{"id":256,"date":"2005-06-26T20:37:05","date_gmt":"2005-06-26T18:37:05","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch.80-74-139-101.brenda.xelon.ch\/?p=256"},"modified":"2019-12-28T02:21:32","modified_gmt":"2019-12-28T01:21:32","slug":"care-of-ones-self","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/care-of-ones-self\/","title":{"rendered":"Care of oneself"},"content":{"rendered":"<p><em>Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat, z\u00fcndet nicht, wenn sie eine Drachme verliert, ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiss, bis sie sie findet ? Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freuet euch mit mir ! denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte. So, sage ich euch, ist bei den Engeln Gottes Freude \u00fcber einen S\u00fcnder, der Busse tut. Luk 15,8-10<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde Sorge tragen um sich ist ein grosses Thema mit unterschiedlichsten Facetten. Es ist ein Thema, von dem man einerseits den Eindruck haben kann, es sei heute ausserordentlich modern und \u201ein\u201c, das man andererseits aber auch als sehr vernachl\u00e4ssigt empfinden kann. Es h\u00e4ngt offensichtlich viel davon ab, was man unter Sorge um sich versteht. Auf der einen Seite sieht es so aus, als ob viele Menschen heute gar nichts anderes tun, als sich um sich selbst zu sorgen. Viele Menschen haben nichts anderes im Sinn, als die eigene Karriere, die eigene Selbstverwirklichung, das eigene Gl\u00fcck. Wie in historisch kaum vergleichbarem Mass streben heute eine grosse Anzahl von Menschen ein H\u00f6chstmass an Geniessen und Fun und Konsumieren an und wollen nichts weniger als Verzichten oder sich zugunsten von Anderen Zur\u00fccknehmen. Es ist ganz im Trend, sich selbst so zu modellieren, wie man sich gerne h\u00e4tte. Man kann hier an die Sch\u00f6nheitschirurgie denken, die immer billiger und popul\u00e4rer wird; an die Kosmetik, die sich auch die M\u00e4nnerwelt immer nachhaltiger erobert und den Mann neu als \u201emetrosexuell\u201c zu designen versucht (also als Mann, in welchem das M\u00e4nnliche und Weibliche gleichermassen vorhanden sein soll); an Fitnessstudios, die ein individuelles Modellieren des eigenen K\u00f6rpers erm\u00f6glichen; aber auch an die Gentechnologie, die dazu beitragen soll, den Menschen optimaler zu konzipieren. Man k\u00f6nnte diese kurze Liste beliebig erweitern. Es gibt heute verschiedenste Formen, wie man sich intensiv um sich selbst k\u00fcmmert. Ist dies also der Weg, den man gehen soll, wenn man heute Sorge um sich tr\u00e4gt oder tragen will ? Auf der andern Seite kann man freilich auch das Gef\u00fchl haben, dass sie zu viele Menschen zu wenig um sich selbst k\u00fcmmern: Wenn man nur die andern Menschen sieht; wenn man sich nur davon bestimmen l\u00e4sst, wie man die Bed\u00fcrfnisse anderer befriedigen kann; wenn man sein Leben nur von Ziel zu Ziel lebt; wenn man sich, sobald man ein Ziel erreicht hat, gleich wieder ein neues Ziel setzt, um nicht in ein Loch zu fallen; wenn man nichts mehr will, als Geld zu verdienen, auf der Karrierenleiter eine h\u00f6here Position zu erklimmen; wenn man immer noch etwas sch\u00f6ner wohnen, ein noch gr\u00f6sseres Auto fahren will; wenn man sich von anonymen Modestr\u00f6mungen, Mustern und Machtfeldern dominieren l\u00e4sst, dabei jedoch immer mehr in Stress kommt, immer schlechter schl\u00e4ft, immer kranker wird&#8230; wenn man sein Leben so lebt, dann ist es mit der Sorge um sich nicht mehr weit her. Denn man kann sich ernsthaft fragen, ob jemand, der sich zwar seine Ziele setzt, sich diesen Zielen dann aber so vollst\u00e4ndig unterwirft, dass er weder links noch rechts schaut, weder Kosten noch Schmerzen scheut und sein Selbstwertgef\u00fchl davon abh\u00e4ngig \u00a9 ritualart.ch 2 macht, ob er seine Ziele erreicht&#8230;, ob jemand, der sich so von der Best\u00e4tigung von aussen abh\u00e4ngig macht, Sorge zu sich tr\u00e4gt. Was also heisst eigentlich Sorge um sich ? Wir haben es hier mit einer alten philosophischen Frage der Menschen zu tun. Von Sokrates bis zu den Stoikern wurde sie in der Antike oft gestellt, aber keineswegs immer gleich beantwortet. Auch das Mittelalter hat sich mit ihr besch\u00e4ftigt. Und heute ist sie nicht zuletzt durch die Arbeiten des franz\u00f6sischen Philosophen Michel Foucault wieder ins Gespr\u00e4ch gekommen, und zwar als Frage, wie wir Menschen im Kontext anonymer Machtdiskurse mit weniger Entfremdung dazu gelangen, uns selbst werden zu k\u00f6nnen. Von diesem Ansatz her ist sie heute zur Schl\u00fcsselfrage der \u201eLebenskunst\u201c, der Kunst sein Leben zu leben, geworden. Zur Beantwortung ebendieser Frage m\u00f6chte ich hier nun von einem biblischen Gleichnis, vom Gleichnis \u201evon der verlorenen Drachme\u201c, ausgehen. Es ist dies das Gleichnis, das bereits der grosse griechische Kirchenvater, Gregor von Nyssa, auf die Sorge um sich gedeutet hat. Eine Frau hat 10 Drachmen. 1 Drachme hat zur Zeit des Neuen Testaments etwa den Wert eines Tagelohns von einem ungelernten Arbeiter. Die Frau, die diese 10 Drachmen besitzt, verliert einen. Als dies geschehen ist, z\u00fcndet sie ein Licht an. Die H\u00e4user Pal\u00e4stinas haben zu jener Zeit keine Fenster. Sie ist deshalb darauf angewiesen, Licht zu machen, um das verlorene Geldst\u00fcck suchen und finden zu k\u00f6nnen. Mit diesem Licht in der Hand oder mit einem Licht auf einem St\u00e4nder durchsucht sie engagiert das ganze, normalerweise dunkle Haus bis sie das verlorene Geldst\u00fcck gefunden hat. Im Gleichnis wird sodann herausgestrichen, dass sie nach dem Finden des Geldst\u00fccks vor lauter Freude ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammenruft und sich mit ihnen zusammen freuen will. Ganz wichtig ist also nicht nur das Suchen, sondern auch die Freude \u00fcber das Finden. Im Schlusssatz wird schliesslich festgestellt, dass sich gleich wie die Freundinnen und Nachbarinnen auch die Engel \u00fcber einen S\u00fcnder freuen, der Busse tut. Steigen wir beim Schlusssatz ein ! Ein S\u00fcnder, der Busse tut, ist ein Mensch, der aufh\u00f6rt, nur um sich zu kreisen und sich statt dessen f\u00fcr Gott \u00f6ffnet. S\u00fcndersein ist im Neuen Testament nicht in erster Linie eine moralische Angelegenheit, sondern eine Glaubenssache. Ein S\u00fcnder ist jemand, der nur auf sich selbst h\u00f6rt und Gott keinen Platz gibt. Busse tun meint entsprechend: nicht nur um sich selbst kreisen, sondern sehen, dass das Drehen ein Rad mit einer Achse ist, einer Achse, die in der Mitte ruhig ist. Der Ort dieser Ruhe, die Mitte im Drehen, das Auge im Taifun, ist der Ort, an welchem sich uns der Himmel \u00f6ffnet und im Wirbel ein Frieden aufscheint: der Friede Gottes, der nicht von dieser Welt ist, aber in dieser Welt sp\u00fcrbar ist. Busse tun ist deshalb der Vorgang, in welchem man von seinem Drehen abl\u00e4sst und sich statt dessen auf die Ruhe im Drehen, auf den Frieden Gottes in der Welt, einl\u00e4sst. Darauf also bezieht sich das Gleichnis der Frau mit den 10 Drachmen: Die Suche nach dem verlorenen Geldst\u00fcck meint die Suche nach dem verlorenen Gott, und die Freude \u00fcber das Finden des Geldes meint entsprechend das Finden Gottes. Von der Metaphorik ist dies soweit relativ klar. Was heisst dies nun, wenn wir das Gleichnis als Ausdruck der Sorge um sich deuten ? Interpretieren wir das Gleichnis in diesem allegorischen Rahmen, dann ist das Haus offensichtlich unser Leib, unser K\u00f6rper, in welchem wir wohnen. Das Haus ist \u00a9 ritualart.ch 3 normalerweise dunkel, weil wir ein nur sehr beschr\u00e4nktes Bewusstsein unseres K\u00f6rpers, unseres Innenlebens, haben. Aber genau hier, in diesem relativ dunklen Haus, ist etwas Wertvolles verloren gegangen. Was wir deshalb als 1. brauchen, um mit der Suche beginnen zu k\u00f6nnen, ist Licht. Wir m\u00fcssen unser Bewusstsein trainieren, unsere Sp\u00fcrsamkeit, unsere Wahrnehmungsf\u00e4higkeit, damit wir mehr K\u00f6rperbewusstsein und Sensitivit\u00e4t f\u00fcr uns selbst erlangen. Ohne das Licht dieses Bewusstseins n\u00fctzt uns alles Suchen nichts. Sorge um sich heisst deshalb als 1.: unser Bewusstsein von uns selbst vertiefen, erweitern, verfeinern. Als 2. brauchen wir einiges an Engagement zum Suchen: Ein kleines Geldst\u00fcck finden wir in einem dunklen Haus mit relativ schlechter Beleuchtung kaum auf Anhieb. Wir m\u00fcssen deshalb bereit sein, im ganzen Haus auf die Suche zu gehen und M\u00fche und Not auf uns nehmen, die damit verbunden ist. Voraussetzung ist dazu der Glaube, dass wir das verlorene Geldst\u00fcck tats\u00e4chlich finden werden. Sorge um sich heisst deshalb: den Glauben zu haben, dass sich unser Engagement zum Suchen wirklich lohnt. 3. freilich brauchen wir auch eine Ahnung von dem, wonach wir suchen. Im Gleichnis ist dies klar: die Frau hat ihre 9 Drachmen, weiss, wie diese aussehen, und kann nach dem 10. suchen. Was wir also brauchen, ist eine Empfindung daf\u00fcr, was uns ein Wert ist. Vielleicht gibt es in unserem Leben Verschiedenes, das uns wertvoll ist (Familie, Sicherheit, Beruf usw.). Sie k\u00f6nnen sich selber \u00fcberlegen, was f\u00fcr sie die 9 \u00fcbriggebliebenen Drachmen sind ! Es ist wichtig, dass wir wissen, was uns etwas bedeutet, und dass wir wertsch\u00e4tzen, was wir haben. Eines dieser Wertst\u00fccke ist freilich verloren gegangen. Was ist das f\u00fcr eine Drachme ? Deuten wir dieses Gleichnis im Zusammenhang der Sorge um sich, dann ist die verlorene Drachme unsere verlorene Berufung. Jeder Mensch hat seinen Ruf. Jeder Mensch ist von Gott angesprochen, hat etwas in sich, das ihn oder sie zu seinem oder ihrem echten Leben bringt. Es ist dies der Ruf, den man tief in seinem Innern sp\u00fcrt, der einen gerade und aufrecht werden l\u00e4sst und einen mit sich und seinem Leben \u2013 was auch immer die Schwierigkeiten und Problemen sind, mit denen man konfrontiert ist \u2013 in Frieden bringt und die Gewissheit vermittelt: Ja, so bin ich ! So bin ich nicht k\u00fcnstlich und unnat\u00fcrlich; so ist keine Gewalt im Spiel, die etwas erzwingen will, was nicht ist; so lebe ich das Leben, das mir gegeben ist. Lebt man aus seinem \u201eSaft\u201c heraus, hat man nicht keine schwierigen Situation zu meistern und wird einem auch nicht immer alles leicht fallen. Aber man hat die innere St\u00e4rke, Sicherheit und Freude, mit dem zu leben, in dem man lebt. Sorge um sich heisst deshalb also: Sorge um das Wort von Gott, das uns ruft, uns unsere Berufung ist und will, dass wir diese Berufung leben. Das H\u00f6ren auf das Wort Gottes, auf unsere Berufung, kann man verloren haben. Und dann fehlt einem neben all den Wertst\u00fccken, die man hat, ein wichtiger Teil. Dann fehlt einem der Sinn, die tiefe Selbstachtung, die grosse Kraft, standhaft zu sich selber zu stehen. Es braucht deshalb wirklich das Licht bzw. das Bewusstsein zum H\u00f6ren auf das Innere seines K\u00f6rpers; es braucht den Glauben, dass sich dieses Engagement zum H\u00f6ren lohnt; und es braucht dann auch die Bereitschaft, seine Berufung zu vernehmen, zu akzeptieren und zu leben. Nur wenn alle 3 Aspekte zusammenkommen, finden wir das verlorene Geldst\u00fcck; nur wenn alle 3 Aspekte zusammenkommen, tragen wir Sorge zu uns. \u00a9 ritualart.ch 4 Dass wir uns freuen, wenn dies gelingt, ist dann durchaus naheliegend. Wer das verlorene Geldst\u00fcck findet, wer seine verlorene Berufung findet, der hat Freude und der will die Freude \u00fcber seinen Fund mit Andern teilen. Es ist dies die Freude, die nat\u00fcrlicherweise entsteht, wenn man aus seiner Kraft, aus seinem \u201eSaft\u201c herauslebt; wenn man seine Geradheit, Freiheit und Integrit\u00e4t sp\u00fcrt; wenn man merkt und akzeptiert, was das Leben ist, das einem von Gott geschenkt ist. Es ist mir klar, dass in der F\u00fclle von Angeboten, die wir heute haben, um Sorge zu sich zu tragen, die Aufforderung zum H\u00f6ren auf das Wort Gottes bzw. auf die eigene Berufung, nicht unbedingt popul\u00e4r ist. Denn wenn man die Sorge um sich auf diese Art und Weise versteht, dann muss man immer wieder ehrlich mit sich ins Gericht gehen, muss an sich arbeiten und sich immer wieder dem Ruf Gottes aussetzen, um ihn zu vernehmen und um ihn zu leben. Aber umgekehrt ist ebenfalls wahr, dass man dann, wenn man dies tut, auch etwas erh\u00e4lt: Tr\u00e4gt man in dieser Weise Sorge zu sich, entsteht in sich eine pers\u00f6nliche Souver\u00e4nit\u00e4t, ein Mitgef\u00fchl f\u00fcr andere Menschen und eine Lebenszufriedenheit, die in allem Schwierigen, in allen Wirbeln des Lebens, die Mitte sieht, aus welchem die Sch\u00f6nheit der Ruhe Gottes erstrahlt. Beten wir deshalb zu Gott, dass wir aus unserer Selbstbezogenheit herauskommen und so Sorge um uns haben, dass wir seinen Ruf und unsere Berufung h\u00f6ren und leben. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 26. Juni 2005 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<br \/>\n<a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2005\/06\/0626__Luk_15.8-10_P.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Download PDF<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat, z\u00fcndet nicht, wenn sie eine Drachme verliert, ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiss, bis sie sie findet ? 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