{"id":4520,"date":"2022-11-06T16:38:11","date_gmt":"2022-11-06T15:38:11","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/flamme-der-gegenwart\/"},"modified":"2022-11-06T16:40:28","modified_gmt":"2022-11-06T15:40:28","slug":"flame-of-presence","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/flame-of-presence\/","title":{"rendered":"Flame of presence"},"content":{"rendered":"<p><em>Als nun die Zeit erf\u00fcllt und der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren sie alle beisammen an einem Ort. Da entstand auf einmal vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherf\u00e4hrt, und erf\u00fcllte das ganze Haus, in dem sie sassen; und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jeden von ihnen liess eine sich nieder. Und sie wurden alle erf\u00fcllt von heiligem Geist und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab.\u00a0<\/em><em>Apg 2,1-4<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Funke zum Leben, der Impuls zum Handeln, ist unergr\u00fcndlich und geheimnisvoll, und doch ist er jeden Moment da. Es gibt zwar Geschichten, die erz\u00e4hlen, wie etwas gekommen ist und warum etwas zu dem geworden ist, was es ist. Kenne ich die Biographie eines Menschen, f\u00e4llt es mir leichter, sein heutiges Tun zu verstehen, und wenn ich mir bewusst bin, woher ich komme, ist es f\u00fcr mich einfacher, mit mir selber klar zu kommen. Dennoch beantwortet die Geschichte nicht, weshalb ich mich in einem bestimmten Moment genau so verhalte und genau diese Entscheidung treffe. Die Geschichte gibt Hinweise, aber sie formuliert keine zwingende Gesetzm\u00e4ssigkeit. In jedem Moment steckt eine Freiheit \u2013 andere nennen diese Freiheit Zufall \u2013 etwas, was sich jeder Verf\u00fcgbarkeit entzieht und doch jeden Moment da ist.<\/p>\n<p>Es wird heute viel Aufwand betrieben, dieses Etwas zu berechnen. Riesige Computer werten Unmengen von Daten aus und versuchen den Algorithmus des Verhaltens des einzelnen Menschen finden. Es soll voraussagbar sein, was ich in Zukunft tun. Ich gebe zu, dass mir die Vorstellung M\u00fche macht, dass mit technischen Mitteln m\u00f6glich sein sollte, meine Zukunft vorauszusagen. Denn so w\u00e4re der Fahrplan meines Lebens l\u00e4ngstens festgelegt, ich k\u00f6nnte daran nichts \u00e4ndern und m\u00fcsste akzeptieren, dass meine Freiheit eine Illusion ist.<\/p>\n<p>Gegen die Vorstellung, dass alles vorbestimmt und berechenbar ist, spricht aus meiner Sicht die Tatsache, dass die Gegenwart etwas Unfassbares enth\u00e4lt. Was der Moment ist, kann niemand erkl\u00e4ren, und was die Zeit ist, entzieht sich dem menschlichen Verst\u00e4ndnis. Was ich beobachte, ist im Moment, in dem ich es beobachte, bereits vergangen. Ich komme mit meiner Beobachtung st\u00e4ndig zu sp\u00e4t, und st\u00e4ndig beginnt ein neuer, unbekannter Moment. Die Zeit ist nicht zu verstehen. Aber sie ist das Tor zum Glauben und zur bedingungslosen Freiheit.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist Gott n\u00e4mlich das Geheimnis der Zeit. Mit dieser Interpretation habe ich nichts erkl\u00e4rt. Aber sie er\u00f6ffnet mir den Zugang zu religi\u00f6sen Texten. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen haben sich Menschen Gedanken \u00fcber die Zeit gemacht. Sie haben darum gerungen, mit der Begrenztheit der Zeit klar zu kommen, sich mit der Zeitlichkeit des Zeitlichen vertraut zu machen und die G\u00fcte und Weisheit zu finden, die im Moment stecken. Die Zuf\u00e4lligkeiten des Lebens ist sie damit nicht weggewischt. Aber so kann der als Gegenwart Gottes, als bedingungslose Freiheit, gedeutet werden, als Moment, der sich der Berechenbarkeit entzieht und uns Menschen Zugang zu etwas Einmaligem und Individuellem macht, zu etwas, das uns als Menschen unsere Pers\u00f6nlichkeit und W\u00fcrde gibt.<\/p>\n<p>Die Flamme der Gegenwart steht bildhaft f\u00fcr diese Freiheit, und unser Predigttext ist eine Geschichte, die von ihr erz\u00e4hlt. Der Autor, der bereits ein Evangelium verfasst hat, berichtet sie. Alte Texte nennen ihn Lukas. Ihm werden das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte zugeschrieben. Die Szene, die Lukas erz\u00e4hlt, spielt in einem Haus in Jerusalem. Eine gr\u00f6ssere Anzahl Menschen hat sich dort versammelt. Es sind Menschen, die von der Jesusbewegung geh\u00f6rt haben. Einige von ihnen haben Jesus bereits zu Lebzeiten gekannt, haben ihn reden geh\u00f6rt und miterlebt, was er getan hat. Sie haben ihn als Menschen erlebt, in welchem Gott gegenw\u00e4rtig ist, und sie haben vernommen, dass er davon \u00fcberzeugt ist, dass Gott in allen Menschen, unabh\u00e4ngig von allen \u00e4usseren Bedingungen, gegenw\u00e4rtig werden kann. Doch diese Botschaft der Erm\u00e4chtigung hat ihm das Leben gekostet. Er ist hingerichtet worden \u2013 gekreuzigt. Nun gibt es freilich eine ganze Anzahl von Menschen, die berichten, dass dieser Jesus auferstanden sei. Die Gegenwart Gottes sei in ihm st\u00e4rker als der Tod gewesen. Er habe ihnen den Heiligen Geist verheissen, habe sie unterrichtet, und auch gegessen h\u00e4tten sie miteinander. Nach vierzig Tage sei dies aber vorbei gewesen. Er sei vor ihren Augen in den Himmel aufgefahren und in einer Wolke verschwunden. Erz\u00e4hlt wird dann, dass sie aufgrund seiner Anweisung miteinander in Jerusalem geblieben seien. Dort h\u00e4tten sie sich in Gebet und Meditation gesammelt, sich als Gruppe neu konstituiert und darauf gewartet, was da auf sie zukommen sollte.<\/p>\n<p>An dieser Stelle setzt unser Predigttext ein. Auf einmal sei die Zeit erf\u00fcllt, auf einmal sei der Moment gekommen. Gr\u00fcnde werden keine genannt. Warum gerade jetzt, der Moment gekommen ist, kann Lukas nicht sagen. Das Ereignis, das nun geschieht, nennt er Pfingsten. Eigentlich geht es Lukas um nichts als um die Gegenwart Gottes bzw. um das, was er das Kommen des Reiches Gottes nennt. Doch er hat begriffen, dass die Gegenwart Gottes viele Aspekte hat. Deshalb erz\u00e4hlt er Geschichten. Zuerst die Geschichte von Jesus, seinem Leben und Sterben, seiner Auferstehung, seiner Himmelfahrt, und nun \u2013 in der Apostelgeschichte \u2013 die Geschichte von Pfingsten. Auf diese Weise kann er erz\u00e4hlen, wie sich die Gegenwart Gottes zeigt und wie sie gefeiert werden kann: als Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt, oder eben Pfingsten. Entscheidend ist nicht, wann was historisch genau geschehen ist. Viel wichtiger ist, die verschiedenen Aspekte der Gegenwart Gottes zu begreifen.<\/p>\n<p>An Pfingsten geht es um den sch\u00f6pferischen Impuls, um den Zufall, um jene kreative Freiheit, welche im Geheimnis der Gegenwart Gottes steckt. Lukas versucht, diesen unvermittelbaren Impuls anhand einer eindr\u00fccklichen Bildsprache zu vermitteln. Als erstes wendet er sich dem H\u00f6ren zu: Die Stille der Gegenwart Gottes zeigt sich als Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherf\u00e4hrt und das ganze Haus erf\u00fcllt. Die anwesenden Menschen, die sich dem Geheimnis der Gegenwart Gottes aussetzen, erleben die Stille dieser Gegenwart wie einen ohrenbet\u00e4ubenden L\u00e4rm. Sodann erscheinen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich teilen und die einzelnen Menschen erfassen. Die Flammen der Gegenwart erfassen alle, die vor Ort sind, als Individuen und bringen sie zum Brennen. Diese Pr\u00e4senzerfahrung, die Lukas bildhaft beschreibt, deutet er theologisch: Sie ist eine Erfahrung des Heiligen Geistes. Und schliesslich beschreibt er, wie sich diese Erfahrung auswirkt: Die Menschen, die sie machen, versuchen, etwas zu sagen, das sich gar nicht sagen l\u00e4sst. Sie sprechen zun\u00e4chst unverst\u00e4ndlich, in fremden Sprachen, so wie sie vom Geist erfasst worden sind. Was Lukas damit andeuten will, ist also klar: Wenn Gott gegenw\u00e4rtig wird, holt dies in den Moment. Es ist un\u00fcberh\u00f6rbar, brennt wie Feuer und will \u2013 auch wenn die Worte fehlen \u2013 seinen Ausdruck finden. So zeigt sich die Gegenwart des Heiligen Geistes, so zeigt sich die Gegenwart Gottes.<\/p>\n<p>In der Fortsetzung versucht Lukas die gemachte Beschreibung durch eine Aussenperspektive zu erg\u00e4nzen (Apg 2,5-13). Er erz\u00e4hlt, dass Jerusalem eine internationale Stadt ist und dass dort fromme Menschen aus allen V\u00f6lkern leben. Diese in der Stadt wohnenden Menschen bekommen mit, dass in jenem Haus etwas Besonderes geschehen ist. Auch sie h\u00f6ren ein Tosen und str\u00f6men dort zusammen. Was sie indes sehen, ist f\u00fcr sie verwirrend. Sie sehen zwar, dass die Menschen im Haus Galil\u00e4er sind. Doch sie erkennen, dass diese Menschen in den Muttersprachen der Zuh\u00f6renden von den grossen Taten Gottes sprechen. Wird die Sprache der Gegenwart Gottes gesprochen, ist diese Sprache offenbar nicht an diese oder jene Sprache gebunden, sondern wird unmittelbar in der eigenen Sprache des Herzens vernommen. Allerdings haben nicht alle zu diesem mystischen Ereignis Zugang. Denn Lukas erz\u00e4hlt auch, dass einige spotten und sagen, diese Galil\u00e4er seien betrunken. So offensichtlich die Gegenwart Gottes f\u00fcr die einen ist, so unzug\u00e4nglich kann sie den andern bleiben.<\/p>\n<p>Diese Bilder von Lukas beschreiben ein vergangenes Ereignis, und f\u00fcr viele moderne Menschen mag der christliche Glaube zu dieser Vergangenheit geh\u00f6ren. Doch was sie erz\u00e4hlen, ist keineswegs vergangen. Die Flamme der Gegenwart verlischt nie. Sie brennt heute ebenso wie damals, und sie will auch heute unsere Herzen entz\u00fcnden. Stehen wir mitten in all dem Vielen, was wir tun, dem Moment nicht im Weg, erfasst die Gegenwart von Gott auch uns und zeigt uns ihre Freiheit.<\/p>\n<p>Wie merken wir, dass Gott gegenw\u00e4rtig ist? Unser Predigttext sagt, dass dies un\u00fcberh\u00f6rbar ist. Es ist zwar nicht ein L\u00e4rm, den wir durch unsere Ohren wahrnehmen. Aber wenn wir ganz im Moment sind, ist es, wie wenn die Stille in uns dr\u00f6hnt und zu einem gewaltigen Sturm in uns wird. Oder es ist, wie wenn in uns ein Vulkan ausbricht. Dann erfassen die Flammen der Gegenwart unsern ganzen K\u00f6rper, unser Gef\u00fchl, unser Denken. Wir sind nichts als pure Pr\u00e4senz. Solche magischen Momente nennt Lukas Momente, in denen der Heilige Geist gegenw\u00e4rtig ist. Solche Momente erfassen die anwesenden Menschen unmittelbar. Sie sind ber\u00fchrt, bewegt, verzaubert \u2013 selbst wenn ihnen die Sprache, in der dies geschieht, fremd ist. Dennoch verstehen sie intuitiv, ohne Worte und Erkl\u00e4rungen. Was w\u00e4re der Tanz ohne solche Momente? Oder die Musik? Wir sehen den Tanz, wir h\u00f6ren die Musik, doch darin geschieht etwas, das weder Tanz noch Musik ist: eben das Geheimnis des Augenblicks, das Geheimnis der Gegenwart Gottes.<\/p>\n<p>Solche Momente k\u00f6nnen ebenso geschehen, wenn wir konzentriert an einer Aufgabe sitzen, den Durchblick durch eine F\u00fclle von Daten suchen oder ein Problem l\u00f6sen wollen. Es gibt unz\u00e4hlige Situationen, in denen es einzig und allein darum geht, mitten in einer Flut von Informationen den befreienden Moment zu entdecken, ins Hier und Jetzt zu kommen, die Zuf\u00e4lligkeit des sch\u00f6pferischen Impulses zu sp\u00fcren und den Ansatz zu finden, der weiterf\u00fchrt. Was sich auf diese Weise zeigt, braucht vielleicht Jahre, um sich nach und nach zu formen, zu ordnen und in sich klar zu werden. Was Lukas als Pfingstereignis beschreibt, ist nur der Anfang. Aber es ist der Impuls, der mit dem Christentum eine grosse Bewegung in Gang gesetzt hat \u2013 eine Bewegung, die mehr als 2000 Jahre ver\u00e4ndert und sich \u00fcber die ganze Welt ausgebreitet hat. Heute verstehen wird, dass das Pfingstereignis nicht exklusiv an das Christentum gebunden ist, sondern jene Mystik illustriert, um die alle Religionen drehen: die Flamme der Gegenwart, die uns jeden Moment lebendig macht, unsere Welt mit G\u00fcte und Weisheit leitet und die wir alle vernehmen und leben k\u00f6nnen, wenn wir ihr nicht mit uns selbst im Weg stehen. Beten wir also, dass wir uns von der Flamme der Gegenwart entz\u00fcnden und leiten lassen. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 06. November 2022 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1106-Apg-2.1-4.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als nun die Zeit erf\u00fcllt und der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren sie alle beisammen an einem Ort. 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