{"id":5391,"date":"2024-11-03T15:02:13","date_gmt":"2024-11-03T14:02:13","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/morgentau\/"},"modified":"2024-11-03T15:03:40","modified_gmt":"2024-11-03T14:03:40","slug":"morning-dew","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/morning-dew\/","title":{"rendered":"Morning dew"},"content":{"rendered":"<p><em>Durch ihn wird euch Vergebung der S\u00fcnden verk\u00fcndigt. Von allem, wovon ihr durch das Gesetz des Mose nicht freigesprochen werden konntet,\u2002wird jetzt jeder, der glaubt, in ihm freigesprochen. Apg 13,38-39<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Gegenwart Gottes ist wie das Glitzern der Sonne im Morgentau: ein Hier und Jetzt ohne Raum und Zeit. Wie k\u00f6nnte ich einen solchen Moment fassen? Ruhig und unaufgeregt liegt der Morgentau auf den Bl\u00e4ttern der Kapuzinerkresse vor meinem K\u00fcchenfenster. Das Licht der aufgehenden Sonne spiegelt sich in ihm und bringt den kleinen Wassertropfen zum Funkeln. Ganz unmittelbar f\u00e4llt er mir ins Auge. Ich kann ihn nicht \u00fcbersehen. Es glitzert ein Stern auf dem Gr\u00fcn, und ich weiss nicht: Schau ich auf die Erde oder schau ich in den Himmel? Durchsichtig geworden ist der Moment. Ich weiss doch, dass es Morgen ist und dass ich in meiner K\u00fcche zum Fenster hinausschaue. Wach und aufmerksam bin ich da, und doch \u00f6ffnet sich darin ein Moment ohne Raum und Zeit, ohne Worte und Gedanken, ein Moment der F\u00fclle, die kein Gr\u00f6sser oder Kleiner kennt und v\u00f6llig offensichtlich ist.<\/p>\n<p>Solche geschenkten Momente zeigen es \u00fcberdeutlich: Gottes Gegenwart wirkt durch ihre reine Pr\u00e4senz. Sie greift nicht ein in den Lauf der Zeit, sie setzt die Gesetze dieses Universums nicht ausser Kraft, und sie verhindert nicht, was der Zufall an Gl\u00fcck und Pech bereith\u00e4lt. Wie k\u00f6nnte ich erwarten, dass Gott mit seiner Gegenwart das Spiel der Evolution auf ein Ziel hinsteuert? Gottes Gegenwart ist nicht in Kategorien wie Gut und B\u00f6se zu fassen. Sie sorgt nicht f\u00fcr dieses, und sie k\u00e4mpft nicht gegen jenes. Doch wenn Gott gegenw\u00e4rtig wird wie das Glitzern der Sonne im Morgentau, zeigt sich mitten im Zufall Freiheit \u2013 Freiheit, die hier und jetzt von jedem Dies und Das befreit, Freiheit, die mit Liebe zur Weisheit erf\u00fcllt, Freiheit, die spielt und tanzt und singt. Diese Freiheit macht Freude. Sie schafft den Moment, sie schafft dieses Universum, sie schafft das Spiel der Evolution. Werde ich von ihrer Spielfreude erfasst, verstehe ich, dass alles sein kann und nichts sein muss. Ich werde frei \u2013 frei zum Spiel des Lebens. Glitzert die Sonne im Morgentau, ist das ganze Universum da, und die T\u00fcr zu seinem Spiel steht weit offen.<\/p>\n<p>Was diese fast schon poetischen Worten andeuten, versucht unser Predigttext auf prosaische Weise zu erl\u00e4utern. Versuchen wir, ihm auf die Spur zu kommen!<\/p>\n<p>Er steht in der ersten grossen Pauluspredigt der Apostelgeschichte. Es ist Sabbat. Paulus befindet sich zusammen mit Barnabas in Antiochia in Pisidien in einem j\u00fcdischen Gottesdienst. Das Leitungsgremium der dortigen Synagoge fordert ihn zum Sprechen auf. Er packt seine Chance und macht sich daran, seine Botschaft einem gemischten Publikum j\u00fcdischer und nichtj\u00fcdischer Herkunft nahebringen. Im ersten Teil seiner Predigt spricht er davon, dass Gott bereits in der Vergangenheit in Israel gegenw\u00e4rtig gewesen ist und dass diese Gegenwart f\u00fcr Israel ein Segen gewesen ist (Apg, 13,16-25). Der zweite Teil konzentriert sich auf die Gegenwart Gottes in Jesus Christus. Seine Pointe ist die Botschaft von dessen Auferstehung von den Toten. Er macht deutlich, dass der Auferstandene das Zeichen daf\u00fcr ist, dass Gott im Hier und Jetzt, aber frei von Raum und Zeit unmittelbar gegenw\u00e4rtig ist (Apg 13,26-37). Der nun folgende dritte Teil versucht, diese Botschaft weiter zu erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>Unser Predigttext befindet sich in diesem dritten Teil. Er spricht die Anwesenden erneut an (vgl. V16.26) und gibt ihnen zu verstehen, dass nun die entscheidende Botschaft kommt (V38). Was folgt, ist eine lukanisch gef\u00e4rbte Kurzfassung dessen, was heute als paulinische Rechtfertigungslehre bezeichnet wird. Paulus spricht in seinen Briefen auf verschiedene Weise davon. In ihr verdichtet sich sein Verst\u00e4ndnis des christlichen Glaubens. Wie also zeigt sich hier diese Botschaft?<\/p>\n<p>Paulus h\u00e4lt zun\u00e4chst fest, dass durch ihn, also durch Christus, die Vergebung der S\u00fcnden verk\u00fcndet wird (V38a). Mit S\u00fcnde meint Paulus die Verstrickung in die Geschichten der Welt. Bin ich verstrickt, bin ich nicht mehr frei und unbefangen in der Gegenwart Gottes. Meine Wachheit f\u00fcr den Moment ist getr\u00fcbt, die Dinge, die ich erlebe, bringen mich durcheinander, ich verliere mich an vergangene Erlebnisse und lasse mich von Erwartungen an und Bef\u00fcrchtungen vor der Zukunft gefangen nehmen. Vergebung der S\u00fcnde meint die Befreiung aus dieser Verstrickung. Ich lasse los, was mich gefangen nimmt, werde frei, in der Gegenwart Gottes zu sein und die F\u00fclle des Moments wahrzunehmen. Erm\u00f6glicht wird dies, sagt Paulus, durch ihn, also durch Christus. Denn Christus ist der Meister der Gegenwart Gottes. Ist er in mir gegenw\u00e4rtig, wird er in mir zum inneren Meister, der mir die T\u00fcr zur Gegenwart Gottes \u00f6ffnet, sodass ich wieder frei im Hier und Jetzt sein kann. Das ist der Grundgedanke seiner Botschaft.<\/p>\n<p>Diese Botschaft verdeutlicht er im Folgenden vor einer Negativfolie (V38b). Das Gesetz des Mose hat diese Befreiung nur ungen\u00fcgend geschaffen. Seine Weisheit h\u00e4tte eine Hilfe sein sollen, in der Gegenwart Gottes zu leben. Unn\u00fctz ist es nicht (vgl. Lk 16,16f). Doch das Gesetz ist Last und Druck geworden und hat nicht immer in die befreiende Gegenwart Gottes, sondern in die Verstrickung gef\u00fchrt. Deshalb spricht Paulus nun vom Glauben als Ausweg (V39). Wer sich n\u00e4mlich f\u00fcr den Glauben \u00f6ffnet, der kann in Christus die Last des Gesetzes absch\u00fctteln und in die Freiheit der Gegenwart Gottes gelangen. Der Glaube ist also jene Pr\u00e4senzerfahrung, in welcher ich in Christus frei in der Gegenwart Gottes bin. Geschieht dies, wird der Moment durchsichtig, und ich erlebe die F\u00fclle des Augenblicks.<\/p>\n<p>In der Fortsetzung kommt Paulus zum Schluss seiner Predigt und gibt zu bedenken, dass diese Befreiung zur Gegenwart Gottes ernst genommen und nicht geringgesch\u00e4tzt werden soll (VV40f). Er verweist auf ein Prophetenwort, das im Kontext, in dem er es nun verwendet, an die Ver\u00e4chter der Gegenwart Gottes gerichtet ist und sie davor warnt, sich nicht zu wundern, wenn sie mit etwas konfrontiert werden, das sie nicht erwartet haben (Hab 1,5). Was er damit sagen will, ist klar: Wer den Moment aus den Augen verliert, muss mit unangenehmen \u00dcberraschungen rechnen. Offenbar macht Paulus mit seiner Predigt Eindruck. Beim Hinausgehen aus der Synagoge wird er gebeten, am n\u00e4chsten Sabbat mehr von diesen Dingen zu erz\u00e4hlen (V42). Viele Juden und ihnen Nahestehende folgen Paulus und Barnabas; diese sprechen mit ihnen und fordern sie auf, sich an die Gnade Gottes zu halten, also an seine bedingungslose Gegenwart, die ganz von selbst, aus purer Freiheit, mit ihrer Liebe und Weisheit in jedem Hier und Jetzt da ist.<\/p>\n<p>Soweit unser Predigttext. Wir erinnern uns an die Poesie vom Morgentau, und wir haben Gelegenheit, uns zu \u00fcberlegen, was das eine mit dem andern zu tun hat. Nehmen wir uns einen Moment Zeit, dem auf die Spur zu kommen!<\/p>\n<p>Die Poesie vom Morgentau und die alte Botschaft der Bibel klingen v\u00f6llig verschieden. Ihre Sprache, ihre Denkweise wirkt so anders, dass der Eindruck entsteht, sie h\u00e4tten nichts miteinander zu tun. Doch der Eindruck tr\u00fcgt. Es gibt eine grosse Schnittmenge. In beidem geht es darum, dass sich ein Hier und Jetzt ohne Raum und Zeit \u00f6ffnet. Sehe ich das Glitzern der Sonnenstrahlen im Morgentau, weiss ich es sogleich. Seine Poesie ber\u00fchrt mich unmittelbar. Doch was in einem solchen Moment aufleuchtet, zeigt mir, dass ich zu etwas viel Gr\u00f6sserem geh\u00f6re: zu einem Spiel, das in diesem Universum st\u00e4ndig gespielt wird. Im Moment, in welchem ich die Sonne im Morgentau glitzern sehe, fliegen die W\u00fcrfel, Raum und Zeit sind unscharf, und es \u00f6ffnet sich im Zufall eine Freiheit, die ich nicht fassen kann. Ist der Moment vorbei, sind die W\u00fcrfel gefallen, und ich weiss, was Sache ist. Doch dieser Moment, dieser Moment, in welchem die Freiheit der fliegenden W\u00fcrfel in mir aufblitzt, dieser Moment ist ein religi\u00f6ser, ein mystischer Moment, ein Moment, der mich mit dem Geheimnis der Gegenwart, oder christlich formuliert: mit der Gegenwart Gottes, vertraut macht. In solchen Momenten treffen sich Poesie und Religion, in solchen Momenten wird Religion poetisch und die Poesie religi\u00f6s.<\/p>\n<p>Solche Momente sie Freiheitsmomente. Das Glitzern der Sonne im Morgentau macht sie mir unmittelbar sp\u00fcrbar. Doch wie mache ich mich mit einem solch fl\u00fcchtigen Moment vertraut? Wie verstehe ich jenes Spiel des Universums, in welchem ich mich auf einmal wiederfinde? Wie spreche ich von ihm? Und wie teile ich eine solche Erfahrung mit anderen Menschen? Genau diese Fragen haben auch Paulus und die anderen Autoren der Bibel besch\u00e4ftigt. Unser Predigttext macht den Versuch, diese Freiheit als Vergebung der S\u00fcnde zu interpretieren. F\u00fcr uns heute sind diese Worte so belastet, dass wir sie kaum noch ben\u00fctzen k\u00f6nnen. Aber was sie meinen, ist dennoch hochaktuell: eben die Befreiung von der Verstrickung, um unbefangen im Moment zu sein. Erlebe ich sie, ist es offensichtlich: Sie tut gut. Sie st\u00e4rkt K\u00f6rper und Geist, und sie n\u00e4hrt die Seele \u2013 wie auch immer die W\u00fcrfel im Spiel gerade fallen. Bin ich von der Freiheit der fliegenden W\u00fcrfel und ihrer Spielfreude erfasst, kann ich spielen, tanzen und singen, und ich weiss, dass das Spiel ereignisoffen ist und jeden Moment weitergeht.<\/p>\n<p>Dies Schicht f\u00fcr Schicht ins eigene Leben zu integrieren und jeden Moment in dieser Spielfreude zu leben, ist ein Weg. Morgentau ist Proviant f\u00fcr den Tag. Er gibt meiner Seele das Wasser und die Kraft, heute meinen Weg zu gehen. Doch gibt es auch eine Struktur, die mich st\u00e4ndig mit Proviant versorgt, um in der Freiheit des Moments zu leben und im Spiel des Universums mitzuspielen? Paulus bietet den Glauben an Christus als Proviant an. Bin ich in Christus, dem Meister des Wegs in die Gegenwart Gottes, sprudelt die Quelle, die mich jeden Moment mit Morgentau versorgt (vgl. Joh 4,14). In diesem Glauben finde ich die Freiheit der Gegenwart Gottes und nehme jeden Tag als Spiel, in diesem Glauben bin ich verbunden mit der Liebe Gottes zur Weisheit und suche spielend meinen Weg. Solcher Glaube ist etwas anderes als das F\u00fcr-wahr-halten einer Information, die ich nicht \u00fcberpr\u00fcfen kann: Solcher Glaube ist die Klarheit, die mir die Augen f\u00fcr jenen Morgentau \u00f6ffnet, der auf jedem Moment liegt, und mich mit der Freiheit der fliegenden W\u00fcrfel ins Hier und Jetzt bringt.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re das Leben von uns Menschen dieser postchristlichen Zeit ohne die Poesie vom Morgentau und ohne die Freiheit der Gegenwart Gottes? Freuen wir uns also dar\u00fcber und lassen wir uns davon erfassen! Beten wir deshalb, dass uns die Poesie dieser Freiheit zum Singen und Tanzen bringt und mit ihrer Spielfreude erf\u00fcllt. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 3. November 2024 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/1103-Apg-13.38-39.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch ihn wird euch Vergebung der S\u00fcnden verk\u00fcndigt. Von allem, wovon ihr durch das Gesetz des Mose nicht freigesprochen werden konntet,\u2002wird jetzt jeder, der glaubt, in ihm freigesprochen. 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