{"id":3922,"date":"2022-08-07T12:23:32","date_gmt":"2022-08-07T10:23:32","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/die-schoenheit-des-augenblicks\/"},"modified":"2022-08-07T12:29:42","modified_gmt":"2022-08-07T10:29:42","slug":"the-beauty-of-the-moment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/the-beauty-of-the-moment\/","title":{"rendered":"The beauty of the moment"},"content":{"rendered":"<p><em>Alles hat er so gemacht, dass es sch\u00f6n ist zu seiner Zeit. Auch die ferne Zeit hat er den Menschen ins Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen kann. <\/em><em>Koh 3,11<\/em><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Jeder Moment ist ein sch\u00f6ner Moment. Was auch immer gerade geschieht \u2013 jeder Moment ist ein Moment der G\u00fcte und Weisheit Gottes und deshalb ein Moment, in welches Sch\u00f6nes gegenw\u00e4rtig ist und Sch\u00f6nes entstehen kann. Wer im Glauben verankert ist, erf\u00e4hrt dies, wer von der Gegenwart Gottes durchdrungen ist, erkennt und gestaltet daraus seine Wirklichkeit. Die Sch\u00f6nheit des Augenblicks geh\u00f6rt zum Glauben wie die Luft zum Atmen. Ihre Gegenwart wird realisiert, wenn man offen f\u00fcr den Moment ist und sich von ihm erfassen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Was sich so beschreiben l\u00e4sst, klingt wie eine Oase. Wer sich in dieser Oase des Augenblicks aufh\u00e4lt und seine Aufmerksamkeit auf deren Sch\u00f6nheit richtet, mag sie geniessen, dankbar sein f\u00fcr den Moment und froh, ihn gerade jetzt erleben zu k\u00f6nnen. Doch wie steht es mit dem Leben ausserhalb dieser Oase? Ist der Blick aus der Oase des Moments in die Weite der Zeit nicht durchzogen? Er sieht Freuden und Leiden, Erfolge und Misserfolge, Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck. Gegenw\u00e4rtig wird er mit revisionistischen Ambitionen frustrierter Grossm\u00e4chte konfrontiert. \u00abEs kann der Fr\u00f6mmste nicht in Frieden leben, wenn es dem b\u00f6sen Nachbarn nicht gef\u00e4llt.\u00bb Wie recht hat doch der grosse <em>Schiller<\/em> mit diesem Satz im Wilhelm Tell (IV,3). Nimmt sich ein St\u00e4rkerer auf Kosten des Schw\u00e4cheren, was ihm gef\u00e4llt, kann der Schw\u00e4chere noch so fromm sein \u2013 in Frieden leben kann er nicht. Dies haben die Nachbarn Russland in der Geschichte immer wieder erlebt, jetzt erlebt es die Ukraine. Dies erfahren immer mehr auch die Nachbarn Chinas, im Moment vor allem Taiwan, weil Chinas imperialistische Aggressionen st\u00e4ndig zunehmen. Das Wissen um die Sch\u00f6nheit des Moments mag eine Einsicht der Weisheit sein, eine Einsicht der Weisheit ist indes auch <em>Schiller<\/em>s Beobachtung. Wie kann also die Sch\u00f6nheit des Moments das Herz erfreuen, wenn der Blick in die Zeit f\u00fcr Unbehagen sorgt? wenn d\u00fcstere Wolken am Zukunftshorizont Angst und Sorgen bereiten? wenn gar Endzeitstimmung aufkommt und die Furcht vor einer bedrohlichen Zukunft die Gegenwart einf\u00e4rbt?<\/p>\n<p>Zu jeder Zeit stellt sich diese Herausforderung auf neue Weise. Das Muster eines darunterliegenden Themas l\u00e4sst sich indes kaum \u00fcbersehen. Mit ihm hat vor mehr als 2000 Jahren auch Kohelet gerungen.<\/p>\n<p><em>Alles hat er so gemacht, dass es sch\u00f6n ist zu seiner Zeit. Auch die ferne Zeit hat er den Menschen ins Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen kann.<\/em> In diesem Gedanken kristallisiert sich Kohelets pers\u00f6nliche Antwort auf die existentielle Lebenskrise, mit welcher er sich konfrontiert sah. Er hatte die Weisheit gesucht und sich mit Weisheit ein gutes Leben erarbeitet, und er sah, dass die Weisheit mehr Gewinn bringt als die Torheit. Doch er erkannte auch, dass der Weise ebenso wie der Tor stirbt und von den Menschen vergessen wird. Er wurde deswegen nicht weisheitskritisch, doch st\u00fcrzte ihn diese Einsicht in eine pers\u00f6nliche Krise. Zerrissen in der Verzweiflung zwischen Weisheit und Verg\u00e4nglichkeit blieb ihm einzig und allein das Standhalten im Glauben an Gott bzw. im weisen Nichtwissen. Alles, was sich f\u00fcr ihn greifen liess, war ihm nichts als ein Hauch (h\u00e6b\u00e6l), ein Greifen nach Wind (Koh 1,12-2,26).<\/p>\n<p>Dieses Standhalten und Eindringen in das Geheimnis der Zeitlichkeit des Zeitlichen zeigt bei Kohelet Wirkung. Der Verzicht auf rasche Antworten und religi\u00f6se oder weisheitliche Erkl\u00e4rungen f\u00fchrte ihn zur Gewissheit, dass es f\u00fcr alles eine Stunde gibt, und dass es eine Zeit gibt f\u00fcr jedes irdische Vorhaben unter dem Himmel \u2013 f\u00fcr Positives ebenso wie f\u00fcr Negatives. Er illustriert dies anhand von Gegensatzpaaren existentieller und allt\u00e4glicher menschlicher Aktivit\u00e4ten. So erw\u00e4hnt er etwa, dass es eine Zeit zum Geb\u00e4ren und eine Zeit zum Sterben gibt, zum Zerreissen und N\u00e4hen, eine Zeit des Kriegs und eine Zeit des Friedens. Doch ihm bleibt die Frage, was der Gewinn von all der M\u00fche ist (vgl. Koh 1,3; 2,11.13). Er sieht zwar, dass den Gegens\u00e4tzen des menschlichen Lebens ihre je eigene Zeit gegeben ist. Die Frage aber, was dies dem Menschen bringt, ist damit f\u00fcr ihn nicht beantwortet (Koh 3,1-9).<\/p>\n<p>Mit unserem Predigttext nimmt er eine neue Sicht ein. Er fragt nicht mehr nach dem Gewinn des menschlichen Tuns, sondern orientiert sich an dem, was Gott gibt. Dank diesem Perspektivenwechsel sieht er, dass Gott alles so gemacht hat, dass es zu seiner Zeit sch\u00f6n ist. Gem\u00e4ss dem Sch\u00f6pfungsbericht hat Gott seine Sch\u00f6pfung nach der Erschaffung des Menschen als gut, als sehr gut, bewertet (Gen 1,31). Kohelet interpretiert dies nun so, dass alles, auch alles gegens\u00e4tzliche Tun des Menschen, zu seiner Zeit gut und sch\u00f6n ist (vgl. Koh 5,17). Diese G\u00fcte und Sch\u00f6nheit ist der Gewinn des Menschen in all seinem M\u00fchen \u2013 wenn er sie denn wahrnimmt.<\/p>\n<p>Und genau hier verortet er, wie die Fortsetzung zeigt, das Problem (Koh 3,11b-15). Gott hat dem Menschen zwar ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Geheimnis der Zeit (im hebr. Text steht \u05e2\u05b9\u05dc\u05b8\u05dd, \u02bfolam, das Wort f\u00fcr \u00abEwigkeit\u00bb, \u00abferne Zeit\u00bb) ins Herz gegeben. Nur vermag der Mensch dieses nicht von Anfang bis Ende zu begreifen. Deshalb soll er sich freuen, Gutes tun und Gutes geniessen \u2013 es ist ein Geschenk Gottes. Doch ist das Tun Gottes ein Geheimnis. Es ist endg\u00fcltig, nichts ist ihm hinzuzuf\u00fcgen oder wegzunehmen. Was einmal geschah, ist l\u00e4ngstens wieder geschehen, und was geschehen wird, ist l\u00e4ngst schon geschehen. Alles bleibt erhalten. Die Lichter und Schatten der Vergangenheit kehren stets zur\u00fcck. Gott sucht und holt wieder hervor, was dem Menschen verloren ging. Kohelet durchbricht also seine existentielle Krise, indem er die Gegenwart der G\u00fcte und Sch\u00f6nheit Gottes in allen Widerspr\u00fcchen des menschlichen Lebens realisiert. Doch er ist sich bewusst, dass das, was ihm da zur Gewissheit geworden ist, im t\u00e4glichen Leben oft geheimnisvoll und unbegreifbar bleibt.<\/p>\n<p><em>Alles hat er so gemacht, dass es sch\u00f6n ist zu seiner Zeit. Auch die ferne Zeit hat er den Menschen ins Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen kann.<\/em> Dies ist die Antwort, die Kohelet auf seine existentielle Krise gibt. Doch ist diese Antwort auch f\u00fcr uns heute nachvollziehbar? Versuchen wir, seine Antwort zu verstehen!<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst dies: Weisheit ist eine Funktion der Zeit. Kohelet l\u00e4sst daran keine Zweifel. Der Weise sucht keine ewigen, zeitunabh\u00e4ngigen Wahrheiten, sondern beobachtet die Zeitlichkeit des Zeitlichen. Das Wissen um die Grenzen des Wissens, die Grenzen der Ressourcen, die Grenzen des Lebens, \u00f6konomisch formuliert: die Knappheit von allem, was es gibt, ist das zentrale Thema des Weisen wie auch seine Herausforderung \u2013 jeden Moment. Weise ist nur derjenige, dem das Wissen um diese Grenzen zur existentiellen Krise geworden ist, der diese Krise durchlebt und in dem mitten in der Krise der Impuls zu einer pers\u00f6nlichen Antwort erwacht. Erst wenn die Krise von innen heraus aufgel\u00f6st wird, erst wenn der Abgrund der eigenen Zeitlichkeit von einem zeitlosen Impuls durchdrungen ist, erst wenn in der Not der Zeit das Geheimnis der Gegenwart erwacht, entsteht jene Weisheit, die tats\u00e4chlich weise geworden ist. Fehlt der Weisheit diese chronosophische Tiefe, bleiben Kohelets kritische Fragen nach dem Gewinn bzw. nach dem Wert der Weisheit unbeantwortet und das existentielle Problem, das sie ansprechen, ungel\u00f6st.<\/p>\n<p>Weisheit, die sich der Zeitlichkeit des Zeitlichen stellt, ist \u00fcberrational. Sie beobachtet die Zeit, aber sucht den Durchbruch durch die Zeit, sie stellt sich der Verg\u00e4nglichkeit, aber h\u00e4lt sich an das Geheimnis der Gegenwart. Das Ergebnis einer solchen existentiellen Grenzerfahrung ist eine Glaubensgewissheit, welch die zeitlichen Ketten von Ursache und Wirkung \u00fcberschreitet, sich aber genau in diesen bew\u00e4hren muss. Eine solche mystische Glaubensgewissheit hat ihre eigene \u00fcberrationale Evidenz. Sie rekurriert auf das Geheimnis der Gegenwart, das sich rational nicht begr\u00fcnden l\u00e4sst, ist deswegen aber nicht irrational. Als Ergebnis einer existentiellen Krise bleibt sie etwas Individuelles, dessen pers\u00f6nliche Gewissheit zwar gegeben, dessen Plausibilit\u00e4t aber prek\u00e4r ist. Sie ringt um rationale Plausibilit\u00e4t und zieht sich nicht eine Glaubensblase zur\u00fcck. Vielmehr stellt sie sich der Verantwortung vor dieser Glaubensgewissheit f\u00fcr die Zumutungen des Zeitlichen. Kohelet hat in der \u00dcberzeugung, dass Gott alles so gemacht hat, dass es zu seiner Zeit sch\u00f6n ist, die Antwort auf seine Krise gefunden \u2013 buddhistisch w\u00fcrde man sagen: seine Erleuchtung. In dieser Antwort ist er verankert, sie leitet ihn beim Schreiben seines Buchs, und sie wird immer wieder neu gefordert, sich zu bew\u00e4hren. An uns ist es, unsere eigene, \u00fcberrationale Antwort der Weisheit zu geben.<\/p>\n<p>Die Sch\u00f6nheit von Gottes G\u00fcte und Weisheit ist in allen Gegens\u00e4tzen dieser Welt gegenw\u00e4rtig. Geschehen sie zu ihrer Zeit, kann dies erkannt und gelebt werden. Diese mystische Einsicht Kohelets basiert auf dem bedingungslosen Annehmen und Gestalten, ja Lieben der Wirklichkeit, wie sie hier und jetzt ist. Dies ist weder eine Verkl\u00e4rung der Wirklichkeit, noch ein fatalistisches Hinnehmen dessen, was ist, sondern die Realisation vom Geheimnis der Gegenwart in allen Dingen. Wer seine Welt so erkennt und lebt, ist klar und realistisch bei dem, was ist, sieht im Augenblick das Potential der G\u00fcte und Weisheit Gottes und macht daraus in allem das Beste. Ob Geb\u00e4ren oder Sterben, Zerreissen oder N\u00e4hen, Krieg oder Frieden \u2013 in diesem und seinem Gegenteil, in jedem Konflikt kommt diese Glaubensgewissheit jeden Moment zur Geltung. Weil es indes dem Menschen schwerf\u00e4llt, st\u00e4ndig im Moment zu sein, und weil er nicht immer bereit ist, die Wirklichkeit zu realisieren, wie sie ist, bleibt die Gewissheit der Gegenwart Gottes prek\u00e4r, bedarf der Plausibilisierung und muss sich immer wieder neu bew\u00e4hren. Doch im Grunde war, ist und bleibt dies stets die Wirklichkeit. Im Geheimnis der Gegenwart geht nichts verloren, sind Vergangenheit und Zukunft st\u00e4ndig gegenw\u00e4rtig, bleiben die Lichter und Schatten der Zeit, und mitten darin klingt die Sch\u00f6nheit der Stille Gottes.<\/p>\n<p>Ja, jeder Moment ist ein sch\u00f6ner Moment. Doch damit dies zur belastbaren und nachhaltigen Glaubensgewissheit wird, ist ein langer und existentieller Prozess n\u00f6tig. Abnehmen kann man diesen Prozess niemandem. Entweder vollziehe ich ihn h\u00f6chst pers\u00f6nlich, oder er ist f\u00fcr mich nicht Wirklichkeit. Wird indes die Sch\u00f6nheit der G\u00fcte und Weisheit Gottes gegenw\u00e4rtig, ist auch und gerade ein Moment von Not und Konflikt ein sch\u00f6ner Moment. Beten wird also, dass wir zu jener Sch\u00f6nheit des Glaubens finden, die uns durch alle Hochs und Tiefs des Lebens und Sterbens tr\u00e4gt. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 07. August 2022 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/0807-Koh-3.11-1.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles hat er so gemacht, dass es sch\u00f6n ist zu seiner Zeit. 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