vor einem qualvollen Sterben. Mehrmals bittet er deshalb seine n\u00e4chsten J\u00fcnger, bei ihm zu bleiben und ihm Beistand zu leisten. Sie aber sind dazu nicht in der Lage und lassen ihn im Stich. Jesus findet schliesslich in die Gegenwart Gottes zur\u00fcck und kann die Nebel der Angst verwehen und seine Gedanken zur Ruhe kommen lassen. Doch er bleibt allein, ohne sch\u00fctzende Gemeinschaft, ausgeliefert dem Kreuzweg (Mk 14,32-42parr).<\/p>\n<p>Nicht alle haben die St\u00e4rke, einer solchen Versuchung standzuhalten, nicht alle m\u00fcssen ihren Weg allein gehen. Ein Segen ist, Menschen im richtigen Augenblick mit dem richtigen Wort oder der richtigen Geste an ihrer Seite zu haben und durch ihre Freiheit frei und durch ihre Klarheit klar zu werden. Eine Gemeinschaft, welche die Gegenwart Gottes miteinander teilt, tr\u00e4gt die Schw\u00e4che des einen, um ihn zu st\u00e4rken, und sie nimmt die Verwirrung des andern, um ihm die Klarheit des Moments sp\u00fcrbar zu machen. Eine solche Gemeinschaft steht f\u00fcr die Freiheit der Gegenwart Gottes ein, l\u00e4sst sich Luft und vereinnahmt sich gegenseitig nicht, aber sie weiss auch, dass niemand davor gefeit ist, dieser Freiheit mit sich selbst im Weg zu stehen und sich selbst den Weg in die Gegenwart Gottes zu verbauen. Deshalb k\u00f6nnen sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, die den Beistand einer solche Gemeinschaft erleben.<\/p>\n<p>Unser Predigttext erz\u00e4hlt beispielshaft von der Unterst\u00fctzung, die eine Gemeinschaft, welche die Gegenwart Gottes miteinander teilt, geben kann. Versuchen wir zu verstehen, was er uns zu sagen hat!<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlt wird eine eindr\u00fcckliche Episode in Lystra im Rahmen der ersten Mission, die Paulus zusammen mit Barnabas in Kleinasien unternommen hat. Sie wird in einer Weise pr\u00e4sentiert, dass der Eindruck entsteht, sie schliesse sich unmittelbar an das Vorangegangene an. Ob dies historisch den Tatsachen entspricht, muss offenbleiben. Sicher ist der Kontrast massiv. Soeben ist n\u00e4mlich durch die Verschr\u00e4nkung von Paulus und einem gel\u00e4hmten Mann ein Wunder geschehen: Der Gel\u00e4hmte wird geheilt und kann gehen (Apg 14,8-10). Die Leute, die dies miterleben, sind so beeindruckt, dass sie Barnabas Zeus und Paulus Hermes nennen. Barnabas und Paulus sind entsetzt und bem\u00fchen sich mit aller Kraft, das Missverst\u00e4ndnis zu kl\u00e4ren. Sie machen sich als Menschen sp\u00fcrbar und verweisen auf jenen Gott, der alles geschaffen hat. Dieser Gott befreit von verg\u00f6ttlichenden Projektionen, zeigt sich aber in Wohltaten, indem er jeden Augenblick in seiner Sch\u00f6pfung gegenw\u00e4rtig ist. Trotz ihrem engagierten Pl\u00e4doyer k\u00f6nnen sie das Volk nur mit M\u00fche davon abhalten, ihnen zu opfern. Die Begeisterung des Volkes ist nach wie vor gross (Apg 14,11-18).<\/p>\n<p>Was mit unserem Predigttext erz\u00e4hlt wird, markiert einen krassen Stimmungswechsel (V19). Ausl\u00f6ser ist das Herbeikommen von Juden. Bereits zuvor in Antiochia und Ikonium haben Barnabas und Paulus von j\u00fcdischer Seite Widerstand erfahren. Nun wiederholt sich dasselbe, indem Juden aus diesen beiden St\u00e4dten aktiv werden, das Volk auf ihre Seite bringen und die Situation eskalieren lassen. Wie es kommt, dass ihr Einfluss auf die nichtj\u00fcdische, hellenistisch gepr\u00e4gte Bev\u00f6lkerung in Lystra so gross sein soll, wird nicht erkl\u00e4rt. Klar ist, dass die Schuld am Widerstand einzig und allein den herbeigekommenen Juden zugeschoben wird \u2013 ein Muster, das sich in den folgenden Jahrhunderten noch oft wiederholten wird. In der Folge kann sich Paulus anders als in Antiochia und Ikonium der drohenden Lynchjustiz nicht mehr entziehen, sondern wird gesteinigt. In der Meinung, er sei tot, schleifen sie ihn vor die Stadt hinaus. Die Verehrung von Paulus als Gott ist j\u00e4h gekippt. Heben ihn die Projektionen des Volkes zuerst auf einen Sockel, so stossen sie ihn jetzt mit aller Heftigkeit davon herunter und bestrafen ihn mit Todesverachtung.<\/p>\n<p>In Blick kommt anschliessend die Reaktion derer, welche die Gegenwart Gottes miteinander teilen (V20). Die J\u00fcnger, die es in Lystra offenbar bereits gibt, umringen den gesteinigten Paulus. Ihre N\u00e4he verschr\u00e4nkt sie miteinander in der Gegenwart Gottes und macht im Gesteinigten Gott gegenw\u00e4rtig. In der Kraft dieser Gegenwart steht er auf und geht in die Stadt zur\u00fcck. Er erlebt die Wohltat Gottes, von der er zuvor gesprochen hat, am eigenen Leib und l\u00e4sst sich von der Angst vor dem, was er gerade erlebt hat oder in K\u00fcrze erleben k\u00f6nnte, nicht dominieren. Stattdessen findet er in die Freiheit der Gegenwart Gottes zur\u00fcck und folgt ihrer Liebe und Weisheit. So verbringt er noch eine Nacht in der Stadt und geht dann am folgenden Tag zusammen mit Barnabas fort nach Derbe. Dank der Gemeinschaft derer, die mit ihm Gottes Gegenwart teilen, ist er nach diesem gewaltsamen \u00dcbergriff in der Lage, wieder auf seine F\u00fcsse zu kommen und seinen Weg weiterzugehen.<\/p>\n<p>Die Fortsetzung macht deutlich, dass er in Derbe den entferntesten Punkt seiner ersten Mission erreicht hat, dass er dort nochmals sehr erfolgreich ist, aber dass er sich dann auf dem gleichen Weg, den er durch Kleinasien gekommen ist, zur\u00fcck nach Antiochia, dem Ausgangsort seiner Mission, macht (Apg 14,21-28).<\/p>\n<p>Das Nachdenken \u00fcber diesen Predigttext jetzt, kurz nach Neujahr, zeigt uns, was eine Gemeinschaft, die Gottes Gegenwart teilt, zu bewirken in der Lage ist. Versuchen wir, diese Wirkung im Blick auf das neue Jahr zu verstehen.<\/p>\n<p>Deutlich vor Augen gef\u00fchrt wird zun\u00e4chst der radikale Realit\u00e4tsbezug. Eine solche Gemeinschaft stellt sich der Wirklichkeit desillusioniert und n\u00fcchtern, wie sie in der Gegenwart Gottes tats\u00e4chlich ist, und f\u00e4rbt sie nicht mit eigenen Projektionen ein. Gewiss, Erwartungen, W\u00fcnsche und Bef\u00fcrchtungen konstruieren sich rasch ihre eigene Wirklichkeit. Zuweilen ist anspruchsvoll, Projektionen zu durchschauen. Wer verliebt ist, will den geliebten Menschen in den Wunschfarben sehen, und wer sich mit der Opferrolle identifiziert, braucht einen S\u00fcndenbock, dem er alle Schuld zuschieben kann. Paulus hat es erlebt: Erst wird er verg\u00f6ttlicht, wenig sp\u00e4ter verteufelt. Beides ist nicht situationsad\u00e4quat. Gottes Gegenwart ist demgegen\u00fcber eine permanente L\u00e4uterung. Sie befreit von der Verstrickung mit sich, konfrontiert mit dem, was hier und jetzt ist und fordert dazu auf, sich genau dem zu stellen. Gottes Gegenwart ist pure Unmittelbarkeit, n\u00e4her als alles, was ich mir konstruiere, n\u00e4her als ich mir selbst. Die Wirklichkeit, die sich mir in dieser Gegenwart zeigt, ist meine Wirklichkeit, aber frei von Befangenheit, meine Sicht, aber ohne meine Interessen, meine begrenzte Wahrnehmung, aber unzensuriert und unbewertet.<\/p>\n<p>Sodann unterl\u00e4uft eine solche Gemeinschaft die Einsamkeit. Der Weg in die Gegenwart Gottes ist ein h\u00f6chst pers\u00f6nlicher Weg, doch geschieht er nie allein, sondern stets in Gemeinschaft mit allem, was in Gottes Gegenwart geschehen will. Menschen k\u00f6nnen sich diesen Weg mit ihren eigenwilligen Konstruktionen verbauen und sich in sich selbst verstricken. Doch eine Gemeinschaft, die den Weg in die Gegenwart Gottes teilt und das Potential der Verschr\u00e4nkung, das dieser Gemeinschaft eigen ist, sp\u00fcrbar macht, weckt aus dem Schlaf der Einsamkeit auf, entlarvt sie als Illusion und zeigt die Verbundenheit, die jeden Moment besteht. Paulus hat sie erlebt. Als er schon f\u00fcr tot gehalten wurde, ist er durch diese Gemeinschaft wieder auf seine F\u00fcsse gekommen. Die Verschr\u00e4nkung mit den Menschen, die mit ihm die Gegenwart Gottes teilen, hat gewirkt. Nichts ist davon ausgeschlossen. Die Verschr\u00e4nkung, durch die die Information der Gegenwart Gottes offenbart wird, geschieht auch mit Tieren, Pflanzen, Steinen, ja mit allem, was es gibt. Bin ich in der Gegenwart Gottes, bin ich, solange es mich gibt, nie allein, sondern mit anderen und anderem verschr\u00e4nkt, teile die Information, die uns in diesem Augenblick gegeben ist und verstehe, dass sie unsere Wirklichkeit schafft.<\/p>\n<p>Dies zu realisieren, schafft Zuversicht und Spielfreude. Ist der Moment von Gottes Gegenwart erf\u00fcllt, ist dies das Geheimnis jedes Moments der Vergangenheit und der Zukunft. Dieses Geheimnis ist das Geheimnis der bedingungslosen Freiheit, die in diesem Universum steckt. Paulus hat sein Leben in Dienst dieses Geheimnisses gestellt und sich mit ganzer Kraft, ganzer Seele und all seinem Denken daf\u00fcr eingesetzt, dessen frohe Botschaft zu verk\u00fcnden. Deshalb ist er nach dem furchtbaren \u00dcbergriff, der in seiner Steinigung gipfelt, unbeirrt zur\u00fcck in die Stadt gekehrt, deshalb hat er die frohe Botschaft dieses Geheimnisses bis nach Derbe getragen und Menschen das Herz ge\u00f6ffnet und den Verstand gekl\u00e4rt. Die Botschaft vom Geheimnis der bedingungslosen Freiheit ist keine Botschaft, die f\u00fcr wahr gehalten werden will, sondern ein Ereignis, das von Kopf bis Fuss erfasst \u2013 unmittelbar, ohne eigenes Zutun, aus purer Gnade, jeden Moment. Nichts kann sich ihm entziehen. Es durchdringt dieses Universum, es durchdringt mein Leben, es spielt das Spiel der Evolution, und es spielt mit Liebe und Weisheit. Wie k\u00f6nnte ich da nicht auch dieses Jahr frei und freudig mitspielen!<\/p>\n<p>Der Blick auf das kommende Jahr mag Unsicherheit und Angst wecken. F\u00fcr Ver\u00e4nderungen ist zweifellos gesorgt, und ihre Auswirkungen sind noch \u00fcberhaupt nicht absehbar. Doch eine Gemeinschaft, die Gottes Gegenwart teilt, wirkt. Sie macht Mut zur Wirklichkeit, l\u00f6st die Einsamkeit auf und gibt Freiheit. \u00d6ffnen wir uns deshalb f\u00fcr Gottes Gegenwart und freuen wir uns an der Gemeinschaft, in der wir hier und jetzt und jeden Moment stehen und gehen. Beten wir also, dass wir daf\u00fcr dankbar sind und frohen Mutes in das neue Jahr schreiten! Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 5. Januar 2025 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/0105-Apg-14.19-20.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun kamen aber von Antiochia und Ikonium Juden herbei. Die brachten das Volk auf ihre Seite, und sie steinigten Paulus und schleiften ihn dann vor die Stadt hinaus in der Meinung, er sei tot.\u2002Doch w\u00e4hrend die J\u00fcnger ihn umringten, stand er auf und ging in die Stadt zur\u00fcck. Und am folgenden Tag ging er mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4355,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[39],"tags":[],"class_list":["post-5491","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-mysticism-in-the-acts-of-the-apostles"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5491"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5491\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4355"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}