{"id":3967,"date":"2022-08-28T13:13:31","date_gmt":"2022-08-28T11:13:31","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/carpe-diem\/"},"modified":"2022-08-28T13:14:02","modified_gmt":"2022-08-28T11:14:02","slug":"carpe-diem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/carpe-diem\/","title":{"rendered":"carpe diem"},"content":{"rendered":"<p><em>Auf, iss dein Brot mit Freude, und trink deinen Wein mit frohem Herzen; denn l\u00e4ngst schon hat Gott dieses Tun gebilligt. Jederzeit seien deine Kleider weiss, und an \u00d6l auf deinem Haupt soll es nicht fehlen. Geniesse das Leben mit einer Frau, die du liebst, all die Tage deines fl\u00fcchtigen Lebens, die er dir gegeben hat unter der Sonne, all deine fl\u00fcchtigen Tage. Das ist dein Teil im Leben, bei deiner M\u00fche und Arbeit unter der Sonne. Was immer du zu tun vermagst, das tu. Denn weder Tun noch Planen, weder Wissen noch Weisheit gibt es im Totenreich, dahin du gehst. <\/em><em>Koh 9,7-10<\/em><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Weshalb ist es bloss so schwierig, die Sch\u00f6nheit des Augenblicks zu leben und klar und ungeteilt im Moment zu sein? Im Glauben w\u00e4re dies doch klar: Gott ist mit seiner G\u00fcte und Weisheit st\u00e4ndig gegenw\u00e4rtig. Ob in Freud oder Leid, Erfolg oder Misserfolg, ob im Leben oder Sterben \u2013 alles geschieht im Geheimnis der Gegenwart, in allem ist Gott gegenw\u00e4rtig. Wie k\u00f6nnte also jemand, der dies realisiert, nicht von der Sch\u00f6nheit des Augenblicks erf\u00fcllt sein und in der Freude daran, genau bei dem sein, was gerade geschieht!<\/p>\n<p>Offenbar neigen Menschen dazu, dem Geheimnis der Gegenwart mit sich selbst im Weg zu stehen. Auch wenn die Weisheit lehrt, dass Gut und B\u00f6se ebenso wie Leben und Sterben zusammengeh\u00f6ren und dass die Wirklichkeit ein st\u00e4ndiges Zusammenspiel von Gegens\u00e4tzen ist, neigen sie zu einer Seite und verdr\u00e4ngen die andere. Statt mit Gelassenheit immer wieder das Gleichgewicht zwischen den Gegens\u00e4tzen zu suchen, lassen sie sich durcheinanderbringen. So aber wird die Suche nach einem neuen Gleichgewicht zur kaum l\u00f6sbaren Aufgabe und die Unbefangenheit f\u00fcr den Moment vom eigenen Durcheinander immer mehr versch\u00fcttet.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig zeigt sich dies in der wachsenden Sorge vor dem kommenden Winter. Noch breitet sich der Sp\u00e4tsommer in all seiner Pracht aus. Doch wie l\u00e4sst sich diese herrliche Zeit ohne Angst vor der Zukunft geniessen? Strom, Gas, Erd\u00f6l k\u00f6nnten knapp werden. Der Nachschub von Ersatzteilen und Konsumg\u00fctern k\u00f6nnte ins Stocken geraten. Die Preise k\u00f6nnten explodieren. Der Krieg k\u00f6nnte eskalieren. Und dazu k\u00f6nnte Covid zur\u00fcckkehren. Viel Unerfreuliches k\u00f6nnte geschehen \u2013 k\u00f6nnte! Der Sorgen und \u00c4ngste sind viele. Doch wo bleibt bei all der Aufregung die Gelassenheit und die Freude an der Sch\u00f6nheit des Augenblicks? Diese sind \u2013 bei aller weisen Vorsorge f\u00fcr das, was kommen mag \u2013 doch die St\u00e4rken des Glaubens! Wer sie verliert, gibt auch seinen Glauben preis.<\/p>\n<p>Die Knappheit der Ressourcen ist ein altes Thema der Menschheit. Damit klar zu kommen, ohne die Freude am Leben zu verlieren, besch\u00e4ftigt auch Kohelet. Der Prediger des Alten Testaments hat sich vor mehr als 2000 Jahren damit intensiv befasst.<\/p>\n<p><em>Auf, iss dein Brot mit Freude, und trink deinen Wein mit frohem Herzen; denn l\u00e4ngst schon hat Gott dieses Tun gebilligt\u2026 <\/em>Mit diesen S\u00e4tzen zeigt Kohelet, zu welcher Einsicht er im Angesicht des <em>memento mori<\/em> gekommen ist: Auch wenn die Ressourcen des Menschen knapp sind, auch wenn der Mensch \u00fcber kurz oder lang im Totenreich endet, soll er sich doch an dem freuen, was ihm sein Alltag beschert. Kohelet findet also zu einer Einsicht, die der r\u00f6mische Dichter <em>Horaz<\/em> viel sp\u00e4ter mit seinem ber\u00fchmten <em>carpe diem \u2013 pfl\u00fccke den Tag<\/em> auf den Punkt gebracht hat. Wie nun zeigt sich dieses Motiv bei Kohelet?<\/p>\n<p>F\u00fcr Kohelet ist es das Ergebnis einer existentiellen Krise. Diese Krise hatte ihren Grund in der bedr\u00e4ngenden Frage, was der Gewinn all der M\u00fche ist, die ein Mensch ein Leben lang aufwendet, wenn er schliesslich doch bloss stirbt und vergessen geht. Er litt unter den Widerspr\u00fcchen der Wirklichkeit, und er verstand, dass alles \u2013 Geb\u00e4ren und Sterben, Zerreissen und N\u00e4hen, und vieles mehr, sogar Krieg und Frieden \u2013 seine Zeit hat. Doch die Frage, was der Gewinn von all der M\u00fche sei, blieb in ihm dennoch hartn\u00e4ckig stehen (Koh 3,1-9). Die Erl\u00f6sung seiner Krise fand er erst, als er einen existentiellen Paradigmenwechsel vollziehen konnte. Als er n\u00e4mlich sich selbst und seine Frage nach dem Gewinn loslassen konnte, ging ihm pl\u00f6tzlich auf, dass Gott jeden Augenblick mit seiner Sch\u00f6nheit gegenw\u00e4rtig ist. Er verstand, dass Gott dem Menschen das Geheimnis seiner Gegenwart ins Herz gelegt hat. Durchschreitet ein Mensch den Abgrund seiner Demut, ist Gott mit seiner G\u00fcte und Weisheit gegenw\u00e4rtig und gibt jedem Augenblick seine besondere Sch\u00f6nheit. Diese zu realisieren, brachte Kohelet die Erl\u00f6sung aus seiner existentiellen Krise (Koh 3,10-15). Mit unserem Predigttext f\u00fchrt er aus, wie diese Erl\u00f6sung konkret wird.<\/p>\n<p>Verstanden hat er jetzt, sein Brot mit Freude zu essen und seinen Wein mit frohem Herzen zu trinken. Seine Zweifel sind aufgel\u00f6st, und er ist in der Lage, sein t\u00e4gliches Leben mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu geniessen. Gott hat es mit der Sch\u00f6nheit seiner Gegenwart l\u00e4ngstens gebilligt. Jederzeit, im gew\u00f6hnlichen Alltag, soll man zu sich Sorge tragen und sich mit weisser, also sauberer und angenehmer Kleidung sowie mit \u00d6l auf dem Haupt, also K\u00f6rperpflege, Gutes tun. Eine besondere Freude ist es, das Leben mit einer Frau zu geniessen, die man liebt. Entscheidend ist f\u00fcr Kohelet nicht, dass es immer dieselbe Frau ist, sondern dass die Liebe zu ihr da ist. Das Leben ist ein Hauch (h\u00e6b\u00e6l), all unsere Tage sind ein Hauch (h\u00e6b\u00e6l). Deshalb soll die Zeit, die einem gegeben ist, nicht mit Lieblosigkeit, sondern mit Menschen, die man liebt, erf\u00fcllt sein. Das ist der Teil, der Freude macht. Vom andern Teil, dem Teil der M\u00fche und Arbeit, gibt es noch genug unter der Sonne. Bei all dem aber soll man stets Unternehmer im Herzen bleiben und alles, was man zu tun vermag, mit Wissen und Weisheit planen und umsetzen. Denn all das gibt es im Totenreich nicht.<\/p>\n<p>Indem also Kohelet die Sch\u00f6nheit des Augenblicks mitten in allen Widerspr\u00fcchen und Ambivalenzen des menschlichen Daseins entdeckt, wird er f\u00e4hig, die Zeit, die ihm gegeben ist, auf bestimmte Weise zu geniessen. Er findet seinen Genuss nicht im Streben nach Luxus und Konsum, sondern in der ungeteilten Pr\u00e4senz bei dem, was seinen ganz normalen Alltag erfreulich macht: Essen und Trinken, Kleidung und K\u00f6rperpflege, N\u00e4he zu einem geliebten Menschen und kluges, unternehmerisches Handeln. Genau in diesen Dingen kommt im menschlichen Dasein \u2013 auch wenn es nichts als ein Hauch (h\u00e6b\u00e6l) ist \u2013 die Sch\u00f6nheit der Gegenwart Gottes zum Leuchten, in ihnen lebt er seine Erl\u00f6sung.<\/p>\n<p><em>Auf, iss dein Brot mit Freude, und trink deinen Wein mit frohem Herzen; denn l\u00e4ngst schon hat Gott dieses Tun gebilligt\u2026 <\/em>Was gibt uns diese Einsicht Kohelets heute, an diesem sch\u00f6nen Sp\u00e4tsommertag, zu denken? Ist sie auch f\u00fcr uns plausibel?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst m\u00fcssen wir uns den Ansatz in Erinnerung rufen, auf dem Kohelets Lebensweisheit ruht: die Gegenwart Gottes, die jedem Augenblick ihre eigene Sch\u00f6nheit gibt. Sind wir klar in der Gegenwart Gottes verankert, halten wir die Gegens\u00e4tze des Alltags, ja selbst den Gegensatz von Leben und Sterben in unseren H\u00e4nden, doch wir bleiben mitten darin aufrecht und frei. Wir wissen, dass wir dieses nicht ohne jenes haben k\u00f6nnen, und wir wenden uns dem einen ebenso zu wie dem andern \u2013 jedem zu seiner Zeit und ohne unsere Mitte zu verlieren. Dies setzt voraus, dass wir uns lassen, dass wir den Abgrund der Demut durchschreiten und dass wir unsere Zeit aus Gottes H\u00e4nden nehmen. Damit aber entdecken wir in allem \u2013 im Erfreulichen ebenso wie im Unerfreulichen, im Guten ebenso wie im B\u00f6sen \u2013 die G\u00fcte und Weisheit der Gegenwart Gottes. Wir freuen uns am Glanz von deren Sch\u00f6nheit, und wir lassen uns von den konkreten Umst\u00e4nden nicht verf\u00fchren. Erst auf dieser Grundlage k\u00f6nnen wir die Weisheit verstehen, die in Kohelet Aufforderung zum Geniessen steckt.<\/p>\n<p>Dieser Ansatz \u00f6ffnet unsere Augen f\u00fcr das Sch\u00f6ne im Alltag. Sind wir in der Gegenwart Gottes verankert, fliesst die G\u00fcte und Weisheit Gottes durch unseren K\u00f6rper, sie n\u00e4hren unsere Seele, und wir leben den Segen, der darin steckt. Leben wir aus dieser Lebensf\u00fclle, l\u00f6st sich unser Gier nach immer mehr auf. Wir sind nicht davon getrieben, uns zu nehmen, was unsere Defizite f\u00fcllen k\u00f6nnte, sondern wir sind dazu erl\u00f6st, von der F\u00fclle zu geben, welche unser Dasein durchstr\u00f6mt. Weshalb sollten wir also unser Gl\u00fcck jenseits unseres Alltags suchen? Bietet nicht der Alltag genug, um uns zu freuen? Wenn wir zu Essen haben und dazu ein gutes Glas Wein? Wenn uns zur Verf\u00fcgung steht, was unserem K\u00f6rper guttut? Wenn wir die N\u00e4he zu einem geliebten Menschen teilen k\u00f6nnen? Wenn wir mit der Kraft zu wohl\u00fcberlegtem Handeln gesegnet sind? In all dem doch steckt viel Lebensfreude. Was sollten wir uns also gr\u00e4men, wenn wir zuweilen mit den einen oder andern Schwierigkeiten konfrontiert sind! Wir nehmen das eine wie das andere, doch wir sehen das halb volle und nicht das halb leere Glas.<\/p>\n<p>Diese Lebenshaltung verdankt ihr Gl\u00fcck der Pr\u00e4senz, ohne Wenn und Aber bei dem zu sein, was hier und jetzt ist. Dies mag zwar abgekl\u00e4rt klingen, gar sehr unaufgeregt und vern\u00fcnftig. Doch bei n\u00e4herer Betrachtung wird deutlich, dass in ihr eine ihr ganz eigene, ganz besondere Frische und Unmittelbarkeit steckt. Zuweilen sieht das Neue sehr schnell alt aus, zuweilen ist der letzte Schrei schon bei seinem ersten Auftritt veraltet. Demgegen\u00fcber verdankt sich die Lebensfreude, die uns Kohelet nahebringen will, der unbefangenen Pr\u00e4senz im Moment. Diese Pr\u00e4senz wird nie alt, sondern sprudelt jeden Moment frisch und neu. Sie ist kein Gut, das wir haben und \u00fcber das wir verf\u00fcgen k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnen f\u00fcr sie bloss dankbar sein, wir k\u00f6nnen daf\u00fcr sorgen, ihr nicht im Weg zu stehen, und wir k\u00f6nnen uns freuen, dass sie bedingungslos in uns fliessen will \u2013 wie in einem Kind, das sich ganz seinem Spiel ergibt. In dieser bedingungslosen Pr\u00e4senz und Spielfreude steckt eine Weisheit, die nie alt, aber jeden Moment neu geboren wird.<\/p>\n<p>Uns mag heute der kommende Winter zu denken geben. Wir m\u00f6gen dunkle Wolken am Horizont sehen und uns Sorgen und \u00c4ngste machen. Demgegen\u00fcber ermahnt uns die Weisheit, die uns Kohelet in Erinnerung ruft, also die Weisheit der Gegenwart Gottes, die Sch\u00f6nheit des Augenblicks nicht aus den Augen zu verlieren und ungeteilt bei dem zu sein, was uns unser Alltag bietet. Beten wir deshalb, dass wir in der Gegenwart Gottes frei werden und dass wir unseren Alltag in dieser Freiheit geniessen k\u00f6nnen. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 28. August 2022 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/0828-Koh-9.7.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf, iss dein Brot mit Freude, und trink deinen Wein mit frohem Herzen; denn l\u00e4ngst schon hat Gott dieses Tun gebilligt. Jederzeit seien deine Kleider weiss, und an \u00d6l auf deinem Haupt soll es nicht fehlen. 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