{"id":253,"date":"2006-04-16T20:33:54","date_gmt":"2006-04-16T18:33:54","guid":{"rendered":"https:\/\/ritualart.ch.80-74-139-101.brenda.xelon.ch\/?p=253"},"modified":"2017-05-05T16:03:02","modified_gmt":"2017-05-05T14:03:02","slug":"patience-with-the-world","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ritualart.ch\/en\/patience-with-the-world\/","title":{"rendered":"Patience with the World"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein anderes Gleichnis sagte er ihnen: Das Reich der Himmel ist gleich einem<\/em><br \/>\n<em> Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis es ganz<\/em><br \/>\n<em> durchs\u00e4uert war. <\/em><br \/>\n<em>Mat 13,33<\/em><\/p>\n<p><!--more-->Liebe Gemeinde<br \/>\nIn Gleichnissen hat Jesus gesprochen, als Gleichnis hat Jesus gelebt, und auch das<br \/>\nSterben und Auferstehen von Jesus ist ein Gleichnis. Gleichnis ist Jesus in seinem<br \/>\nganzen Tun und Sein, und anders als gleichnishaft ist nicht eines geschehen, das mit<br \/>\nihm geschehen ist. Ihm nachzufolgen heisst, ihm r\u00e4umlich in sein grosses Gleichnis<br \/>\nhinein zu folgen, ihm zeitlich aus seinem Gleichnis hinaus zu folgen und die Welt als<br \/>\nsein Gleichnis wahrnehmen und gestalten zu lernen. Ich will deshalb mit der heutigen<br \/>\nOsterpredigt eine Reihe von Predigten beginnen, die sich den Gleichnissen Jesu<br \/>\nwidmen.<br \/>\nOstern ist ein wunderbarer Anlass, um in das Gleichnis, das Jesus zur Geltung<br \/>\nbringt, einzutauchen. Ostern ist der Schlu\u0308ssel zu seinem Gleichnis; das Ereignis, das<br \/>\nuns die Welt als Gleichnis, und das Gleichnis als Welt entschlu\u0308sselt; der Beginn<br \/>\neines Lebens, in welchem wir die Welt in Gott und Gott in der Welt wahrnehmen und<br \/>\nverwirklichen; mit einem Wort: Ostern ist der Einstieg in das Erz\u00e4hlen von<br \/>\nGleichnissen.<br \/>\nVieles steckt in diesem Einstieg. Viel mehr als wir zu sagen verm\u00f6gen, viel mehr als<br \/>\nwir jemals zu sagen verm\u00f6gen. Aber auch viel mehr als wir sagen mu\u0308ssten. Das<br \/>\nGleichnis braucht nicht alles zu sagen. Es kann sich Lu\u0308cken leisten, Spalten \u00f6ffnen<br \/>\nund Zwischenr\u00e4ume schaffen. Und noch mehr: Es kann darin Unsagbares sagen,<br \/>\nohne es zu sagen; es kann Geheimnisvolles zur Sprache bringen, ohne es zu<br \/>\nenthu\u0308llen; es kann reden, ohne zu reden. Was aber ist das anderes als Ostern ?<br \/>\nGegenwart des Auferstandenen, ohne fassbar zu sein. Unsichtbar denen, die nicht<br \/>\ndas Ganze im Sichtbaren sehen, unh\u00f6rbar denen, die nicht die Melodie in den Worte<br \/>\nh\u00f6ren. Es braucht keine u\u0308bernatu\u0308rliche Phantasie, um Ostern zu erfassen; es braucht<br \/>\nkeine religi\u00f6sen Vorstellungen und spekulativen Ideen, um zu verstehen, was Ostern<br \/>\nbedeutet. Es genu\u0308gt der Einstieg in das Erz\u00e4hlen von Gleichnissen: 1. das<br \/>\nWahrnehmen, dass im Gleichnis mehr steckt, als das, was erz\u00e4hlt ist, dass im<br \/>\nGleichnis aber auch alles steckt, was gesagt werden kann. Und 2. das Gestalten des<br \/>\nErz\u00e4hlens, welches das Gesagte so reduziert, dass das Unsagbare nicht zerredet<br \/>\nwird, aber doch so viel sagt, dass das Ungesagte im Gesagten h\u00f6rbar wird. Ostern<br \/>\nist so einfach und so komplex wie das Erz\u00e4hlen von Gleichnissen: das Kunstwerk, so<br \/>\nwenig wie m\u00f6glich und so viel wie n\u00f6tig zu sagen und das Unsagbare im Gesagten<br \/>\nh\u00f6rbar werden zu lassen.<br \/>\nJesus hat dies in seinen Gleichnissen zu tun unternommen. Um nichts anderes als<br \/>\num das Unsagbare im Sagen geht es ihm. Das Zentrum bleibt das Unsagbare, aber<br \/>\ndas Sagen ist dessen Realisation.<br \/>\nIn der Mitte steht das, was er mit dem Wort \u201eHimmelreich\u201c bezeichnet bzw.<br \/>\npr\u00e4ziser: chiffriert; denn mehr als eine Chiffre ist dieses Wort nicht. \u00dcbernommen hat<br \/>\ner es aus seinem ju\u0308dischen Umfeld, in welchem es eine respektsvolle Variante des<br \/>\nWortes \u201eGottesreich\u201c darstellt. Natu\u0308rlich gibt es in der ju\u0308dischen Tradition eine<br \/>\nVielzahl von Erz\u00e4hlungen u\u0308ber das verheissene Himmel- bzw. Gottesreich, und<br \/>\nnatu\u0308rlich hat Jesus diese auch gekannt. Dennoch ist bemerkenswert, dass Jesus mit<br \/>\nseinen Gleichnissen nicht versucht, diese ju\u0308dischen Erz\u00e4hlungen zu kommentieren<br \/>\nund in An- und Abgrenzung ihnen gegenu\u0308ber sein eigenes Verst\u00e4ndnis des<br \/>\nHimmelreichs zu erkl\u00e4ren. Vielmehr f\u00e4llt auf, dass er klar zwischen dem unsagbaren<br \/>\nHimmelreich und dem sagbaren Gleichnis unterscheidet. Er spricht vom Himmelreich<br \/>\n\u201enur\u201c in Gleichnissen. Das Himmelreich ist fu\u0308r ihn eben keine Idee, Vision oder<br \/>\nVerheissung, die sich durch Konzepte, Programme und Ideale definieren und<br \/>\nfestnageln liesse. Gewiss gibt es auch fu\u0308r Jesus Werte, Regeln, Erwartungen, die<br \/>\nzum Himmelreich geh\u00f6ren. Aber das Himmelreich ist immer noch anders als diese,<br \/>\nnoch unfassbarer, noch unverfu\u0308gbarer. Eben unsagbarer. Das Wort \u201eHimmelreich\u201c ist<br \/>\ndeshalb nicht ein Zeichen, wie die vielen Zeichen, die wir in unserer Sprache<br \/>\nverwenden; denn diesem Wort entspricht anders als unseren normalen Zeichen kein<br \/>\nBezeichnetes. Es ist vielmehr eine Chiffre fu\u0308r die Leerstelle, fu\u0308r den Zwischenraum,<br \/>\nfu\u0308r die geheimnisvolle Lu\u0308cke der Unterscheidung zwischen A und Nicht-A, welche nie<br \/>\ngefu\u0308llt, nie bezeichnet, nie erfasst werden kann.<br \/>\nAllerdings hu\u0308llt sich Jesus ja auch nicht in ein grosses Schweigen, sondern er<br \/>\nspricht vom Himmelreich und er erz\u00e4hlt Gleichnisse. Die Versuchung kann uns in den<br \/>\nverschiedensten Varianten immer wieder einholen, vor dem zu verstummen, was<br \/>\nJesus mit \u201eHimmelreich\u201c chiffriert. Gewiss kann diese Versuchung darin liegen, in<br \/>\nvermeintliche Stille zu flu\u0308chten, von nichts mehr wissen zu wollen und in<br \/>\nSprachlosigkeit zu versinken. Doch ist dies die bloss offensichtlichste Versuchung.<br \/>\nViel subtiler sind all diejenigen, die mit Worten das Himmelreich ersticken. Sei es,<br \/>\ndass sie durch ihr Gerede \u201eu\u0308ber\u201c das Himmelreich alles zu erkl\u00e4ren versuchen, aber<br \/>\nnichts erkennen; sei es, dass sie von allem und jedem reden, aber nichts vom<br \/>\nHimmelreich. Wenn Jesus in Gleichnissen vom Himmelreich spricht, dann will er das<br \/>\nHimmelreich weder erkl\u00e4ren, noch ungesagt sein lassen. Statt dessen will er uns in<br \/>\neinen kreativen Prozess hineinnehmen, in welchem das Himmelreich in der Welt, in<br \/>\nder wir leben, wahrgenommen und gestaltet wird; in welchem es Geschichten<br \/>\nschreibt; in welcher es die Welt erz\u00e4hlt.<br \/>\nFu\u0308r uns, die wir dem Gleichnis Jesu in seinen Gleichnissen nachfolgen, steckt<br \/>\ndarin die Kraft, uns von diesem seinem kreativen Prozess tragen und leiten zu<br \/>\nlassen. Nicht um das Himmelreich in seinen Gleichnissen zu erkl\u00e4ren, nicht um es in<br \/>\nder Fu\u0308lle unserer Worte ungesagt sein zu lassen, sondern um es mit unseren Worten<br \/>\nin Gleichnissen neu zu erz\u00e4hlen; denn die Gleichnisse Jesu fordern uns auf, selber<br \/>\nGleichnisse zu kreieren und in den Prozess einzutreten, in dem das Unsagbare des<br \/>\nHimmelreichs im Sagbaren unserer Welt spu\u0308rbar und lebbar wird. Erst so, erst in<br \/>\nunserer eigenen Kreativit\u00e4t als Nachfolger Jesu, erst in unserem Prozess als Mit-<br \/>\nAutoren verm\u00f6gen wir den unaussprechlichen Zwischenraum des Himmelreichs zu<br \/>\nspu\u0308ren, den Jesus auf seine und wir auf unserer Weise in Gleichnissen zu erz\u00e4hlen<br \/>\nhaben.<br \/>\nMachen wir dies konkret ! Das Reich der Himmel ist gleich einem Sauerteig, den eine<br \/>\nFrau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis es ganz durchs\u00e4uert war. Ein<br \/>\nwinziges Stu\u0308ck Sauerteig gut vermengt ins unges\u00e4uerte Mehl genu\u0308gt, um alles Mehl<br \/>\nzu durchs\u00e4uern. Das ist die Erz\u00e4hlung. Zum Gleichnis wird diese Erz\u00e4hlung, weil das<br \/>\nHimmelreich, so die Behauptung, gleich ist wie der Sauerteig, von dem in der<br \/>\nErz\u00e4hlung die Rede ist. Das Unsagbare, das mit dem Himmelreich chiffriert ist, ist<br \/>\nalso so wie Sauerteig: gut vermengt ins Gesagte durchs\u00e4uert es alles Gesagte. Es ist<br \/>\nmit andern Worten nichts anderes als das Ostereignis, welches das vorhandene<br \/>\nMehl durchs\u00e4uert, das vorhandene Material von innen heraus ver\u00e4ndert und die<br \/>\nWorte, die nichts als Worte sind, mit Geist erfu\u0308llt. Was aber ist dies nun konkret ?<br \/>\nWas ist Ostern als Himmelreich als Sauerteig hier und jetzt ?<br \/>\nLasst mich dazu nun ein Gleichnis erz\u00e4hlen ! Ein kleiner Mensch leidet an seinem<br \/>\ngrossen Nachbarn. Er kommt sich vor wie die Mu\u0308cke, die in der Hand des Menschen<br \/>\nunbarmherzig zerquetscht wird. In seiner Ohnmacht spu\u0308rt er nichts als Abscheu und<br \/>\nEkel gegenu\u0308ber der \u00dcbermacht. Und wenn es einmal nicht der Nachbar ist, so ist es<br \/>\nimmer noch die Wucht seiner schlechten Gefu\u0308hle, die ihn plattdru\u0308cken wie die<br \/>\nDampfwalze einen Grasshalm. Eines Tages aber wird es bei ihm Ostern: er entdeckt<br \/>\ndie Geduld. Nicht die Geduld, die bloss resigniert erduldet, sondern die Geduld des<br \/>\nlangen Atems. Die Geduld, die gr\u00f6sser ist als der grosse Nachbar, gr\u00f6sser als die<br \/>\nschlechten Gefu\u0308hle, gr\u00f6sser als seine eigene Ohnmacht. Die Geduld gibt ihm Zeit.<br \/>\nZeit, dass alles da sein kann: der Nachbar, der Ekel, die Ohnmacht, die Dampfwalze.<br \/>\nUnd auch er selber. Aber nicht als irgendwer, sondern nach der Gr\u00f6sse seiner<br \/>\nGeduld. Die Geduld gibt ihm Zeit, das gr\u00f6ssere Format der Geduld zu werden. Das<br \/>\nFormat, das gr\u00f6sser als der Nachbar, der Ekel, die Ohnmacht, die Dampfwalze ist.<br \/>\nDas Format, das er sein kann, wenn er all dies durchs\u00e4uert. Das Format, das ihn im<br \/>\nganzen Leben, das er lebt, pr\u00e4sent macht und ihm den richtigen Weg im Umgang mit<br \/>\nseinem grossen Nachbarn weist. Keine Frage: der kleine Mensch, der sein Leben<br \/>\nvon dieser Geduld durchs\u00e4uert hat, wird den grossen Nachbarn bei weitem<br \/>\nu\u0308berragen.<br \/>\nEchte Geduld ist unsagbar wie das Himmelreich, unsagbar wie Ostern. Echte Geduld<br \/>\nist die Weite des Herzens, die in ihrer Pr\u00e4senz das B\u00f6se der Welt samt unserer<br \/>\nOhnmacht und unserem Ekel durchs\u00e4uert, von innen heraus ver\u00e4ndert und uns die<br \/>\nWelt in neuen Gleichnissen erz\u00e4hlen und in neuen Geschichten leben l\u00e4sst. Beten<br \/>\nwir deshalb, dass Gott uns diese Geduld schenke, auf dass es bei uns und auf<br \/>\nunserer Erde Ostern werde. Amen.<\/p>\n<p>Predigt vom 16. April 2006 in Wabern<br \/>\nBernhard Neuenschwander<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ritualart.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/0416__Mat_13.33_.pdf\">Download PDF<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein anderes Gleichnis sagte er ihnen: Das Reich der Himmel ist gleich einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis es ganz durchs\u00e4uert war. 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