{"id":3907,"date":"2022-07-03T14:02:53","date_gmt":"2022-07-03T12:02:53","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch\/weises-unwissen\/"},"modified":"2022-07-03T14:04:05","modified_gmt":"2022-07-03T12:04:05","slug":"wise-unknowing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/wise-unknowing\/","title":{"rendered":"Wise unknowing"},"content":{"rendered":"<p><em>Und ich sah, dass die Weisheit mehr Gewinn bringt als die Torheit, wie das Licht mehr Gewinn bringt als die Dunkelheit. Der Weise hat Augen im Kopf, aber der Tor tappt im Dunkeln. Doch erkannt ich auch, dass ein und dasselbe Geschick beide treffen kann. Koh 2,13f<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Weisheit des Glaubens lehrt, ein guter Baum zu sein. Ein guter Baum ist fruchtbar und bringt gute Frucht. Die Weisheit des Glaubens lehrt aber auch Demut \u2013 den Mut, nicht den eigenen Egoismus auszuagieren, sondern dasjenige Leben zu leben, das Gott gibt. Beides geh\u00f6rt zusammen. Die Weisheit beobachtet den Lauf der Zeit, nimmt, was sich bew\u00e4hrt, und l\u00e4sst, was nicht funktioniert. Sie blickt auf das Allgemeine, auf Strukturen und den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, aber weiss auch, dass jede Situation einmalig ist. Sie sieht die Trends der Gesellschaft, nimmt auf, was in der Luft ist, beachtet die Ver\u00e4nderungen. Doch sie hat die Demut, sich davon nicht verf\u00fchren zu lassen, sich nicht zu verkaufen, sondern danach zu suchen, was hier und jetzt gefordert ist. Weisheit in Demut ist voll von Menschlichkeit und zugleich ganz individualisiert. Sie beobachtet, was Menschen miteinander verbindet, aber hat den Mut, dieses Wissen zu lassen und den einzelnen Menschen zu seinem eigenen Leben zu f\u00fchren. Ein ideologisch impr\u00e4gniertes, allgemeing\u00fcltiges Menschheitsideal ist ihr ebenso fremd wie das Imitieren von Vorbildern. Sie ermutigt, von allem zu lernen, doch genau sich selbst auf seine eigene und individuelle Weise in diese Welt einzubringen.<\/p>\n<p>Solche Weisheit ist in vielen alten und neuen Kulturen bekannt. Die Suche nach dem, was sich f\u00fcr ein gutes Leben bew\u00e4hrt, besch\u00e4ftigt Menschen unabh\u00e4ngig von ihren konkreten kulturellen Gegebenheiten. Die Sprache, die verwendeten Bilder und Beispiele sind verschieden. Doch erstaunlich sind bei allen Unterschieden auch die Gemeinsamkeiten. Dabei zeigt sich auf unterschiedliche Weise, jedoch mit beeindruckender Zuverl\u00e4ssigkeit, dass Impulskontrolle, Demut und das H\u00f6ren auf das Zeitlose, das an der Zeit ist, unverzichtbar sind, um die richtige Kombination von Allgemeinem und Individuellen zu realisieren. Erkennen, Ethik und \u00c4sthetik passen in dieser Weisheit zusammen, doch wollen Verstand und Herz, Denken und Handeln, Wahrnehmen und F\u00fchlen auf individuelle Weise verbunden sein. Weisheit in Demut ist kulturverbindend, und sie ist zugleich differenziert und integrativ.<\/p>\n<p>Im heutigen Informationszeitalter ist die Weisheit in den Hintergrund getreten. Die moderne Gesellschaft versteht sich zwar als Wissensgesellschaft, die global vernetzt ist, riesige Mengen an Daten sammelt und diese mit modernen Technologien auswertet. Doch Weisheit in Demut l\u00e4sst sich auf diese Weise nicht gewinnen. Sie entsteht auf anderen Wegen. Unser Predigttext verweist auf einen dieser Wege.<\/p>\n<p><em>Und ich sah, dass die Weisheit mehr Gewinn bringt als die Torheit, wie das Licht mehr Gewinn bringt als die Dunkelheit. Der Weise hat Augen im Kopf, aber der Tor tappt im Dunkeln. Doch erkannt ich auch, dass ein und dasselbe Geschick beide treffen kann. <\/em>So klingt das Fazit, das Kohelet aus seinem langen Leben zieht. Dieses Fazit ist ambivalent: Einerseits hat der Weise einen Gewinn, wie das Licht ein Gewinn ist. Denn der Weise hat Augen im Kopf, sieht und erkennt, und dies ist gegen\u00fcber dem Toren ein Vorteil. Andererseits erwartet beide dasselbe Geschick. Im konkreten Moment mag die Weisheit zwar ein Gewinn sein, doch angesichts der Verg\u00e4nglichkeit zerf\u00e4llt dieser Gewinn und ist nichts als ein Hauch. Der Kontext, in welchem unser Predigttext steht, f\u00fchrt diese Ambivalenz aus.<\/p>\n<p>Vor unserem Predigtext erz\u00e4hlt Kohelet, dass er sich vornahm, in Weisheit alles zu erforschen, was unter dem Himmel getan wird (Koh 1,12-2,11). Er versuchte es mit Freude und genoss den Wein. Grosse Werke vollbrachte er: So baute er H\u00e4user und pflanzte Weinberge, legte G\u00e4rten an und machte Wasserteiche. Er kaufte sich Sklaven und Sklavinnen, Herden von Rindern und Schafen, h\u00e4ufte Silber und Gold und liebte die Frauen. Seine Weisheit blieb ihm erhalten, und sie verschaffte ihm ein angenehmes Leben. Doch alle Annehmlichkeiten, die er sich verschaffte, entpuppen sich im als Hauch (h\u00e6b\u00e6l), als Greifen nach Wind.<\/p>\n<p>Nach unserem Predigttext wird Kohelet noch deutlicher (Koh 2,15-26). Ebenso wie es dem Toren geht, der sich nie um Weisheit bem\u00fcht hat, kann es auch ihm ergehen. Weder an den Weisen noch an den Toren wird man sich ewig erinnern. Beide sterben, und beide gehen vergessen. Alles, was sich Kohelet m\u00fchevoll erarbeitet hat, muss er fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur\u00fccklassen, und wer weiss, ob derjenige, der es allenfalls aufgreift, ein Weiser oder ein Tor ist! Kohelet wird deshalb von Lebensekel erfasst. Er hasst, was er sich erarbeitet hat, und selbst bei Nacht kommt sein Herz nicht zur Ruhe. Offensichtlich bringt der Mensch nichts Gutes zustande, alles kommt aus Gottes Hand. Wieder muss er feststellen: Das menschliche Tun ist nichts als ein Hauch (h\u00e6b\u00e6l), ein Greifen nach Wind.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kohelet ist das Leben also eine existentielle Krise geworden. In der einen Hand h\u00e4lt er zwar die Weisheit, und er weiss, dass die Weisheit ein gutes Leben verschafft. Doch in der anderen Hand ist seine Verg\u00e4nglichkeit, und ihretwegen ist alles, was er hat, nichts als ein Hauch, ein Greifen nach Wind. Seine Weisheit erkennt dieses Dilemma, und sie selbst f\u00fchrt ihn in dieses hinein. Er wird nicht weisheitskritisch, sondern er wird sich selbst zum Dilemma, zerrissen zwischen den Gegens\u00e4tzen. Was ihm bleibt, ist der Glaube, dass alles aus Gottes Hand kommt. In diesem Glauben h\u00e4lt er mitten in der Verzweiflung seiner Krise stand, in diesem Glauben verliert er sich selbst und seine Gewissheiten, ja noch mehr: In dieser Krise wird er zum Abgrund seiner Demut. Etwas ganz Menschliches wird bei ihm auf h\u00f6chst individuelle Weise Realit\u00e4t: die Erfahrung, dass er nichts ist als derjenige, der er im Geheimnis der Gegenwart ist.<\/p>\n<p><em>Und ich sah, dass die Weisheit mehr Gewinn bringt als die Torheit, wie das Licht mehr Gewinn bringt als die Dunkelheit. Der Weise hat Augen im Kopf, aber der Tor tappt im Dunkeln. Doch erkannt ich auch, dass ein und dasselbe Geschick beide treffen kann.<\/em> Diese Gedanken Kohelet fordern dazu auf, \u00fcber die Demut in der Weisheit nachzudenken, \u00fcber die Notwenigkeit der Weisheit, sich selbst zu lassen und mit dem weisen Nichtwissen vertraut zu werden.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt zuerst der Mut zur existentiellen Krise. Heute scheint keine M\u00fche zu gross, sich jede etwas tiefer gehende Krise vom Leib zu halten. Wir sind von einer umfassende Ratgeberliteratur umsorgt, finden im Internet auf jede Frage eine Antwort und beherrschen das Navigieren durch das Meer der Unsicherheiten bestens. Die Abgr\u00fcnde der eigenen Existenz bleiben dabei gut gesch\u00fctzte Tabubereiche, die wir weitr\u00e4umig umschiffen und aus unserem Bewusstsein verdr\u00e4ngen. Kohelet hat einen andern Weg beschritten. Er stellt sich dem Dilemma seines Daseins; denn bei aller Wertsch\u00e4tzung der Weisheit bleibt auch bei ihm der Stachel der eigenen Verg\u00e4nglichkeit. Anstatt die eigene Sterblichkeit zu verdr\u00e4ngen, bringt er aber den Mut auf, sich auf dasjenige Problem einzulassen, das aufgrund seines Bewusstseins st\u00e4ndig gegenw\u00e4rtig ist: das Wissen um die Grenzen seines Wissens, das Wissen um die Grenzen seines Lebens. Er l\u00e4sst sich mit einer Konsequenz auf dieses existentielle Problem ein, dass alles andere in den Hintergrund tritt. Er wird gleichsam seine eigene Verzweiflung, h\u00e4lt dieser Stand und fl\u00fcchtet sich nicht in eine vermeintliche Antwort \u2013 weder in eine religi\u00f6se noch in weisheitliche. Das ist vorbildlich, und das ist der Anfang von weisem Nichtwissen.<\/p>\n<p>Was Kohelet hier auf seine ihm eigene Weise vorlebt, ist in der Geschichte der Mystik vielfach bezeugt. Wer Religion nicht bloss als traditionelle Oberfl\u00e4che, Moral oder Kulturgut, sondern als Ausdruck existentieller Fragen des Daseins versteht, kommt zwangsl\u00e4ufig zu den Fragen Kohelets. Im Neuen Testament konfrontiert das Kreuz Jesu, der das Wort bzw. die Weisheit Gottes ist, mit diesen Fragen. Deshalb ist dieses Kreuz \u2013 wie Paulus sagt \u2013 \u00c4rgernis und Torheit, zugleich aber Kraft und Weisheit Gottes (1Kor 1,23f). Die christliche Mystik hat sich dies zu eigen gemacht, indem sie wie etwa <em>Bernhard von Clairvaux<\/em> den Gekreuzigten in die Arme nehmen oder wie <em>Johannes vom Kreuz<\/em> die Dunkle Nacht beschreiten will. Das gleiche Thema ist anders und doch \u00e4hnlich indes auch in den asiatischen Religionen pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Gar nicht so anders als Kohelet fordert etwa der chinesisch-japanische Zen-Buddhismus dazu auf, sich dem Problem von Wissen und Nichtwissen, Leben und Tod ganz existentiell zu stellen, in den Abgrund der Demut zu steigen und die eigene Ichlosigkeit zu realisieren. Spr\u00fcche wie \u00abZeige dein urspr\u00fcngliches Gesicht, ohne an Gut und B\u00f6se zu denken!\u00bb <em>(Hui-Neng)<\/em> oder \u00abWenn Wert und Gegenwert, Leben und Tod gekommen sind, was tust du dann?\u00bb <em>(Hisamatsu)<\/em> sind Heuristiken, die in diese menschliche Krise f\u00fchren wollen. Sie werden Ko\u00e2n genannt \u2013 ein Wort, das in seinem chinesischen Kontext urspr\u00fcnglich den Gerichtsprozess bezeichnet, also genau dasselbe wie das griechische Wort \u03ba\u03c1\u03af\u03c3\u03b9\u03c2 (Krise). Die Grundfragen der menschlichen Existenz stellen sich im Laufe der Jahrhunderte und in den verschiedenen Kulturen erstaunlich \u00e4hnlich und konstant. Dies zu verstehen, schafft Verbundenheit und Menschlichkeit.<\/p>\n<p>Die Antworten auf die existentiellen Grundfragen fallen indes h\u00f6chst individuell aus. Es macht einen grossen Unterschied, ob ich meine Individualit\u00e4t durch eine bestimmte Haarfarbe, ein bestimmtes Hobby oder eine bestimmte Meinung suche, oder ob sie die Antwort auf eine pers\u00f6nliche, existentielle Krise ist. Der moderne Mainstreamindividualismus ist weit davon entfernt, eigene Antworten auf die Fragen der existentiellen Abgr\u00fcnde zu geben. Wer seine Integrit\u00e4t hingegen in der Tiefe seiner Demut findet, tut in aller Bescheidenheit, was er tun muss \u2013 jeden Moment neu und im Wissen um das weise Nichtwissen. Er baut Sandburgen, die von der n\u00e4chsten Flut weggeschwemmt werden, oder errichtet steinerne Pal\u00e4ste, die St\u00fcrme \u00fcberdauern sollen. Es ist v\u00f6llig irrelevant, was der gesellschaftliche Wert einer solchen T\u00e4tigkeit ist. Sie hat ihren Sinn in der Pr\u00e4senz, mit der sie ausgef\u00fchrt wird. Dieser Sinn wird nicht vom Ich geschaffen, ist nicht das Ergebnis eigener Arbeit und M\u00fche und dient nicht dem Ego. Er hat seinen Zweck in sich. Das Ich kann h\u00f6chstens Brunnen sein, nicht aber Quelle. Der Brunnen bietet Wasser der Quelle an, und er k\u00fcmmert sich nicht darum, ob sein Wasser getrunken wird oder nicht. Jeder Mensch kann auf seine ihm eigene Weise ein Brunnen sein, dessen Wasser von der Quelle in der Tiefe des eigenen Daseins aufsteigt und dem Leben dient. Doch die Antwort, wie ich Brunnen bin, kann nur ich ganz pers\u00f6nlich geben. Kohelet hat damit gerungen, jeder Mensch muss darum ringen, wenn er sie geben will. Immer wieder neu.<\/p>\n<p>Wir haben in unserer heutigen Wissensgesellschaft Zugang zu einer F\u00fclle von Informationen, die nicht mehr zu \u00fcberschauen ist. Die Grundfragen der Weisheit stellen sich uns indes auf ganz existentielle Weise. Es liegt ganz an uns selbst, zu entscheiden, ob wir uns auf sie und das weise Nichtwissen einlassen oder nicht. Wir m\u00fcssen nicht das Ideal eines bestimmten Baums oder Brunnens erf\u00fcllen. Es gen\u00fcgt, wenn wir die Demut haben, derjenige Baum oder Brunnen zu sein, den wir hier und jetzt in der Gegenwart Gottes sind. Beten wir also, dass wir den Mut zur Demut aufbringen und dazu stehen, wie Gott in uns auf diese Welt kommen will. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 3. Juli 2022 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/0703-Koh-2.13f.pdf\">PDF Datei herunterladen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und ich sah, dass die Weisheit mehr Gewinn bringt als die Torheit, wie das Licht mehr Gewinn bringt als die Dunkelheit. Der Weise hat Augen im Kopf, aber der Tor tappt im Dunkeln. Doch erkannt ich auch, dass ein und dasselbe Geschick beide treffen kann. 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